Rundfunk:

„Beim ZDF gibt es keine Pläne für einen UHD-Regelbetrieb“

von am 05.09.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Technik

<h4>Rundfunk: </h4>„Beim ZDF gibt es keine Pläne für einen UHD-Regelbetrieb“
Dr. Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF

ZDF: 360 Grad und Virtual Reality

05.09.16 Interview mit Dr. Andreas Bereczky, Produktionsdirektor des ZDF

Das ZDF hatte von den Olympischen Spielen in Rio neben dem klassischen non-linearen Fernsehbild mit bis zu sechs parallelen Livestreams und einem umfangreichem Video-Angebot, das ebenfalls über Smart-TV abgerufen werden konnte, berichtet. Zu den Neuheiten zählte Olympia in 360 Grad und in Virtual Reality. Mit der App „Olympia in 360 Grad mit dem ZDF“ konnten die Sommerspiele intensiver erlebt werden: Neben der Eröffnungs- und Schlussfeier gab es jeden Tag ausgewählte Wettkämpfe live in 360 Grad und in Virtual Reality (VR), ebenso die Highlights als Abrufvideo. Das 360-Grad-Angebot war auch ohne VR-Brille nutzbar. PC, Tablet und Smartphone machten den Rundum-Blick ebenfalls möglich. In einem Gemeinschaftsprojekt mit der ARD wurden an jedem Wettkampftag bis zu sechs parallele Livestreams aus Rio angeboten, die meisten mit Kommentar. Während das Hauptprogramm über die Highlights berichtete, gab es im Livestream zahlreiche Wettkämpfe und Spiele in voller Länge.

medienpolitik.net: Herr Bereczky, das ZDF zeigte von den Olympischen Spielen jeden Tag ausgewählte Wettkämpfe live in 360 Grad und in Virtual Reality (VR). Was glauben Sie wie viele Zuschauer das bereits nutzen können?

Dr. Andreas Bereczky: Die zusätzlichen Angebote in 360 Grad und VR von den Olympischen Spielen wurden von unseren Zuschauern sehr gut angenommen. Der Markt bietet ja schon Produktionen in beiden Technologien und es lässt sich eine stetig wachsende Nutzeranzahl für diese neuen Angebote beobachten. Bundle-Angebote von Smartphone Herstellern (Smartphone plus Brille) als auch ein moderater Einstiegspreis von unter 100 EURO tun ein Übriges für die steigende Nutzung.

medienpolitik.net: Was wird im ZDF bereits alles in VR 360 Grad produziert?

Dr. Andreas Bereczky: Einiges, allerdings eignen sich nicht alle Produktionen und jede Szene für diese Technologien, zumal man diese ja auch nur mit dem Hilfsmittel der VR-Brille wahrnehmen kann. Deshalb werden entweder nur Clips oder auch ausgewählte Szenen innerhalb einer längeren Sendung so produziert. Geeignete Szenen lassen sich gut in Dokumentationen, aber durchaus auch in Serien finden (z.B. landschaftliche Einstellungen oder auch spannungsgeladene Szenen). Deshalb hat das ZDF bereits zwei Folgen des Formats „Terra X“, nämlich „Vulkane“ und „Das Geheimnis der Wolfskinder“ (Sendetermin: 25. September um 19:30 Uhr) mit VR-Elementen produziert, die dann über die ZDF Mediathek abrufbar sind.

medienpolitik.net: Wie viel höher ist der technische Aufwand gegenüber „klassischem“ 3D?

Dr. Andreas Bereczky: Mittlerweile werden für VR und 360 Grad eigentlich nur noch zwei Kameras und die dazugehörigen „Fischaugenobjektive“ benötigt. Damit erhält man ein komplettes 360 Grad-Bild. Die hierbei entstehende Verzerrungen und Überlappungen werden durch eine geeignete Software in Echtzeit korrigiert/herausgerechnet. Der zugehörige Fachbegriff hierzu lautet „Image Stitching“, also die Bilder aus mehreren Teilen zusammenfügen.

medienpolitik.net: Hat der Fernseher damit als Abspielgerät ausgedient?

