Medienpolitik:

„RTL steht für Diversität“

von am 03.12.2018 in Allgemein, Archiv, Dualer Rundfunk, Interviews, Medienordnung, Medienpolitik, Rundfunk

<h4>Medienpolitik:</h4>„RTL steht für Diversität“
Frank Hoffmann, RTL-Senderchef

RTL will ein Programm bieten, das für Zuschauer und die Gesellschaft relevant ist

3.12.2018. Interview mit Frank Hoffmann, RTL-Senderchef

In einem medienpolitik.net-Interview bekennt sich RTL-Senderchef Frank Hoffmann zu einer hohen gesellschaftlichen Relevanz seines Programms: „Wir sind uns als Unternehmen und insbesondere als Massenmedium unserer Verantwortung bewusst und sollten meiner Überzeugung nach eine Haltung haben. Nicht im parteipolitischen Sinne, im Gegenteil: Politisch und wirtschaftlich unabhängig, mit Blick auf das, was für die Menschen Relevanz hat.“ RTL sei gerade im Unterhaltungsbereich mit Programmen erfolgreich, die für Entspannung sorgen und gleichzeitig Relevanz besitzen. Mit dieser Programm-Philosophie sei RTL erfolgreich, beim Publikum ebenso wie wirtschaftlich. „Public und Shareholder Value lassen sich somit in bestimmten Bereichen gut miteinander verbinden“, so Hoffmann. Der RTL-Senderchef wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für seine Programme von dem einen oder anderen Politiker, der die Angebote nur vom Hörensagen kenne. „Wir brauchen ein klares politisches Bekenntnis auch zur privaten Seite im dualen System. Unerlässlich ist auch mehr Aufmerksamkeit für die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten – im Vergleich zu den allseits bekannten internationalen Playern“, betont der Medienmanager.

medienpolitik.net: Herr Hoffmann, wieviel Public Value steckt in RTL?
Hoffmann: Jede Menge. Wir bieten täglich über fünf Stunden News und Magazine. Live. Unsere Moderatoren gehören zu den bekanntesten und beliebtesten im Land. Umfragen bestätigen: Die Menschen kennen sie nicht nur, sie vertrauen ihnen auch. Und wir erreichen, auch und gerade mit unseren Informationsprogrammen, die Mitte der Gesellschaft und dabei insbesondere auch die Jungen. Hinzu kommen Reportagen und Dokumentationen, aber auch Unterhaltungsprogramme, weil sie nicht nur, aber eben auch mit hochaktuellen Themen wie Diversität, Cyber-Mobbing oder Gesundheit sehr selbstverständlich umgehen.

medienpolitik.net: Woran messen Sie den gesellschaftlichen Nutzen, den RTL erbringt?
Hoffmann: Einfach messen lassen sich ja Zahlen, daher ein paar Beispiele: Über 6,5 Millionen Menschen schauen die RTL-Nachrichten und Magazine werktäglich im Schnitt. 160 Millionen Euro an Spendengeldern für bedürftige Kinder hat die Stiftung „RTL – Wir helfen Kindern eV“ in den vergangenen 22 Jahren zusammengebracht, wobei RTL der größte Einzelzahler ist. 231 Absolventen hat die RTL-Journalistenschule ins Berufsleben geschickt, ob im eigenen Haus, bei den Öffentlich-Rechtlichen oder jenseits dessen. Rund 700 Journalisten arbeiten an fast 30 Standorten im In- und Ausland für die Mediengruppe RTL. Aber ich bin überzeugt: Gesellschaftlicher Nutzen lässt sich nicht allein in Zahlen messen und wird auch, aber längst nicht nur innerhalb von Definitionen erbracht, die in Sachen „Public Value“ inzwischen einige Jahrzehnte alt sind.

