„Atemlos“

von am 10.01.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienpolitik, Medienwirtschaft

„Atemlos“
Dr. Christoph E. Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen

Trotz vieler Erfolge, steigender Förderung und besserer Verwertungsbedingungen ist die Lage der Filmwirtschaft labil

07.01.2019. Interview mit Dr. Christoph E. Palmer, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Produzentenallianz

Deutschen Film- und Fernsehproduzenten ist es in jüngster Zeit mehrfach gelungen, national und international für Aufmerksamkeit zu sorgen. Dazu gehören Serien wie „Babylon Berlin“, „Bad Banks“, „Ku’damm 59“, „Weissensee“, „Deutschland‘86“,Dark“, aber auch Kinofilme wie „Werk ohne Autor“, „Ballon“, „Gundermann“, „Der Vorname“ oder „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Die deutsche Produktionslandschaft ist vielfältiger und internationaler geworden. Die jüngst abgeschlossene Produzentenstudie 2018 der Hamburg Media School kommt zum Ergebnis, dass sich der Anteil von Unternehmen mit einer negativen und prekären Umsatzrendite gegenüber der ersten deutschen Produzentenstudie von 2011/12 fast halbiert hat, sich hingegen der Anteil der Unternehmen mit einer Umsatzrendite zwischen 5 Prozent und 10 Prozent nahezu verdoppelt hat.Trotz dieser positiven Entwicklung gelingt es den Produktionsbetrieben in aller Regel nicht Eigenkapital in nennenswertem Umfang aufzubauen, das für eine gesunde Struktur der Unternehmen notwendig wäre“, so Dr. Christoph Palmer in einem medienpolitik.net-Gespräch. Die Produzenten verfügten über zu wenig oder keine Rechte, weshalb sie in der atemlosen Projektarbeit gebunden seien. Deshalb gehört zu den nächsten Zielen der Produzentenallianz einen funktionierenden Zweitverwertungsmarkt für Fernsehproduktionen zu unterstützen und die Förderbedingungen für Kinofilme weiter zu verbessern.

medienpolitik.net: Herr Palmer, 2018 war aus meiner Sicht ein Pro-Produzentenjahr: Mehr Fördermittel vom Bund und den Ländern, erweiterte Rechteteilung zwischen ARD und Produzenten, novellierte EU-Urheberrechtsrichtlinie, Netflix muss laut EUGH für Filmnutzung zahlen. Was fehlte Ihnen noch zu Ihrem Glück?

Palmer: 2018 bestand die Produzentenallianz zehn Jahre. Mit ein wenig Stolz können wir auf eine eindrucksvolle Kette von Erfolgen und Verbesserungen schauen. Einiges davon haben Sie benannt. Hinzufügen könnte ich stabile Tarifverträge, gemeinsame Vergütungsregeln mit Autoren, Regisseuren, Kameraleuten, Abbildung der Kalkulationsrealität und von neuen Rechtemodellen mit ARD und ZDF, Kompromisse im europäischen Urheberrecht, mehr Transparenz bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Festzuhalten ist, dass eine einheitliche, starke Stimme der deutschen Produzentenschaft notwendig war. Denn es bestand und besteht Nachholbedarf für die Produktionsbedingungen in unserem Land. Jahrzehnte war nicht viel passiert und selbstverständlich bleiben auch eine Reihe unserer Forderungen noch unerfüllt. Nach wie vor gelingt es den Produktionsbetrieben in aller Regel nicht, Eigenkapital in nennenswertem Umfang aufzubauen, das für eine gesunde Struktur der Unternehmen notwendig wäre. Grund hierfür sind zum einen die nicht auskömmlichen Margen aufgrund der Budgetzwänge der Sender, zum anderen bei Fernsehproduktionen ein fehlender Zweitverwertungsmarkt. Die Produzenten verfügen trotz Verbesserungen über zu wenig oder keine Rechte, deshalb sind sie in der atemlosen Projektarbeit gebunden. Für die Entwicklungsarbeit fehlen in aller Regel die Ressourcen. Eine gesunde Wirtschaftsstruktur sieht anders aus. Was die kurzfristigen Themen betrifft: Wir setzen uns für eine Verstärkung der Serienförderung in Deutschland ein, halten es für notwendig, dass die Förderinstrumentarien des DFFF flexibilisiert und mit dem GMPF gegenseitig deckungsfähig gemacht werden. Wir schauen mit besonderer Sorgfalt auf die Produktionsbedingungen im Kino. Und unlängst haben vor dem FFA Verwaltungsrat unser stellvertretender Vorsitzender Uli Aselmann und Janine Jackowski vom VDFP detailliert nachgewiesen, wie schwierig das Produzieren für das Kino ist. Unterhalb von Gesetzesänderungen wäre schon durch die Veränderung von Richtlinien vieles möglich, das muss jetzt angegangen werden.

