Rundfunk:

„Der Programmmix ist unsere Stärke“

von am 29.09.2016 in Allgemein, Archiv, Interviews, Medienwirtschaft, Rundfunk

<h4>Rundfunk: </h4>„Der Programmmix ist unsere Stärke“
Frank Hoffmann, RTL-Senderchef

RTL will noch mehr in eigene, exklusive Inhalte investieren

29.09.16 Interview mit Frank Hoffmann, Programmgeschäftsführer RTL Television

RTL investiert weiter in neues Programm. „Wir starten mit mehr als 20 neuen Formaten in die kommende Saison“ kündigte Frank Hoffmann, Programmgeschäftsführer RTL Television, bei der Präsentation der kommenden Programmhighlights in Hamburg an. „Denn wir sind mehr denn je davon überzeugt, dass eigene Inhalte der Schlüssel zum Erfolg bleiben werden.“ Der Sender will den Abstand zu den privaten Wettbewerbern ausbauen und sich unabhängiger von US-Fiction machen, die für Zuschauer im hiesigen Markt an Attraktivität nachgelassen habe. Dazu Frank Hoffmann in einem medienpolitik.net-Gespräch: „Wir sind der Privatsender, der die mit Abstand meisten Menschen erreicht. Auf eigenproduzierte Formate setzen wir verstärkt, da sie uns klare Kontur geben, wir entscheiden können, wie wir programmieren und wo wir wann auch online auswerten.“

medienpolitik.net: Herr Hoffman, was erwartet heutzutage der Zuschauer von RTL?

Frank Hoffmann: Unterhaltung, die berührt. Information, die einordnet, was in der Welt und vor der eigenen Haustür passiert. Lebenshilfe und Service, aber auch die Möglichkeit, die Fragen des Alltags einfach mal zu vergessen.

medienpolitik.net: Sie haben ein wachsendes Bedürfnis nach Eskapismus ausgemacht, andererseits gehört ein großer Teil Ihrer Formate zum Bereich Real Life. Ist das nicht ein Widerspruch? Heißt es künftig bei RTL: Fantasy versus Real Life?

Frank Hoffmann: Wir sind breit aufgestellt: Neben den großen Shows und fiktionalen Events wie „Winnetou“, neben Nachrichten, Magazinen und den attraktivsten Sportarten im TV gehören auch Comedy und das Genre Real Life fest zum Programm. Und dabei geht es eben nicht um ´entweder oder´. Wir setzen bewusst auf Vielfalt, um möglichst viele Zuschauer zu erreichen. Warum? Weil sich jeder auch noch so am Weltgeschehen Interessierte mal entspannen und zurücklehnen möchte.

medienpolitik.net: Real Life ist ein Genre, das einige Wandlungen durchgemacht hat. Welchen Anforderungen müssen angesichts veränderter Zuschauergewohnheiten diese Real-Life-Formate heutzutage entsprechen?

Frank Hoffmann: Sie müssen, wie jedes andere Genre auch, für die Zuschauer in ihrer aktuellen Verfasstheit relevant sein. Wenn unser Reporter Jenke von Wilmsdorf ein Drogen-Experiment macht, fast vier Millionen Zuschauer einschalten und der Marktanteil bei den ganz jungen Zuschauern auf über 25 Prozent klettert, dann haben wir offensichtlich einen Nerv getroffen. Wenn wir dann auch noch eine öffentliche Diskussion zum Thema lostreten und die für uns zuständige Landesmedienanstalt schließlich attestiert, dass das Experiment die „Risiken ausführlich und eindringlich darstellt“, haben wir das richtige Gespür bewiesen und einen guten Job gemacht. Aber auch in unserem neuen Format „This time next year“ (AT), in dem nach BBC-Vorlage Menschen innerhalb eines Jahres dabei begleitet werden, ihren Lebenstraum zu erfüllen – oder mit Formaten wie „Ein Koffer voller Geld“, bei dem Hartz 4 Empfänger ihre Jahresbezüge auf einmal bekommen, um sich eine Existenz aufzubauen, wollen und müssen wir relevant sein für unser Publikum. Doch auch in diesem Genre gibt es neben thematisch ernsthafteren Ansätze immer wieder auch die leichte Note wie etwa beim „Bachelor“.

medienpolitik.net: Im November sind die Wahlen in den USA und im September nächsten Jahres in der Bundesrepublik. Wie wird RTL die Zuschauer auf diese wichtigen politischen Ereignisse einstimmen?

