„Wir wollen Mediennutzer schützen“

von am 27.02.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Kommunikationswissenschaft, Medienpolitik, Medienwissenschaft, Netzpolitik, Netzpolitik, Regulierung

„Wir wollen Mediennutzer schützen“

Landesanstalt für Medien NRW veröffentlicht Forschungsergebnisse zu personalisierter politischer Kommunikation in sozialen Netzwerken

27.02.2019. Interview mit Dr. Tobias Schmid, Direktor der Landesanstalt für Medien NRW  

Microtargeting ist seit der Anwendung in den letzten amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen von Barack Obama oder Donald Trump nicht nur in den USA, sondern auch darüber hinaus von großer Bedeutung für die Online-Kommunikation. Eng ausgewählte Gruppen von Menschen werden gezielt angesprochen und die gewünschte (Werbe-)Botschaft genau auf sie und ihre Interessen abgestimmt. So gelingt es, digitale Kommunikation trotz der begrenzten Ressourcen der Öffentlichkeitsarbeit so effizient und effektiv wie möglich einzusetzen.

Aktuell ist der Forschungsstand in diesem Themenbereich in Deutschland und Europa im Vergleich zu den USA ausbaufähig. Eine mögliche Ursache dafür könnte in der wesentlich schlechteren Datenzugänglichkeit liegen. Außerdem gibt es bisher kaum Erkenntnisse zur Wirkung und damit zum Manipulationspotential von Microtargeting.

Vor diesem Hintergrund hat die Landesanstalt für Medien NRW den unabhängigen Think Tank iRights.Lab mit der Erstellung eines Monitorings beauftragt. Das Papier gibt einen fundierten Überblick zum hiesigen Stand der Forschung und zeigt deren Lücken auf.

Außerdem wird die Landesanstalt für Medien NRW gemeinsam mit den Landesmedienanstalten aus Berlin / Brandenburg (mabb), Bayern (BLM) und Rheinland-Pfalz (LMK) anlässlich der Europawahl ein Forschungsprojekt starten. Zentrale Fragen sind, welche Relevanz das Thema hierzulande hat und inwiefern neben der Regulierung politischer Werbung in den klassischen Massenmedien auch Regelungsbedarf bei sozialen Medien besteht.

Medienpolitik.net: Herr Schmid, was hat die Medienanstalt NRW veranlasst, die Erforschung von „Microtargeting“ in Auftrag zu geben? Inwieweit tangiert das Ihr Aufgabenfeld?

Schmid: Die Frage der Instrumentalisierung von Medien zur politischen Einflussnahme ist natürlich Kernkompetenz einer Medienaufsicht, die gerade auch für die Gewähr einer regelkonformen Nutzung der Medien zuständig ist. Das Forschungsprojekt, das wir gemeinsam mit den Landesmedienanstalten aus Berlin / Brandenburg (mabb), Bayern (BLM) und Rheinland-Pfalz (LMK) durchführen, wird sich vor allem auf Microtargeting im Kontext politischer Werbung anlässlich der Europawahl konzentrieren. Somit legen wir hier einen deutlichen Fokus auf den Bereich der politischen Werbung.  Daneben hat die Landesanstalt für Medien NRW seit 2016 den gesetzlichen Auftrag, Intermediäre zu erforschen und dem kommen wir unter anderem mit diesem Projekt nach. 

Medienpolitik.net: Der Einfluss sozialer Netzwerke auf die Meinungsbildung ist erst in Ansätzen erforscht, es gibt Vermutungen aber keine Gewissheit darüber, wie groß der Einfluss wirklich ist. Wird die Bedeutung sozialer Netzwerke überschätzt, zumal sich die Vertrauenswerte für traditionelle Medien verbessert haben?

Schmid: Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Es ist wohl eher nicht zu erwarten, dass digitale Kommunikation in Zukunft weniger relevant werden wird. Wir gehen also fürs Erste davon aus, dass eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Social Media-Kommunikation Sinn macht. Das vorliegende Forschungsmonitoring bestätigt diesen Eindruck. Es weist beispielsweise auf, dass soziale Medien spätestens seit dem Bundestagswahlkampf 2017 als wichtiges Wahlkampfmedium etabliert sind und insbesondere Facebook hier eine zentrale Funktion einnimmt.  Als Landesmedienanstalt stehen wir dafür ein, Mediennutzer zu schützen. Um im Bereich Microtargeting und politische Werbung in den sozialen Medien diesen Schutz effektiv zu gewährleisten, gilt es zunächst, Wirkung und mögliches Manipulationspotential zu analysieren. Diesem Zweck dient das anstehende Forschungsprojekt. 

Medienpolitik.net: Die Studie von iRights.Lab stellt fest: „Es existiert keine Kontroll- oder Prüfinstanz der Informationsqualität der Inhalte, die zu Zwecken parteilicher Werbung oder Selbstdarstellung veröffentlicht werden.“ Wie könnte solch eine Kontrollinstanz aussehen?

Schmid: Tatsächlich ist politische Werbung im Internet in Deutschland regulierungsungeübt. Angesichts der Bedeutung, die Onlinenangebote – und auch soziale Medien – mittlerweile für die Informationsgewinnung jedes Einzelnen haben, ist die Frage nach dem Bedarf einer zeitgemäßen Neuregulierung jedenfalls zu diskutieren.

Medienpolitik.net: Gegenwärtig wird über den Medienstaatsvertrag mit einer möglichen Regulierung von Intermediären diskutiert. Sollte Microtargeting hier ebenfalls berücksichtigt werden?

Schmid: Wir bevorzugen eine abstrakte Formulierung der Gesetze, die uns die Möglichkeit gibt, den Gesetzestext anschließend auf konkrete Fälle anwenden zu können. Da Microtargeting und Intermediäre außerdem untrennbar miteinander verbunden sind, gehen die aktuellen Bemühungen in die richtige Richtung.

(Zur Studie: https://www.medienanstalt-nrw.de/fileadmin/user_upload/lfm-nrw/Foerderung/Forschung/Dateien_Forschung/Forschungsmonitoring_Microtargeting_Deutschland_Europa.pdf)

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