Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag

von am 07.02.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag
Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien I © Christof Rieken

Monika Grütters: Aufwand und Nutzen stehen bei der Filmförderung in keinem ausgewogenen Verhältnis

07.02.21019. Von Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien

Stellen Sie sich folgende Szene vor: ein Filmstudio in Hollywood; ein dunkler Saal, eine Leinwand, es läuft der Abspann eines deutschen Films. Das Licht geht an. Aus einem abgewetzten Sessel erhebt sich Steven Spielberg, um ihn herum sitzen frostig schweigend einige der großen amerikanischen Regisseure und Drehbuchautoren: „Warum“, fragt Spielberg, „warum macht ihr nicht solche spannenden und innovativen Streifen?“ Klingt nach einem schlechten Drehbuch? In den 1930er Jahren soll sich, so zumindest erzählt es eine Anekdote (Neue Osnabrücker Zeitung: „Aus dem Fundus der Deutschen Kinemathek“, 14.12.2018), Derartiges tatsächlich zugetragen haben. Es war der legendäre Produzent Irving Thalberg, der seine Leute einbestellt hatte, um ihnen Fritz Langs Thriller „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zu zeigen und eben diese Frage zu stellen: Warum kommen solche Filme nicht von uns?

Kinojahr 2018: Eine kurze Bilanz der BKM-Filmförderung

Wenn heute Abend die 69. Internationalen Filmfestspiele eröffnen, dürfen wir uns zunächst einmal darüber freuen, dass drei deutsche Produktionen – alle 3 BKM-gefördert, 2 auch DFFF-gefördert – ins Rennen um den Goldenen und die Silbernen Bären gehen. Erfreulich ist auch, dass der Marktanteil deutscher Kinofilme 2018 mit ca. 22 Prozent vergleichsweise stabil geblieben ist – allerdings bei insgesamt rückläufigen Zahlen, die ich hier nicht im Detail ausbreiten muss. Sie wissen ja ebenso gut wie ich, dass 2018 kein berauschendes Kinojahr war (Rückgang der Kinobesucherzahl um 15,5%) – und dass der heiße Sommer und die Fußball-WM mit dem kläglichen Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft als Erklärungsansätze für den deutlichen Einbruch bei der Zahl der verkauften Kinokarten nur bedingt taugen.

Zur Wahrheit gehört, dass wir 2018 nicht nur viel Sonne, sondern auch wenig zugkräftige Filme hatten – auch zu wenig zugkräftige Filme aus Deutschland. Zur Wahrheit gehört auch, dass es an zu wenig Geld in den Fördertöpfen nicht liegen kann, denn die sind gut gefüllt. In den vergangenen Jahren habe ich die kulturelle Produktionsförderung beinahe verfünffacht. Der Ansatz der kulturellen FF wurde von 13 Mio Euro auf rund 28 Mio Euro erhöht. Da diese Erhöhung fast ausschließlich der Produktionsförderung (Teil der kulturellen Filmförderung) zu Gute kam, kann man gegenüber 2013 um eine beinahe Verfünffachung sprechen. Ich habe den DFFF 2 neu eingeführt – beim DFFF reden wir insgesamt über eine Verdopplung der Fördermittel -, außerdem den GMPF unter das Dach der BKM geholt und ebenfalls deutlich erhöht, nämlich um 50 Prozent.

Rechnet man alle Fördermaßnahmen zusammen, stehen mittlerweile jährlich rund 165 Millionen Euro allein für die Produktionsförderung von Kinofilmen und High End Serien bei der BKM zur Verfügung. Damit haben wir so viel Geld wie nie zuvor in der öffentlichen Filmförderung – und damit ist Deutschland im internationalen Standortwettbewerb vorne mit dabei, erst recht, wenn man bedenkt, dass durch die Kumulation mit Länderförderung und FFA-Förderung Förderquoten von 80 Prozent und mehr erreicht werden. (Vor diesem Hintergrund dürfte es eigentlich nicht vollkommen abwegig erscheinen, was ich eingangs, frei nach Irving Thalberg, Steven Spielberg in den Mund gelegt habe: dass der deutsche Film international als stilbildend, vielleicht sogar als Konkurrenz zu Hollywood wahrgenommen werden könnte … .)

