Medienpolitik:

„Die Zeit war reif“

von am 10.12.2018 in Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Plattformen und Aggregatoren

<h4>Medienpolitik:</h4>„Die Zeit war reif“
Stefan Arndt, Produzent X-Filme

Kritik am Geschäftsmodell von Netflix

10.12.2018. Interview mit Stefan Arndt, Gesellschafter / Produzent von X-Filme

„Babylon Berlin“, die Gemeinschaftsproduktion von X Filme Creative Pool, ARD Degeto, Sky und Beta Film, hat ein Millionenpublikum gefesselt. Sie ist ein Meilenstein in der deutschen Fernsehgeschichte. Mehr als drei Millionen Zuschauer verfolgten die Serie auf Sky. Im Ersten sahen durchschnittlich fast fünf Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die 16 Folgen, die einen Marktanteil von 15,9 Prozent erzielten. Zudem wurden mehr als zehn Millionen Videoabrufe bis zum 7. November registriert. Keine deutsche Serie hat in den letzten Jahren so viele Menschen erreicht.
Stefan Arndt, einer der Väter der Serie, lobt in einem promedia-Interview die gute Zusammenarbeit aller Partner. Kritik übt der X-Filme-Gesellschafter aber am Geschäftsmodell von Netflix: „Warum muss eine Plattform, wenn sie sich an etwas beteiligt, 100 Prozent der gesamten Weltverwertungsrechte haben? Warum muss Netflix nicht die Zuschauerzahlen ihrer Filme offenlegen?“ Netflix bestehe zumeist zu 100 Prozent auf den weltweiten Verwertungsrechten zulasten der Produzenten. Das müsse sich ändern. Der Produzent räumt in dem Gespräch ein, dass X-Filme schon seit längerer Zeit immer wieder „in sehr intensiven Gesprächen“ mit VoD-Plattformen sei. Man sei aber daran interessiert, dass sowohl die Produzenten als auch die Kreativen am Backend beteiligt sind.

promedia: Herr Arndt, im November sollen die Dreharbeiten für die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ beginnen. Wann wird die dritte Staffel im TV laufen?
Arndt: Wir beginnen im November mit den Dreharbeiten und die dritte Staffel wird im Herbst nächsten Jahres auf Sky zu sehen sein. Danach wird die Serie bei der ARD ausgestrahlt.

promedia: Es ist also das gleiche Prinzip wie bei den ersten beiden Staffeln, erst erfolgt die Verwertung bei Sky und dann bei der ARD.
Arndt: Genau, vielleicht etwas modifiziert, aber das werden die beiden Partner miteinander verhandeln.

promedia: Waren Sie mit der Verwertung der ersten beiden Staffeln zufrieden? Nachdem die Serie bei Sky gelaufen ist, sind einige Monate vergangen. Dann lief „Babylon Berlin“ bei der ARD und hat wieder viele Zuschauer erreicht. Ist das ein Rhythmus mit dem man als Produzent leben kann?
Arndt: Auch wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich damit leben müssen. Aber dieses Experiment ist über die Maßen gut aufgegangen. Es war uns klar, dass wir an etwas Besonderem arbeiten, dass sich deutlich von dem unterscheidet, was sonst im Fernsehen läuft. Sky hat seine intensive Werbemaschine angeworfen, was sich ausgezahlt hat. Es hat dann eine Weile gebraucht, bis sich die hohe Qualität der Serie in der Bevölkerung herumgesprochen hatte und zum Thema wurde. Und dann kam die tolle Werbekampagne der ARD, bei der sich gezeigt hat, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann, wenn Hand in Hand gearbeitet wird. Und dann wurde es noch einmal so ein riesiger Erfolg, es hätte nicht besser laufen können.

