Rundfunk:

„Das Netz funktioniert völlig anders“

von am 28.11.2016 in Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

<h4>Rundfunk:</h4> „Das Netz funktioniert völlig anders“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF-Intendant fordert Änderung des Telemedienauftrages

28.11.16 Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Die Sendungen des ZDF träten in der Cloud in unmittelbare Konkurrenz zu zahllosen anderen Bewegtbild-Angeboten. „Wenn wir unseren Programmauftrag auch in dieser neuen Medienwelt erfüllen sollen, müssen wir uns dort auch bewegen können“, so der Intendant des ZDF, Dr. Thomas Bellut, in einem medienpolitik.net-Gespräch. Die ZDF-Mediathek sei gerade erst auf den neuesten Stand gebracht worden, hinzu käme der Start von „Funk“. Damit komme das ZDF den veränderten Nutzungsgewohnheiten entgegen, die von Videoplattformen wie Youtube oder Amazon geprägt würden. „Nichtsdestotrotz benötigen wir für die Zukunft weitere Spielräume im Netz. Uns ist dabei bewusst, dass das nicht zu einer Belastung für die Höhe des Rundfunkbeitrags führen darf“, betont der ZDF-Intendant. Das Netz funktioniere völlig anders als das lineare Fernsehen. Deshalb sollten die öffentlich-rechtlichen Online-Angebote redaktionell veranlasst sein und nicht in erster Linie starr vorgegebenen Schemata folgen.

medienpolitik.net: Herr Bellut, das ZDF hat 2015 eine eigene Strategiedebatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Zeiten der Medienkonvergenz angestoßen. Was verstehen Sie unter einer Neuausrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Dr. Thomas Bellut: Die Rahmenbedingungen haben sich für alle Medien durch die Digitalisierung radikal verändert. Es geht darum, wie wir unseren Programmauftrag auch in Zukunft erfüllen können. Das lineare Fernsehen ist zwar nach wie vor das Leitmedium. Aber darauf können wir uns nicht ausruhen, sondern müssen genau schauen, was sich vor allem bei den jungen Menschen verändert. Unser traditionelles Verständnis von Fernsehen muss sich weiterentwickeln, weil sich die Technologie und mit ihr das Verhalten des Publikums ändern. Fernsehen umfasst inzwischen deutlich mehr als das klassische Fernsehen im Wohnzimmer. Fernsehen kann man heute linear und non-linear über alle Endgeräte, die über einen Internetzugang verfügen. Vor allem jüngere Menschen nutzen Fernsehen so, wie es in der jeweiligen Situation für sie am einfachsten und komfortabelsten ist über Smartphone, Tablet und Smart-TV. Sie wollen auch andere, den neuen technischen Möglichkeiten angepasste Inhalte. Die Autoren des Gutachtens „Legitimation und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Zeiten der Cloud“ sprechen in diesem Zusammenhang von ‚Cloud-TV‘, weil der Content einfach über eine App von gigantischen Datenspeichern irgendwo auf der Welt linear und non-linear abgerufen werden kann. Unsere Sendungen treten dort in unmittelbare Konkurrenz zu zahllosen anderen Bewegtbild-Angeboten. Wenn wir unseren Programmauftrag auch in dieser neuen Medienwelt erfüllen sollen, müssen wir uns dort auch bewegen können.

medienpolitik.net: Das ZDF ist abhängig von den Rahmenbedingungen, die die Politik setzt. Welche Schlussfolgerungen würden Sie für die Politik aus dem Gutachten „Legitimation und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Zeiten der Cloud“ ableiten, um diese Neuausrichtung zu realisieren? Ist der 12. RÄStV überholt?