Einladung zum Runden Tisch

In den vergangenen Jahren haben wir hier, beim Deutschen Produzententag, vor allem über die filmpolitischen Erwartungen der Produzentenallianz an die Politik gesprochen, lieber Herr Thies, und wir sind uns sicherlich einig, dass die Stimme der Produzentenallianz nicht unerhört geblieben ist: Ich habe die Produktionsförderung der BKM in den vergangenen drei Jahren nahezu verdreifacht.

Lassen Sie uns deshalb heute in aller Freundschaft auch einmal über die Erwartungen sprechen, die mit der Erfüllung Ihrer Forderungen verbunden sind. Ich kann und will jedenfalls – bei aller Vorfreude auf die Berlinale und bei aller Wertschätzung für einzelne herausragende, deutsche Filme – nicht verhehlen, dass auch ich, wie viele andere, ein gewisses Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag sehe: zwischen dem massiven, hart erkämpften Ausbau der deutschen Filmförderung einerseits und der Zug- und Strahlkraft des deutschen Films wie auch der Zahl deutscher Filmerfolge andererseits.

Dies klar und deutlich auszusprechen, wird hier – dessen bin ich mir natürlich bewusst – ebenso wenig Beifall finden wie einst Irving Thalbergs dezenter Hinweis auf Filmkunst „made in Germany“. Aber der deutschen Filmwirtschaft ist langfristig ganz sicher nicht gedient, wenn wir so tun, als sei die öffentlich vorgetragene Kritik an der Förderbilanz vollkommen aus der Luft gegriffen, zumal es sich ja nicht um Einzelmeinungen schlecht informierter Nörgler und Ignoranten handelt.

„Die Filmförderung fördert konsequent am Publikum und an den Kinos vorbei“, heißt es von Seiten der Kinobetreiber. (Christian Bräuer, Kinobetreiber und AG-Kino-Vorsitzender auf SPON, 6.8.2018) „Hauptsache Sicherheit, Hauptsache keine Experimente“, auf diesen Nenner bringt ein vielfach ausgezeichneter Regisseur seine Kritik an der deutschen Filmförderung. („Man fühlt sich nur noch verarscht.“ Hans Weingartner im MoPo-Interview, 15.7.2018) Und in den Feuilletons liest man Sätze wie diese, ich zitiere: „Subventionen machen träge und nehmen den Antrieb, besser zu werden. Das gilt auch für die Filmindustrie, für die deutsche besonders.“ („Der deutsche Film ist nicht einmal für Deutschland gut genug.“ Artikel von Alan Posener in der WELT, 9.1.2019)

Man kann über die Berechtigung solcher Äußerungen trefflich streiten, meine Damen und Herren, aber eines ist klar: Wenn eine Branche derart massiv mit Steuergeld unterstützt wird wie die Filmbranche, darf und muss auch nach dem Nutzen dieser Förderung und gefragt werden – und zwar nicht nur nach dem Nutzen für die Produzenten, sondern auch nach dem Nutzen für das Produkt, den deutschen Film, und für seine Adressaten, das Kinopublikum – die steuerzahlenden Bürgerinnen und Bürger. Und wenn Aufwand und Nutzen nicht in einem ausgewogenen Verhältnis stehen, dann lohnt es sich, gemeinsam darüber nachzudenken, woran das liegt und wie sich das ändern lässt.

