„Weg von Sender- hin zu Plattformlogiken“

von am 21.01.2019 in Archiv, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk

„Weg von Sender- hin zu Plattformlogiken“
Prof. Dr. Leonhard Dobusch, Universität Innsbruck

Öffentlich-rechtliche Medien: Herstellung digitaler Öffentlichkeit als Chance und Aufgabe begreifen

21.01.2019. Interview mit Prof. Dr. Leonhard Dobusch, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck

Prof. Dr. Leonhard Dobusch, österreichischer Organisationsforscher und Mitglied des ZDF-Fernsehrates, fordert, dass öffentlich-rechtliche Medien die Herstellung digitaler Öffentlichkeit als Chance und Aufgabe begreifen und entsprechend handeln sollten. So sollten sich ARD und ZDF Inhalten jenseits der öffentlich-rechtlichen Anstalten öffnen, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechen. „Dazu zählt auch die Frage, ob es nicht längst eine öffentlich-rechtliche Aufgabe ist, eine Plattform auch für nicht-profitorientierte Inhalte von Beitragszahlenden und damit eine Alternative zu profit-orientierten Plattformen wie YouTube zu bieten.“ Allerdings sollte zuerst eine starke, öffentlich-rechtliche Plattform etabliert werden, bevor dann über etwaige Kooperationen mit privaten Anbietern diskutiert werden könne.

medienpolitik.net: Herr Dobusch, sowohl die öffentlich-rechtlichen Sender als auch die Politik bemühen sich, das Profil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu stärken. Wenn Sie eine Prognose wagen: Reicht die Fokussierung des Auftrages in Verbindung mit dem Telemedienauftrag aus, um die Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den nächsten Jahren zu verbessern?

Dobusch: Über weite Strecken sind sowohl die Neufassung des Telemedienauftrags als auch die geplante Fokussierung des öffentlich-rechtlichen Auftrags immer noch dominiert von einem linearen Rundfunkverständnis. Das zeigt sich zum Beispiel daran, wenn weiterhin am Konzept des „Sendungsbezugs“ festgehalten wird, auch wenn man auf das Wort selbst verzichtet. Auch, dass es weiterhin Depublizierungspflichten geben wird, ist angesichts des Aufstiegs nicht-linearer Angebote grundfalsch. Das Problem ist, dass jetzt die Weichen für die Legitimität öffentlich-rechtlicher Angebote der Zukunft gestellt werden müssten, weg von Sender- hin zu Plattformlogiken. Das passiert bislang aber bestenfalls ansatzweise.

medienpolitik.net: Sie haben eine öffentlich-rechtliche Plattform mit allen öffentlich-rechtlichen Angeboten anstelle von 13 Mediatheken vorgeschlagen. Was versprechen Sie sich davon? Alle ZDF-„Familien“-Angebote befinden sich auf einer Plattform und die ARD hat auch eine neue gestartet?

Dobusch: Zunächst liegt bei mir die Betonung auf Plattform. Und eine Plattform bedeutet eben, sich für Inhalte jenseits der öffentlich-rechtlichen Anstalten zu öffnen, die dem öffentlich-rechtlichen Auftrag entsprechen. Dazu zählt auch die Frage, ob es nicht längst eine öffentlich-rechtliche Aufgabe ist, eine Plattform auch für nicht-profitorientierte Inhalte von Beitragszahlenden und damit eine Alternative zu profit-orientierten Plattformen wie YouTube zu bieten.

Im Übrigen geht es mir vor allem um eine Konsolidierung der Entwicklungskosten bei den Mediatheken, am besten auf einer gemeinsamen Open-Source-Softwarebasis sowie auf den Aufbau gemeinsamen Nutzungsdatenbanken. Nur so kann man im Plattformzeitalter konkurrenzfähig mit kommerziellen Plattformen bleiben.

medienpolitik.net: Sie fordern dafür eine eigene „Intendanz“. Also eine zusätzliche öffentlich-rechtliche Programmdirektion, wenn im Gegensatz zu FUNK keine eigenen Inhalte produziert werden sollen?