medienpolitik.net: Die Produzenten erwirtschaften zwei Drittel ihrer Umsätze mit Aufträgen von ARD und ZDF. Bedeutet das, dass die von den Sendern geforderte Erhöhung des Beitrages auch automatisch zu einer Umsatz- und Gewinnerhöhung bei den Produzenten führt?

Palmer: Die Budgets für ARD und ZDF sind durch die Eckpunktepapiere auskömmlicher geworden. Hier hat es eine deutliche Verbesserung gegeben. Die jüngst abgeschlossene Produzentenstudie 2018 der Hamburg Media School (mit Gold Media), kommt zum Ergebnis, dass sich der Anteil von Unternehmen mit einer negativen und prekären Umsatzrendite gegenüber der ersten deutschen Produzentenstudie von 2011/12 fast halbiert hat, hingegen der Anteil der Unternehmen mit einer Umsatzrendite zwischen 5 Prozent und 10 Prozent sich nahezu verdoppelt wurde. Das beweist, nachhaltige und zähe Arbeit im Interesse der Produktionsbetriebe wirkt sich aus. Aber natürlich ist es in der einzelnen Kalkulationsbesprechung für Produzenten manchmal schwierig, die in den Eckpunkten festgelegten Kalkulationspositionen 1:1 umzusetzen. So werden z.B. in manchen Fällen Rechtsberatungskosten nicht anerkannt, obwohl alle Welt weiß, dass ohne solide Rechtsberatung erfolgreiches Produzieren nicht möglich ist.

medienpolitik.net: Die Länder sind sich noch nicht einig, wie es mit dem Auftrag und dem Rundfunkbeitrag ab 2021 weitergeht. Ist es aus Ihrer Sicht für die Filmwirtschaft „egal“ ob Indexierung und Flexibilisierung oder bisheriges Modell der Beitragsfestsetzung, wenn der Beitrag steigen würde?

Palmer: Wir sind nicht auf ein bestimmtes Modell fixiert, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist mit den KEF-Berichten und Empfehlungen eigentlich ganz gut gefahren. Es war ein objektives und nachvollziehbares Verfahren. Nicht zu verkennen ist freilich, dass das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, insbesondere in den ostdeutschen Landtagen, unter Akzeptanzschwierigkeiten leidet. Der Pferdefuß im Rundfunkstaatsvertragsrecht ist die Einstimmigkeit durch alle Landesregierungen und alle Landesparlamente hindurch. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Vorteile der Automatik eines Indexierungsverfahrens sehen, das der Inflationsrate folgt. Würde man das System umstellen auf die Indexierung ist natürlich der Basiswert als Ausgangswert entscheidend. Zu beachten ist allerdings auch, dass Programminvestitionen, wie wir sie mit Länderhilfe und der Vereinbarung mit den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der letzten Rundfunkgebührenperiode als Sonderprogrammittel bei der KEF erreichen konnten – um die Verbesserungen der Eckpunkte umzusetzen – dann kaum mehr möglich wären. Daher wäre es bei der Umstellung auf ein Indexmodell notwendig, das Programmbudget rechtlich anzusetzen.


medienpolitik.net: Sie haben rechtzeitig davor gewarnt, dass eine Fokussierung des Auftrages zu einer Reduzierung des Anteils an Unterhaltung, inkl. fiktionaler Produktionen führen könnte. Nun sagt ein aktuelles Gutachten, dass die Länder den Programm- und auch Budgetanteil für bestimmte Bereiche festlegen dürfen. Sollten die Länder diesen Schritt bei fiktionalen Produktionen gehen? Sollten sie generell solche Festlegungen treffen?

