„Pseudodokumentarischer Einheitsbrei“

von am 11.02.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Gastbeiträge, Medienwirtschaft, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Pseudodokumentarischer Einheitsbrei“
Thomas Frickel, Produzent zahlreicher Kino-Dokumentarfilme, Vorsitzender und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok)

Aktuelle Studie zum Dokumentarfilm im Fernsehen

11.02.2019. Der Medienjournalist Fritz Wolf hat im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Dokfilm (AG Dok) und des Grimme-Instituts eine Programmstudie mit dem Titel „DeutschlandDoku-Land“ zum Dokumentarfilm im Fernsehen erarbeitet. Wolf hat analysiert, welche Dokumentationen auf welchem Sender, zu welcher Zeit laufen. Schon 2003 hatte sich Wolf mit der Dokumentarlandschaft im Fernsehen befasst. Heute würden mehr dokumentarische Sendungen verbreitet, so Wolf. Die öffentlich-rechtlichen Programme senden wöchentlich zusammen über 400 dokumentarische Sendungen im linearen TV. Allerdings würden zahlreiche Sendungen als Dokumentationen bezeichnet, die mit einem Dokumentarfilm im klassischen Sinn kaum etwas zu tun hätten. Siehe jüngste WDR-Pseudo-Dokumentation „Menschen hautnah“. Fritz Wolf unterscheidet in seiner Studie zwischen „Doku“, einem TV-Beitrag, der sich an Zuschauerreichweiten orientiert und meist Formatregeln unterliegt und dem „Dokumentarfilm“, der auch von künstlerischem Wert ist. Die Hälfte dieser Filme, die Wolf als „Dokumentarfilm“ bezeichnet, läuft nach 23.00 Uhr. Nur 9 Prozent sind um 20.15 Uhr zu sehen.

Von Thomas Frickel, Vorsitzender und Geschäftsführer Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm e.V. / AG DOK:

Recherche wird zum unternehmerischen Risiko 

Die Zusammenfassung liefert Fritz Wolf im Untertitel seiner neuen Programm-Studie gleich mit: „Viele Sendeplätze, immer mehr Formate und noch weniger künstlerische Handschrift“. So sehen sie aus, die „Entwicklungen im dokumentarischen Fernsehen“ im Doku-Land Deutschland. Und Fritz Wolf, renommierter Medienjournalist und Mitglied der Grimme-Jury, sollte es wissen, denn 2003 hat er das dokumentarische Fernsehen schon einmal kritisch unter die Lupe genommen. Auch der damalige Titel „Alles Doku oder was“ war ähnlich programmatisch, denn er verweist bereits auf die babylonische Sprachverwirrung in Zusammenhang mit einem Genre, das scheinbar ebenso dehnbar wie geduldig ist. Schon, wer das altmodische Wort „Dokumentarfilm“ verwendet oder gar vom „dokumentarischen Arbeiten“ spricht, setzt sich dem Verdacht aus, nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. „Doku“ ist eben viel mehr, allumfassend, universal. Alles ist irgendwie „Doku“. Oder was?

Ja – was eigentlich? Was ist es, wenn ein ehrbarer öffentlich finanzierter Sender sich dafür rechtfertigen muss, dass in einer gut reputierten dokumentarischen Sendereihe plötzlich Laienschauspieler einer Casting-Agentur auftreten?

Ist das tatsächlich ein bedauerlicher Einzelfall, Verirrung, Ausrutscher und Alleingang einer freien Autorin, die es sich einfach machen wollte und die deshalb ihre ahnungslose Redaktion schändlich betrogen und einen honorigen Sender in Misskredit gebracht hat?

Nun, wenn der Vorfall bei „Menschen hautnah“ eine Verirrung war, dann ist die website komparsen.de ein ganzer Irrgarten. Wer nur zehn Minuten lang dort stöbert, fällt vom Glauben an die Authentizität des Dokumentarischen ab. Dabei ist der Einsatz von Laiendarstellern eigentlich nur folgerichtiger Endpunkt einer langen Sackgasse, in die das Formatfernsehen das dokumentarische Arbeiten hineingetrieben hat. Schon in seiner ersten Programmstudie aus dem Jahr 2003 hat Fritz Wolf diese Entwicklung beschrieben – am erhellendsten dort, wo der frühere ZDF-Redakteur Heiner Gatzemeier im direkten Interview mit entwaffnender Offenheit preisgibt, was dokumentarisches Formatfernsehen für ihn bedeutet: alles wird einer wiedererkennbaren Dramaturgie unterworfen, sperrige Versatzstücke der Realität werden weggeschnitten. Nur zwei Zitate sollen hier als Beispiel dienen:

Wir nutzen die Elemente aus der fiktiven Seriendramaturgie für unsere Zwecke und bauen die Geschichten am Ende so auf, dass der Zuschauer in eine Erwartungshaltung kommt und das nächste Mal wieder einschaltet. Das haben wir den Serienmachern abgeguckt. …Wer im Formatfernsehen ein Thema voranbringen will, muss drehbuchorientiert arbeiten. … Der Stoff … muss … geknetet werden.“