promedia: Drei Teams mit drei Regisseuren und Produzenten haben ab Mai 2016 die ersten 16 Folgen produziert. Wieweit hat „Babylon Berlin“ X-Filme an ihre Grenzen gebracht?
Arndt: Es ging bis an die Grenzen und manchmal darüber hinaus. So ein Magnus-Opus erschlägt natürlich alles rundherum. Für X-Filme war es eine harte Zeit. Diese 16 mal 45 Minuten sind acht Spielfilme, die man innerhalb von 12 Monaten fertigstellen muss. Alles historisch korrekt und auf höchstem Niveau. Es war sehr anstrengend, aber auch schön.

promedia: Werden die Dreharbeiten zur dritten Staffel etwas entspannter laufen?
Arndt: Die Dreharbeiten laufen meist entspannt. Das ist nicht das Problem. Bei historischen Inhalten, bei so vielen teilnehmenden Sendern, so vielen Entscheidungsträgern und so vielen Schauspielern usw. sind vor allem die Vorbereitungen sehr anstrengend. Man könnte denken, dass es aus der Erfahrung heraus etwas leichter wird. Aber es war eher ein bisschen schwerer, vor allem mit dem Budget hinzukommen. Wir haben noch nicht einmal den Inflationsausgleich für die Finanzierung der dritten Staffel. Jetzt wo die Serie so erfolgreich ist, müssten doch eigentlich zehn Prozent mehr drin sein. Es ist schon eine widersprüchliche Situation, aber wir kommen damit klar.

promedia: Sie produzieren parallel noch „Tatort“-Filme und eine Miniserie für das ZDF. Wie ist das zu schaffen?
Arndt: Ja es stimmt, wir drehen im Moment extrem viel. Aber wir haben mit „Babylon Berlin“ aus Sicht der Firma insgesamt ein Jahr verloren. Es ist der Unterschied zwischen großen Konzernen und mittelständischen oder kleinen Produzenten, dass wir nicht fünf oder sechs Produktionsteams haben, die neben einander produzieren. Wir haben die eigene Struktur, die Hand in Hand arbeitet, und da kann man nicht so viel parallel machen. Trotzdem schaffen wir es neben „Babylon Berlin“ auch noch „Die Känguru-Chroniken“ zu drehen. Mit Kai Wessel produzieren wir für das ZDF einen Sechsteiler. Das funktioniert alles ganz gut, aber das mussten wir auch lernen.

promedia: Sie hatten sich 2012 die Rechte an den Kriminalromanen von Volker Kutscher gesichert, und wussten, dass eine Umsetzung teuer wird. Warum sind Sie dennoch ins Risiko gegangen?
Arndt: Wir wollten schon länger einen Film über die Weimarer Republik produzieren. Erst ich allein, dann mit Tom Tykwer zusammen. Wir sprachen immer wieder drüber, wobei wir zuerst von einem Kinofilm ausgegangen sind. Dann sahen wir bei unseren Recherchen, wieviel Material es über die Weimarer Republik gibt. Uns wurde klar, dass es nicht gelingt, diesen Stoff in einen 90-Minütigen Kinofilm zu packen. Wir hatten alles soweit recherchiert und waren uns auch über die Herangehensweise einig, hatten aber bis dahin noch keinen Grundplot. Dann war es das Glück hoch zehn, dass Uwe Schott auf Volker Kutschers Roman „Der nasse Fisch“ stieß, der 2008 erschienen ist. Die Filmrechte waren anfangs von anderen Produktionsfirmen besetzt, aber keiner hat sie genutzt. Als sie dann frei waren, haben wir sofort zugegriffen und dann ging es auch schnell los. Volker Kutscher verfügt über geniale Kenntnisse der zwanziger Jahre und verwandelt diese in wunderbaren Geschichte. Hier trafen zwei tolle Ideen aufeinander, für deren Umsetzung die Zeit reif war.