Frank Hoffmann: Wir werden umfangreich berichten, bei RTL ebenso wie beim Schwestersender n-tv. Es ist unser Anspruch, neben bester Unterhaltung ebenso zu informieren. Unsere Sonderprogrammierungen rund um den Amoklauf in München haben bestätigt, dass wir grad für junge Zuschauer erste Adresse sind, wenn es darum geht, über Wichtiges informiert zu werden. In der Politikberichterstattung werden wir, auch mit Blick auf die Wahlen bei uns im kommenden Jahr, noch stärkeren Fokus darauf legen, unseren Zuschauern eine Stimme zu geben. Wir werden die Politiker gerade auch mit den Fragen konfrontieren, die unsere Zuschauer besonders bewegen. Für Details zur konkreten Programmplanung ist es jedoch noch zu früh.

medienpolitik.net: Sie haben jüngst in Hamburg angekündigt, den Abstand zu den anderen privaten TV-Sendern weiter auszubauen und wollen dafür vor allem auf eigene Formate setzen. Welche Formate sind das vor allem?

Frank Hoffmann: Nicht einzelne Formate oder Genres, sondern ihr Mix ist unsere Stärke. Wir wollen in allen wesentlichen Genres die Nummer 1 sein bzw. bleiben. Wir sind der Privatsender, der die mit Abstand meisten Menschen erreicht. Auf eigenproduzierte Formate setzen wir verstärkt, da sie uns klare Kontur geben, wir entscheiden können, wie wir programmieren und wo wir wann auch online auswerten. Und weil sie uns weiter unabhängig machen von US-Fiction, die für Zuschauer im hiesigen Markt an Attraktivität einfach nachgelassen hat, nicht nur bei uns.

medienpolitik.net: Wenn eigene Inhalte, wie Sie sagen, der Schlüssel zum Erfolg sind, heißt das, dass Sie 2016/2017 mehr in das Programm investieren?

Frank Hoffmann: Aus unserem Sitcom-Pitch mit lokalen Produzenten sind allein 4 neue Serien entstanden, die wir ab Anfang kommenden Jahres zeigen werden. Bekannt ist auch, dass wir hochattraktive Sportrechte an den Übertragungen weiterer 28 Spiele der deutschen Nationalelf zwischen 2018 und 2022 erworben haben, denn wir denken längerfristig. Jetzt haben wir insgesamt sechs Piloten nach unserem jüngsten Serien-Pitch in Produktion gegeben. Und selbst im zurückliegenden Sommer haben wir mit Neustarts wie „Ninja Warrior Germany“ einen Hit gelandet, der ebenso fortgesetzt wird das neue Quiz „500 – Die Quiz-Arena“. All das geht nicht ohne beherzte Investitionen ins Programm und die feste Überzeugung, mit der Umsetzung von mehr eigenen Inhalten den strategisch richtigen Weg zu gehen.

medienpolitik.net: Sie haben nach einem Serien-Pitch sechs Serienstoffe zur Pilot-Produktion in Auftrag gegeben. Bedeutet das u.U. auch sechs neue Serien, wenn die Piloten erfolgreich sind?

Frank Hoffmann: Wir sind fest davon überzeugt, Piloten mit Hitpotenzial dabei zu haben. Wir freuen uns über jede neue Serie, die wir nach erfolgreicher Ausstrahlung des Piloten etablieren können. Nur müssen wir auch realistisch sein. Nicht nur aus dem amerikanischen Markt wissen wir, dass weniger als die Hälfte der Pilotfolgen tatsächlich in Serie geht. Und davon wiederum schafft es nur rund jede zweite in eine weitere Staffel. Aber das ist letztlich Alltag in einem kreativen Geschäft wie unserem. Wir können bestmögliche Voraussetzungen für Erfolge schaffen, aber planbar sind sie deshalb nicht.

medienpolitik.net: Wie transparent ist RTL bei der Auftragsvergabe von solchen Eigenproduktionen? Haben auch jüngere Produzenten die Chance mit zu pitchen?

Frank Hoffmann: Unbedingt. Beim Sitcom-Pitch wurden über 300 Konzepte eingereicht, aus denen wir ausgewählt haben. Bei den Serien waren es über 80 Einreichungen. Wir freuen uns, wenn bestehende Produktions-Partner und Autoren auf diesem Wege neue Ideen entwickeln ebenso wie natürlich auch solche, mit denen wir noch nie gearbeitet haben. Nur so kommen wir programmlich voran. Um den Austausch mit den hiesigen Kreativen zu verstärken haben wir übrigens genau aus diesem Grund bereits vor rund zwei Jahren die Veranstaltungsreihen „Created by …“ und Produced by …“ ins Leben gerufen, interne Workshops, zu denen wir Autoren und Produzenten einladen, um über Stoffe zu diskutieren ebenso wie über die Bedürfnisse der Zuschauer und um gemeinsam den Blick ins Ausland zu werfen. Zusätzlich arbeiten wir im Rahmen von Nachwuchs-Programmen mit allen größeren Filmhochschulen des Landes zusammen, um den kreativen Nachwuchs und Austausch zu fördern.

Der Beitrag wurde in der promedia-Ausgabe 09/16 erstveröffentlicht.

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