„Digitale Mündigkeit statt Manipulation“

von am 06.02.2019 in Archiv, Digitale Medien, Interviews, Jugendmedienschutz, Medienförderung, Medienkompetenz, Medienpolitik, Netzpolitik, Social Media

„Digitale Mündigkeit statt Manipulation“
Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt

Thüringer Landesmedienanstalt bietet Medienbildung auch für Eltern und Lehrer an

06.02.2019. Interview mit Jochen Fasco, Direktor der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM)

Das PiXEL-Fernsehen in Gera ging 1998 als bundesweit erster Offener Kanal für Kinder und Jugendliche auf Sendung. In den 20 Jahren führten die Medienpädagogen 1.320 Projekte mit rund 21.500 Teilnehmenden durch. PiXEL ist eines von mehreren medienpädagogischen Projekten, die von der Thüringer Landesmedienanstalt initiiert und gefördert werden. Dazu gehörte auch der jüngste Fachtag „Let´s talk digital: Familien erreichen! Herausforderungen, Potenziale und Methoden für Medienarbeit in der Familie“. Für Jochen Fasco, Direktor der Thüringischen Landesmedienanstalt, ist die Dynamik der Medienentwicklung gegenwärtig die größte Herausforderung. Die Kompetenz der Landesmedienanstalten liege in der Geschwindigkeit, wie neue Medienphänomene aufgegriffen werden, die dann mit hoher Kontinuität im Rahmen von Projekten und Fortbildungen für Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen umgesetzt werden. „Die Aufgabe der Landesmedienanstalten ist es, den Bürgerinnen und Bürgern Angebote zur Orientierung im Alltag anzubieten. Kurzum: Digitale Mündigkeit statt Manipulation in der digitalen Welt“, so Fasco.

Medienpolitik.net: Herr Fasco, die TLM hat sich in den vergangenen Wochen bei mehreren Veranstaltungen und Treffen intensiv mit Fragen der Medienbildung von Kindern und Jugendlichen sowie in Familien befasst. Wo sehen Sie hier gegenwärtig die größten Probleme und Herausforderungen?

Fasco: Die größte Herausforderung ist zweifelsohne die Dynamik, die derzeit im Thema steckt. Diese möchte ich gern anhand von zwei Beispielen verdeutlichen: Da wäre erstens die aufgrund der digitalen Entwicklung immer größer werdende thematische Breite, die es im Rahmen der Medienbildungsarbeit abzudecken gilt. Haben sich die Landesmedienanstalten in den Anfangsjahren vor allem mit Fragen rund um Radio und Fernsehen beschäftigt, sind in den letzten Jahren die sogenannten „Dauerbrennerthemen“, wie beispielsweise die Rolle der Medien in der Demokratie, extensive Mediennutzung, Schutz, Prävention, digitale Mündigkeit und Medienethik hinzugekommen, die jüngst wiederum durch neue Inhalte ihre Ergänzung finden. Und dazu kommen Themen, wie Coding, Maker Education, Big Data, Algorithmen, Künstliche Intelligenz und die Veränderung von Lebens- und Arbeitswelten durch das Internet der Dinge. Die Aufgabe der Landesmedienanstalten ist es nun, den Bürgerinnen und Bürgern Angebote zur Orientierung im Alltag anzubieten. Kurzum: Digitale Mündigkeit statt Manipulation in der digitalen Welt. Zweitens erleben wir derzeit eine hohe Kraft, was das Schaffen adäquater Rahmenbedingungen angeht. Die Diskussionen um die Strategien des BMBF und der KMK „Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft“ und „Bildung in der digitalen Welt“ sowie den damit verbundenen DigitalPakt Schule zwischen Bund und Ländern sind mehr als nur ein Schritt in die vorgegebene Richtung. Hier freut mich vor allem, dass in den Ländern derzeit die Umsetzung der Maßnahmen intensiv vorbereitet wird und im nächsten Jahr die Wirkungen erster Investitionen zu spüren sein werden.

