„Geschichten, die die Menschen bewegen“

von am 21.02.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung

„Geschichten, die die Menschen bewegen“
Interview mit Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer HessenFilm und Medien GmbH

Hessische Filmförderung unterstützt verstärkt Dokumentarfilme und preist Frankfurt am Main als attraktiven Drehort

21.02.2019. Interview mit Hans Joachim Mendig, Geschäftsführer, HessenFilm und Medien GmbH

Die Film- und Medienförderung Hessens, die vor drei Jahren gegründet worden ist, ist mit einem Budget von 11,3 Millionen Euro ein mittelgroßer regionaler Förderer. Zu den Schwerpunkten der HessenFilm und Medien GmbH gehört die Förderung des Dokumentarfilms. In einem medienpolitik.net-Gespräch bewertet der Geschäftsführer Hans Joachim Mendig die Verwertungssituation deutscher Dokumentarfilme kritisch: Beim Fernsehen gäbe es einen hohen Quotendruck und die Kinobetreiber müssten hart kalkulieren, um ihr Überleben zu sichern. Dennoch sei das Fernsehen für den Dokumentarfilm weiterhin sehr wichtig und es müsste „auf jeden Fall mehr Sendeplätze“ geben. „Darüber hinaus müssen die Dokumentarfilmer aber auch die VoD-Plattformen ins Visier nehmen, auf denen es jede Menge Potenzial gibt“, so Mendig.

medienpolitik.net: Herr Mendig, die HessenFilm geht 2019 in ihr viertes Jahr. Was würde der Filmwirtschaft fehlen, wenn man die Filmförderung in Hessen nicht am 1. Januar 2016 gebündelt hätte?

Mendig: Da fällt mir einiges ein: Vor allem ein Ansprechpartner für die Branche in allen Förderangelegenheiten. Vor dem 1. Januar 2016 war die hessische Förderlandschaft sehr unübersichtlich. Nicht nur Filmproduzenten von auswärts, sondern auch viele Hessen wussten nicht, wer ihr Ansprechpartner ist. Die Bündelung hat es uns außerdem ermöglicht, Mitglied bei Focus Germany zu werden und Hessen als Filmstandort national und international besser zu vermarkten.

medienpolitik.net: Was sehen Sie für die drei Jahre als wichtigste Ergebnisse an?

Mendig: Ich bin besonders stolz darauf, dass wir bei der Nachwuchsförderung den Standort ein gutes Stück voranbringen konnten. Insbesondere mit der Talentpaketförderung haben wir ein hervorragendes Instrument geschaffen, das so in Deutschland einmalig ist. Sie ermöglicht jungen Produzenten und ihren Firmen eine Grundfinanzierung für drei Jahre und so Raum und Sicherheit um Stoffe zu entwickeln. Seit diesem Jahr haben wir mit der „Young Talents“-Reihe außerdem diverse Workshops und Seminare im Angebot, die dem Filmnachwuchs gezielte Angebote machen. Wichtig war natürlich auch, dass unser Minister Boris Rhein in den letzten Jahren sukzessive unsere Förderbudgets erhöht hat. Als wichtige Weichenstellung wird sich hoffentlich auch unser Beitritt zu Games Germany ab dem 1. Januar 2019 erweisen.

medienpolitik.net: Es gibt für die Filmförderung die FFA, den Bund mit verschiedenen Töpfen sowie sieben spezielle Filmförderer in Deutschland. Wie groß ist da das Rad, das Sie in Hessen drehen können?

Mendig: Wir haben inzwischen ein Gesamtbudget von 11,5 Millionen Euro. Damit können wir einiges bewegen. Unser Fokus liegt natürlich darauf, hier in Hessen nachhaltig Strukturen und Talente aufzubauen. Durch unsere Nähe zur Branche können wir deren Bedürfnisse sicherlich noch etwas besser einschätzen, als eine Förderinstitution auf Bundesebene. Wenn man sich die Größe der von Ihnen aufgezählten Töpfe anschaut, dann gibt es, wenn man nur aufs Geld schaut, woanders größere Räder. Für die Nachhaltigkeit einer Förderung ist neben der Größe des Topfes aber auch dessen strategische Verteilung für die Entwicklung eines Standorts entscheidend.

medienpolitik.net: Monika Grütters hat jüngst beim Deutschen Produzententag erklärt, Aufwand und Nutzen stünden bei der Filmförderung nicht im ausgewogenen Verhältnis, vor allem in Bezug auf den Nutzen für den Zuschauer. Wie könnte man den „Nutzen für den Zuschauer“ vergrößern?