Und in gleichem Zusammenhang: „Bislang sind Journalisten und Redakteure rausgegangen und haben etwas abgeliefert, von dem sie sagten: Das ist meins. Nun sitzt ein Redakteur in der Stube und sagt: Das ist aber auch meins. Du gehst raus als Producer und folgendes Material möchte ich von dir bekommen. Der Autor oder der Reporter wird zum Materiallieferant.“

Wohlgemerkt: hier wird die genaue Umkehrung dessen propagiert, was seriöse dokumentarische Arbeit ausmacht. Nicht mehr die sorgfältig und teils mühsam recherchierte wahre Begebenheit, nicht das Interesse am gelebten Leben, nicht das Überraschende und möglicherweise Verstörende der Realität wird Ausgangspunkt und Triebfeder eines Filmprojekts, sondern es geht um das Bild, das man sich in deutschen Funkhäusern von der Wirklichkeit da draußen macht. Das Resultat ist leider nur zu oft ein pseudodokumentarischer Einheitsbrei, in dem die Grenzen zur „scripted reality“ verschwimmen.

Wer trotzdem noch recherchieren will, tut das auf eigenes Risiko. Denn:

Für Dokumentationen gilt: Die Recherche zählt grundsätzlich zum unternehmerischen Risiko der Produzenten“. So nachzulesen in den ARD-„Eckpunkten für ausgewogene Vertrags­bedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte.“ Wohl dem, der bei solchen Vertragsbedingungen die Telefonnummer der Casting-Agentur zur Hand hat!

Nun mag es stärker und weniger stark formatierte Sendeplätze geben – eines ist allen gemein: die mögliche Vielschichtigkeit der Wirklichkeit muss sich dem Quotendenken und damit letztlich Marketing-Gesichtspunkten unterordnen. Häufig wird Vielfalt durch Eindimensionalität verdrängt, und der Trend hält an: mussten im Herbst 2002 -also zur Entstehungszeit der ersten Studie- 66 % der dokumentarischen Sendungen als formatiert bezeichnet werden, sind es nun schon etwa 75-80 Prozent.

Natürlich sind nicht alle formatierten Sendungen Teufelswerk, und es gibt durchaus Kolleginnen und Kollegen, die auf diesem Gebiet hervorragendes leisten. Bedenklich ist die Ausschließlichkeit, mit der sich diese Formen in den öffentlich finanzierten Programmen breitmachen. Und manchmal sind sie -wie die Casting-Affäre des WDR beweist- eine Einladung, es mit der Wirklichkeit nicht allzu genau zu nehmen.

Um dramaturgischer Mätzchen willen wird so das größte Kapital verspielt, das öffentlich-rechtliches Fernsehen im dokumentarischen Programmangebot bislang seiner privaten Konkurrenz und vor allem den zahllosen Desinformationen des Internets voraushat: Seriosität, Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Angesichts von „Fake News“ und „Lügenpresse“-Vorwürfen ist das zumindest fahrlässig, Nein – es ist unverantwortlich.

Und es entspricht sicher auch nicht den Erwartungen des Bundesverfassungsgerichts, das im Juli 2018 sein neuestes Rundfunkurteil ausdrücklich mit der besonderen Verantwortung des öffentlich finanzierten Rundfunks in Zeiten einer gar nicht mehr überschaubaren Informationsflut begründet: angesichts der zunehmenden Informationssteuerung durch Algorithmen wachse „die Bedeutung der dem beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegenden Aufgabe, durch authentische, sorgfältig recherchierte Informationen, die Fakten und Meinungen auseinanderhalten, die Wirklichkeit nicht verzerrt darzustellen und das Sensationelle nicht in den Vordergrund zu rücken, vielmehr ein vielfaltsicherndes und Orientierungshilfe bietendes Gegengewicht zu bilden.“

Spätestens hier wird die Sorge um die Qualität des Dokumentarischen im öffentlich finanzierten Fernsehen, wird seine Platzierung in Nischenprogrammen und zu absurden Sendezeiten, wird die nach wie vor völlig unzureichende Finanzierung dokumentarischer Programme zu einer gesamtgesellschaftlichen Fragestellung.

Die AG Dokumentarfilm kann solche Fragen aufwerfen und sie kann durch Studien wie diese bestehende Defizite aufzeigen. Sie kann davor warnen, dass sich wichtige Facetten unserer Wirklichkeit den vorgestanzten Schablonen des Formatfernsehens entziehen und betonen, dass im Interesse der Vielfalt Quotenvorgaben keine Rolle spielen dürften. Aber die Rolle des permanent schlechten Gewissens unserer Medienlandschaft ist uns zu wenig. Wir wollen all denen, die ein anderes, ein besseres Fernsehen wollen, ein konstruktiver Partner sein.

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1 KommentarKommentieren

  • Oliver Grün - 16.02.2019

    Ich bin Kameramann und beobachte diese Entwicklung leider schon seit langem und das auch international.

    Diese Entwicklung zu erkennen und zu kritisieren ist das Eine, ABER, wie kommt man aus dieser Sackgasse wieder raus?
    Mich würde das wirklich brennend interessieren, denn ich habe meinen Beruf nicht gewählt um Teil einer Maschinerie zu werden, deren vornehmiches Ziel es ist, verdummende und Weichgespülten Mist zu produzieren.

    Grüße aus Engelskirchen

    Oliver