Medienpolitik:

„Verbote nützen gar nichts“

von am 09.10.2018 in Allgemein, Interviews, Medienkompetenz, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„Verbote nützen gar nichts“

 

9.10.2018 Interview mit Dr. Astrid Plenk, KiKA-Programmgeschäftsführerin

Der Kinderkanal von ARD und ZDF KiKA hat eine neue App für sein Angebot, den „KiKA-Player“ entwickelt, der ab Herbst mit vielen kindgerechten Zusatzfunktionen in App-Stores zum Download bereitstehen soll. Mit dieser Mediathek für Kinder wollen ARD und ZDF die digitale Angebotswelt von KiKA im Netz zeitgemäß und orientiert an den Bedürfnissen der Jüngsten weiterentwickeln. Damit soll für Kinder und ihre Eltern ein geschützter und verlässlicher Kommunikationsraum im Netz geschaffen werden. Unser Ziel war, erst an den Markt zu gehen, wenn unsere Zielgruppe und wir mit dem Produkt absolut zufrieden sind und der Content gut dargestellt und auffindbar sein wird. Das stand für uns im Vordergrund – weniger der Zeitfaktor“, so Astrid Plenk in einem medienpolitik.net-Gespräch. Kinder müssten lernen, sich in einer permanent verändernden Gesellschaft zurechtzufinden. Es gehe um Aufklärung, Teilhabe und kritischen Umgang, also um eine Stärkung ihrer Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten.

Medienpolitik.net: Frau Plenk, Sie starten ab Herbst eine Mediathek-App für KiKA. Warum erst jetzt? Mit der App für KiKANiNCHEN waren Sie schneller. Auch für ZDFtivi existiert bereits eine App…

Plenk: 2016 startete die Entwicklungsphase des „KiKA Players“. Bereits zu Beginn zeichnete sich schnell ab, dass die Realisierung mit einem komplexen technischen und hohen zeitlichen Aufwand verbunden sein würde – eine Mediathek-App mit Kinderprogrammangeboten der ARD-Landesrundfunkanstalten, des ZDF und KiKA in einer eigens entwickelten Software zusammenzuführen ist ein ambitioniertes Projekt. Wichtig war uns von Beginn an, die Anwendung intensiv durch „Usability-Tests“ begleiten zu lassen. Die gewonnenen Erkenntnisse flossen in die jeweiligen Projekt-Sprints ein. Unser Ziel war, erst an den Markt zu gehen, wenn unsere Zielgruppe und wir mit dem Produkt absolut zufrieden sind und der Content gut dargestellt und auffindbar sein wird. Das stand für uns im Vordergrund – weniger der Zeitfaktor.

 

Medienpolitik.net: Muss diese App – im Vergleich zur ZDF-Mediathek-App oder ARD-Mediathek-App – besondere Anforderungen erfüllen?

Plenk: Alle KiKA-Angebote müssen höchsten Ansprüchen genügen – die der Kinder. Es geht nicht darum, ‚nur‘ ein Gefäß zu befüllen, sondern vielmehr einen passgenauen Raum für Kinder zu gestalten. Die jungen Nutzer können sich ihren „KiKA-Player“ so einrichten wie ein eigenes Zimmer, mit Lieblingsfarben, mit einem Avatar ihrer Wahl, mit Wunschlisten. Übersichtlich und intuitiv gestaltet spricht das mobile Angebot vom Medienanfänger bis zu den Älteren, den Zehn- bis 13-Jährigen, alle an. Und ganz wichtig: ein Elternbereich mit nützlichen Informationen und Features wie zum Beispiel ein „Webwecker“, der bei der Medienerziehung unterstützen kann.

 

Medienpolitik.net: Welche Erwartungen haben die Kinder oder Eltern an eine App?

Plenk: Kinder und Eltern leben in einer weitgehend digitalisierten Umwelt. Sie haben sehr konkrete Vorstellungen und Erwartungen an Verfügbarkeiten, Menüführungen und Darstellungsformen. Es galt, diese Vorstellungen mit unseren eigenen Ansprüchen übereinzubringen, was die Präsentation unserer hochwertigen Inhalte betrifft, die wir im kuratierten Start-Bereich anbieten, die Sicherheit oder die Transparenz unserer Applikation. Kinder möchten im gefühlten Jetzt und Hier schnelle und vollständige Verfügbarkeit von Sendungen, sie möchten ihren Interessen und Vorlieben gemäß ihre Lieblingsprogramme schauen und inspiriert werden; Eltern möchten darüber hinaus Sicherheitseinstellungen wie auch den Verzicht auf ‚Autoplay‘, kindgerechte Inhalte und Kontrolltools.

