„Es deutet sich eine Verschiebung im Markt an“

von am 07.03.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienförderung

„Es deutet sich eine Verschiebung im Markt an“
Claas Danielsen, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Medienförderung

Filmförderer: Mehr Zeit und Geld in die Stoffentwicklung investieren

07.03.2019. Interview mit Claas Danielsen, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM)


Mit über 15,8 Millionen Euro hat die Mitteldeutsche Medienförderung im 20. Jahr ihres Bestehens die Entwicklung, Produktion und Auswertung von insgesamt 174 Film- und Medienprojekten in der Region gefördert. Fast elf Millionen Euro hiervon bewilligte der MDM-Vergabeausschuss für die Produktion von 54 Kino- und Fernsehfilmen. Zu den Förderschwerpunkten gehörten auch 2018 starke deutsche Spielfilme und Serien, internationale Koproduktionen, Dokumentar- und Animationsfilme sowie Projekte im Bereich der Neuen Medien. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen standen als Dreh- und Produktionsorte bei deutschen und internationalen Filmteams erneut hoch im Kurs. Wir beobachten bei ansässigen Produktionsfirmen, dass sie sich verstärkt der Entwicklung von Serien zuwenden und an weniger Kinofilmen arbeiten, da es für die Produzenten zunehmend schwerer geworden sei, signifikante Beteiligungen der Sender und Verwerter zu akquirieren, so Claas Danielsen in einem medienpolitik.net -Interview.

medienpolitik.net: Herr Danielsen, die Fördersumme der MDM beträgt seit einigen Jahren relativ konstant 15 Mio. Euro jährlich. Zugleich werden die Projekte teilweise teurer und zum anderen haben Sie beschlossen auch High-End-Serien zu fördern. Was wird stattdessen weniger gefördert?
Danielsen: In der Tat hat die Zahl der Anfragen ebenso wie die jeweils beantragten Summen für Produktionsförderung zugenommen. Darum müssen wir inzwischen noch stärker auswählen, um eine ähnliche Zahl an Projekten und Summen bewilligen zu können. Sicher könnten wir auch mehr Projekte mit geringerer Beteiligung fördern, aber wir halten es für sinnvoller, die Vorhaben so weit wie möglich angemessen zu unterstützen und Kürzungen nur in Ausnahmefällen vorzunehmen. Gleichwohl löst das nicht das Problem der Unterfinanzierung vieler Filme, da es für die Produzenten zunehmend schwerer geworden ist, signifikante Beteiligungen der Sender und Verwerter zu akquirieren. Insgesamt beobachten wir auch bei ansässigen Produktionsfirmen, dass sie sich verstärkt der Entwicklung von Serien zuwenden und an weniger Kinofilmen arbeiten. Es deutet sich eine Verschiebung im Markt an, die sich auch in den Anträgen bei uns Förderern widerspiegelt.

medienpolitik.net:  Kinoverbände und Verleiher fordern, weniger Filme zu fördern und dafür die Fördersumme pro Kinofilm zu erhöhen. Welche Rolle spielt diese Überlegung bei Ihrer Förderung?
Danielsen: Wie beschrieben, fördern wir die uns überzeugenden Anträge meist in beantragter Höhe, wenn sie dem Projekt angemessen ist, und kürzen eher selten. Damit beschränken wir die Gesamtzahl der geförderten Filme. Außerdem investieren wir konsequent in die Stoffentwicklung, damit Projekte möglichst erst in Produktion gehen, wenn sie ausgereift sind.

medienpolitik.net:  Es gibt Kritik an den Strukturen der Filmförderung und dass, gemessen an der Summe, insgesamt zu wenige bei den Zuschauern erfolgreiche Filme entstehen. Wie kann Ihrer Meinung nach das Verhältnis von Förderaufwendung und erreichten Zuschauern im Kino verbessert werden?
Danielsen: Es sollte mehr Zeit und mehr Geld in die Entwicklung investiert werden, bei den Projekten mit Senderbeteiligung auch von den dort Verantwortlichen. Das gleiche gilt, besonders bei Dokumentarfilmen, übrigens auch für die Schnittzeit. Vorhaben, die sich nicht vielversprechend entwickeln lassen, müssten leichter aufgegeben werden können. Die Realität sieht nur leider oft anders aus, die meisten Produzenten können es sich gar nicht leisten, nach monatelanger Entwicklungsarbeit ein Projekt nicht zu realisieren. So gehen einige Filme in Produktion, die nicht zu Ende entwickelt worden sind. Deshalb wird derzeit intensiv diskutiert, Produzenten besser zu stellen, auch durch die Akzeptanz von Produzentengagen in der Entwicklungsphase. In Zeiten der sich tiefgreifend ändernden Zuschauergewohnheiten und der Fragmentierung der Märkte erreichen jene Filme ihr Publikum am besten, die sehr zielgerichtet und effektiv vermarktet werden. Auch das sollte bereits in der Entwicklungsphase mitgedacht, am sich in der Endfertigung befindlichen Film verifiziert und angemessen finanziell unterstützt werden. Zugleich müssen wir den Erlebnisort Kino stärken und Kinder und Jugendliche konsequent an den Film als faszinierende und relevante Kunst- und Erzählform heranführen.