promedia: Mit „Cloud Atlas“, der 2012 ins Kino kam, waren Sie wirtschaftlich nicht so erfolgreich. Das hätte Sie doch von solchen Mammutprojekten abschrecken müssen?
Arndt: Das Schöne am Filme machen ist, dass man immer wieder andere Stoffe umsetzt und dabei irrsinnig viel lernt. In einem Punkt muss ich Ihnen aber widersprechen: „Cloud Atlas“ war zwar nicht weltweit ein Hit, in Deutschland lief es aber gut und Russland und China haben uns das Leben „gerettet“. Dort strömten die Massen in die Kinos. Daran sieht man, was eine weltweite Verwertung ausmachen kann. Die Investoren haben ihr Geld zurückbekommen, aber verdient hat daran keiner. Die Filmproduktionen sind auf dem Weg von der Manufaktur zur Industrialisierung und da muss man neue Wege beschreiten, experimentieren und auch Risiken eingehen. So wie wir bei „Cloud Atlas“ das parallele Drehen in zwei Teams gelernt haben, konnten wir das bei „Babylon Berlin“ anwenden, denn es hat wunderbar funktioniert und man spart damit Geld.

promedia: Sie sind auf Sky zugegangen. Was hat Sie veranlasst zu glauben, dass sich Sky finanziell beteiligen wird? Zu diesem Zeitpunkt hatte Sky-Deutschland noch keine eigene Serie in Auftrag gegeben. Woher nahmen Sie den Optimismus, dass die Zeit reif ist und Sky zuschlagen könnte?
Arndt: Wir bei X-Filme sehen uns natürlich die Welt an, nicht nur den deutschen Markt. Die deutsche Filmindustrie glaubt immer, in Deutschland ist das Filmemachen schon wahnsinnig aufregend, aber die Veränderungen, auf die wir uns einstellen müssen, sind globaler Natur. Es war klar, dass man den Plattformen nur mit starken Partnern etwas entgegensetzen kann. Ich dachte, Sky und die ARD zusammenzubringen, war eine revolutionäre Idee von mir. Aber nachdem wir die Verträge unterzeichnet hatten, habe ich herausgefunden, dass die beiden bereits lange vorher Gespräche miteinander geführt haben. Die waren schon selbst auf die Idee gekommen, gemeinsam ein Projekt umzusetzen. Es fehlte nur ein passender Stoff. Es lag einfach in der Luft. Aber die ARD hat mich im Glauben gelassen, die Idee gehabt zu haben, was natürlich auch eine gute Verhandlungsstrategie ist. Es gibt einen Wandel von der Macht der Verwerter zur Macht des Contents, der aber durch die Verwerter an das Publikum gebracht wird. Man kann weltweit beobachten, dass sich die Filmlandschaft verändert. Sehen Sie was inzwischen alles passiert ist, die Fox wurde von Disney gekauft und der US-Kabelnetzbetreiber Comcast kauft Sky, AT&T die Warner, und alle wollen eigene VoD-Plattformen … Da ist was los!

promedia: Ist die Zusammenarbeit privater Sender, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Vertriebsunternehmen wie Beta-Film bei „Babylon Berlin“ eine Ausnahme oder wird es das künftig häufiger geben?
Arndt: Das wird künftig vollkommen normal sein. Man muss es auch einmal so sehen: Die ARD wird häufig für ihre hohen Kosten kritisiert. Aber für ein Drittel der Erststellungskosten haben sie 100 Prozent „Babylon Berlin“ für ihre Verwertung bekommen. Zudem war die Werbung von Sky auch für die ARD noch positiv. Das ist durchaus vernünftig, denn die ARD muss natürlich sparsam mit den Gebührengeldern umgehen. Aber ich bezweifele, dass es je eine Kooperation zwischen ARD und ZDF geben wird (lacht)! Oder zwischen RTL und ProSieben. Ich weiß auch nicht, ob Sky und Netflix einmal etwas zusammen machen werden…