Palmer: Es ist unsere feste Überzeugung, gestützt auch auf die ständige, gefestigte Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, das der Unterhaltungsauftrag des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks nicht von seinem Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag zu trennen ist. Wie wollen sie die einzelnen Elemente trennscharf auseinanderdefinieren? Sind Serien wie „Weissensee“, „Ku`damm“, „Charitè“, „Bad Banks“, nur gelungene Unterhaltung oder auch zeitgeschichtliche Information und dienen sie der Bildung der unterschiedlichen Generationen? Das Gleiche gilt etwa für Dokudramas, ich habe im Augenblick den „Kaisersturz“ im ZDF aus Anlass des 100jährigen Jubiläums im Blick. Sprechen wir von einer Kultursendung, einer Informationssendung, einem zeitgeschichtlichem Dokumentationsformat, trägt es zur Bildung bei oder ist es legitim, bei einer 90minütigen Sendung dieser Art mit entsprechender Relevanz für das Publikum auch die Unterhaltung im Blick zu haben? Es gibt nun auch keine verbindliche Kulturdefinition. Ich habe es immer mit Thomas Manns umfassendem Bekenntnis gehalten: „Kultur ist ein Ausdruck humaner Lebensgestaltung“. Die Kraft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besteht in seinem umfassenden Abbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit, das nicht verengt oder in Nischen abgetrennt werden darf. Aus diesem Grund stehen wir eindeutig gegen den Wegfall der Unterhaltung aus dem öffentlich-rechtlichen Auftrag.


medienpolitik.net: Die Sender stellen immer mehr Inhalte schon vor der linearen Ausstrahlung online, die Mediatheken haben steigende Abrufzahlen. Sie haben den Telemedienauftrag kritisiert, weil er die Verwertungsinteressen der Produzenten nicht berücksichtigt. Aber ist es nicht positiv, wenn deutsche Online-Nutzer zunehmend deutsche Produktionen Online nutzen und damit eine Nachfrage erzeugen?
Palmer: Gegen die zunehmende Online-Nutzung auch für deutsche Produktionen ist natürlich gar nichts einzuwenden. Das lineare Fernsehen behält seine Bedeutung, aber Streaming und die Mediathekennutzung werden selbstverständlich immer stärker. Uns geht es entweder um die angemessene Partizipation der Produzenten an diesem Verwertungsweg, beileibe nicht um die Verhinderung der Online-Nutzung. Der gedeckelte Gewinnaufschlag, den das ZDF für vollfinanzierte Produktionen ist ein behutsamer Anfang. Oder um eine faire Begrenzung von Verweildauern in den Mediatheken, wenn die Mediathekenauswertung andere Auswertungen stört, die der Produzent braucht, um bei ihm verbliebene Rechte zu refinanzieren. Hier ist das sogenannte Schichtenmodell der ARD ein beachtlicher Schritt in die richtige Richtung. Und besonders sensibel ist hier natürlich der Kinofilm, bei dem der Produzent auf werthaltige Verwertungsmöglichkeiten, der nicht auf den co-produzierenden Sender angewiesen ist.


medienpolitik.net: Netflix hat gerade verkündet, fünf weitere neue deutschsprachige Produktionen in Auftrag zu geben. Das läuft doch für die deutschen Produzenten?

Palmer: Die Netflix-Ankündigung freut uns in der Tat sehr. Andere Online-Plattformen sind auch schon im Auftragsmarkt unterwegs oder stehen vor dem Einstieg. Die Auftragsvergabe in unserem Land pluralisiert sich dadurch, zu ARD und ZDF, RTL und ProSieben/SAT1, einigen Spartensendern und Pay-TV tritt mit den Plattformen nun eine neue, innovative Auftraggeberschaft hinzu. Wir hoffen, dass diese auch faire und angemessene Produktionsbedingungen in den Verträgen abbilden. Das wird zu beobachten sein. Natürlich bemühen wir uns auch darum, mit den Plattformen ins Gespräch zu kommen, um die Spezifika der deutschen Situation zu erläutern.

medienpolitik.net: Nun plant der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm eine europäische Plattform, die eine Konkurrenz zu Netflix& Co. sein soll, aber vor allem vorhandene Inhalte anbieten soll. Können Sie dieser Idee etwas Positives abgewinnen?

