Deal or no Deal?

von am 04.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Gastbeiträge, Infrastruktur, Medienordnung, Medienwirtschaft

Deal or no Deal?
Dietmar Schickel, Gründer und Partner DSC Consulting

Fusion zwischen Vodafone und Unitymedia könnte mit strengen Auflagen gebilligt werden

04.04.2019. Von Dietmar Schickel, Geschäftsführer DSC Dietmar Schickel Consulting GmbH & Co. KG, Berlin

Kommt der Deal zustande oder nicht? Nein, die Rede ist dieser Tage ausnahmsweise nicht vom Brexit, sondern von der Fusion zwischen Vodafone und Unitymedia. Zwischenzeitlich wurden die beiden Unternehmen von der Europäischen Kommission über das weitere Vorgehen informiert. Zwar gibt es Bedenken, aber eine generelle Ablehnung soll es wohl nicht geben.

Nachdem diverse Spitzenverbände der Telekommunikations- und Kommunikationsindustrie wie der Bundesverband Breitbandkommunikation (BREKO), der Bundesverband Glasfaseranschluss (BUGLAS), der Verband Privater Medien (VAUNET) sowie die Deutsche Netzmarketing GmbH (DNMG) vor gut zwei Wochen in Berlin ihre massiven Vorbehalte zur Fusion in einer gemeinsamen Erklärung vorgestellt haben, nimmt das Thema nach einer längeren ruhigen Phase wieder Fahrt auf. Danach wurde vorübergehend spekuliert, dass eine Ablehnung des Deals wahrscheinlich sei. Einem Bericht der „Welt“ zufolge, wurde den beiden Unternehmen aber zwischenzeitlich von Seiten der Kommission ein sogenanntes Statement of Objections übermittelt. Demzufolge hat die Kommission den geplanten Merger geprüft, aber stellt sich nicht grundsätzlich gegen ein Zusammengehen. Ohne Zugeständnisse und weitere detaillierter Prüfungen wird die Kommission die Übernahme nicht durchwinken. „Dies wird blutig“ meint ein mit dem Prozess vertrauter Insider.

Die Fakten

Auch wenn das Thema auf den ersten Blick harmlos wirkt, da sich Vodafone und Unitymedia die Kabel-TV-Landschaft schon immer untereinander aufgeteilt haben, ist doch mit einer faktischen Monopolstellung im Kabelmarkt zur rechnen, wenn der Deal genehmigt wird! Vodafone besitzt nach der Integration von Kabel Deutschland bereits heute in dreizehn Bundesländern den größten Marktanteil. Unitymedia ist in Hessen, Nordrhein-Westfalen und seit der Übernahme von Kabel Baden-Württemberg auch in diesem Bundesland Marktführer.

Auswirkungen auf die Wohnungswirtschaft und Programmanbieter

Unter anderen hätte Fusion größere Auswirkungen auf die Wohnungswirtschaft. Die Branche hat bereits heute, abgesehen von wenigen kleineren Kabelunternehmen, quasi nur noch einen überhaupt keine Vergleichspreise eines anderen großen Anbieters aus einem anderen Bundesland aufführen. Das Interesse der Branche an einem Wettbewerb unter verschiedenen Anbietern ist daher groß. Davon könnte nach einer Fusion nicht mehr viel übrig sein, denn der neue Konzern käme auf einen Marktanteil von über 80 Prozent im Kabelmarkt.

Auch von Seiten der Programmanbieter gibt es Bedenken. Die großen Kabelnetzbetreiber erhalten neben den Teilnehmerentgelten auch ein Entgelt der Sender für die Einspeisung in das jeweilige Netz. Die Angst der Sender: Durch seine gestiegene Marktmacht könnte der neue Konzern die Einspeisekonditionen deutlich anheben, auch wenn heute neue Abrechnungsmodelle eher eine Reduzierung der Entgelte vorsehen.