promedia: Aber vielleicht Netflix und die ARD?
Arndt: Unsere europäische Position gegenüber diesen Plattformen muss sich ändern. Warum muss eine Plattform, wenn sie sich an etwas beteiligt, 100 Prozent der gesamten Weltverwertungsrechte haben? Warum muss Netflix nicht die Zuschauerzahlen ihrer Filme offenlegen? Bei einem Stoff wie bei „Babylon Berlin“ der für Deutschland über die Maßen wichtig ist, wäre es für Netflix auch okay gewesen, wenn sie alle Territorien außer den deutschsprachigen in der Verwertung gehabt hätten. Da bricht ihnen auch kein Diamant aus der Krone. Aber Neflix besteht häufig auf weltweiten Verwertungsrechten zulasten der Produzenten. Dass muss sich ändern.

promedia: Hat nach dem Erfolg von „Babylon Berlin“ eine der beiden großen Plattformen an Ihre Tür geklopft? Es gibt ja inzwischen mehrere deutsche Produktionsfirmen, die für Amazon oder Netflix arbeiten.
Arndt: Wir sind schon seit längerer Zeit immer mal wieder in sehr intensiven Gesprächen. Garantiert werden wir auch mal zusammenarbeiten, aber auf der einen Seite sind wir schon ziemliche Kontroll-Freaks, die die Reichweiten ihrer Filme kennen möchten, und auf der anderen Seite sind wir sehr daran interessiert, dass sowohl die Produzenten als auch die Kreativen am Backend beteiligt sind. Netflix reagiert heute wie früher ARD und ZDF: Wer zahlt schafft an, alle Rechte zu mir. Aber warum sollten wir zum Schaden der deutschen Filmwirtschaft das Rad wieder zurückdrehen?

promedia: Das heißt, es geht Ihnen nicht nur um die Ehre, auch einmal für Netflix gearbeitet zu haben?
Arndt: Ach Quatsch! Die Zeiten, wo die einen Produzenten mit Geld überhäuft haben, wie bei „House of Cards“, sind vorbei. Ich habe im Moment eher die Befürchtung, dass sich deren Konditionen und Inhalte in Richtung des deutschen Privatfernsehens vor 10 Jahren entwickeln. Das werden wir sehen und aufmerksam beobachten. Aber ich denke, dass ein Produzent, der 100 Prozent aller Verwertungsrechte abgibt, letztendlich selbst nicht an das glaubt, was er produziert hat. Ich war immer misstrauisch, wenn mir jemand sofort 100 Prozent von seiner Arbeitsleistung geben wollte und nicht am aktuellen Gewinn beteiligt sein will.

promedia: In „Babylon Berlin“ ist auch Geld der Filmförderung geflossen. Berlin und NRW waren relativ großzügig. Ist die Filmförderung jetzt so flexibel, um mehrere solcher großen Projekte unterstützen zu können?
Arndt: Ich sehe es nicht als großzügig an, denn die Filmförderung ist ja nicht die Königin, die Geschenke verteilt. Es ist eine Filmförderung, die wirtschaftliche Ziele erfüllen soll. Ich habe auf der föderalen Ebene deshalb ein Problem damit, dass der Staat und die Politiker den Filmförderern immer mehr Aufgaben übertragen, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Jetzt sollen sie auch noch die Erhaltung des filmischen Erbes mit 100 Millionen Euro unterstützen. Das ist natürlich Geld, was der Produktion fehlt. Man sieht aber auch, was für eine tolle Idee der German Motion Picture Fund war. Viele Länder wie Frankreich, England, Tschechien, Polen, sogar Serbien haben einen nach oben offenen Topf für diese Art von Förderung, die viel Steuergeld erzeugt. Deshalb ist es für uns sehr gut, dass dieser Fund, mit der auch Serien gefördert werden, fortgeführt und erhöht wird.