medienpolitik.net:  In den „Frankfurter Positionen zur Zukunft des Deutschen Films“ wird unter anderem gefordert, die Gremien bei der Vergabe der Fördermittel abzuschaffen, also auch bei der regionalen Förderung einen „Automatismus“ wie beim DFFF einzuführen. Würde das nicht Ihre Arbeit erleichtern? Sie müssten weniger Drehbücher lesen…Danielsen: Der Vorschlag der Arbeitsgruppe sieht ja vor, dass kommerzielle Projekte automatisch gefördert werden sollen, über die andere Hälfte soll eine Kuratorin oder ein Kurator entscheiden. Die Frankfurter Positionen haben eine spannende und wichtige Diskussion ausgelöst. Aus meiner Erfahrung heraus ist die Grenze zwischen „künstlerischen“ und „kommerziellen“ Projekten aber gar nicht klar zu ziehen. Idealerweise ist jeder Film ästhetisch und erzählerisch ein Kunstwerk und erreicht zugleich das ihm gemäße Publikum sehr zielgerichtet. Die MDM, und nur für die kann ich sprechen, fördert nach sehr intensiven Diskussionen in unserem Vergabeausschuss außerordentlich viele anspruchsvolle Arthouse-, Dokumentar- und Kinderfilme, Hybride und künstlerische Animationsfilme. Ab und zu unterstützen wir auch klar kommerziell ausgerichtete große Produktionen, die dazu beitragen, die Beschäftigung unserer regionalen Fachkräfte und die Auslastung unserer Dienstleister zu sichern. Diese Verantwortung für den Standort haben wir, und sie trägt dazu bei, dass Landtagsabgeordnete immer wieder entscheiden, signifikante Steuergelder in die Förderung von Film- und Medienprojekten zu stecken, anstatt davon Schulen oder Kindergärten zu bauen. Das klingt jetzt sehr plakativ, trifft aber genau die Realität. Film verfügt in Deutschland noch nicht über die gesellschaftliche Wertschätzung, um Filmförderung auf dem derzeit erreichten hohen finanziellen Niveau zu einer reinen Kulturförderung zu machen.

medienpolitik.net:  In der Pressemeldung zur Bilanz 2018 heißt es: „Der inhaltlichen und künstlerischen Qualität der geförderten Projekte galt dabei unser besonderes Augenmerk”. Was heißt das konkret?
Danielsen: Die MDM fördert seit Jahren eine große Reihe von Filmen, die künstlerisch neue Wege einschlagen, sehr eigene – manchmal eigenwillige – Haltungen einnehmen und die enorm erfolgreich bei Festivals und bei der Kritik abschneiden. Filme von Sergei Loznitsa, Thomas Stuber oder Adina Pintilies Berlinale-Gewinnerfilm „Touch Me Not“ sind für das Kino nicht nur bereichernd, sondern tragen zur Entwicklung der Filmästhetik enorm bei. Bei aller wirtschaftlichen Ausrichtung einer regionalen Förderung ist es für uns sehr wichtig, ein breites Spektrum, von kommerziellen bis hin zu gewagten Ansätzen, zu unterstützen.

medienpolitik.net:  Was ist für Sie ein guter, erfolgreicher Kinofilm?Danielsen: Wenn er die Visionen des künstlerischen Teams und die Erwartungen seiner Macher einlöst, etwas wirklich Neues erzählt und sein Publikum findet. Das muss nicht immer ein Massenpublikum sein, auch so mancher „kleine“ Film kann eine große Wirkung haben.

medienpolitik.net:  Sie betonen einen Regionaleffekt von 200 Prozent, der mit der Förderung erreicht wird. Ist diese Orientierung auf den wirtschaftlichen Nutzen, der durch die Dreharbeiten in der Region entsteht, mit daran Schuld, dass zu viele – aber zu wenige zuschauerwirksame – Filme entstehen?

Danielsen: Unser gegenwärtiges System in Deutschland ist in der Tat auf eine starke Produktionsaktivität ausgerichtet und die Förderstruktur begünstigt das sicher. Natürlich liegt uns auch viel daran, dass regionale Produzenten und Dienstleister dauerhaft arbeiten können, aber es ist keineswegs der Fall, dass wir Projekte mehrheitlich wegen ihrer Effekte fördern würden. Der Regionaleffekt sagt ja eher etwas darüber aus, ob mit dem von uns zur Verfügung gestellten Geld auch Ausgaben am Standort erzielt werden können. Wie wir die Anzahl der geförderten Filme begrenzen, habe ich schon geschildert. Dass sich die Nutzung von Medien tiefgreifend ändert und das Kino in dieser Situation neue Wege gehen muss, beschäftigt uns alle. Wie zuschauerwirksam ein Film ist, spiegeln aber nicht nur die Kinoerlöse der ersten zwei Wochen wider. Viele Filme lassen zuerst Festivalkinos aus den Nähten platzen und erreichen später im Fernsehen Hunderttausende Menschen, erzielen in den Mediatheken hohe Abrufzahlen und leben auf Plattformen weiter. Gerade Dokumentar- und Kinderfilme haben in der Nische oft ein langes Leben, touren über Monate durch die Kinos und erzielen am Ende erstaunliche Zuschauerzahlen.

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