Dr. Thomas Bellut: Die Professoren Dörr, Holznagel und Picot unterbreiten den Ländern in ihrem Gutachten eine ganze Reihe von konkreten Änderungsvorschlägen an der Telemedienbeauftragung der öffentlich-rechtlichen Sender, damit sie ihre Funktion auch in Zeiten von Cloud-TV erfüllen können. Die Vorschläge der Gutachter umfassen unter anderem Öffnungen bei den Verweildauern, beim Verbot, angekaufte Spielfilme und Serien in die Mediatheken zu stellen, bei der Erstellung von Inhalten gezielt für das Netz sowie beim Auftritt auf Drittplattformen wie Facebook, Twitter, Intergram und anderen. Die Entwicklung ist dabei aber schon über einige der Reglungen aus dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag, der 2009 in Kraft getreten ist, hinweggegangen. Die Gutachter weisen aus meiner Sicht zu Recht darauf hin, dass viele Beschränkungen ihren Schutzzweck verloren haben oder ihn in der Realität nicht erfüllen. Sie nutzen stattdessen vor allem US-amerikanischen Unternehmen wie Netflix oder Amazon. Die Medienbeauftragte des Vorsitzlandes der Rundfunkkommission, Heike Raab, und der Chef der Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt, Rainer Robra, haben bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin erklärt, dass die Länder planen, den Telemedienauftrag von ZDF, ARD und Deutschlandradio bis Herbst nächsten Jahres an die Bedingungen der neuen Medienwelt anzupassen. Es wurde deutlich, dass die Länder in ähnlicher Richtung denken und einen großen Teil der Vorschläge aufgegriffen haben.

medienpolitik.net: Welche Konsequenzen ergeben sich für das ZDF? Welchen Beitrag kann und muss das ZDF selbst für eine Neuausrichtung leisten?

Dr. Thomas Bellut: Wir haben uns auf die neuen Herausforderungen eingestellt und werden das auch weiterhin tun. Mit dem Ausbau der Spartenkanäle ZDFneo und ZDFinfo haben wir wieder deutlich jüngere Zuschauer für das ZDF gewonnen. Die ZDF-Mediathek wurde gerade erst wieder auf den neuesten Stand gebracht. Hinzu kommt der Start von Funk. Damit kommen wir den veränderten Nutzungsgewohnheiten entgegen, die von Videoplattformen wie Youtube oder Amazon geprägt werden. Nichtsdestotrotz benötigen wir für die Zukunft weitere Spielräume im Netz. Uns ist dabei bewusst, dass das nicht zu einer Belastung für die Höhe des Rundfunkbeitrags führen darf.

medienpolitik.net: Das Gutachten empfiehlt, dass Mediatheken „zu einem eigenständigen, vom linearen Programm unabhängigen Angebot ausgebaut“ werden sollen. Wie wichtig ist diese Überlegung für die Zukunftsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Dr. Thomas Bellut: Das Angebot unserer Mediathek ist noch eingeschränkt. Die Inhalte sind eng an das lineare Fernsehen gebunden und zeitlich befristet. Das Publikum versteht nicht, dass interessante und relevante Videos verschwinden müssen, weil vorgegebene Fristen abgelaufen sind. Die Medienpolitik hat aber längst verstanden, dass das nicht mehr zeitgemäß ist. Serien und Filme, die aus dem Ausland kommen, dürfen heute überhaupt nicht online angeboten werden. Selbst dann nicht, wenn die Sender die Rechte dafür haben. Das passt immer weniger zu der Art, wie Menschen heute fernsehen, über das Internet und auf Abruf. Die Länder haben genau deshalb beim jungen Angebot „Funk“ gänzlich von einem linearen Programm als Ausgangspunkt abgesehen. Das Netz funktioniert nun einmal völlig anders. Deshalb sollten die öffentlich-rechtlichen Onlineangebote nach meiner Überzeugung redaktionell veranlasst sein und nicht in erster Linie starren vorgegebenen Schemata folgen.

medienpolitik.net: Wie programmunabhängig ist bereits die neue ZDF-Mediathek, die kürzlich gestartet worden ist?

Dr. Thomas Bellut: Die neue ZDF Website – es handelt sich ja um eine Fusion der früheren ZDF.de und der Mediathek – ist eine technische Neuentwicklung. An den Inhalten selbst haben wir nichts verändert. Die Plattform macht allerdings deutlich, dass wir in erster Linie auf Bewegtbild setzen. Das ist unsere Kernkompetenz und das unterscheidet uns von vielen Wettbewerbern.

medienpolitik.net: „Funk“ ist bereits programmunabhängig. Ist es ein Modell für eine grundlegende Veränderung des ZDF?