Medienpolitik.net: Welche konkreten Projekte existieren bei der TLM, um hier die Situation zu verbessern?

Fasco: Es gibt zu viele Projekte, um sie hier aufzuzählen. Gern möchte ich exemplarisch zwei Projekte herausgreifen. Im Februar dieses Jahres haben wir in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut IAIS in Sankt Augustin, der Calliope gGmbH in Berlin und dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien eine Fortbildungsinitiative gestartet, wo Lehrerinnen und Lehrer von 80 bis 100 Thüringer Grundschulen zum Thema „Coden“ geschult werden. Hierbei gehört es auch zum Ablauf der Fortbildung, dass die benötigte Technik in den Schulen vor Ort zur Verfügung gestellt wird, um in die Lehr-Lern-Prozesse integriert werden zu können. Ziel der Initiative ist es, die Arbeitsweisen von Algorithmen zu vermitteln und die Kritikfähigkeit hinsichtlich dieser zu fördern. Als ein weiteres Angebot von, wie gesagt, vielen Angeboten möchte ich gern die Seminarreihe „Digitaler Stammtisch für Senioren“ aufgreifen, in der Themen, wie „Gesundheit aus dem Netz“, „Messenger-Dienste“ oder „Das World Wide Web – Austauschplattform, Zeitungskiosk und Warenhaus“ behandelt werden. Beide Beispiele repräsentieren nicht nur die inhaltliche Vielfalt der Angebote, sondern zeigen auch die generationsübergreifende Arbeit der Landesmedienanstalten.

Medienpolitik.net: Ist das nicht wie der Wettlauf zwischen Hase und Igel? Wie kann der Igel schneller sein als der Hase?

Fasco: Mit unseren Medienbildungsangeboten reagieren wir auf Bedürfnisse der Gesellschaft und somit ist ein Phänomen – ob es nun positiv oder negativ besetzt ist – bereits fester Bestandteil des Alltags der Menschen. Dies entspricht der Logik von Bildungsprozessen, sonst wären wir eher im Bereich der Wissenschaft und Forschung tätig. Das von Ihnen skizzierte Bild vom Wettlauf des Hasen mit dem Igel passt jedoch sehr gut auf einen anderen Aspekt, nämlich auf die Frage, wie erreicht man mit seinen Angeboten die Fläche. Bei beispielsweise mehr als 1.000 Schulen in Thüringen und einem guten Dutzend Kolleginnen und Kollegen, die vor Ort und im Thüringer Medienbildungszentrum der TLM tätig sind, bedarf es schon kreativer Ansätze und einer gehörigen Portion Tatendrang um den thüringenweiten Anspruch der TLM gerecht zu werden. Es ist aber deutlich mehr als nur der Tropfen auf dem berühmten „heißen Stein“. Wichtig sind uns gerade auch Angebote im Bereich der Multiplikatorenfortbildungen, da wir uns hierbei exponentielle Effekte nutzbar machen können.

Medienpolitik.net: Wo sehen Sie die Chancen, Kompetenzen und Grenzen einer Landesmedienanstalt (der TLM) bei der Vermittlung von Medienkompetenz?

Fasco: Die Kompetenz der Landesmedienanstalten – und hier spreche ich beabsichtigt in der Mehrzahl – liegt in der Geschwindigkeit, wie neue Medienphänomene aufgegriffen werden, um Sie dann mit hoher Kontinuität im Rahmen von Projekten und Fortbildungen für Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen anzubieten. Wir Landesmedienanstalten sind Regulierungsbehörde und machen den Ländern Vorschläge, wie man neuen Phänomenen begegnen kann. Das geht von personalisierter Werbung im Fernsehen bis zu Hate Speech in Medienintermediären. Grenzen erlebe ich hinsichtlich der möglichen Performance. Die Nachfrage übersteigt derzeit deutlich das mit zwölf Kolleginnen und Kollegen realisierbare Angebot. Basis unserer erfolgreichen Arbeit ist eine stabile Finanzierung, wie sie die Medienanstalten vom Grundsatz her erleben. Aus diesem Grund bin ich dem Thüringer Ministerpräsident dankbar, der sich für eine auskömmlichere Finanzierung, d. h. ein 3 %-Anteil an der Rundfunkgebühr einsetzt.