Mendig: Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Filmförderungen vor allem Steuergelder vergeben, kann ich den Gedankengang von Kulturstaatsministerin Grütters nachvollziehen. Pauschal möchte ich die Aussage aber nicht unterschreiben. In Hessen tun wir viel dafür, dass von der HessenFilm geförderte Produktionen auf unseren regionalen Festivals laufen oder im Rahmen von Sondervorführungen ihre Zuschauer finden. Aktuell kooperieren wir beispielsweise mit der Stadt Frankfurt und dem Lichter Filmfest und zeigen dort „Atlas“ von David Nawrath. Kooperationen dieser Art haben wir auch in der Vergangenheit gepflegt und werden sie, dort wo sie Sinn machen, auch in Zukunft fortführen. Insbesondere die Anwesenheit des Regisseurs oder der Regisseurin bei einer Filmvorführung oder Filmgespräche haben sich als inhaltlicher Mehrwert für die Zuschauer erwiesen. In diese Richtung gilt es perspektivisch weiterzudenken: Welchen Mehrwert können wir den Zuschauern bieten und wie machen wir ihnen unsere Filme zugänglich?

medienpolitik.net: Sie waren bis zu Ihrer Geschäftsführerposition bei der HessenFilm ein erfolgreicher Produzent. Haben Sie es inzwischen bedauert, die Seiten gewechselt zu haben?

Mendig: Nicht eine Sekunde. Es erfüllt mich mit Freude und Stolz einen Beitrag zur Weiterentwicklung des Film- und Medienstandorts Hessen zu leisten. Wenn ich sehe, wie großartig sich Filmemacher, Festivals oder Kinos weiterentwickeln und die HessenFilm dazu beisteuert, dann kann ich nur sagen, dass sich der Wechsel gelohnt hat. Der tägliche Austausch mit Filmproduzenten, Festivalleitern, Kinobetreibern und Vertretern aus Politik und Wirtschaft und der gemeinsame Einsatz für den Standort sind für mich bereichernde Erfahrung, Herausforderung und persönliches Anliegen zugleich.

medienpolitik.net: Man liest ständig Pressemeldungen aus Berlin, München und Düsseldorf über zahlreiche Drehs die dort stattfinden. Wie attraktiv ist Hessen für Kino- und TV-Produktionen?

Mendig: Hessen hat Filmproduktionen einiges zu bieten. Von Kassel bis an die Bergstraße: Nordhessen ist durch die Ostwind-Reihe in den Mittelpunkt gerückt. In der Wetterau wurde zuletzt die „Wolf-Gäng“ gedreht. Und Frankfurt ist ein spannender Drehort mit der einzigen echten Skyline in Deutschland, der auch von seiner Internationalität profitiert. Außerdem hat die Stadt so gut wie alles zu bieten, was man sich von einem Drehort wünscht. Es gibt malerische Altstadt, Hochhausschluchten, ein belebtes Flussufer, historische Plätze und Gebäude wie die Alte Oper und den Römer oder polarisierende Orte wie das Bahnhofsviertel. Auch als Finanzplatz mit den Großbanken und der EZB bietet Frankfurt interessante Motive. Darüber hinaus ist die ganze Region im Vergleich zu anderen Drehorten als Filmkulisse im nationalen Vergleich noch unverbrauchter. Natürlich profitieren wir auch von flexiblen Strukturen, jungen und gutausgebildeten Filmcrews und kürzeren und unbürokratischeren Abstimmungswegen. Nicht zuletzt die Erfolgsserie „Bad Banks“ ist ein hervorragendes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit, bei dem Hessen glänzen konnte.