Dr. Thomas Bellut: Es ist zumindest der Hinweis darauf, dass sich klassische Medien im Netz anders aufstellen müssen als in ihren traditionellen Erscheinungsformen. Das wird übrigens ganz besonders bei den Zeitungen und Zeitschriften sichtbar. Auf deren Online-Seiten werden zunehmend audiovisuelle Inhalte präsentiert, die früher die Domäne des Fernsehens waren. Der Chef von „Bild“- Online hat vor kurzem schon mal angekündigt, dass sein Portal das klassische Fernsehen mit ‚Live-TV‘ in sozialen Netzwerken angreifen will. Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs. In ein paar Jahren wird man sich darüber wundern, wie lange man an alten Formen festgehalten hat, die so gar nicht mehr in die digitale Medienwelt passen.

medienpolitik.net: Welche Priorität hat „Funk“ für das ZDF?

Dr. Thomas Bellut: „Funk“ ist eine wichtige Ergänzung der bestehenden Angebotspalette. Damit schließen wir die Lücke zwischen dem KiKA und den jüngeren Digitalangeboten ZDFneo und ZDFinfo. „Funk“ ist auch ein Labor für uns. Wir machen dort Erfahrungen im Umgang mit neuen Formen der Informationsvermittlung und der Unterhaltung. Wir können dort mit Formaten und Protagonisten arbeiten, zu denen wir vorher keinen Zugang hatten.

medienpolitik.net: Wenn man nach 5 Jahren Bilanz ziehen würde, was müsste mit „Funk“ erreicht worden sein?

Dr. Thomas Bellut: Ich will weder das Angebot noch die Macher mit detaillierten Zielvorgaben belasten. So funktioniert das nicht. Ich habe eben von einem Labor gesprochen. Darin soll experimentiert werden. Ich bin zufrieden, wenn wir neue Zugänge zu den jüngeren Menschen in unserer Gesellschaft finden. Wenn es uns gelingt, mit öffentlich-rechtlicher Qualität in der Flut von Netzangeboten neue Standards zu setzen.

medienpolitik.net: Welche Relevanz hat für Sie die jüngste Entscheidung der MPK, den Beitrag nicht weiter abzusenken?

Dr. Thomas Bellut: Es ist eine politische Entscheidung mit dem Ziel, eine größere Anhebung in der übernächsten Beitragsperiode zu verhindern. Die Mehreinnahmen gehen in eine Rücklage, die dann ab 2021 beitragsmindernd aufgelöst wird. Sie werden also den Beitragszahlern nicht weggenommen, wie einige Zeitungskommentatoren gemutmaßt haben.

medienpolitik.net: Die KEF geht von einem Mehrbedarf ab 2021 von 2,8 Mrd. Euro aus. Als „Gegenleistung“ für keine Absenkung des Beitrages „erwarten die Länder strukturelle Anpassungen, um die Beitragsstabilität auch langfristig zu sichern“. Welche Vorstellungen bestehen beim ZDF für solche strukturellen Anpassungen?

Dr. Thomas Bellut: Ich habe nicht den Eindruck, dass es hier um Leistung und Gegenleistung geht. Die Länder denken darüber nach, wie die Beitragsstabilität auch durch Einsparungen und Synergien – etwa durch mehr Kooperationen innerhalb der ARD und auch mit dem ZDF – gestützt werden kann. Wir haben bereits bewiesen, dass wir dazu in der Lage sind. Ich denke an die exzellente Zusammenarbeit bei Großereignissen und beim Sport. Parallelübertragungen etwa von Adelshochzeiten haben wir vor langer Zeit beendet. In unserer Organisation arbeiten wir an strukturellen Veränderungen. Wir bauen bis Ende 2020 rund 10 Prozent unseres Personals ab, was erhebliche Einsparungen erbringt. Wir sind gerade dabei die für 3sat und Arte zuständige Direktion aufzulösen und die Aufgaben in genreorientierten Plattform-Hauptredaktionen zu integrieren. Im nächsten Jahr werden verschiedene Zuschauerservices in eine Tochtergesellschaft ausgelagert. Und nicht zu vergessen, vor ein paar Wochen haben wir unseren Digitalsender ZDFkultur abgeschaltet. Für zusätzliche Kooperationen zwischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten müssen aber auch die gesetzlichen, insbesondere kartellrechtlichen Voraussetzungen vorliegen. Der Regierungsentwurf zur aktuellen Novelle des Wettbewerbsgesetzes sieht hier für Verlage erstmals weitreichende Ausnahmen vom Kartellverbot vor. Diese Regelung muss inhaltsgleich auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk erstreckt werden, um politisch gewollte Einsparungen durch Kooperationen zwischen den Anstalten unter Wahrung des notwendigen publizistischen Wettbewerbs überhaupt realisieren zu können.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie mehr Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit der ARD?