Eben das will ich zusammen mit Ihnen, zusammen mit allen Beteiligten tun: im Dialog mit der gesamten Branche, mit den Produzenten, den Produktionsdienstleistern, mit Filmverleihern und Kinobetreibern. Deshalb werde ich in den nächsten Wochen zu einem Runden Tisch einladen, der noch im ersten Halbjahr dieses Jahres stattfinden soll. Um Missverständnisse gar nicht erst aufkommen zu lassen: Genau wie Sie, verehrte Produzentinnen und Produzenten, möchte ich, dass die Fördertöpfe gut gefüllt bleiben, mindestens so gut wie sie es jetzt sind, um den Produktionsstandort Deutschland nachhaltig und dauerhaft international wettbewerbsfähig zu halten Schließlich habe ich dafür seit Beginn meiner ersten Amtszeit unermüdlich geworben und so manchen harten politischen Kampf geführt (und gewonnen). Diese filmpolitischen Erfolge werde ich verteidigen, darauf haben Sie mein Wort. Aber über die Verteilung der vorhandenen Mittel müssen wir reden: Wo müssen wir umsteuern? Welche Strukturen und Verfahren gehören auf den Prüfstand? Wo können wir unsere Ziele noch effektiver erreichen? Wie reagieren wir angemessen auf Veränderungen am Markt, ohne Bewährtes zu schwächen?

Brexit mit Konsequenzen für die Förderung

Darüber hinaus gibt es ja auch weitere Themen, die der Branche unter den Nägeln brennen und die bei dieser Gelegenheit auch zur Sprache kommen können: der bevorstehende Brexit zum Beispiel. Im Moment ist noch nicht ersichtlich, wie genau er sich auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Filmwirtschaft auswirken wird. Im Falle eines „harten Brexits“ ohne ein Austrittsabkommen würden britische Bürger nicht mehr als EU-Bürger im Sinne der Fördermaßnahmen zählen. Das wird bei neuen Bewilligungen zu berücksichtigen sein. Auf Förderzusagen, die vor dem Brexit gegeben wurden, hat dies aber keine Auswirkungen. Wirkung würde ein harter Brexit aber auf den knallharten Wettbewerb der Standorte habe. Zwar bliebe den Briten der Zugang zu europäischen Fördertöpfen zukünftig verwehrt. Sie wären zukünftig aber auch nicht mehr an das EU-Beihilferecht gebunden und könnten ihre Förderungen somit noch deutlich anheben. Auch dies also ein Grund, über Verbesserungsmöglichkeiten für das deutsche Fördersystem nachzudenken… .

Neue Entwicklungen in der Filmwirtschaft und Filmpolitik der BKM

Unabhängig von diesen Plänen für einen Runden Tisch arbeitet mein Haus bereits mit Hochdruck an der Vorbereitung der nächsten FFG-Novelle, in der nicht zuletzt der Erhalt des Kinos als Kulturort eine wichtige Rolle spielen wird, und – wie im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vereinbart – an einem Zukunftsprogramm Kino, das noch 2019 mit ersten Maßnahmen anlaufen soll. Dazu sind wir seit Sommer 2018 im Gespräch mit den Berichterstattern der Regierungsfraktionen im Bundestag, der FFA sowie auch der Filmbranche und werden jetzt auch zügig das Gespräch mit den Ländern aufnehmen.

Darüber hinaus tragen wir filmpolitisch auch den Entwicklungen des digitalen Zeitalters mit seinen neuen Erzählformen und -möglichkeiten Rechnung: Neue Serienformate von hohem künstlerischem Rang entstehen, deutschsprachige Regisseure und Autoren feiern damit Zuschauer- oder Festivalerfolge. Hier liegen enorme Chancen für die deutsche Filmproduktionswirtschaft. Deshalb haben wir 2018 nicht nur den GMPF übernommen und den Titelansatz schon 2019 erstmals erhöht, sondern auch dafür gesorgt, dass die für die wirtschaftliche Filmförderung (also DFFF I, DFFF II und GMPF) insgesamt zur Verfügung stehenden Mittel flexibler und damit bedarfsgerechter eingesetzt werden können.

Aus der Rede von Staatsministerin Prof. Monika Grütters MdB, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, anlässlich des Produzententages zur 69. Berlinale am 7. Februar 2019 in Berlin

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