„Die Medienpolitik muss endlich gestalten“

von am 11.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Interviews, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Die Medienpolitik            muss endlich gestalten“
Klaus Schunk, Vorsitzender der Geschäftsführung von Radio Regenbogen und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VAUNET

Die Anpassung des Auftrages für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss auch das Radio berücksichtigen

11.04.2019. Interview mit Klaus Schunk, Vorsitzender der Geschäftsführung/Programmdirektor Radio Regenbogen und stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VAUNET

Die Reichweite der Audioangebote in Deutschland liegt laut den Ergebnissen der ma 2019 Audio I der agma bei 98,9 Prozent. Die Nutzer von klassischen, linearen Radioangeboten bleiben ihren Sendern mit einer durchschnittlichen Tagesreichweite von 77,0 Prozent weiterhin treu. Die Privatradioprogramme erreichen dabei monatlich 84 Prozent aller Radiohörer. Wie Klaus Schunk, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des VAUNET betont, bestehe aber eine Wettbewerbsverzerrung mit den ARD-Anstalten. Das gelte für garantierten Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag inklusiver zweckgebundener Mittel für die Digitalisierung ihrer Radioangebote ebenso wie für ihre immense Frequenzausstattung, die die ARD-Kollegen mit großer Selbstverständlichkeit für eine Expansion nutzten, ohne dass es politische Grenzziehungen gebe. Nun kämen aber auch noch neue globale Wettbewerber hinzu, die auch den Audio-Markt erobern wollen. Schunk forderte in einem Interview mit medienpolitik.net: „Die Medienpolitik muss endlich gestalten, sich zum dualen System nachhaltig bekennen und den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen klar definieren, dann erst finanzieren.“

Medienpolitik.net: Herr Schunk, private Radioprogramme werde seit Jahren relativ konstant täglich von 30 Millionen Menschen genutzt, das sind ca. 43 Prozent. 52 Prozent nutzen die Programem der ARD. Welche Chance sehen Sie dieses Verhältnis zu verändern, da Jugendliche Audio-Angebote stärker online nutzen?

Schunk: Laut der ma Audio 2019 erreichen die Privatradioprogramme monatlich 84 Prozent aller Radiohörer. Privatradio ist also bereits sehr erfolgreich in allen Altersgruppen – und dabei besonders erfolgreich in jüngeren Zielgruppen. Und wenn man sich die werbefinanzierten Wellen anschaut, so liegt die Tagesreichweite der Privaten vor der der werbeführenden Programme der ARD. Bei einer Gesamtbetrachtung haben Sie aber recht, nur kann das angesichts der dahinterstehenden Ressourcen auch niemanden überraschen, schließlich vergleicht man hier David mit Goliath. Das gilt für die garantierten Einnahmen aus dem Rundfunkbeitrag für die ARD inklusiver zweckgebundener Mittel für die Digitalisierung ihrer Radioangebote ebenso wie für ihre immense Frequenzausstattung, die die ARD-Kollegen mit großer Selbstverständlichkeit für eine Expansion ihrer Wettbewerbswellen zu unseren Programmen nutzen, ohne dass es politische Grenzziehungen gebe. All das ist schon dramatisch genug. Nun kommen aber auch noch neue globale Wettbewerber hinzu, die erklärter Maßen auch den Audio-Markt erobern wollen. Sie sind ebenfalls mit enormen finanziellen Mitteln ausgestattet und oftmals gleichzeitig in einer Gatekeeper-Position für ihre eigenen Plattformen. Diese Anbieter ziehen bereits heute mehr als 5 Milliarden Euro aus dem deutschen Werbemarkt, im Übrigen, ohne hierfür Steuern zu zahlen. Deshalb ist es bereits später als 5 vor 12. Soll der Zeiger nicht weiter springen, brauchen wir eine Ausbalancierung des Wettbewerbs zu den ARD-Programmen auf UKW und eine faire Chance für eine positive Entwicklung unserer Online-Audio-Angebote im Netz. Die Öffentlich-Rechtlichen müssen klar auf ihren Auftrag fokussiert werden, ihrer unbegrenzten Expansion im Netz muss Einhalt geboten werden. Gleichzeitig muss der der Zugang und die Auffindbarkeit von Radio auf den zukünftig für Online-Audio überlebenswichtigen Plattformen wie Smart Speakern, in In-Car-Audio-Systemen etc. sichergestellt werden. Ansonsten wird die Identität stiftende regionale Vielfalt unserer privaten Radiolandschaft schon bald Geschichte sein.