Dobusch: Derzeit ist es so, dass die Online-Angebote öffentlich-rechtlicher Medien mehr oder weniger Anhängsel oder Zweitverwertungen des dominanten linearen Programms sind. Dementsprechend hinken sie hinter kommerziellen, von vornherein online konzipierten Angeboten wie Netflix, YouTube oder ähnlichen hinterher. Die Ausnahme ist das zitierte Jugendangebot FUNK, bei der man sich von vornherein nur auf das Online-Angebot konzentriert hat und sich damit sehr gut behauptet. Allerdings läuft FUNK quasi ausschließlich über die großen, kommerziellen Plattformen und damit in einem fragwürdigen Umfeld aus Clickbait und Desinformation.

Eine Internetintendanz würde sich dem Beispiel FUNK folgend auch von Anfang an nur um nicht-lineare Angebote kümmern, würde Kuratierung von Drittinhalten als neue Aufgabe bekommen sowie die wettbewerbliche Vergabe von Mitteln für Produktion von Inhalten im öffentlich-rechtlichen Auftrag und gemeinwohlorientierte Medieninnovationen.

medienpolitik.net: Bedeutet eine einheitliche Plattform von ARD und ZDF nicht durch die Hintertür das Ende von zwei öffentlich-rechtlichen Sendern/Anstalten/Angeboten und damit eine Angebotsreduzierung?

Dobusch: Eine einheitliche Plattform muss und soll nicht das Ende von verschiedenen unabhängigen Redaktionen und Programmverantwortlichen bedeuten. Auch auf einer einheitlichen Plattform kann und wird es – redaktionell betreute – Portale geben. Hinzu kommt, dass eine echte öffentlich-rechtliche Plattform etwas Neues wäre, das weder YouTube noch Netflix gleicht, beziehungsweise gleichen kann. Wie genau so etwas aussieht, welche Algorithmen für so eine Plattform entwickelt werden sollen, das wäre dann genau die Aufgabe der Internetintendanz das zu klären.

medienpolitik.net: Sie plädieren dafür, dass die Plattform auch Inhalte von nichtkommerziellen Partnern wie Museen und Universitäten sowie von Nutzerinnnen- und Nutzer-Beiträge erhält. Damit dürfte diese Plattform nicht mehr aus dem Rundfunkbeitrag bezahlt werden. Wer soll das Projekt finanzieren?

Dobusch: Für eine Internetintendanz müssten ohnehin zunächst die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Und das Angebot von digital-öffentlichen Räumen für die Beitragszahlenden sowie die Kuratierung von Drittinhalten sollte klarerweise elementarer Bestandteil entsprechender Gesetzgebung sein.

medienpolitik.net: Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm will noch einen Schritt weitergehen und auch private Medienunternehmen mit einbinden. Also müsste die Plattform auch kommerzielle Angebote bieten, sonst würden sich die privaten Medien schaden. Ist das realistisch und für private Medien attraktiv?

Dobusch: Ich kann verstehen, dass ARD-Vorsitzender Wilhelm die Privaten von Anfang an mit ins Boot holen und damit erwartbarer Kritik von deren Seite den Wind aus den Segeln nehmen möchte. Dennoch bin ich skeptisch, ob der Aufbau einer öffentlich-rechtlichen Plattform, die ihre Existenzberechtigung ja gerade wegen der Differenz zu primär profit-orientierten Plattformen hat, gemeinsam mit primär profit-orientierten Anbietern gelingen kann. Umgekehrt sollte zuerst eine starke, öffentlich-rechtliche Plattform etabliert werden, bevor dann über etwaige Kooperationen mit privaten Anbietern diskutiert werden kann.

medienpolitik.net: Der Telemedienauftrag soll im Mai nächsten Jahres in Kraft treten. Wann ist die nächste Novellierung fällig?

Dobusch: Am besten sollte sofort nach der Verabschiedung mit Diskussionen über die nächste Novellierung des Telemedienauftrags begonnen werden.

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