Palmer: Als Akt der europäischen Selbstbehauptung, als Manifestation europäischer Identität gegenüber den amerikanisch verantworteten Plattformen ist der Vorschlag von Intendant Ulrich Wilhelm eine ebenso sympathische wie perspektivische Idee. Es ist sehr mutig und kreativ von ihm, hier voran zu gehen. Für die deutsche Produktionswirtschaft ist auch hier jedoch entscheidend, wie ihre Produktionen bei der Einstellung auf einer solchen europäischen Plattform honoriert werden. Für uns müssen Fragen beantwortet werden wie: Ist eine weitere Vermarktung möglich auf anderen Plattformen mit entsprechenden Erlösen? Wird Exklusivität erwartet? Wie gestalten sich die Vertriebskanäle? Also ganz viele Fragen im Detail sind zu diskutieren, sofern denn aus der Idee überhaupt eine Konkretisierung erwächst.


medienpolitik.net: Die VoD-Nutzung von „Babylon Berlin“ oder „Bad Banks“ sind Beispiele, wie sich die Mediennutzung wandelt. Welchen positiven Effekt könnten diese Erfolge für die deutsche Filmwirtschaft haben?

Palmer: Der Stellenwert der deutschen Serie hat auch durch die Veränderung der Mediennutzung eine markante Aufwertung erfahren. Die Exportfähigkeit der Serien wird verstärkt, es verbreitert die Erzählsprache und regt viele Firmen in unserem Land an, dem Erfolgsbeispiel der ersten Serienproduzenten zu folgen. Insgesamt erwarte ich eine weitere Intensivierung von Ideen und Stoffen. Gleichzeitig darf nicht aus dem Auge verloren werden, dass für viele Produktionen ja andere traditionelle Verwertungsmöglichkeiten wie etwa über DVD wegbrechen. Hier muss ein Weg gefunden werden, durch angemessene Honorierungen der neuen Ausspielwege einen Ausgleich zu schaffen.

medienpolitik.net: Sehen Sie diese Serieneuphorie und die zunehmende Förderung von Serien zulasten von Kinofilmen möglicherweise auch kritisch?

Palmer: Die Serienförderung durch den GMPF ist gegenüber der Kinofilmförderung in Deutschland im Augenblick noch ein sehr zartes Pflänzchen. Auch zeigen die Pläne für die neuen, international vermarktbaren Serien, dass der Topf des GMPF nicht ausreichend dotiert ist. Auch in den Länderförderungen ist die Serienförderung eher „add-on“. Verdrängungseffekte sehe ich derzeit nicht.

medienpolitik.net: Die Zahl der Videotheken hat sich innerhalb eines Jahres von 900 auf 600 verringert
Vor zehn Jahren waren es 3.000. Droht den Kinos die gleiche Entwicklung?

Palmer: Von einem schlechten Kino-Jahr 2018 sollten wir bitte noch keine Rückschlüsse auf eine markante Reduktion der Kino Relevanz ziehen. Die Videotheken hatten ein Geschäftsmodell, das Mediatheken und Streaming „nicht vorgesehen“ hat. Hier haben sich die Verbreitungswege revolutioniert. Das Kino folgt ganz anderen Gegebenheiten. Im Laufe seiner über hundertjährigen Geschichte ist es oftmals für tot erklärt worden. Das visuelle Erleben, das Gemeinschaftsgefühl im Kino, die Exklusivität der Stoffe im Filmtheater sprechen dafür, dass das Kino als Abspielort noch sehr lange seine Bedeutung behält.


