„Ich lasse mich gern überraschen“

von am 09.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Interviews, Medienordnung, Medienpolitik, Medienrecht, Medienregulierung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Ich lasse mich                    gern überraschen“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF-Intendant sieht Idee einer europäischen Plattform weiterhin sehr skeptisch – Gespräche über Vernetzung der Mediatheken von ARD und ZDF

09.04.2019. Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Andere diskutieren und propagieren Ideen und das ZDF handelt. Wie so oft, auch bei ZDFkultur, einem digitalen Kulturraum. Dieses neue ZDF-Angebot hat die Ministerpräsidenten auf Anhieb überzeugt, so dass sie nach ihrer jüngsten Tagung im März den Beschluss fassten, dass „die Anstalten gebeten werden, eine gemeinsame Plattformstrategie zu entwickeln“. Für Malu Dreyer, Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder und Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist die neue Kultur-Plattform dafür ein gutes Vorbild: „Daran können wir lernen“, so Dreyer, „was die Anstalten miteinander stärker machen könnte, um tatsächlich a) eine Antwort auf die neue Zeit zu haben und b) auch effektiver zu arbeiten“.  In einem Interview für medienpolitik.net übt sich ZDF-Intendant Thomas Bellut trotz des vielen Lobs im Understatement: „ZDFkultur ist keine Plattform, sondern ein neugestalteter Themenbereich innerhalb der ZDFmediathek.“ Allerdings, so Bellut, würden sich das Konzept eines Inhaltnetzwerkes, wie ZDFkultur, und der Vorschlag der ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm für eine europäische Plattform, nicht ausschließen.

Medienpolitik.net: Herr Bellut, im Anschluss an die jüngste MPK hat Malu Dreyer, die Vorsitzender der Rundfunkkommission der Länder, in einem Interview Ihre neue Plattform ZDFkultur als „gutes Vorbild für eine gemeinsame Plattformstrategie“ der öffentlich-rechtlichen Sender gewürdigt. Haben Sie ZDFKultur mit dieser Intention gestartet?

Bellut: ZDFkultur ist keine Plattform, sondern ein neugestalteter Themenbereich innerhalb der ZDFmediathek. Dort findet der Nutzer vielfältige, kuratierte Angebote und Sendungen aus dem weiten Feld der Kultur. Neu ist, dass ZDFkultur mit zahlreichen Partnern aus der deutschen Kulturlandschaft zusammenarbeitet. Die Vorbereitungen dafür haben vor mehr als zwei Jahren begonnen. Schon daran wird deutlich, dass es sich nicht um die Antwort auf aktuelle Diskussionen handelt.

Medienpolitik.net: ZDFkultur wurde am 13. Februar gestartet. Welchen finanziellen und personellen Aufwand bedeutet ZDFkultur für das ZDF?

Bellut: Wir haben unter dem Label ZDFkultur Angebote zusammengeführt, die wir vorher an unterschiedlichen Stellen in den Mediatheken von ZDF und 3sat angeboten haben. Dabei handelt es sich überwiegend um Sendungen und Beiträge aus der Programmfamilie des ZDF. Neu ist, dass wir mit weiteren Partnern – Museen, Stiftungen und anderen Kultureinrichtungen – die kulturelle Vielfalt Deutschlands in einem digitalen Raum zusammenführen. Mit moderner Technologie ermöglichen wir dort auch neue Zugänge zur Kultur, etwa mit der digitalen Kunsthalle. Den zusätzlichen Aufwand haben wir im Wesentlichen durch Aufgabenverlagerungen in der Hauptredaktion Kultur erwirtschaftet.

Medienpolitik.net: Sie haben sich vor dem jüngsten ZDF-Fernsehrat für ein „Inhalte-Netzwerk“, für eine Vernetzung von Mediathekeninhalten, ausgesprochen und den Begriff „Plattform“ vermieden. Warum? Es erfordert doch auch eine Kuratierung, Koordinierung, redaktionelle Betreuung, ähnlich einer Plattform?