medienpolitik.net: Was leistet die HessenFilm, um Hessen als Drehort noch attraktiver zu machen? Auf eine neue Bankenkrise, die Stoff für Frankfurt bietet, hoffen Sie sicher nicht…
Mendig: Auf keinen Fall, darunter würde der gesamte Standort leiden, auch wenn es sicherlich Stoff für eine dramaturgische Auseinandersetzung gäbe. Wir fokussieren uns vor allem darauf attraktive Rahmenbedingungen zu bieten: Passgenaue Förderinstrumente, gute Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote sowie möglichst kurze unbürokratische Wege und Verfahren. Außerdem tauschen wir uns regelmäßig mit der Branche aus, um frühzeitig neue Bedürfnisse und Gegebenheiten zu erkennen.

medienpolitik.net: Hatte der Erfolg von „Bad Banks“ auch unter dem Standortaspekt noch positive Effekte für Sie?

Mendig: Absolut, ich habe in Kritiken gelesen, dass Frankfurt so etwas wie der heimliche Hauptdarsteller der Serie war. Einige Motive aus der Serie gibt es in Frankfurt deutschlandweit einmalig. Inwieweit andere Filmproduzenten durch „Bad Banks“ inspiriert werden nach Frankfurt zu kommen, wird sich zeigen. Darüber hinaus profitieren natürlich die lokalen Dienstleister von einem Dreh vor Ort.

medienpolitik.net: Zu Ihren Schwerpunkten zählt der Dokumentarfilm. Was steht hier auf der Habenseite?

Mendig: Wir haben in den letzten Jahren einige großartige Dokumentarfilme gefördert. Außerdem versuchen wir junge Dokumentarfilmer durch Workshops in ihrer künstlerischen Entwicklung zu unterstützen. Die gute Zusammenarbeit mit der AG DOK in Hessen ist ein weiterer Erfolgsfaktor. Im November haben wir ein Panel zu den Perspektiven des Dokumentarfilms mit hochkarätigen Speakern veranstaltet. Bei der Auswahl haben wir im Vorfeld auch vom Netzwerk der AG DOK profitiert.

medienpolitik.net: Der Dokumentarfilm hat es im Fernsehen nicht leicht, aber im Kino noch schwerer. Wie können es mehr Dokumentarfilme ins Kino schaffen?

Mendig: Ich bezweifle, dass es die eine Erfolgsformel gibt. In der Rückschau lassen sich Erfolgsparameter meistens leicht definieren. Aber große Erfolge wie der Reisedokumentarfilm „Weit“ mit rund einer Million Zuschauern kamen für die meisten von uns dann doch eher überraschend. Wenn Sie mich auf ein Erfolgsrezept festnageln wollten, dann könnte ich Ihnen Zutaten nennen wie Fernsehredaktionen, die ausgetretene Pfade verlassen, mutige Kinobetreiber und nicht zuletzt Geschichten, die die Menschen bewegen. Allerdings gibt es beim Fernsehen einen hohen Quotendruck und die Kinobetreiber müssen hart kalkulieren, um ihr Überleben zu sichern.

medienpolitik.net: Wir erleben gegenwärtig bewegte, widersprüchliche, emotionale Ereignisse und Diskussionen. Das müsste doch eine hohe Zeit für den Dokumentarfilm sein. Warum ist es das nicht?

Mendig: Das liegt wie erwähnt vor allem auch an den Sendeplätzen und Kinos. Meine Hoffnung ist, dass die Ereignisse unserer Zeit dokumentarisch noch verarbeitet werden und die Stoffe gerade in den Autoren reifen. Ich bin fest davon überzeugt, dass der aktuelle politische und gesellschaftliche Diskurs von unseren vielen talentierten Dokumentarfilmern und -filmerinnen noch aufgegriffen wird.

medienpolitik.net: Die Dokumentarfilmer setzen permanent das Fernsehen unter Druck, mehr Dokumentarfilme in Auftrag zu geben und auszustrahlen. Ist es angesichts der veränderten Distribution der richtige Weg? Müssten Dokumentarfilme nicht viel stärker auf VoD-Plattformen präsent sein?