Medienpolitik.net: Die Medienanstalten sollen sich – geht es nach der Politik – auch neben der Plattformregulierung um die Regulierung von Intermediären kümmern. Dazu kommen der klassische Rundfunk, die lokalen Medien und die Medienkompetenz. Besteht bei der Fülle der Aufgaben nicht die Gefahr, dass die Medienkompetenz doch an letzter Stelle steht?

Fasco: Die Landesmedienanstalten haben in der Tat einen breiten Aufgabenkanon, den es verlässlich umzusetzen gilt. Die Förderung der Medienkompetenz gehört hierbei zu den Kernaufgaben. Hierauf haben sich alle 14 Häuser in ihren 2015 verabschiedeten Grundsätzen „Medienkompetenz – Eine zentrale Aufgabe der Landesmedienanstalten“ verständigt. Mit welcher Energie dieser Aufgabe nachgegangen wird, zeigt der Anfang 2019 erscheinende Jugendschutz- und Medienkompetenzbericht. Eine weitere Möglichkeit, die Medienbildungsarbeit der Landesmedienanstalten kennenzulernen, bietet die didacta vom 19. bis 22. Februar 2019, wo wir mit unserem Gemeinschaftsstand „Die ganze Palette Medienkompetenz“ vertreten sein werden. Für die TLM kann ich sagen, dass gut die Hälfte der TLM-Haushaltsmittel für die Bürgermedien und die Medienbildungsarbeit in Thüringen aufgewendet werden, was den hohen Stellenwert gut verdeutlicht.

Medienpolitik.net: Medienerziehung von Kindern bedarf kompetenter Eltern. Sehen Sie es auch als Ihre Aufgabe an, auch die Eltern zu mehr Medienkompetenz zu befähigen?

Fasco: Die Elternarbeit bzw. Familienarbeit besitzt einen hohen Stellenwert. Wo bekommt man die Eltern am ehesten, sei es bildungsnah oder –fern? In der Schule. Daher bedienen wir als Instrumente uns dem klassischen Elternabend und vom Thüringer Bildungsministerium initiierten Eltern-Schüler-Medientage, wo Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern zusammen einen ganzen Tag Schule rund ums Thema Medien erleben. Die größte Aktion im Freistaat ist die jährlich stattfindende Direktansprache von mehr als 36.000 Grundschuleltern durch das Bildungsministerium und die TLM. Hierbei erhalten die Eltern aller Schulanfänger und Drittklässler in Thüringen Broschüren mit Empfehlungen zur Medienerziehung. Mit dem Ratgeber „FLIMMO – Programmberatung für Eltern“ gibt es aktuelle Hinweise rund um das Fernsehprogramm. Internettipps sind im „Internet-ABC“ zusammengefasst. Hier finden Eltern Ratschläge für die Begleitung der ersten Schritte ihrer Kinder im Internet. Erstmalig lagen 2018 Informationsflyer der Vereine „Seitenstark“ und „Erfurter Netcode“ bei, die über qualitätsvolle Internetseiten für Kinder im Grundschulalter informieren. Zudem erhielten die Schülerinnen und Schüler einen Webcam-Sticker der Initiative jugendschutz.net, welche sich für mehr Rücksicht auf Kinder und Jugendliche im Internet stark macht. Der beste Ort für Medienkompetenz ist der Küchentisch, wenn Eltern und Kinder sich austauschen und voneinander lernen.

Medienpolitik.net: Wie steht es um die Lehrer? Sie haben auch Veranstaltungen für Lehrer angeboten, die auf großes Interesse gestoßen sind.