 

Medienpolitik.net: Haben Sie für Ihr Online-Angebot auch eine wissenschaftliche Begleitung?

Plenk: Der umfangreiche Usability-Test zur App wurde durch Vertreterinnen der Medienforschung von ARD, ZDF und KiKA in Zusammenarbeit mit der Agentur Rich Harvest in Hamburg durchgeführt. Die Erkenntnisse flossen in die Umsetzung des „KiKA-Players“ ein. Grundsätzlich suchen wir immer den Austausch mit Experten, vom Pädagogen bis zur wissenschaftlichen Fachberatung für ein jeweiliges Thema. Das ist ein üblicher und gelernter Ansatz im täglichen Redaktionsalltag.

 

Medienpolitik.net: Welche „kindgerechten Zusatzfunktionen“ wird der KiKA-Player aufweisen?

Plenk: Der „KiKA-Player“ punktet durch seine kindliche Anmutung. Spielerische Elemente wie die individuelle Gestaltung der Avatare und Oberfläche oder die horizontale Menüführung. Ein kuratierter, von KiKA gepflegter Highlight-Bereich beim Aufruf der App, schlägt Kindern von uns empfohlene Sendungen vor. In der Rubrik „Mein Bereich“, gekennzeichnet durch den von ihnen kreierten Avatar, können Merklisten angelegt oder bereits angefangene Sendungen zu einem späteren Zeitpunkt weitergeschaut werden; die Rubrik „Beliebteste Videos“ zeigt eine Auswahl erfolgreicher Videos. Und hier noch einmal der Hinweis, dass dem kein Algorithmus zugrunde liegt, sondern die Auswahl allein durch die Nutzeraktivität bestimmt wird. Eltern haben „Zutritt“ zu einem an sie adressierten Bereich und so die Möglichkeit, die Profile ihrer Kinder zu prüfen.

 

Medienpolitik.net: Hat sich der Aufwand für die KiKANiNCHEN-App gelohnt? Wie sehr wird diese App für die Vorschulkinder genutzt?

Plenk: Die KiKANiNCHEN-App ist im besten Sinn ein mobiler Begleiter für Medienanfänger. Entdecken und Ausprobieren, Lern-Spiele, kreatives Gestalten und Musizieren stehen im Zentrum dieses Vorschulangebotes. An jedem Produkt von KiKA wird kontinuierlich gearbeitet: Inhalte, Anwendungen, vertiefenden Spiele, erweiterte Funktionen wie ein Offline-Modus werden an Nutzerwünsche angepasst. Derzeit arbeiten wir an neuen Spielideen, einem umfangreichen Weihnachtsangebot und der Bereitstellung der App in weitere App-Stores. Der Erfolg der Applikation ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie groß das Angebot von Kinder-Apps mittlerweile ist: Die KiKANiNCHEN-App wurde seit ihrem Start Ende 2017 über 455.0001 Mal heruntergeladen, kikaninchen.de hat durchschnittlich 2,1 Millionen Pageimpressions2 im Monat. Beide Angebote ergänzen sich perfekt.

 

Medienpolitik.net: Stellen Sie seitdem einen Rückgang bei den linearen Zuschauern fest?

Plenk: Der digitale Transformationsprozess ist unaufhaltsam. Internationale und nationale Medienanbieter stellen ihr Angebotsportfolio um und sinnen nach der richtigen Strategie, Inhalte auf unterschiedlichen Plattformen anzubieten. Sie suchen überall nach Kontaktflächen, um Nutzer, vor allem auch Kinder, zu erreichen und das sicher nicht uneigennützig. Wir haben hohe Nutzungszahlen, sind seit Mai 2018 Marktführer in Folge mit 19,8 Prozent im linearen Fernsehen, die Abrufzahlen unsere Internetpräsenz sind mit bis zu 5,1 Millionen Aufrufe monatlich ebenso hervorragend. Technologische Hubs haben den Wandel eingeläutet, Anbieter vervielfachen sich, unabhängig davon bleibt der Wunsch nach hochwertigen Inhalten und die findet man bei uns.