Medienpolitik.net: Gegenwärtig findet eine politische Debatte über den Rundfunkbeitrag ab 2021 statt. Wie problematisch ist es für fairen Wettbewerb zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Angeboten in diesem Bereich, wenn sich die Vollindexierung durchsetzt?

Schunk: Der VAUNET hat hierzu eine Kurzgutachten von Prof. Thomas Hirschle vorgelegt. Es arbeitet sehr klar heraus, dass eine pauschale Indexierung verfassungs- und europarechtlich nicht trägt. Im Übrigen ist das das gleiche Ergebnis, zudem auch das von den Ländern bei Prof. Matthias Cornils beauftrage Gutachten gelangt. Beide Gutachten legen die Schwächen einer Vollindexierung dar. Es würde für die Zukunft die Steuerung der bedarfsgerechten Höhe des Rundfunkbeitrags entfallen. Und dies sogar ohne, dass zuvor eine zeitgemäße Definition des Programmauftrags erfolgt wäre. Für uns Privaten würde sich der Wettbewerb massiv zu unseren Ungunsten verschieben, wenn Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit bei einer automatisierten Beitragserhöhung kein dauerhafter Maßstab mehr wären. Korrekturmöglichkeiten der KEF liefen leer, die Länder würden sich schlichtweg ihrem Gestaltungsauftrag entziehen. Wir fordern deshalb eine Konkretisierung des Auftrags von ARD und ZDF, mit denen die Länder ihrem Gestaltungsauftrag gerecht werden, und zwar qualitativ und quantitativ. Dabei sollte die Medienpolitik auch einen Blick auf die ausufernden öffentlich-rechtlichen Radioprogramme richten. Erst danach kann sich dann die Entscheidung über eine angemessene Finanzierung daran orientieren. Hier hat sich das bisherige und ausdifferenzierte Modell mit den Zuständigkeiten der KEF absolut bewährt. Mir ist es im Übrigen ein Rätsel, weshalb sich die Politik der Gestaltung einer klaren öffentlich-rechtlichen Auftragserteilung verweigert! Diese Klarheit lohnt doch die Arbeit! Aber es scheint ein lobbyistisches Interesse zu geben, diesen publizistischen Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen nebulös zu halten. Sollte eine Vollindexierung durch die Ministerpräsidenten beschlossen werden, werden wir daher juristische Schritte prüfen. Wir würden uns freuen, wenn dies nicht erforderlich würde und die Medienpolitik eine sachgerechte Lösung finden würde, die auch das Rado miteinschließt.

„Wir brauchen eine Ausbalancierung des Wettbewerbs zu den ARD-Programmen auf UKW und eine faire Chance für eine positive Entwicklung unserer Online-Audio-Angebote im Netz.“

Medienpolitik.net: Zahlreiche Medienpolitiker fordern, dass sich die ARD künftig stärker auf Information, Bildung und Kultur fokussieren soll. Sehen Sie diese Notwendigkeit auch bei den Hörfunkangeboten? Hier verfügen die ARD-Anstalten doch bereits über mehrere Info- und Kulturprogramme?

Schunk: Hier geht es um den grundsätzlichen Auftrag der ARD und ihr Selbstverständnis. Mit einer Verspartung von Informationen und Kultur werden viele Hörer mit diesen Angeboten schlichtweg nicht mehr erreicht. Gleichzeitig schafft die ARD sich damit Raum, ihre Hauptwellen weiter als easy durchhörbare Konkurrenzprodukte zu den Privaten zu formatieren und den Wortanteil immer weiter zurückzufahren. Zum Beispiel verfügen die sogenannten jungen Wellen der ARD, also Radioangebote, mit welchen die ARD-Anstalten den Generationenabriss verhindern möchten, nur über einen Informationsanteil von gerade einmal 7,3 Prozent. Die Entwicklung führt, auch angesichts der gewachsenen Frequenzübermacht der öffentlich-rechtlichen Kollegen, die für eine Verspartung Tor und Tür öffnet, zu einer dramatischen Zunahme der Wettbewerbsverschiebungen zu Lasten der Privaten.

Medienpolitik.net: Bei der Debatte über eine Flexibilisierung des Auftrages wird immer das Fernsehen genannt, wo es mehr Spielraum bei den Verbreitungswegen für öffentlich-rechtliche Angebote geben soll. Was halten Sie von einer Flexibilisierung auch bei den Radioangeboten?