Fasco: Gute Medienbildung braucht eine enge, vertrauensvolle Partnerschaft mit den Bildungseinrichtungen. Seit dem Start des verbindlichen Kurses Medienkunde an Thüringer Schulen im Jahr 2001 besteht eine enge Kooperation zwischen dem Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (ThILLM) und der TLM. Gemeinsam werden fortlaufend Angebote für Lehrerinnen und Lehrer unterbreitet, die gern angenommen werden. Der nächste im Januar 2019 startende Durchlauf befindet sich gerade in der Ausschreibung. Beide Institutionen sind sich einig, dass im Zuge der Umsetzung des DigitalPakt Schule zwischen Bund und Ländern die gemeinsamen Anstrengungen intensiviert werden sollten.

Medienpolitik.net: Soziale Netzwerke haben für Kinder und Jugendliche eine große Bedeutung. Kann es – ohne aktive Mitwirkung der Netzwerke – gelingen, sie für die Nutzung dieser Netzwerke stärker für die Gefahren und negativen Seiten zu sensibilisieren?

Fasco: Gerade die Potentiale und Gefahren von sozialen Netzwerken werden in den Medienprojekten mit den Jugendlichen intensiv diskutiert. Eine aktive Mitwirkung der Netzwerkanbieter findet hierbei nicht statt. Die Landesmedienanstalten sind aber mit ihnen im intensiven Austausch hinsichtlich der Themen Jugendmedienschutz, Auffindbarkeit und Datenschutz.

Medienpolitik.net: Wie können moderne Medien wie soziale Netzwerke oder Smart-Speaker selbst noch besser für die Vermittlung von Medienkompetenz genutzt werden?

Fasco: Wissen Sie, welche Antwort es gibt, wenn man „Alexa – erklär mir, wie Du funktionierst“, fragt? „Ich bin mir leider nicht sicher.“, ist die Antwort. Das ist schon fast philosophisch. Aber Spaß beiseite: Wie die sozialen Netzwerke und Smart-Speaker als Kommunikationsinstrument außerhalb ihrer Funktion als Anschauobjekte für die Bildungsprozesse genutzt werden, ist mir nicht bekannt. Die TLM realisiert dies zumindest aus Datenschutzgründen nicht. Ein auf der Hand liegende Vorteil für mögliche Lehr-Lern-Situationen sehe ich aktuell nicht.

Medienpolitik.net: Fake News und Hate Speech sind nach wie vor ein drängendes Thema im Internet. Bei einem Gespräch mit dem Thüringer Innenminister haben Sie eine stärkere Zusammenarbeit von Landesmedienanstalt mit Polizei- und Justizbehörden angeregt. Hier hat die LfM NRW anscheinend mit einer konsequenten Rechtsdurchsetzung gute Erfahrungen gemacht. Was halten Sie von den Überlegungen Ihrer Kollegen in NRW?

Fasco: In der Tat haben wir im Gespräch mit dem Thüringer Innenminister Georg Maier neben der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen Thüringer Bereitschaftspolizei und der TLM auf dem Gebiet der Präventionsarbeit zum Thema Cybermobbing auch die Initiative „Verfolgen statt nur Löschen“ in NRW besprochen. Wir halten die Initiative der Kollegen in NRW für einen guten Schritt und sind dabei, im Freistaat Ähnliches auf den Weg zu bringen. Auch mit dem Thüringer Justizminister laufen Gespräche. Wir bereiten gerade einen ersten Aufschlag vor, um mit den hier im Land relevanten Playern zusammenzukommen. Es ist von großer Bedeutung, im Land das öffentliche Bewusstsein wieder stärker darauf zu lenken, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist und auch dort ein gesellschaftliches Korrektiv zu verbalen Exzessen möglich und nötig ist. Ich denke, wir alle können damit unseren Anteil an einem notwendigen Kulturwandel in der sich immer mehr verrohenden digitalen Welt leisten.

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