Dr. Thomas Bellut: Wir haben es ja nicht mit der einen ARD zu tun, sondern mit neun sehr eigenständigen Landesrundfunkanstalten. Diese werden sicher untereinander mehr kooperieren müssen. Dazu braucht es gemeinsame Standards. Unabhängig davon prüfen wir aber, auf welchen Feldern auch jetzt schon sinnvolle Kooperationen zwischen der ARD möglich sind. Ein Beispiel ist etwa der Betrieb von Rechenzentren für die Unterstützung der IT-Systeme. Man könnte auch bei den Einnahmen etwas verbessern. Wenn wir etwa unsere Onlineinhalte auf Drittplattformen wie z.B. YouTube verbreiten wird dort Werbung geschaltet. An den Einnahmen dürfen wir aber nicht beteiligt werden. Das könnte man leicht ändern.

medienpolitik.net: Welcher Zeitraum für strukturelle Veränderungen ist real?

Dr. Thomas Bellut: Wenn es etwas bringen soll, muss man das in längeren Zeiträumen betrachten. Gerade das eben genannte Beispiel der IT ist nicht nur unter zeitlichen Aspekten alles andere als trivial.

medienpolitik.net: Bei ihrem Vorschlag zu einer Fusion von ARD und ZDF rechnet die CSU mit Jahrzehnten. Die Medienwelt wandelt sich sehr schnell. Wäre eine solche Forderung dann so unvorstellbar?

Dr. Thomas Bellut: Die Formulierung im neuen CSU-Programm lautet: Zusammenlegung unter einem Dach. Gleichzeitig heißt es dort auch, die Programmvielfalt solle erhalten bleiben. Das sind widersprüchliche Ziele. Deutschland hat aus historischen Gründen eine sehr besondere Medienlandschaft. Es ist doch gerade der ständige Wettbewerb zwischen ZDF und ARD um die beste Sendung, die besten Protagonisten, die für hohe Standards und Qualität sorgt. Dies gilt ganz besonders für die gesellschaftlich relevanten Bereiche Information, Bildung, Kultur und fiktionales Fernsehen aus Deutschland. Das sind Genres, aus denen sich die privaten Sender aus nachvollziehbaren betriebswirtschaftlichen Gründen weitgehend zurückgezogen haben. Hier stehen die öffentlich-rechtlichen Sender nahezu allein im publizistischen Wettbewerb. Vielfalt und Meinungspluralität kann man hier nur über den Qualitätswettbewerb zwischen ARD und ZDF erreichen. Nach der letzten Landtagswahl in Berlin hat eine Zeitung ernsthaft kritisiert, dass bei der Wahlberichterstattung von ARD und ZDF jedenfalls überwiegend die gleichen Politiker zu Wort kamen. Einige meinten sogar, es würde doch ausreichen, wenn nur noch ARD oder ZDF von den Landtagswahlen berichten würden. Was der Kritiker nicht verstanden hat ist, dass es bei uns eben nicht nur einen Sender gibt, der die Deutungshoheit besitzt und der alleine auswählt, wen er befragt und wen nicht. In der Zeitungslandschaft mag sich niemand vorstellen wie es wäre, wenn es nur noch einen Verlag gäbe, beim Leitmedium Fernsehen aber offenbar schon.

medienpolitik.net: Es gibt vom ZDF den Vorschlag eines Index-Modells für die Beitragsanpassung. Wo liegen die Vorteile?

Dr. Thomas Bellut: Das Index-Modell ist ein Vorschlag der ARD. Wir sind grundsätzlich offen für Überlegungen über eine Modernisierung des KEF-Verfahrens. Dabei darf die KEF in ihrer unabhängigen Rolle aber nicht beschädigt werden. Ein gewissermaßen automatisiertes Verfahren wäre nicht sachgerecht.

Der Beitrag ist eine Vorveröffentlichung aus dem promedia-Heft 12/16.

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