„Kinos brauchen Filme, die die Menschen sehen wollen“

von am 04.03.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Interviews, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Plattformen und Aggregatoren

„Kinos brauchen Filme, die die Menschen sehen wollen“
Peter Dinges, Vorstand der Filmförderungsanstalt (FFA)

Peter Dinges: Der Ruf des deutschen Films im Ausland ist deutlich besser als viele hierzulande glauben

04.03.2019. Interview mit Peter Dinges, Vorstand der FFA

Im Februar veröffentlichte die Filmförderungsanstalt traditionell ihre Daten über das KInojahr 2018. Mit 105,4 Mio. wurden 2018 in Deutschland 13,9 Prozent weniger Tickets als im Vorjahr verkauft, der Umsatz sank um 14,8 Prozent auf 899,3 Mio. Euro. Ähnlich schlechte Zahlen gab es zuletzt 1992, als 105,9 Mio. Tickets verkauft wurden. Immerhin ist das Jahresergebnis am Ende etwas besser ausgefallen, als es die Halbjahreszahlen 2018 befürchten ließen. Obwohl unter den Top 10 der erfolgreichsten Filme keine deutsche Produktion war, zeigte sich die Performance des deutschen Films mit sechs Besuchermillionären, einem Marktanteil von 23,5 Prozent (2017: 23,9 Prozent) und 24,6 Millionen Besuchern (2017: 28,3 Mio.) relativ stabil. Etwa zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass der Streaminganbieter Netflix seine Klagen fallen lässt und künftig Filmabgabe nach dem deutschen Filmförderungsgesetz zahlen wird. Ob Netflix für seine in Auftrag gegebenen Filme Fördermittel erhalten wird, ist jedoch fraglich: „Die Erstauswertung eines Kinofilmes bei Netflix ist ein Widerspruch in sich, denn dann ist es kein Kinofilm. Wer FFA-Fördermittel zur Produktion oder zum Absatz eines Films in Anspruch nimmt, muss die Sperrfristen einhalten“, so Peter Dinges, Vorstand der FFA in einem medienpolitik.net-Gespräch.

Medienpolitik.net: Herr Dinges, die FFA hat Anfang Februar Zahlen über das Filmjahr 2018 veröffentlicht, die einen Besucher- und Umsatzrückgang belegen. Wie kann sich das Blatt wieder zum positiven für die Kinos wenden oder ist das Ihrer Meinung nach ein unumkehrbarer Trend?

Dinges: Das Kinojahr 2018 war schlecht, da gibt es nichts zu beschönigen. Das würde ich allerdings nicht als unumkehrbaren Trend interpretieren. Der Kinomarkt weltweit ist auf Rekordniveau mit Potential nach oben. Optimismus ist daher trotz des mageren Ergebnisses auch in Deutschland angebracht. Das Ende des Jahres hat ja schon gezeigt, wie erfolgreich Kino auch in Deutschland sein kann, wenn Qualität und Rahmenbedingungen stimmen. „Der Junge muss an die frische Luft“, gestartet am ersten Weihnachtstag, hat allein 2018 mehr als 750.000 Besucher gemacht und liegt inzwischen bei über drei Millionen. Die Kinos brauchen mehr solcher Filme – Filme, die die Menschen sehen wollen, Filme, an denen es im letzten Jahr offenbar gefehlt hat. Plus moderne Werkzeuge zur Kundenansprache und -bindung. Plus gut eingerichtete und ausgestattete Kinos.

Medienpolitik.net: Welche Bilanz ziehen Sie für die Berlinale in Bezug auf Präsenz und Relevanz deutscher Filme?

Dinges: Ich finde, dass wir ganz zufrieden sein können: 109 deutsche Filme von insgesamt 400 – das ist allein schon zahlenmäßig eine ordentliche Präsenz. Besonders freue ich mich, dass zwei Silberne Bären an zwei deutsche Regisseurinnen für die großartige Qualität ihrer Arbeit verliehen wurden. Und bitte nicht zu vergessen, dass der Goldene Bär für den besten Kurzfilm an zwei deutsche Filmemacher ging! Gerade der deutsche Nachwuchs zeigte sich auf dieser Berlinale von seiner besten Seite – gute Voraussetzungen für die Zukunft. Dass der Goldene Bär für den besten Langfilm dann für eine internationale Koproduktion mit deutscher Beteiligung war, ist sicher das Tüpfelchen auf dem „i“.

Medienpolitik.net: Sie sind viel im Gespräch mit internationalen Vertretern der Branche. Welchen Ruf hat der deutsche Film international? Spielt er überhaupt eine Rolle?