Bellut: Die Unterschiede sind schon sehr erheblich. Der Netzwerk-Vorschlag zielt darauf ab, zusammenhängende Inhalte über die existierenden Mediatheken hinweg einfach durch Verlinkungen miteinander zu verbinden. Genauso bewegen sich schließlich auch die Nutzer im Netz, wenn sie auf der Suche nach bestimmten Inhalten sind. Eine europaweite Plattform, die von vielen Institutionen getragen werden soll, wäre dagegen eine völlig neue, sehr aufwändige technologische Infrastruktur. Das Konzept einer intelligenten Vernetzung von Inhalten ist dynamischer und gleichzeitig funktionaler als der Bau einer neuen Plattform. Und nicht zuletzt: Damit kann man sofort anfangen.

Medienpolitik.net: Im Beschluss der MPK vom 21. März heißt es: „Die Anstalten sollen gebeten werden, eine gemeinsame Plattformstrategie zu entwickeln“. Die Auffassungen von Ihnen und dem ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm über eine Plattform auch als Gegengewicht zu Neflix & Co. gehen anscheinend auseinander. Wo sehen Sie für eine solche Strategie gemeinsame Schnittmengen?

Bellut: Das Konzept eines Inhaltnetzwerkes und der Vorschlag von Ulrich Wilhelm schließen sich nicht aus. Der ARD-Vorsitzende hat mehrfach und klar erklärt, dass es ihm um eine von vielen Akteuren getragene europäische, zunächst einmal technologische Infrastruktur geht. Diese soll sich dann zu einem Gegengewicht zu den großen globalen Plattformen und Netzwerken entwickeln. Die von Ihnen zitierte Aufforderung der Bundesländer verstehe ich im Übrigen so, wie sie formuliert ist. Es geht um eine Strategie und gemeinsame Perspektive für die Distribution nonlinearer Angebote. Genau daran arbeiten wir. Über eine Vernetzung von Mediathek-Inhalten sind wir im guten Gespräch.

„Das Konzept einer intelligenten Vernetzung von Inhalten ist dynamischer und gleichzeitig funktionaler als der Bau einer neuen Plattform.“

Medienpolitik.net: Sie haben sich bisher zur Idee einer europäischen Plattform sehr zurückhaltend geäußert. Die Stimmen in der Politik für eine solche Idee werden stärker. Warum sind Sie gegenüber einer solchen Idee anscheinend skeptisch?

Bellut: Es gibt Sprachbarrieren, die nationalen Medienmärkte sind sehr verschieden, es wäre anspruchsvoll, kommerzielle und nichtkommerzielle Anbieter unter einem Dach zu vereinen. Komplizierte Rechtefragen sind bei einem europäischen Ansatz eine weitere Hürde. Und dann müsste eine solche Plattform sehr agil, flexibel und dynamisch sein, wenn sie tatsächlich mit globalen Playern wie Facebook, Google/Youtube oder Netflix mithalten wollte. Ich lasse mich gern überraschen, aber ich glaube nicht, dass man das europäische Industrie-Modell „Airbus“, das immer wieder als Vorbild genannt wird, auf den Markt der digitalen Medien übertragen kann.  

Medienpolitik.net: Der Bayerische Ministerpräsident Söder hat sogar gefordert, Mittel aus dem Rundfunkbeitrag dafür einzusetzen. Was halten Sie davon?

Bellut: Für eine europäische Plattform als Alternative zu Facebook und anderen internationalen Playern gibt es derzeit jedenfalls keinen Auftrag im deutschen Rundfunkrecht.

Medienpolitik.net: Ist es vorstellbar, dass 3Sat und ARTE zusammen die Basis einer solchen Plattform bilden könnten? Hier wären immerhin vier Länder bereits zusammen.

Bellut: ARTE hat bereits ein grundsätzlich europäisch ausgerichtetes Angebot, das schon heute weitere europäische Partner umfasst. Das ist aber etwas völlig anderes als die Idee einer europäischen Plattform. Noch einmal: Soweit ich das sehe, geht es da um die Vision einer technologischen Plattform, auf der Inhalte unterschiedlichster Herkunft aus ganz Europa – öffentlich-rechtlich und kommerziell – sowie soziale Kommunikationsräume zusammengeführt werden sollen.

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