„Vertrauensmedium für den öffentlichen Raum“

von am 12.11.2018 in Archiv, Internet, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Vertrauensmedium für den öffentlichen Raum“
Patricia Schlesinger, rbb-Intendantin © rbb/Oliver Ziebe

Schlesinger: Reduzierung bei Sport und Unterhaltung würde Relevanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedrohen

12.11.2018. Interview mit Patricia Schlesinger, Intendantin des rbb

Die ARD investiert jährlich über 700 Millionen Euro in die Produzentenlandschaft. Das ist auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für viele deutsche Medienstandorte. Eine Reduzierung im Bereich Unterhaltung, wie es einige Bundesländer vorschlagen, hätte massive Auswirkungen für die gesamte kreative Branche. Zudem wären auch viele bedeutsame Kinoproduktionen ohne die Beteiligung des Fernsehens nicht realisierbar gewesen. „Alle Versuche, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in thematische Nischen abzuschieben oder auf Spezialangebote zu reduzieren, bewerte ich als leicht zu durchschauende Absicht, ihn seiner gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu berauben“, so die rbb-Intendantin Patricia Schlesinger in einem medienpolitik.net-Gespräch. „Wir brauchen mehr denn je, so Schlesinger, „einen starken gemeinsamen Rundfunk, der die gesamte Gesellschaft erreicht. Als Vertrauensmedium für den öffentlichen Raum.“

medienpolitik.net: Frau Schlesinger, Der rbb hat als 3000. Unternehmen in Deutschland die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet. Warum? Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht a priori verpflichtet, die Vielfalt in unserer Gesellschaft abzubilden?
Schlesinger: Das sind wir in der Tat, und wir kommen dem Auftrag aus Überzeugung nach. Vielfalt führt zur Abwechslung innerhalb einer Organisation wie dem rbb und schlägt sich dann auch im Programm nieder. Der Maßstab, den die Charta aufstellt, ist auch unser Maßstab und deshalb haben wir sie unterschrieben.

medienpolitik.net: Wie zeigt sich dieses Bemühen im fiktionalen- und Unterhaltungsbereich beim rbb?
Schlesinger: Das Erste hat im Spätsommer mit großem Erfolg die Serie: „Die Heiland – wir sind Anwalt“ gesendet, eine Produktion, die der rbb federführend betreute. Wir haben mit dem Rapper Sido „Eine Braut kommt selten allein“ ins Deutsche Fernsehen gebracht, die erste Komödie, In der die Alltagskultur der Roma im Mittelpunkt steht.
Mit der Verfilmung der „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq haben wir uns in die Diskussion um die Grenzen und Gefahren der Integration eingeschaltet. Das ist Vielfalt im Programm, so lösen wir unseren Anspruch ein.

medienpolitik.net: In der aktuellen Debatte um eine Präzisierung des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fordern mehrere Bundesländer eine Fokussierung des Auftrages auf die Themen Information, Bildung und Kultur. Was halten Sie davon?
Schlesinger: Alle Versuche, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in thematische Nischen abzuschieben oder auf Spezialangebote zu reduzieren, bewerte ich als leicht zu durchschauende Absicht, ihn seiner gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu berauben. Unser Auftrag umfasst auch Sportsendungen und Unterhaltungsangebote. Mir geht es um Relevanz: Senden wir ein Programm, das Menschen gern sehen und das ihnen etwas bedeutet?
Das kann in jedem Genre der Fall sein und reicht von der Musikshow bis zur politischen Diskussion, von der Sportsendung bis zur regionalen Reportage oder der Ratgebersendung.
Nehmen Sie das Mittagsmagazin, das wir für Das Erste aus Berlin senden: Es berichtet ganz selbstverständlich aus Politik, Bildung, Kultur und Unterhaltung. Das Leben ist bunt und vielfältig uns so sollte auch unser Programm sein; nur so erreichen wir die gesamte Gesellschaft.

medienpolitik.net: Information und Bildung sind Bereiche, in denen die privaten Sender weniger stark sind. Damit könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk diese Lücke gut füllen und damit einen größeren Beitrag zur Informationsvielfalt leisten?
Schlesinger: Unsere Sendungen tragen schon jetzt erheblich zur Informationsvielfalt bei. Es geht immer um die richtige Mischung, denn unsere Programmangebote müssen auch ihr Publikum finden. Information erreicht mehr Menschen, wenn sie Teil eines massenattraktiven Programmumfeldes ist.

medienpolitik.net: Das jüngste Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkbeitrag hat betont, dass zum Auftrag auch Unterhaltung gehört, es hat aber nichts über den Umfang gesagt…
Schlesinger: Dass sich das Gericht nicht zum exakten Umfang der Unterhaltung in unserem Programm äußert, halte ich nicht für ungewöhnlich. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem jüngsten Urteil sehr präzise unsere Funktion in einer digitalisierten Gesellschaft aufgeschlüsselt. Das Urteil ist damit sehr wertvoll für die medienpolitische Debatte.
Unterhaltung in unseren Programmen ist kein Selbstzweck, sondern folgt den allgemeinen Grundsätzen, nach denen wir auch sonst Programm machen. Wir richten uns an die ganze Gesellschaft, unsere Unterhaltungsangebote sind, wenn sie uns gelingen, identitätsstiftend – und welcher Gruppe sollten wir „ihr“ Unterhaltungsangebot kürzen? Den Musikfans? Den Krimifreunden? Den Quiz-Liebhabern?