promedia: Ich könnte mir vorstellen, dass es, wenn zwei oder drei Projekte von der Größe wie „Babylon Berlin“ in Deutschland produziert werden, mit der Förderung schwierig wird…
Arndt: Normalerweise kosten 45 Minuten Film zwischen 500 bis 900 Tausend Euro und bei „Babylon Berlin“ sind es 2,3 Millionen Euro. So viele große Projekte wird es also voraussichtlich nicht geben. Man sollte bei der Förderung aber immer fragen, wer die Auftraggeber sind und welche Konstellationen dahinterstehen. Ich verstehe beispielsweise nicht, warum eine amerikanische Plattform, die 100 Prozent der Verwertungsrechte vom Produzenten haben will, Fördergeld bekommen muss.

promedia: Sie haben „Babylon Berlin“ ausschließlich in Deutschland gedreht, wohl an 300 Schauplätzen. Das ist doch teurer als in Prag oder Budapest? Mussten Sie bei 40 Millionen nicht auf den Euro schauen?
Arndt: Doch, es ist sogar der Cent interessant, weil in 40 Millionen ganz viele Cents sind, die am Schluss die Summe ausmachen. Natürlich gab es auch bei uns schwierige Momente, wo manche Produktionsmitarbeiter sagten: Ich buche schon mal Flüge nach Prag oder Budapest, wobei nur Budapest noch preiswerter ist. In Prag ist das Drehen inzwischen so teuer wie hier. Ich weiß noch genau, wie ein Produktionsmitarbeiter, der solche Flüge buchen wollte, ins Büro kam und sagte, wir hätten wegen des Mindestlohnes ein 1,5 Millionen – Problem. Da fiel mir und Uwe Schott schon mal der Stift aus der Hand. Ich bin ein 100-prozentiger Verfechter des Mindestlohnes und finde auch 12 Euro angemessen, aber ein Mindestlohn für Komparsen hat uns total die Kalkulation zerschossen. Wir haben uns die Abläufe ganz genau angesehen und es durch organisatorische Veränderungen, die für die Schauspieler und Regisseure nicht einfach waren, geschafft, die Verpflichtung von Komparsen zu reduzieren und dadurch den Verlust auf 100.000 Euro zu begrenzen.
Man hat nach meiner Ansicht auch eine nationale Ehre. Wenn man so einen Film, den es vorher noch nie gab, über das Deutschland in der Weimarer Republik, außer vielleicht im Fassbinder-Film „Alexanderplatz“, produziert und der Film allein aus Deutschland heraus finanziert wird, dann habe ich Deutschland auch etwas zurückzugeben. Natürlich sind wir eine international arbeitende Firma, die überall drehen kann. Ich bin aber sicher, dass man das authentisch Berlinerische und Deutsche nicht nur an der Sprache, sondern auch an den Motiven erkennt.

promedia: Es entstehen gegenwärtig mehrere High-End-Serien parallel. Kommt die deutsche Filmwirtschaft damit an ihre Grenzen? Ist unser Potenzial an Top-Drehbuchautoren, Regisseuren und Kameraleuten nicht langsam ausgebucht? Wenn man im Sommer in Berlin drehen wollte, hatte man schon zu tun gehabt, die entsprechenden Fachleute zu finden. Ist das wirklich so?
Arndt: Das ist so und das ist doch schön. Es ist doch total toll, denn wir wollten eine prosperierende deutsche Filmindustrie. Der Wirtschaft in Deutschland geht es nicht schlecht, so gibt es nur schwer Handwerker und ebenso sind die Filmfachleute knapp, weil es ein so große Nachfrage gibt. Natürlich werden tolle Filme nur von exzellenten Profis gemacht und die gibt es zum Glück immer mehr in Deutschland. Wir bemühen uns darum, mit einem festen Stamm an Kreativen kontinuierlich zusammen zu arbeiten. Deshalb haben wir auch im internationalen Wettbewerb einen Vorteil, weil wir hervorragende Mitarbeiter haben und diese Mitarbeiter lieber mit uns arbeiten als mit anderen. So wird eine nationale Industrie aufgebaut