medienpolitik.net: Inwieweit kann und muss das „Zukunftsprogramm Kino“ diese Entwicklung abbremsen?
Palmer: Wir sind wie die Kinobetreiber offen für ein Zukunftsprogramm Kino des Bundes und der Länder und haben die Verankerung im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien in Berlin begrüßt. In den Erlebnisraum Kino muss immer wieder neu investiert werden. Wir sind gespannt, wie die konkrete Ausgestaltung des Zukunftsprogramms Kino aussehen wird.


medienpolitik.net: Das „Zukunftsprogramm Kino“ ist das zweite nationale Förderprogramm für Kinos innerhalb von wenigen Jahren. Wird das Kino zur Dauerbaustelle?
Palmer: Vergleichen Sie das Kino mit der Theaterförderung in Deutschland. Auch die Theater sind in einem permanenten Veränderungsprozess. Das Sprech- und Musiktheater wird mit hohen Investitionen seiner Träger zeitgemäß ausgerichtet und erreicht begeisterte Zuschauerinnen und Zuschauer. Deshalb sind Investitionen in die Filmtheater eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Der Unterschied zu den meisten Theatern in Deutschland ist, das jene nicht privatwirtschaftlich, sondern öffentlich getragen und finanziert werden, während die Filmtheater weitüberwiegend privatwirtschaftlich organisiert sind. Dass hier die öffentliche Hand unter die Arme greift ist legitim und gerade zur Erhaltung einer vielfältigen Kinolandschaft in der Fläche notwendig. Gesamtpolitisch sprechen wir von der Stärkung der ländlichen Räume, um ausgewogene Lebensbedingungen in unserem Land zu gewährleisten und zu verhindern, dass bestimmte Landschaften „abgehängt“ werden. Das betrifft dann auch den Kulturträger Kino Das Kino darf nicht nur in den Metropolen spielen.


medienpolitik.net: Die Verleiher fordern eine deutliche Erhöhung der Vermarktungsförderung. Ist die Vermarktung das Hauptproblem deutscher Filme?
Palmer: Die schon angesprochene neue Produzentenstudie 2018 weist nach, dass die Zahl der erstaufgeführten deutschen Kinolangfilme von 2007 176 Filme auf 247 Filme im Jahr 2017 angewachsen ist, weit überproportional dabei die Dokumentarfilme. Mittlerweile sprechen wir von durchschnittlich fünf deutschen Kinostarts in einer Woche. Die Wahrnehmbarkeit von Filmen ist dadurch viel schwieriger geworden, natürlich auch die Refinanzierung. Andererseits hat auch der Marktanteil der deutschen Filme zugenommen und haben sie sich in vielen Jahren zur Stütze gerade der Arthouse-Kinos entwickelt. Die Vermarktung von Filmen war immer eine zentrale Komponente, doch wird sie etwa durch Social-Media-Aktivitäten und Influencer-Kampagnen auch noch differenzierter. Es gilt also, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Produktions- und Vertriebsförderung zu bewahren. Hierzu bedarf es sicher noch grundlegender Diskussionen.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit dem 90. Geburtstag von Günter Rohrbach wurde auch ein Blick auf die Liste seiner zeitgeschichtlich aktuellen, sehr politischen, Filme geworfen. Die Liste der in diesem Jahr gestarteten deutschen Film ist in dieser Beziehung beliebiger. Kann es gelingen, das Kino zu retten, ohne die gesellschaftliche Relevanz der deutschen Filme zu erhöhen?
Palmer: Die Themen und Sujets des Kinofilms werden zum Glück nicht vom Staat oder von Verbänden bestimmt, sondern von engagierten Kreativen, die die Trends der Zeit erspüren und filmisch umsetzen. Es gab immer eher unterhaltende und eher politische Zeiten im Film, in aller Regel existieren aber die Erzählmotive parallel. Die gesellschaftliche Relevanz des deutschen Films sehe ich nicht als gefährdet an. Gerade aus dem jungen deutschen Film werden aktuell – etwa aus Hof – spannende neue Tendenzen und Sichtweisen berichtet.

Der Beitrag wurde in promedia Heft 12/2018 erstveröffentlicht


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