 

Medienpolitik.net: Wie haben die Eltern auf die KiKANiNCHEN-App reagiert? Gab es auch Proteste?

Plenk: Im Gegenteil! Die hohen Abrufzahlen, das Feedback der Nutzer und die Auszeichnungen wie das „Comenius EduMedia-Siegel“, dem europäischen Bildungsmedienpreis, oder die Grimme Online-Award Nominierung sprechen für sich. Verraten darf ich auch schon, dass die Applikation in den Rubriken „Apps“ und „Kindergarten und Vorschule“ des Kindersoftwarepreises TOMMI 2018 nominiert ist. Es ist wohl so, dass Eltern und Kinder auf dieses ergänzende, kindgerechte, unabhängige und hochwertige von ARD, ZDF und uns bestückte Angebot gewartet haben.

 

Medienpolitik.net: In Frankreich wurden Smartphones und Tablets an den Schulen verboten. Anscheinend weil man mit negativen Auswirkungen rechnet. Sie treiben die Onlinenutzung für Kinder weiter voran. Haben Sie keine Bedenken?

Plenk: Die Digitalisierung wird auf alle Lebens-, Bildungs- und Arbeitsbereiche einwirken, von der smarten Küche über selbstfahrende Autos bis hin zum digitalen Schulmaterial. Unsere Kinder leben inmitten dieser Veränderungen. Verbote nützen da gar nichts. Vielmehr müssen Kinder lernen, sich in einer permanent verändernden Gesellschaft zurechtzufinden. Es geht um Aufklärung, Teilhabe und kritischen Umgang, also um eine Stärkung ihrer Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Sicher braucht es auch Regeln. Wir setzen hier an verschiedensten Stellen im Programm und auch außerprogrammlich an: Zum Beispiel über unser wöchentliches crossmediales Medienmagazin „Timster“ mit seiner breiten Palette an Medienthemen. Auch greifen wir im September mit dem Themenschwerpunkt „Respekt für meine Rechte! – Abenteuer digital“ über sieben Programmtage hinweg konzentriert das Thema Digitalisierung kindgerecht auf und bieten Zusatzmaterialien für Eltern und Pädagogen. Kinder im Umgang mit Medien fit und kritisch zu machen, ist unsere Aufgabe und ein permanenter Prozess.

 

Medienpolitik.net: Ist die neue Mediatheks-App für KiKA auch mit Änderungen beim Online-Angebot verbunden?

Plenk: Über unseren Angebotskanon von der einzelnen Sendungspräsenz über einen separat ausgedeuteten Vorschulbereich bis zum unterstützenden Elternangebot justieren oder entwickeln wir unsere Inhalte kontinuierlich. Diese Form der Qualitätskontrolle und -sicherung ist Teil der täglichen Redaktionsarbeit bei KiKA und bei allen Kinderprogrammredaktionen von ARD und ZDF. Die KiKA-Website ist die bekannteste und beliebteste im Vorschulbereich, bei den Sechs- bis 13-jährigen stehen wir auf Platz zwei. Kika.de erzielte im ersten Halbjahr 2018 durchschnittlich 3,7 Mio. Visits pro Monat, einen Spitzenwert brachte der März mit 5,1 Mio. Visits. Anspruch und Verlässlichkeit einerseits, Angebotsbeweglichkeit und Zielgruppenorientierung anderseits sind die Parameter, die sich gegenseitig beeinflussen und auf die wir uns konzentrieren.

 

Medienpolitik.net: Mit dem neuen Telemedienauftrag können Sie ja online mehr anbieten als bisher. Wie wollen Sie das nutzen?

Plenk: Unser integriertes Telemedienkonzept beschreibt eine non-lineare Produktpalette, die ausgehend von unserem Content entwickelt wird. Je nach Rechtelage lässt es Verweildauern von 24 Monaten zu. Unser KiKA-Angebotsportfolio ist innerhalb dieses Rahmens stimmig. Kinder und Jugendliche sind neugierig und versiert im Umgang mit Medien, sie möchten im Netz unkompliziert jederzeit all das schauen, was sie suchen oder sich inspirieren lassen. Warum wir keine Lizenzen einstellen durften, ist unseren jungen und jüngsten Zuschauern schlicht nicht vermittelbar. Insofern ist die in Aussicht gestellte Öffnung eine echte, an Nutzererwartungen orientierte, die wir sehr begrüßen.