Dr. Andreas Bereczky: Nein, hat er definitiv nicht. VR 360 Grad und gegebenenfalls auch weitere neue Produktionsformen sind „Over The Top“-Zusatzangebote, die in der Regel individuelle Hilfsmittel benötigen (z.B. Brille) und die damit kein gemeinschaftliches Erlebnis bieten. Es handelt sich hierbei also immer um ein „add on“ zum linearen TV-Programm, das über das Internet – aus der Mediathek – bei Bedarf abgerufen werden kann. Der Fernseher im Wohnzimmer wird uns also auch in Zukunft erhalten und auch das meistgenutzte Gerät beim Fernsehkonsum bleiben.

medienpolitik.net: Wie sieht die weitere VR-Strategie des ZDF aus?

Dr. Andreas Bereczky: Für ausgesuchte Sendungen werden wir zu den unter der zweiten Frage genannten Produktionen auch weitere Szenenausschnitte in VR produzieren, die vornehmlich für die Nutzung mit der VR-Brille gedacht sind. Die Nutzung eines Hilfsmittels wie der VR-Brille stellt aber immer eine Einschränkung dar. Prinzipiell lässt sich die Technik aber auch dazu nutzen, am normalen Bildschirm eine Auswahl des Bildausschnitts per Cursor der Fernbedienung vorzunehmen. Hier sitzt man dann zwar nicht mehr mitten im Geschehen wie bei der Brillennutzung, aber man kann sich den persönlich gewünschten Ausschnitt aus einem 360 Grad Rundumbild selbst aussuchen. Auch auf diesem Gebiet experimentiert das ZDF derzeit gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut.

medienpolitik.net: Sky startet im Herbst einen Ultra-HD-Kanal. Ist Ultra HD für das ZDF ein Thema für die nächsten fünf Jahre? Bei der KEF haben Sie meiner Meinung nach dafür nichts angemeldet?

Dr. Andreas Bereczky: Beim ZDF gibt es derzeit keine konkreten Pläne einen UHD-Regelbetrieb zu starten. Wir sehen hier derzeit auch keinen Druck, denn die Standardisierung von UHD 1, Phase 2 – die auch Elemente wie High Dynamik Range (HDR), Wider Color Gamut (WCG) und weitere Features enthält – ist noch nicht endgültig abgeschlossen. Erst wenn dies erfolgt ist, kann man über weitere Schritte einer Bildverbesserung nachdenken, die dann auch Planungs- und Investitionssicherheit für die Zukunft bietet. Bis dahin werden unsere gut produzierten HD-Programme auf UHD-TV-Geräten übrigens auch in exzellenter Qualität wiedergegeben.
Im Bereich der Auftragsproduktionen werden allerdings bereits heute einige Sendungen, z.B.  „Der Bergdoktor“ und „Die Bergretter“ in UHD gedreht, ausgestrahlt werden diese Folgen allerdings nach wie vor im HD-Format 720p/50.

medienpolitik.net: Mit welchen Mehrkosten wären Ultra-HD-Produktionen verbunden?

Dr. Andreas Bereczky: Die genauen Mehrkosten sind derzeit nicht genau quantifizierbar, klar ist allerdings, dass für UHD die gesamte Produktionsinfrastruktur ausgetauscht werden muss. Das bedeutet für einen großen Sender wie das ZDF, dass dies aufgrund erforderlicher hoher Investitionen nur im Rahmen von Ersatz- und Ergänzungsinvestitionen über einen mehrjährigen Zeitraum möglich sein wird, so wie seinerzeit auch beim Umstieg von SD auf HD.

medienpolitik.net: Die gfu hat gemeldet, dass im Zusammenhang mit der Fußball-EU mehr Fernseher und dabei auch mehr TV-Geräte mit Ultra-HD verkauft worden sind. Fernseher ohne entsprechende Inhalte machen nicht viel Sinn. Stehen hier nicht die Inhalteanbieter – und erst Recht das öffentlich-rechtliche Fernsehen – unter Innovationsdruck?

Dr. Andreas Bereczky: Ein klares Nein. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird über die Haushaltsabgabe finanziert, deshalb wird erst in neue Technik investiert, wenn entsprechende Planungssicherheit gegeben ist. Erst nach Abschaltung der SD-Verbreitung kann über eine Ausstrahlung in einer neuen Technologie nachgedacht werden. Drei parallele technische Ausstrahlungen des gleichen Inhalts sind nicht finanzierbar und machen letztendlich auch keinen Sinn.

medienpolitik.net: Wird inzwischen beim ZDF eigentlich alles, das neu produziert wird in HD produziert?