promedia: Das heißt, es ist ein großer Bedarf vorhanden und die Hochschulen müssten noch schneller gute Leute zur Verfügung stellen.
Arndt: Ja, aber wir bilden ja schon selbst aus. Es sind sehr spezielle Berufe, die wir benötigen. Auch wenn das dann nicht Lehre heißt und sie nicht in die Berufsschule gehen, oder nicht nebenher studieren. Schon mancher dritte Kameraassistent wurde erster Kameraassistent und dann Kameramann. Für uns ist es natürlich anstrengend, weil man talentierte Leute suchen muss, aber es ist in unserem Interesse, einen eigenen Beitrag für die Ausbildung zu leisten.

promedia: Oft war und ist das Argument zu hören, es gibt in Deutschland zu wenige gute Serien, weil uns die Drehbuchautoren fehlen. Ihre drei Regisseure haben das Drehbuch für „Babylon Berlin“ selbst geschrieben. War das aus der Not geboren oder, weil es ihnen Spaß gemacht hat?
Arndt: Es sind drei echte Autorenfilmer, die immer ihre eigenen Bücher verfilmt haben. Wir hatten mit dem Drehbuch ein riesiges Problem zu lösen, weil wir die deutsche Serie neu erfunden haben. Wenn wir viel mehr Geld gehabt hätten, hätten wir vielleicht auch noch drei Autoren dazu genommen. Aber die Regisseure hätten sowieso die ganze Zeit mitmachen müssen. Insofern ist es eindeutig eine Autorenfilmserie. Sie unterscheidet sich auch dramaturgisch maßgeblich zum Beispiel von „Weissensee“, „Charité“ oder anderen Serien. Es ist etwas gänzlich Anderes. Wenn Sie sagen, es ist schwierig in Deutschland ein Drehteam zu finden, dann ist es noch viel schwieriger einen guten Autor zu finden. Es ist auf der einen Seite etwas traurig, aber es ist hervorragend, dass unsere Industrie so gut läuft und hier ein wachsender Bedarf besteht.

promedia: Sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk stärker auf solche High-End-Serien konzentrieren, zu Lasten kleinerer Fernsehfilme? Zumal Serien auch in der ARD-Mediathek ein Hit sind?
Arndt: Ich denke, die Frage stellt sich etwas anders. Natürlich ist das, was wir so despektierlich Alltag nennen, eine wichtige Grundversorgung. Kein anderes Land auf der Welt hat jeden Tag so eine hochwertige Grundversorgung mit linearem Fernsehprogramm. Auf der anderen Seite wissen wir alle und die Verantwortlichen in den Sendern, dass das Durchschnittsalter der Zuschauer, die linear fernsehen, immer weiter wächst. Das heißt diese Zuschauer werden immer älter und es kommen keine Jungen dazu. Die schauen inzwischen anders. Ich glaube, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen verstanden hat, dass es sich wandeln muss. Wenn man die großen Mediathekabrufzahlen bei „Babylon Berlin“ sieht, und wir beide wissen, wie schwer es ist, in der ARD-Mediathek etwas zu finden, werden die Verantwortlichen aus diesen Zahlen auch ihre Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt inzwischen Menschen, die nicht auf eine wöchentliche Ausstrahlung warten wollen, sondern gleich acht Folgen am Stück sehen wollen. Das ist doch eine „Bombe“. Es muss weiterhin beides geben. Auch wenn es jede Woche acht bis zehn Krimis im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm gibt, dann möchten die Zuschauer sie scheinbar sehr gerne sehen, sonst hätten sie nicht so hohe Einschaltquoten.