medienpolitik.net: Es gibt einen leistungsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bei dem gegenwärtig über einen zeitgemäßen Auftrag diskutiert wird. Warum ist gesellschaftliche Relevanz für Sie ein Thema?
Hoffmann: Aus verschiedenen Gründen. Erstens: Weil wir uns als Unternehmen und insbesondere als Massenmedium unserer Verantwortung bewusst sind und meiner Überzeugung nach eine Haltung haben sollten. Nicht im parteipolitischen Sinne, im Gegenteil: Politisch und wirtschaftlich unabhängig, mit Blick auf das, was für die Menschen Relevanz hat. Im Journalistischen heißt das: Fakten beschreiben, Einordnung liefern und Meinung deutlich kennzeichnen, wenn wir sie zum Besten geben. Aber Relevanz findet eben nicht nur im Informationsbereich statt, sondern auch in der Unterhaltung. Dort treffen wir – mein zweiter Punkt – auf die Interessen unseres Publikums. Denn hier sind auch gerade die Formate erfolgreich, die für Entspannung sorgen – und dennoch relevant sind: „GZSZ“ beschäftigte sich gerade über viele Folgen mit dem Thema Mobbing, „Alles was zählt“ mit Organspende. Kaum ein Format ist kulturell so divers wie „DSDS“ mit Blick auf Kandidaten aus aller Herren Länder. Allesamt übrigens Sendungen, die beim jungen Publikum überdurchschnittlich stark sind. Und schließlich – Punkt drei – sind wir mit genau dieser Programm-Philosophie erfolgreich, beim Publikum ebenso wie wirtschaftlich. Public und Shareholder Value lassen sich somit in bestimmten Bereichen gut miteinander verbinden.

medienpolitik.net: Hat der Vertrauensverlust der Medien auch mit einer zu geringen Relevanz im Gesamtangebot, nicht nur in Nachrichten und journalistischen Formaten, zu tun?
Hoffmann: Ich glaube nicht. Aus meiner Sicht ist die hiesige Medienlandschaft in Sachen Angebotsvielfalt noch immer herausragend. Gleichzeitig müssen wir uns als Macher kritischen Fragen stellen, selbst wenn wir es gewohnt sind, diejenigen zu sein, die fragen. Miteinbeziehen sollte man bei der Betrachtung auch, dass Misstrauen gegen Medien von interessierten Seiten sehr gezielt geschürt wurde und wird. Unsere Antwort bleibt die gleiche: Sachlich berichten und verständlich einordnen, Kommentare deutlich kennzeichnen – sodass sich der Nutzer seine eigene Meinung bilden kann. Aber auch: Transparenter werden in unserem eigenen Tun – oder eben Herausforderungen entgegentreten wie etwa der gezielten Verbreitung von Fake News oder Desinformation im Netz. Um diesen nicht aufzusitzen, haben wir vor inzwischen rund zwei Jahren entsprechende Verifizierungseinheit gegründet. Letztlich ist das Trennen von Wahrem und Unwahrem seit jeher Kern journalistischer Arbeit. Aber es ist schwieriger denn je.

medienpolitik.net: Seit zwei Jahren befassen sich die Länder intensiv mit einer möglichen Veränderung des Auftrags der öffentlich-rechtlichen Sender. Wünschen Sie sich manchmal eine ebenso große Aufmerksamkeit durch die Politik?
Hoffmann: Ich denke, mehr Aufmerksamkeit für unsere Programme selbst wäre durchaus lohnend für den einen oder anderen, der unsere Angebote nur vom Hörensagen kennt. Wir brauchen ein klares politisches Bekenntnis auch zur privaten Seite im dualen System. Unerlässlich ist auch mehr Aufmerksamkeit für die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten – im Vergleich zu den allseits bekannten internationalen Playern. Unser Standpunkt ist klar: Entweder vergleichbare Regulierung für alle Marktteilnehmer, oder eben keine. Nur so funktioniert Wettbewerb, dessen Nutznießer am Ende der Verbraucher ist. Ansonsten ist es mit der zuvor beschriebenen Medienvielfalt irgendwann vorbei. Dort, wo wir als lineare audiovisuelle Medien besonders hoch reguliert bleiben, muss auch der Zugang und die Auffindbarkeit unserer Angebote gewährleistet sein, namentlich bei Nachrichten oder den Regionalprogrammen. Nicht zu verwechseln ist diese Betrachtung der heutigen Schieflage im Wettbewerb etwa mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Hier muss jedes Medium und jede Gattung die eigenen Hausaufgaben machen.