 

Medienpolitik.net: Auf kika.de finden sich auch Spiele zu Sendungen. Wie sehen Sie ein verstärktes Angebot von Games, wie es z.B. Super RTL praktiziert?

Plenk: Spielen ist die ureigene Form des Lernens und spielerische Elemente stellen einen wichtigen Bestandteil bei Kinderangeboten dar. Kinder sind beim Spiel nicht passiv, sondern setzen sich themen- also sendungsorientiert aktiv mit unseren Inhalten auseinander. Und hier kommt eine weitere Dimension – im doppelten Wortsinn – ins Spiel: Kinder sammeln in unserem werbefreien und geschützten Bereich erste Erfahrung auf dem Weg zu einem kompetenten Medienumgang. Kurz geantwortet: Spiele sind wichtig, aber ich bin froh, dass unsere Spielansätze selektiv und aus rein inhaltlichen Zielsetzungen angeboten werden.

 

Medienpolitik.net: Welche Rolle spielen die Online-Angebote für Sie insgesamt, um Ihre Zielgruppen zu erreichen? Plenk: KiKA steht seit über 20 Jahren für ein herausragendes Angebot, bestückt aus den Kinderprogrammredaktionen von ARD, ZDF und uns. Das Programm ist werteorientiert, reich an Genres und Themen, es ist werbefrei und national und international hochgeschätzt. Inhalte nicht in zeitlicher Abfolge eines Programmtages anzubieten, sie also in eine nonlineare Welt zu überführen, ist eine große Herausforderung. Unser lineares Fernsehen trägt medienpädagogische Ansätze bereits in sich: Zum Beispiel die gezielte altersorientierte programmplanerische Abfolge von Sendungen, besondere Sendehinweise für spezielle Zielgruppensegmente oder Rituale rund um die Sandmännchen-Zeit. Nonlineare Verbreitung funktioniert anders; die Inhalte müssen medienspezifisch aufbereitet werden, denn jede Plattform und jeder Kanal folgt eigenen Nutzungsszenarien und nicht jede Social-Media-Anwendung würden wir für Kinder empfehlen und nutzbar machen wollen. Dem gegenüber stehen die Anforderungen, vor die Kinder und Eltern uns stellen. Sie alle bewegen sich im Netz, haben Erwartungen an Auffindbarkeit, Aktualität, Mobilität, Erreichbarkeit oder Vollständigkeit. Die Spreizung zwischen unserem Anspruch und den Nutzererwartungen spiegeln gut das Delta unserer Herausforderungen wider. Unser Gesamtgebinde ist aber sehr stimmig aufeinander aufgebaut. KiKA-Formate werden mit Angeboten von kika.de und kikaninchen.de vertieft und mit Applikationen wie der KiKANiNCHEN-App ergänzt. Worüber ich mich sehr freue ist, dass ab Herbst das KiKA-Gesamtangebot über den „KiKA-Player“ zeit- und ortsouverän erreichbar sein wird. Die Digitalisierung stellt alle vor die gleichen Herausforderungen. Wir nehmen diese mit Freude an und begegnen ihr mit Kreativität. Und der Erfolg der bisher realisierten Anwendungen bestätigt uns auf diesem Weg.

 

Medienpolitik.net: Wieviel eigenes – auch technisches – Know-how steckt in Ihren Online-Angeboten und wie können Sie von den Erfahrungen des MDR oder ZDF profitieren?

Plenk: KiKA ist der Bezeichnung Gemeinschaftseinrichtung von ARD und ZDF ein weiteres Mal gerecht geworden. Alle Redaktionen der Landesrundfunkanstalten der ARD, der federführende MDR, das ZDF und selbstverständlich das tolle KiKA-Team in Erfurt arbeiten seit Monaten am Start der Applikation. Angefangen von der ersten Idee über die technischen und redaktionellen Fragestellungen bis hin zur Medienforschung und Cross-Promotion – der „KiKA-Player“ trägt die DNA aller Beteiligten.

 

Der Beitrag wurde in promedia Heft 10-2018 erstveröffentlicht.

 

 

 

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