Glasfaserausbau

Auch beim Thema Glasfaserausbau gibt es von vielen Seiten Bedenken gegen den geplanten Zusammenschluss. Die Glasfaser gilt als Königsweg, um die Nachfrage nach einer höheren Bandbreite zu bedienen. Viele Experten gehen davon aus, dass sich die Anforderungen an die Anschlussnetze bis 2025 mehr als verdoppeln werden. Besonders die sogenannte Top-Level-Nachfrage mit Geschwindigkeiten von 1 Gbit/s und mehr wird dabei deutlich ansteigen. Noch kann die benötigte Bandbreite auch über die bestehenden Kabelnetze bereitgestellt werden – der neue Konzern hätte aktuell daher keinen Grund, beim Glasfaserausbau auf das Gaspedal zu treten, sondern würde wahrscheinlich versuchen, die bestehende koaxiale Infrastruktur so weit wie möglich auszureizen. Die Verbände fürchten, dass der Glasfaserausbau ob des großen Marktanteils gebremst werden könnte.

Vodafone kontert

Freilich lässt Vodafone die Spekulationen und Befürchtungen der Branche nicht unbeantwortet. Den Sorgen der Wohnungswirtschaft entgegnet der Konzern damit, dass es bisher auch keinen Wettbewerb um den Bestand gab. Hier würde sich in Zukunft also auch nichts ändern – abgesehen davon, dass es eben nur noch einen Anbieter gibt. Dieses Verständnis scheint auch bei der Kommission angekommen zu sein. Beim Thema Einspeisekonditionen beruft sich Vodafone auf einen Deal, der kürzlich mit ARD und ZDF geschlossen wurde, der sogar eine Kostensenkung vorsieht und der auch allen anderen Sendern angeboten wurde. Beim Glasfaserausbau setzt das Unternehmen auf den Wettbewerb. Die Annahme: Der Ausbau beschleunigter Kabelnetze wird dazu führen, dass die Konkurrenz ihrerseits versucht, schnellere Netze zu installieren – der Glasfaserausbau würde sogar vorangetrieben und letztendlich sei man als nationaler Player damit auch in der Lage, der Telekom stärker Paroli zu bieten und sogar den Wettbewerb bei Telekommunikationsangeboten zu steigern. Tatsächlich forciert Vodafone das 1 Gbit/s Angebot für Endkunden über Kabelinfrastruktur und wirbt massiv für dieses Angebot.

Bei den verschiedenen Interessen der einzelnen Parteien ist es schwer zu beurteilen, welche Auswirkungen Wohnungsunternehmen und Programmanbieter konkret erwarten. Experten gehen davon aus, dass die Fusion, wenn dann nur, unter harten Auflagen genehmigt wird.

Harte Auflagen möglich

Diese Auflagen könnten beispielsweise ein Sonderkündigungsrecht laufender Versorgungs-verträge einhalten, aber für viel mehr Wohnungsunternehmen unterschiedlicher Größenordnung, als es bei der Übernahme von Kabel BW durch Unitymedia der Fall war. Auch der sogenannte „Open Access“, die Öffnung der Kabelnetze für Drittanbieter, derzeit technisch noch nicht möglich, könnte zur Auflage werden. Dritte Anbieter könnten dann Kapazitäten in Kabelnetzen für eigene Angebote nutzen. Eher unwahrscheinlich ist die staatliche Regulierung des neuen Konzerns. Wie die Telekom müsste der neue Kabelgigant dann seine Preise von der Bundesnetzagentur genehmigen lassen. Bei den Programmanbietern ist sicherlich mit einer Festschreibung der bisherigen Konditionen auf einen längeren Zeitraum zu rechnen. Hier wird die EU-Kartellbehörde ein besonderes Augenmerk auf dieses Thema richten.

Die finale Entscheidung über die Fusion wird für den Sommeranfang erwartet. Ob ja oder nein, mit oder ohne Auflagen und mit welchen Konsequenzen steht derzeit noch in den Sternen.  

Print article