medienpolitik.net: Nun sagen einige Länder und Vertreter des privaten Rundfunks, so z.B. der Vorsitzende des VAUNET Hans Demmel, dass eine Präzisierung des Auftrags für ARD und ZDF „eine deutliche Reduzierung des Umfangs ihrer Programm- und Onlineangebote nach sich ziehen und ihre Legitimation stärken“ würde. Würde eine Reduzierung des Angebotes die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stärken?
Schlesinger: Je weniger Programm wir anbieten, desto weniger Menschen erreichen wir. Ich wüsste also nicht, wie der Verzicht auf Programm unsere Legitimation steigern könnte. Ich denke das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen mehr denn je einen starken gemeinsamen Rundfunk, der die gesamte Gesellschaft erreicht. Als Vertrauensmedium für den öffentlichen Raum, in Zeiten die von Fakenews, Polarisierung und Skandalisierung geprägt sind. Legitimation erreichen wir, in dem wir Qualität anbieten, uns immer wieder neu unter Beweis stellen, ein offenes Ohr haben für unser Publikum.

medienpolitik.net: Bei der SRG in der Schweiz sollen 50 Prozent der Gebühreneinnahmen künftig in die Information fließen. Wäre das ein Modell für die ARD?
Schlesinger: Ich kann da nur für den rbb sprechen: bei uns ist es bereits so. Eine rechtliche Pflicht, wie viel Beitrag in welches Genre fließen sollte, halte ich aber für fragwürdig. Die Programmautonomie liegt bei den Sendern. Wir tauschen uns dazu mit unseren Aufsichtsgremien, den Rundfunkräten und Verwaltungsräten aus.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist das Unterhaltungsangebot für die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
Schlesinger: Wir haben das Thema schon gestreift: Ich halte ein vollständiges Programmbouquet für zwingend. Dazu gehören natürlich Information, Bildung und Kultur, aber eben auch Unterhaltung oder Sport. Ich halte es auch für eine Illusion, dass unsere Unterhaltungsangebote von kommerziellen Sendern adaptiert würden, wenn wir sie aus dem Programm nähmen – von einigen wenigen Ausnahmen vielleicht abgesehen. Wenn wir den Polizeiruf 110 senden, oder den Tatort, ist das nicht in erster Linie ein Krimi, sondern in erster Linie eine Geschichte aus einer bestimmten Region Deutschlands, hier kommt wieder das identitätsstiftende Element zum Zuge, von dem ich bereits sprach. Ein anderes Beispiel: Am 3. November startet im rbb Fernsehen unser Projekt „Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt“, eine Serie von 30 Filmen a 90 Minuten, die das Leben im geteilten Berlin dokumentiert. So stelle ich mir ein öffentlich-rechtliches Unterhaltungsangebot im Idealfall vor.

medienpolitik.net: Welchen Maßstäben muss es gerecht werden?
Schlesinger: Zunächst mal ganz schlicht: Es muss unterhalten, und zwar bitte nicht nur jene, die für Rundfunksender oder im Journalismus arbeiten, sondern eine große Zahl unterschiedlichster Menschen. Ich bin ausdrücklich keine Freundin der These, man könne Angebote für „alle“ machen, aber „viele“ oder besser „sehr viele“ sollten es schon sein. Andererseits darf Unterhaltung in meinen Augen fast alles, so lange sie auf bestimmte Muster verzichtet: auf Häme, Sexismus, Rassismus, menschenverachtende oder -erniedrigende Darstellungen jedweder Art.

medienpolitik.net: Zur Unterhaltung zählen auch fiktionale Produktionen. Welche Rolle spielen diese aus Ihrer Sicht für den gesellschaftlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
Schlesinger: Ein Film wie „Alles Isy“ beispielsweise, der im September mit enormer Resonanz im Ersten lief, ist ein hochemotionales Familiendrama und zugleich ein wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um sexuelle Gewalt unter Jugendlichen. Gerade erst haben wir die Ausstrahlung von „Babylon Berlin“ erlebt. Ich könnte mit Blick auf das ZDF die sensationellen „Kudamm“-Filme ergänzen oder „Bad Banks“. Unsere fiktionalen Produktionen entführen im besten Fall nicht nur in Traumwelten, sondern erzählen immer auch Geschichten über das Leben im in der Gegenwart. Klar darf und muss es manchmal auch knallbuntes Popcorn-Kino sein, aber darin sehe ich tatsächlich nicht unsere Kernaufgabe.

medienpolitik.net: Bieten hier die Privaten oder Anbieter im Internet ein äquivalentes Angebot?
Schlesinger: Ich sehe das auf dem deutschen Markt nicht oder höchstens in sehr geringen Darreichungsformen. Mir liegt da weniger an Abgrenzung als an der Frage: Was können wir gemeinsam erreichen? Wo sollten wir mit wem Kräfte bündeln, um tolles Programm zu ermöglichen? Auch hier war Babylon Berlin in der Kooperation mit Sky wegweisend.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen hätte eine Reduzierung des Unterhaltungsangebotes beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk für die Film- und TV-Produktionswirtschaft?
Schlesinger: Allein die ARD investiert jährlich über 700 Millionen Euro in die Produzentenlandschaft. Das ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, insbesondere in Berlin und Brandenburg. Eine Reduzierung hätte sicherlich massive Auswirkungen. Die deutschen Filmförderer haben sich dazu Anfang Oktober geäußert und ausdrücklich festgestellt, dass – ich darf zitieren „eine Abwertung der Unterhaltung im Sendeauftrag und die Beschränkung von Unterhaltungsangeboten gravierende wirtschaftliche Folgen für die Leistungsfähigkeit der deutschen Filmwirtschaft hätte. Viele bedeutsame Produktionen, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell im In- und Ausland erfolgreich waren, wären ohne die Beteiligung des Fernsehens nicht realisierbar gewesen“. Das sehe ich genauso.

Der Beitrag wurde in promedia Heft 11-2018 erstveröffentlicht.

Print article