Schunk: Wir brauchen eine positive und klare Definition des Programmauftrags der Öffentlich-Rechtlichen, der selbstverständlich auch das Radio umfassen muss. Die ARD flexibilisiert ihre Radioangebote schon seit Jahren selbstbestimmt zu Lasten der Privaten. Ein Auftrag kann nicht flexibel sein, dann ist es keiner. Er muss präzise neben der Festlegung von inhaltlichen Schwerpunkten auch Aussagen dazu treffen, wie viele Angebote dafür erforderlich sind, das gilt selbstverständlich auch für das Radio.

„Mir ist es ein Rätsel, weshalb sich die Politik der Gestaltung einer klaren öffentlich-rechtlichen Auftragserteilung verweigert!“

Medienpolitik.net: Welchen Anteil hat die Hörfunknutzung privater Sender über Online inzwischen erreicht?

Schunk: Laut der ma Audio 2019 erreichen die darin erfassten Online-Audioangebote bereits 13,5 Millionen Hörer pro Monat. Der Online-Anteil variiert zwar von Sender zu Sender, hat aber für alle Privaten bereits eine sehr hohe Relevanz. Was uns besonders freut: Über 65 Prozent der Webradionutzer hören online ihre gelernten UKW-Sender. Die Nachfrage nach Webradio steigt also und die Hörer empfangen Webradio über praktisch alle verfügbaren Endgeräte, wobei das Smartphone klar vorne liegt. Die bevorstehende Umsetzung der europäischen Radio-Interoperabilitätsnorm sollte daher vollständig technologieneutral ausfallen, so dass die regionale Programmvielfalt der privaten Radioveranstalter auffindbar bleibt. Die Technik hat den Inhalten zu dienen und darf sie nicht ausgrenzen!

Medienpolitik.net: Sicher ergeben sich für private Sender durch Smart-Speaker und Podcasts auch neue Chancen und Möglichkeiten

Schunk: Sie bieten uns die Chance, unsere Angebote auch für neue Nutzungssituationen und -bedürfnisse unserer Hörer zu erweitern und zum Beispiel neue Audio-Contentformen zu entwickeln. Das sind klassische Stärken des Privatradios, das immer der klare Innovationstreiber dieser Mediengattung war. Aber natürlich bedeuten immer mehr Plattformen auch zusätzlichen Aufwand und der Werbekuchen sowie das Nutzungsbudget der Hörer sind endlich. Daher erwarten wir auch in diesen Bereichen einen harten Verteilkampf um die Hörer und deshalb gilt das eingangs Gesagte: Wenn das Privatradio die Chance haben will, den Status Quo zu halten und sich auch zu entwickeln, braucht es konsequente politische Entscheidungen. Sollte die Medienpolitik der beschriebenen Entwicklung nur weiter zuschauen, könnte sie sehr kurzfristig überrascht feststellen, dass sie zum Totengräber von Angeboten geworden ist, die sie lange gehegt, gepflegt und entwickelt hat, weil sie – die Medienpolitik –  sich ihrer Bedeutung gerade für die Regionen und lokalen Räume immer sehr klar war. Unter dem Strich: wir sehen also große Chancen, in wie weit wir sie wirtschaftlich vernünftig nutzen können, liegt leider nicht allein in unserer Hand. Und glauben Sie mir: ohne Radiostaatsvertrag werden wir die Zukunft medienpolitisch nicht gestalten können. Die Herausforderungen innerhalb der Gattung Rundfunk sind zu divergent, als sie unter diesem Oberbegriff zu sichern oder gar gestalten zu können.

Medienpolitik.net: Seit fast 5 Jahren existiert der Radioplayer mit öffentlich-rechtlichen und privaten Angeboten. Wie ist Ihre Bilanz? Hat das Medium Radio von dieser Kooperation profitiert?

Schunk: Definitiv. Der Radioplayer aggregiert relevante Radioangebote und macht ihre Marken über eine gemeinsame App einfach verfügbar. Gerade für die Nutzer von Smartphones bieten wir so eine echte Alternative zu reinen Musik-Streamingangeboten. Da ist zwar noch nicht alles Geld was glänzt, aber wir sehen eine europäische Entwicklung, die relativ zeitnah europaweit aufgestellt sein wird. Aber auch da gilt: must be found und must be carry- technologieneutral – auf allen Plattformen und Endgeräten. Sie sehen die Medienpolitik muss endlich gestalten, sich zum dualen System nachhaltig bekennen und den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen klar definieren, dann erst finanzieren. Nicht umgekehrt!!

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