Dr. Andreas Bereczky: Alle neuen Produktionen im ZDF erfolgen im hochauflösenden HD-Standard, das gilt allerdings nicht für Archivmaterial, welches natürlich vor einer Ausstrahlung hochkonvertiert werden muss.

medienpolitik.net: Sie boten aus Rio auch wieder Livestreams an. Wie ist hier die Nutzung? Nimmt das Streamen des ZDF-Angebotes insgesamt zu?

Dr. Andreas Bereczky: Die Online-Berichterstattung des ZDF stieß auf großes Interesse, im Mittel wurden in der ersten Olympiawoche täglich ca. 2 Millionen Visits täglich registriert.  Die Erfahrung aus den vorangegangenen Großevents, zu denen auch Livestreams angeboten wurden, zeigt, dass diese immer sehr gut angenommen und auch genutzt wurden, z.B. bei vergangenen Olympischen Spielen sowie Fußball WM- und EM. Die Nutzung der ZDF-Onlineangebote steigt seit Jahren.

medienpolitik.net: Im März nächsten Jahres soll der Umstieg auf DVB-T2 erfolgen. Wie ist das ZDF darauf vorbereitet?

Dr. Andreas Bereczky: Das ZDF ist darauf bestens vorbereitet. Bereits seit Juni 2014 findet mit allen Marktbeteiligten der Abstimmungsprozess für den Umstieg von DVB-T auf DVB-T2 an dem durch die Landesmedienanstalten moderierten „Runden Tisch DVB-T2“ statt. Ein gemeinsames Projektbüro von ARD, Medienanstalten, Mediengruppe RTL Deutschland, ProSiebenSat.1 Media AG, VPRT und ZDF begleitet den Umstieg auf DVB-T2 HD kommunikativ. Das Informationsportal www.dvb-t2hd.de dient dabei der Bereitstellung aller relevanten Informationen zu den bevorstehenden Änderungen im digital-terrestrischen Antennenfernsehen.
Seit dem 31. Mai 2016 wird in ausgewählten Ballungsräumen bereits ZDF HD – zusätzlich zur bestehenden DVB-T Verbreitung –  über DVB-T2 HD in „full HD“ (1080p) Format ausgestrahlt. Am 29. März 2017 beginnt dann in zahlreichen Ballungsräumen der Regelbetrieb von DVB-T2 HD. Das ZDF wird dann mit seinem kompletten Programmbouquet aus ZDF HD, ZDFneo HD, ZDFinfo HD, KiKA HD und 3sat HD vertreten sein. Gleichzeitig endet in den jeweiligen Regionen die DVB-T Ausstrahlung.

medienpolitik.net: Werden alle ZDF-Angebote unverschlüsselt bleiben?

Dr. Andreas Bereczky: Es gibt keine Pläne, ZDF-Inhalte in Zukunft zu verschlüsseln.

medienpolitik.net: Wie relevant ist für das ZDF angesichts von Live-Streams, der Mediathek, der Kabel- und Satellitenverbreitung DVB-T2 als Übertragungsweg? Oder ist es nur eine politische Entscheidung, um einen unabhängigen Weg offen zu halten?

Dr. Andreas Bereczky: Die Terrestrik mit ihrer nahezu flächendeckenden Versorgung,  geringen Zugangsbarrieren und dem Alleinstellungsmerkmal des portablen und mobilen Empfangs hat für das ZDF eine hohe Relevanz und stellt auch zukünftig einen wichtigen Beitrag im Wettbewerb der Verbreitungswege als auch zur Erfüllung des Grundversorgungsauftrags dar. DVB-T2 bietet eine verbraucherfreundliche, technisch einfache und kostengünstige Alternative für den Empfang von TV-Inhalten. Die Unabhängigkeit des Übertragungsweges von den Interessen Dritter (Kabelnetz- oder Satellitenbetreiber) spielt für das ZDF eine hohe strategische Rolle.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/16 erstveröffentlicht.

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