Rundfunk:

„Wir suchen spannende, attraktive Inhalte“

von am 10.09.2018 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Interviews, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Wir suchen spannende, attraktive Inhalte“
Dr. Nadine Bilke, Senderchefin ZDFneo

ZDFneo will sein Online-Angebot ausbauen und um exklusive Inhalte erweitern

10.09.18 Interview mit Dr. Nadine Bilke, Senderchefin ZDFneo

ZDFneo ist heute eine feste, sogar wachsende Größe im Programmportfolio. Sein Marktanteil liegt heute bei ca. drei Prozent. An manchen Tagen zählt er zu den fünf meistgesehenen Kanälen. Erst im Juli verzeichnete ZDFneo mit 3,4 Prozent Marktanteil seinen bislang erfolgreichsten Monat. Reichweiten von mehr als einer Million Zuschauern sind alltäglich geworden, und mitunter gelingt dem ZDF-Sender der Sprung über die zwei Millionen-Marke. Der bisherige Sender-Rekord datiert aus dem März, als erstmals mehr als drei Millionen Zuschauern erreicht worden sind. Aufgestellt wurde dieser Bestwert von der Krimireihe „Ein starkes Team“, einer Wiederholung aus dem ZDF-Hauptprogramm. Dr. Nadine Bilke, seit August neue Senderchefin von ZDFneo, möchte den Online-Spielraum für den Sender besser nutzen, um vor allem die Altersgruppe der 25-49-Jährigen noch mehr zu erreichen und weiterhin neue innovative Formate und exklusive Inhalte, wie mit der Serie „Bad Banks“, bieten. Dazu sollen auch exklusive Online-Angebote gehören.

medienpolitik.net: Frau Bilke Sie haben sich in den vergangenen Jahren viel mit neuen Medien und Online-Angeboten beim ZDF befasst. Nun leiten Sie einen „klassischen“ TV-Sender. Ist das ein Bruch in ihrer bisherigen beruflichen Karriere?

Dr. Nadine Bilke: Ich würde sagen, es ist die konsequente Fortsetzung. ZDFneo hat mit seinen Programmen in der ZDFmediathek schon immer eine besondere Rolle gespielt, zuletzt mit der Fiction-Offensive im Herbst einen starken Akzent gesetzt. Das ist auch logisch, da Neo mit seinen Eigenentwicklungen auf eine jüngere Zielgruppe setzt, die zwar noch viel linear schaut, aber eben zunehmend online fernsieht.

medienpolitik.net: ZDFneo ist bekanntlich bei TV-Formaten innovativ. Wird es jetzt auch Online innovativer werden?

Dr. Nadine Bilke: Wie innovativ ZDFneo online sein kann, hat in den vergangenen Jahren unter anderem das „Neo Magazin Royale“ gezeigt, dass ein originär crossmediales Format ist, das lineare und non-lineare Kanäle aus einem Guss bespielt – und das ziemlich erfolgreich. Trotzdem bringe ich natürlich mit meinem Online-Hintergrund die eine oder andere Idee mit, was Neo noch ausprobieren könnte.

medienpolitik.net: Der neue Telemedienauftrag bietet mehr Spielraum für Online-Angebote. Wie können und wollen Sie diesen Spielraum für ZDFneo nutzen?

Dr. Nadine Bilke: Drei Punkte: Längere Verweildauern für unsere Inhalte bedeuten, dass wir unsere Programme nicht mehr aus medienrechtlichen Gründen offline stellen müssen. Zweitens können wir unsere europäischen Lizenzprogramme perspektivisch auch online anbieten. Die Zuschauer verstehen nicht, dass einige Programme online nicht verfügbar sind. Gerade jüngere Nutzer, die non-lineares Schauen gewohnt sind, erwarten einfach, dass sie das ganze Neo-Programm auch online bekommen. Und der dritte Punkt ist besonders spannend: nämlich online-exklusive Inhalte. Das eröffnet neue Möglichkeiten, zielgerichtet und mit kurzen Feedback-Schleifen Angebote für die jüngere Zielgruppe zu entwickeln.

medienpolitik.net: Wie sehen Sie künftig den Platz von ZDFneo in der ZDF-Familie?

Dr. Nadine Bilke: Mit seinen Eigenentwicklungen spricht ZDFneo die Zielgruppe zwischen 25 und 49 Jahren an. Wir produzieren also für das Publikum zwischen Funk und dem Hauptprogramm. In der Senderfamilie hat ZDFneo die Aufgabe, immer wieder Neues auszuprobieren, um dieser Zielgruppe interessante Inhalte zu bieten.

medienpolitik.net: Die ZDF-Mediathek wird immer stärker genutzt. Spielt es da noch eine große Rolle, in welchem ZDF-Sender das Angebot lief? Ist ZDF gleich ZDF?

Dr. Nadine Bilke: Die Rolle von ZDFneo in der Mediathek entspricht der Rolle in der Senderfamilie. Im besten Fall sorgen die Neo-Programme dafür, dass Nutzer in unserer Zielgruppe sagen, für uns ist in der Mediathek etwas Spannendes dabei. Dann muss es uns gelingen, dass sie durch smarte Verlinkung und ein gutes Empfehlungssystem weitere Stoffe finden, die sie ebenfalls interessieren. Wenn die Nutzer dann merken, das ZDF ist interessant für uns, haben wir gewonnen. Wen Sie dann noch merken, vieles davon ist von ZDFneo, umso besser. Dann kann ZDFneo für sie zu einem Absender werden, den sie gezielt suchen. Der Transport der Marke in der Mediathek muss über die Relevanz der Inhalte für die Zielgruppe funktionieren.

medienpolitik.net: „Bares für Rares“ und Horst Lichter sind zu einem Markenzeichen von ZDFneo geworden. Stört es Sie, dass eine Trödelsendung das Image von ZDFneo prägt?