promedia: X-Filme hatte lange Zeit im Wesentlichen Kinofilme produziert. Jetzt produzieren Sie vorrangig für das Fernsehen. Warum ziehen Sie sich aus dem Kino zurück?
Arndt: Es ist so, dass es im Kino und in der Kinoverwertung Probleme gibt. Es ist beispielsweise für uns von Nachteil, wenn die Kinos die Filme nicht mehr in mehreren Vorstellungen spielen, sondern immer so wie es passt und dem Kinobetreiber gefällt. Seit einigen Jahren sind die Kinobesucherzahlen rückläufig und Jüngere gehen immer weniger ins Kino. Das Kino ist nun mal auch ein Wirtschaftsgut und das musste X-Filme schmerzhaft lernen. Wir werden aber nach wie vor hervorragendes Kino machen, wie man an den „Känguru“-Chroniken oder anderen Filmen, die wir gerade vorbereiten und produzieren werden, sieht. Aber auch wir müssen uns viel genauer überlegen, in welches Produkt wir Kraft und Geld investieren. Als ich anfing, hatte ein Film der okay gelaufen ist zwischen 500.000 und 700.000 Besucher. Ein Film der heutzutage okay läuft und respektiert wird, hat 100.000 bis 150.000 Besucher. Mit dieser Besucherzahl kann man noch nicht einmal die Verleihkosten zurückzahlen, geschweige denn die Filmförderung. Ich mache diesen Job nicht, um Geld zu verbrennen. Solange der Verleih und die Filmförderung ihr Geld nicht zurückbekommen, verdient der Produzent auch kein Geld. Wir haben auch gegenüber den Mitarbeitern eine Verantwortung, die monatlich ihr Gehalt bekommen möchten. Deshalb produzieren wir heute viel mehr für das Fernsehen als vor einigen Jahren. Es ist aber auch anderes Fernsehen als früher, die Qualitätskriterien sind ähnlich hoch wie beim Kino. Wenn man sich unsere „Tatorte“ oder „Polizeirufe“ ansieht, dann ist es schon etwas Besonderes. Eben X-Filme-Style!

promedia: Das heißt, Ihre guten Ideen, die früher ins Kino gewandert sind, landen jetzt im Fernsehen?
Arndt: Nein, aber bei jeder guten Idee wird ganz bewusst und auch länger überlegt, wo sie hingehört. Es gibt tausende Verwertungsformen wie YouTube, Spartenkanäle, Plattformen, DVD, Kino, Fernsehen usw. um das gleiche Publikum zu erreichen. Und das Publikum entscheidet, wo es etwas sehen möchte. Wir müssen zeitgemäß werden und den Menschen den Zugang zu den Geschichten, die wir erzählen, gewährleisten.

promedia: Sie betreiben selbst vier Kinos. Machen Sie sich Sorgen um das Kino als „Kulturort“ in Deutschland?
Arndt: Diese Kinos sind „Überbleibsel“ meiner Vergangenheit als Kinomacher. Bevor ich Filmproduzent wurde, habe ich Kinos betrieben. Da komme ich her und das ist übriggeblieben. Es sind nur kleinere Beteiligungen. Es ist nicht so, dass ich dort jeden Tag durch das Kino laufe und ich habe heutzutage auch nicht so viele Erfahrungen. Aber ich mache mir wirklich Sorgen um das Kino. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, damit das Kino eine Zukunft hat. Das Kino ist weiterhin der Ort, wo die Premiummarke des fiktionalen Films präsentiert werden sollte. Ich glaube aber, damit das weiterhin so bleibt, müssen wir das Kino noch einmal neu erfinden. Die Kinos sollten nicht nur nach mehr Geld rufen, sondern sich selbst neue Standards setzen. Fast jeder hat heute unbegrenzt, egal wo er sich befindet, Zugriff auf fiktionale Inhalte. Deshalb muss das Kino noch stärker als gegenwärtig, zu einem besonderen, emotionalen Ort werden.

Der Beitrag wurde in promedia Heft 12-2018 erstveröffentlicht.

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