medienpolitik.net: Inwieweit würden Sie davon überhaupt profitieren, wenn ARD und ZDF ihr Unterhaltungs- und Sportangebote reduzieren müssten?
Hoffmann: Wir schauen einen Hauch differenzierter auf das öffentlich-rechtliche Thema als aus reiner und unmittelbarer Wettbewerbssicht. Denn wir sind ja bekanntlich generelle Befürworter des dualen Systems. Insofern geht es auch vielmehr darum, welche Bereiche bei ARD und ZDF womöglich selbst profitieren würden, wenn die Kollegen in den von Ihnen genannten Genres weniger dominant wären: Es dürften ruhig ein bisschen mehr Bildung und Kultur sein. Von Quotenfixierung eher gelöst vorzugsweise am Hauptabend und nicht an den Rändern des Programms oder im xten Nischenangebot. Genau dafür ist nach unserem Verständnis die Beitragsfinanzierung gedacht. Und genau hier braucht es aufgrund der bislang unzureichenden Eigeninitiative der Sender selbst die längst überfällige Präzisierung des Auftrags durch die Politik.

medienpolitik.net: Wie bewusst planen Sie Inhalte, egal in welchem Format, die gesellschaftlich relevante Themen und Fragen reflektieren?
Hoffmann: Unser journalistisches Verständnis habe ich beschrieben, innerhalb der Mediengruppe RTL umgesetzt in täglich 15 Stunden Liveprogramm, davon allein fünf Stunden News und Magazine bei RTL. Wenn Sie jenseits dessen Programm aus und für die Lebenswelt vieler Menschen machen wollen, was seit jeher unser Anspruch ist, dann landen Sie sehr bald bei genau den Themen, die relevant für die Zuschauer sind. Das Bemerkenswerte daran ist jedenfalls aus Sicht durchaus kritischer Betrachter wie Journalisten von zuletzt FAZ oder WamS: Die Selbstverständlichkeit oder auch Leichtigkeit, mit der wir Relevantes auch unterhaltsam verpacken: Das in der Jury einer großen Unterhaltungs-Showreihe wie „Let´s Dance“ nur Juroren sitzen, die ihre Wurzeln nicht in Deutschland haben, ist Fakt, spielt aber in der Sendung keinerlei Rolle. Gleiches gilt für den Mix an Kandidaten bei DSDS. Auch beim RTL-Serienklassiker „Alarm für Cobra 11“ ist der Hauptcharakter auch in seiner Rolle der Herkunft nach Türke. Oder nehmen Sie die Tatsache, dass uns bei RTL zumeist Frauen als Moderatorinnen die Welt erklären. RTL steht für Diversität.

medienpolitik.net: Sie verstärken seit einigen Jahren die Eigenproduktionen, der Eigenanteil liegt in der Primetime inzwischen bei 80 Prozent. Haben Ihnen Netflix & Co Dampf gemacht?
Hoffmann: Die Strategie, verstärkt in eigene Inhalte zu investieren, verfolgen wir seit 2014. Bereits damals war der Anteil an Eigenproduktionen vergleichsweise hoch, ist aber seitdem nochmals deutlich gewachsen. Treiber der Entwicklung war damals zunächst die Feststellung, dass US-Fiction in der Primetime bei einem großen Sender wie RTL, aber auch VOX an Strahlkraft verlor. Hierfür brauchten wir Alternativen, die wir möglichst selbst in der Hand haben wollten. Hinzu kam der Aspekt der Rechteverwertung. Neben dem Inhalt selbst wollten wir nicht länger von Dritten abhängig sein bei der Frage, welches Programm wir auf welcher unserer Plattformen zuerst zeigen, ob im Free TV linear, non-linear oder auch im Pay TV. Die Exklusivität von Inhalten ist zum maßgeblichen Unterscheidungsmerkmal im Wettbewerb um die Zuschauer geworden.

medienpolitik.net: Wie zahlt sich diese Strategie für RTL aus?
Hoffmann: Die Rechnung geht auf! Überall dort, wo wir in Abstimmung mit den Produktionsfirmen redaktionellen Einfluss haben, sind wir zumeist überdurchschnittlich erfolgreich. Aufbau und Pflege erfolgreicher Programmmarken, seitjeher eine Disziplin, die wir sehr gut beherrschen, wird angesichts der Vielfalt heutiger Angebote und Inhalte immer aufwendiger. Daher ist uns der Mix so wichtig: Aus etablierten Formaten in Verbindung mit neuen. Denn starke, bekannte Marken helfen mit, neue anzuschieben. So haben wir allein in diesem Frühjahr fünf fiktionale Primetime-Serien in die Verlängerung geschickt. Nicht überall ist das Potenzial bereits ausgeschöpft. Aber wir glauben fest an die Teams vor und hinter der Kamera – und haben den Atem, den es braucht.