Dinges: Es ist keine Seltenheit mehr, dass mich Kollegen und Branchenvertreter aus dem Ausland auf deutsche Filme ansprechen, die sie aktuell in ihrer Heimat gesehen haben – und das nicht nur aus Höflichkeit, sondern weil ihnen der Film gefallen hat. Mich freut das und es fällt mir auf. Der Ruf des deutschen Films im Ausland ist deutlich besser als noch vor Jahren und besser als viele hierzulande glauben. Sieht man zum Beispiel nach Frankreich, sind die Besucherzahlen für deutsche Filme beachtlicher, als dies die Präsenz auf dem Festival in Cannes vermuten ließe. Die stark gestiegene Anzahl von majoritären deutschen Koproduktionen mit einem absoluten Rekordwert in diesem Jahr ist ein Hinweis darauf.

Medienpolitik.net: Monika Grütters hat jüngst beim Deutschen Produzententag erklärt, Aufwand und Nutzen stünden bei der Filmförderung nicht im ausgewogenen Verhältnis, vor allem in Bezug auf den Nutzen für den Zuschauer. Wie könnte man den „Nutzen für den Zuschauer“ vergrößern?

Dinges: Immerhin haben knapp 25 Millionen Menschen letztes Jahr den deutschen Film „genutzt“, fast jeder vierte Kinobesucher. Dass da natürlich deutlich Luft nach oben ist, zeigt sich besonders in einem Jahr mit so schlechten Zahlen. Das einzig Gute an solch schlechten Ergebnissen ist, dass man in Dialog miteinander tritt, Bilanz zieht und gemeinsam nachdenkt, wie man es besser machen kann. Deshalb begrüßen wir die Initiative der Kulturstaatsministerin, bei einem Runden Tisch auszuloten „wie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen der Filmförderung erreicht werden“ kann.

Medienpolitik.net: TV-Serien spielen für Produzenten eine zunehmend wichtige Rolle und binden auch kreatives Potenzial. Leidet der Spielfilm unter dem Serienboom?

Dinges: Wir sehen nicht nur einen wachsenden Wettbewerb um Aufmerksamkeit, sondern auch eine neue Konkurrenz um Talents und um Filmschaffende. Und das ist vor allem eins: gut. In der Filmproduktion herrscht Vollbeschäftigung, fähige und gefragte Leute können sich die Jobs aussuchen, und auch der Nachwuchs wird umworben wie nie. Damit ist ein Ziel, das mit der Einführung des DFFF und des GMPF angestrebt wurde, erreicht. Und wenn die Produktion von Serien auf den ersten Blick lukrativer scheint, müssen auch die Bedingungen für die Produktion von Kinofilmen verbessert werden.

Medienpolitik.net: Netflix wird künftig eine Filmabgabe leisten. Wie erklären Sie sich den Meinungswechsel des Plattformanbieters?

Dinges: Ich könnte mir vorstellen, dass sowohl juristische als auch kaufmännische Vernunft hier gute Ratgeber waren. Nach dem Inkrafttreten der AVMD-Richtlinie waren hier europaweit die Chancen, einer Abgabe auf nationaler Ebene auf Dauer zu entgehen, sehr gering. Warum also teure Konflikte auf nationaler Ebene suchen, wo doch Kooperationen und Förderungen in ganz Europa möglich und vielversprechend sind?

Medienpolitik.net: Netflix veröffentlicht kaum regionale Zahlen. Wie wollen Sie den Anteil berechnen? Woran misst er sich?

Dinges: Die Höhe der Filmabgabe errechnet sich aus dem Nettoumsatz, der durch die Verwertung von Kinofilmen entsteht. Der ist bei S-VoD-Anbietern wie Netflix tatsächlich nicht so einfach zu identifizieren, weil sie erstens nicht pro Stream, sondern pro Monat kassieren und zweitens ja auch Serien, Dokumentationen und TV-Movies anbieten, die nicht in den Kinos laufen und daher auch nicht als Kinofilme angesehen werden. Da mussten wir also eine Bemessungsgrundlage finden, und dies ist uns gelungen. Ob Netflix die Zahlen veröffentlicht oder nicht, ist dabei irrelevant. Wir veröffentlichen ja auch keine unternehmensbezogenen Daten.

Medienpolitik.net: Bedeutet das künftig, dass auch Kinofilme gefördert werden, die zuerst bei Netflix ausgewertet werden?

Dinges: Ein klares Nein – um hier jedem Missverständnis vorzubeugen! Die Erstauswertung eines Kinofilmes bei Netflix ist ja schon ein Widerspruch in sich, denn dann ist es kein Kinofilm. Wer FFA-Fördermittel zur Produktion oder zum Absatz eines Films in Anspruch nimmt, muss die Sperrfristen einhalten.

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