Mendig: Ihre Frage ist sicherlich nicht ganz unberechtigt. Ich glaube, dass die Wahrheit, wie so oft, in der Mitte liegt. Es braucht auf jeden Fall mehr Sendeplätze. Mit dem „Grand Format“ auf arte ist zuletzt eine sehr wichtige Plattform weggefallen. Darüber hinaus müssen die Dokumentarfilmer aber auch die VoD-Plattformen ins Visier nehmen, auf denen es jede Menge Potenzial gibt. Auf unserem Panel im November gab es ein paar spannende Antworten auf Ihre Frage, wie der Dokumentarfilm langfristig lukrative Wege gehen kann.

medienpolitik.net: Das Kino wird anscheinend zu Dauerbaustelle. Innerhalb weniger Jahre soll nun ein zweites spezielles Förderprogramm gestartet werden. Sehen Sie auch aus hessischer Sicht dafür eine Notwendigkeit?

Mendig: Auch in Hessen sind die Kinos auf Unterstützung angewiesen. Bei allen Diskussionen über Mittelerhöhungen dürfen wir eines nicht vergessen: Die Kinos leisten in ihren Kommunen und Städten einen immens wichtigen kulturellen und gesellschaftlichen Beitrag. Insofern begrüße ich jeden zusätzlichen Fördereuro. Gleichzeitig sind die Kinos angehalten nach neuen Geschäftsmodellen zu suchen und den Zuschauern attraktive Angebote zu machen. Der Diskurs über das Kino als Erlebnisort wird bisweilen kontrovers geführt. Aber ich bin davon überzeugt, dass der Kinobesuch ein Event sein muss, um den Zuschauer hinter seinem großen Flatscreen mit Dolby Surround System und attraktiven Streamingangeboten hervorzulocken.

medienpolitik.net: Welche Kinos und was soll vor allem gefördert werden?

Mendig: Ein besonderes Augenmerk sollte sicherlich auf den Kinos außerhalb der Ballungszentren liegen. Gleiches gilt für Kinos, die den Mut haben Arthouse- oder Dokumentarfilme zu zeigen, die woanders keine Plattform kriegen. Letztlich obliegt es auch der Politik strategisch nachhaltige Entscheidungen zu treffen und die Zukunft der Kinos zu sichern.

medienpolitik.net: Nun sagen die Filmverleiher, dass das Marketing für Filme stärker gefördert werden soll, vor allem für das lokale Zielgruppenmarketing. Teilen Sie diese Auffassung, werden Sie Ihre Fördermittel umschichten?

Mendig: Das ist eine hoch interessante Frage, zu der ich im letzten Wintersemester an der Hochschule Darmstadt Dieburg eine Vorlesung gehalten habe. Meine Studenten und ich haben aktuelle Fallbeispiele untersucht. Dabei ist uns aufgefallen, dass ein gutes Marketingkonzept immer wichtiger wird, damit ein Film sein Publikum findet. Das führt dazu, dass die großen Verleiher ihre Produktionen immer früher bewerben, oft lange vor dem ersten Take. Gleichzeitig lohnt es sich die Marketingmaßnahmen wie bei einem Countdown zu fokussieren, mit der Filmpremiere als Höhepunkt des Spannungsbogens. Lokales Zielgruppenmarketing, vor allem über Social Media, ist da ein gutes Stichwort. Wenn alle Kinos, die den Film zeigen, in den sozialen Medien den Trailer teilen und ihn dort maximal bewerben, ist einiges gewonnen. Aber auch Mundpropaganda spielt eine wichtige Rolle. Um auf den zweiten Teil Ihrer Frage zurückzukommen: Wir berücksichtigen den hohen Stellenwert des Marketings bei der Vergabe unserer Fördermittel schon seit einiger Zeit, entsprechend sind wir in der glücklichen Position, nicht umschichten zu müssen.

Print article