medienpolitik.net: Dennoch scheinen Sie bei High-End-Serien zögerlich zu sein. Wurmt es Sie nicht, dass Sky und die ARD mit „Babylon Berlin“ so einen großen Erfolg haben?
Hoffmann: Im Gegenteil: Grundsätzlich ist es gut für unsere Kreativindustrie, deren Teil wir sind, Erfolge zu haben – und dann gern auch zu feiern. Das gilt für tolle Serien wie „Bad Banks“ und sicher auch für die beeindruckende Serie „Babylon Berlin“. Jenseits dessen ist „High End” im engeren Sinne jedenfalls im Free TV nicht unser Geschäft, weil thematisch meist zu nischig und für einen privaten Sender kaum refinanzierbar.

medienpolitik.net: Fiktionale Angebote tragen besonders zur Markenbildung und Publikumsbindung bei. Lohnt sich dafür nicht auch ein größeres Risiko?
Hoffmann: Unbedingt. Genau dieses Risiko gehen wir ein, etwa dann, wenn wir neben bereits etablierten täglichen und wöchentlichen Serien bei uns fünf weitere, zumeist neue in die Verlängerung schicken. Denn fiktionale Serien gehören zu den teuersten Programmen und lassen sich bei uns meist erst mit der Wiederholung refinanzieren, in den allerseltensten Fällen bereits mit der Erstausstrahlung. Dieses Risiko liegt ausschließlich beim Sender. Und genau dieses Risiko gehen wir bewusst ein, denn anders als die Kollegen von ARD und ZDF werden wir nach Erfolg bezahlt.

medienpolitik.net: Werden Sehgewohnheiten nicht zunehmend von den Plattformen, von YouTube, Netflix, Amazon geprägt? Welche Chance haben Sie dagegen mit Innovationen und kreativen Erzählweisen?
Hoffmann: Wir beobachten seit Jahren, dass die non-lineare Nutzung insbesondere beim jüngeren Publikum steigt. Deshalb haben wir vor inzwischen über zehn Jahren RTLNOW gestartet, unser Video on Demand Angebot. Inzwischen aggregieren wir unter der Dachmarke TVNOW alle VoD-Plattformen der Mediengruppe RTL – und gehen mit einem Relaunch im Winter und TVNOW-Eigenproduktionen nun den nächsten Schritt. Insofern bieten wir beides: Linear und non-linear, wobei wir weiterhin den Mainstream adressieren und unsere Zuschauer in die non-lineare Welt begleiten wollen. Dabei setzen wir auf originäre, exklusive Inhalte, aus denen wir echte Programmmarken entwickeln, ob in der Unterhaltung, dem Sport oder der Information.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt Ihre Online-Plattform TVNow für die Reichweite ihrer Angebote? Steigt die Nutzung signifikant?
Hoffmann: Sie steigt. Aktuell liegen wir bei bis zu fünf Millionen Unique User pro Monat. Das Erfreuliche daran: Wir erreichen zusätzliche Zuschauer, im Schnitt zehn Jahre jünger als im linearen TV. Im besten Fall läuft es wie bei GZSZ, unserer täglichen Serie am Vorabend mit rund 3 Millionen Zuschauern: Zuletzt konnten wir den Zuspruch des linearen Publikums halten oder sogar ausbauen, während GZSZ auch bei TVNOW zu den meistabgerufenen Angeboten zählt. Insofern ist der deutliche Ausbau von TV NOW, vorangetrieben durch das Team um RTL interactive-Chef Jan Wachtel, wesentlicher Bestandteil unserer gemeinsamen Strategie.

medienpolitik.net: Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm wirbt für eine europäische Plattform, auch mit Inhalten von privaten Anbietern. Ist das für Sie von Interesse, hier vielleicht mehr Zuschauer zu erreichen als mit TVNow?
Hoffmann: Wir haben viel Erfahrung gesammelt und sind jetzt mit den eigenen Planungen für den nächsten Schritt recht weit. Auch haben wir genügend originäre Inhalte und Rechte, die es dafür braucht – und weitere in der Pipeline. Insofern legen wir los. Gleichzeitig sind wir offen für Gespräche und Konstellationen, die unserem Geschäftsmodell entsprechen.

Der Beitrag wurde in promedia Heft 12-2018 erstveröffentlicht.

Print article