Dr. Nadine Bilke: Das stört mich gar nicht, zumal ZDFneo an der Entwicklung von „Bares für Rares“ maßgeblich beteiligt war. Übrigens: Auch wenn das Etikett „Trödelsendung“ das suggeriert, so ist „Bares für Rares“ keine alte Marke, sondern bei den Neo-Zuschauern unter 50 überdurchschnittlich erfolgreich.

medienpolitik.net: Das Format dieser „Trödelsendung“ wird inzwischen auch von anderen kopiert. Sehen Sie die Gefahr, dass sich der Reiz der Sendung nun schnell abnutzt und verbraucht?

Dr. Nadine Bilke: Zunächst mal ist der Erfolg von „Bares für Rares“ eine tolle Sache für die ganze Senderfamilie, ein echter Glücksfall. Der Reiz der Sendung ist bisher ungebrochen. Aber natürlich ruhen wir uns jetzt nicht darauf aus. Wir entwickeln weiter und sind immer auf der Suche nach guten Ideen und neuen Köpfen.

medienpolitik.net: Inzwischen hat es „Bares für Rares“ in die ZDF-Primetime geschafft. Inwieweit kann und soll ZDFneo auch für das ZDF-Hauptprogramm Formate und Ideen entwickeln?

Dr. Nadine Bilke: Keine Frage, es ist toll, wenn so etwas klappt. Auch „Kessler ist“ und das „Neo Magazin Royale“ haben den Weg ins Hauptprogramm gefunden. Aber das ist nicht das primäre Ziel. Wir haben einen Innovationsauftrag mit Blick auf unsere Zielgruppe.

medienpolitik.net: Der Marktanteil von ZDFneo liegt inzwischen bei über drei Prozent und marschiert anscheinend in Richtung vier. Was macht diesen Sender, der auch Wiederholungen sendet, so erfolgreich?

Dr. Nadine Bilke: Basis für den Erfolg ist ein gutes Zusammenspiel von eigenen Programmen und Kuration: ZDFneo ist es im vergangenen Jahr gelungen, im Genre Fiction hochwertige eigene Serien, Koproduktionen und passende Lizenzware zu präsentieren. Und das ZDFneo-Team kuratiert mit Erfolg ZDF-Sendungen aus dem Hauptprogramm. Dazu kommt das „Neo Magazin Royale“ als erfolgreiche crossmediale Marke. Mit diesem Paket hat sich ZDFneo in den Top Ten platziert.

medienpolitik.net: Im vergangenen Jahr hat die Serie „Bad Banks“ für gute Quoten und viel Aufmerksamkeit gesorgt. Werden Sie diesen Weg mit eigenproduzierten Serien fortsetzen?

Dr. Nadine Bilke: Ja, „Bad Banks“ war für das ZDF ein großer Erfolg. Und auch ZDFneo wird diesen Weg weiter gehen. Im November werden wir mit „Parfum“ die nächste Hochglanz-Serie ausstrahlen. Nach der Premiere bei ZDFneo wird „Parfum“ auch im Hauptprogramm laufen, ein weiteres Beispiel für erfolgreiche Verzahnung.

medienpolitik.net: „Bad Banks“ entstand in Kooperation mit ARTE. Ist es auch für ZDFneo ein Weg, hochwertige und teure Formate mit anderen Sendern – vielleicht auch mit Privaten – zu koproduzieren?

Dr. Nadine Bilke: Ja, unbedingt. Das hat ZDFneo auch bereits erfolgreich getan, mit europäischen Co-Produktionen wie „Countdown Copenhagen“. Im Herbst folgen mit „Greyzone“ und „24 hours“ zwei weitere spannende Serien. Auch das „Parfum“ ist eine Co-Produktion zwischen dem ZDF, ZDFneo, Constantin und Netflix. Wir suchen spannende, attraktive Inhalte, deshalb bestimmt das Projekt die Partner-Wahl.

medienpolitik.net: Und wie sieht es bei Unterhaltungsformaten aus? Existieren hier neue Ideen?

Dr. Nadine Bilke: Wir haben gleich mehrere Ideen in der Entwicklung, auch wenn noch nichts spruchreif ist. Aber auch im Bereich Unterhaltung sucht ZDFneo weiter nach neuen Inhalten, pilotiert und bleibt seiner Rolle als Innovator treu.

medienpolitik.net: Neo hat heute schon eine jüngere Zuschauerschaft. Wie kann man noch mehr jüngere Zuschauer mit Neo erreichen?

Dr. Nadine Bilke: Das Sitcom-Genre ist da zum Beispiel vielversprechend. Neo hat in diesem Jahr drei verschiedene Sitcoms mit insgesamt 28 Folgen ins Rennen geschickt. Aber Verjüngung läuft natürlich längst nicht mehr nur übers lineare Fernsehen, die Jüngeren erreichen wir in der Mediathek und auf Social Media. ZDFneo platziert seine Stoffe z. B. auch auf dem Instagram-Kanal des ZDF und damit auf einer Plattform, die strukturell eine junge Nutzerschaft hat.

medienpolitik.net: Was möchten Sie mit ZDFneo in den nächsten Jahren erreichen?

Dr. Nadine Bilke: Mein Ziel für ZDFneo: Zuschauer zwischen 25 und 49 wissen, dass Neo spannende Inhalte für sie hat und kommen deshalb immer wieder vorbei. Ob sie dann den Fernseher einschalten oder auf ihr Smartphone tippen, ob sie linear gucken oder on-demand, das ist völlig egal. Wichtig ist nur, dass sie wissen, dass ZDF hat etwas für sie, und das heißt Neo.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/18 erstveröffentlicht.

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