Kinos unter Druck

von am 25.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik

Kinos unter Druck

Zusätzliche Kinoförderung für 2020 durch Bund und Länder geplant

25.04.2019. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Die Bundesregierung will den Kinos stärker finanziell unter die Arme greifen. Wie Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters die Kinoverbände jetzt informierte, sind im Regierungsentwurf des Bundeshaushaltes für 2020 15 Millionen Euro Förderung im Rahmen des Zukunftsprogramms Kino eingeplant. Allerdings sollen sich die Länder in gleicher Höhe an diesem Programm beteiligen. Für dieses Jahr stehen Mittel in Höhe von fünf Millionen Euro aus dem Etat des Bundeslandwirtschaftsministeriums für Kinos in Gemeinden bis zu 25.000 Einwohnern zur Verfügung. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern war das Kinojahr 2018 in Deutschland katastrophal, so die Meinung zahlreicher Kinobetreiber, Verleiher und Produzenten. Inzwischen hat eine kritische Debatte über die Ursachen begonnen, die auch von Monika Grütters mit ihrer Rede auf der Jahresversammlung der Produzentenallianz befeuert worden ist. Grütters kritisierte, dass trotz gestiegener Fördermittel die Zahl der Kinobesucher und die Kinoumsätze rückläufig seien. Sie sehe ein gewisses Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag, zwischen dem massiven Ausbau der deutschen Filmförderung einerseits und der Strahlkraft des deutschen Films wie auch der Zahl deutscher Filmerfolge andererseits.

Der Jahrhundertsommer, die Fußball-WM, die Konzentration zugkräftiger Titel auf zu enge Zeiträume werden oft als Gründe für die schlechte Bilanz genannt und natürlich die wachsende Bedeutung der Streamingdienste. Möglicherweise hat der Klimawandel auch für die Kinos Konsequenzen. Die Branche müsse sich ernste Gedanken machen, wie man in Zukunft auf die immer heißer werdenden Sommer reagiert, so Johannes Klingsporn, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Filmverleiher (VdF-Kino).

Die Jugendlichen sehen sich Filme – am liebsten Serien – vermehrt auf dem Smartphone an, spielen Computerspiele. Der Medienkonsum der jungen Menschen verändert sich dramatisch. Andererseits: Wer zu Hause Filme über ein Streaming-Abo sieht, ist nicht nur außerordentlich oft auch im Kino, sondern gibt dort auch mehr Geld aus als andere Filmkonsumenten, so eine aktuelle FFA-Studie. Im vergangenen Jahr hat mehr als jeder zweite SVoD-Abonnent (55%) einen Film im Kino gesehen, während bezogen auf die gesamte deutsche Bevölkerung lediglich gut jeder Dritte (37%) mindestens einmal im Kino war. Zudem gewinnen Events aller Art in kleinen wie in großen Kinos an Bedeutung. Während reguläre Vorstellungen in den Sommermonaten oft ziemlich leer blieben, waren Sonderveranstaltungen auch bei fast 40 Grad gut besucht oder sogar ausverkauft.

Die eingangs genannten Gründe für den Besucherrückgang 2018 sind also nur die halbe Wahrheit, denn die Kinos, die Präsentation der Filme und das Marketing müssen sich wandeln und sicher müssen sich auch die Kinofilme den veränderten Sehgewohnheiten anpassen.

Seit 2001 Zuschauerverlust von 40 Prozent

Große Sorgen bereiten den Kinos vor allem die Veränderungen in der Besucherstruktur. Hier sieht es ähnlich wie beim Fernsehkonsum aus: Die Älteren verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher oder gehen öfter ins Kino und die Jüngeren greifen zum Smartphone oder Tablett-PC: Dem Kino sind von 2012 bis 2017 in der wichtigen Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren über ein Drittel der Besucher (36%) verloren gegangen – während die 50- bis 59-Jährigen im Vergleich häufiger (+18%) ins Kino gehen. Nur noch knapp vier von zehn Kinobesuchern (38%) waren 2017 unter 30 Jahre alt, mehr als jeder Vierte (28%) ist über 50 Jahre alt. 2001, im Rekordjahr, gab es 178 Millionen Kinogänger. Das heißt, dass das deutsche Kino innerhalb von 17 Jahren mit einem Minus von gut 70 Millionen über 40 Prozent an Zuschauern verloren hat: 

Mit einem großen Kraftakt wurden von 2011 bis 2015 alle Spielstätten in Deutschland digitalisiert. In keinem einzigen Kino sind heute noch Filmprojektoren in Betrieb – außer für Events. Die Umrüstung der Projektoren und Leinwände wurde vor allem bei den Arthouse- und Filmkunstkinos von Bund, Ländern und FFA mit ca. 60 Millionen Euro gefördert. Mit über 170 Mio. Euro waren zudem die Verleiher der größte Finanzier der digitalen Umrüstung.

Doch die digitale Präsentation der Filme bringt den kleineren Kinos nicht nur Vorteile für eine flexiblere Programmgestaltung und schafft die Möglichkeit, schneller auch Mainstreamfilme zu zeigen, sondern sie hat auch negative Folgen. So sind marktgetriebene laufende Investitionen in neue Technik erforderlich, die digitalen Projektoren haben eine verkürzte Nutzungsdauer im Vergleich zu Filmprojektoren. Zudem sind die laufenden Betriebsausgaben höher (Mindestlohn, Energie, Wartung etc.) und die Amortisationszeit verkürzt sich auf fünf bis sieben Jahre.

Das digitale Kino erzwingt eine andere Denkweise

Die größere Attraktivität erkaufen sich die Kinos durch höhere Aufwendungen und diese müssen erst einmal verdient werden. Die seit 14 Jahren andauernde Steigerung der Ticketpreise ist 2018 zum Stillstand gekommen. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Durchschnittspreis sogar um 1 Prozent auf 8,54 Euro gesunken. 2003 hatte er noch bei 5,70 Euro gelegen. Einer der Gründe für den Rückgang liegt im rückläufigen Interesse der Besucher an 3D-Vorstellungen. „An den Preisen kann nicht mehr gedreht werden“, sagte Produzent und Filmverleiher Herbert Kloiber dem „Handelsblatt“.

Die Kinos sind dennoch nach wie vor kulturwirtschaftliche Schwergewichte: So zahlen sie neben der Mehrwertsteuer von circa 220 Millionen Euro im Jahr noch circa 700 Millionen an Gewinn- Kapitalertrags- und Einkommensteuer. Von der gesamten Filmförderung erhalten sie nur 0,48 Prozent, zahlen aber im Gegensatz zu den Produzenten (ca.11 Prozent) bis zu 96 Prozent die Förderungen zurück.

Johannes Klingsporn sieht neben einem großen Investitionsbedarf aber auch die Notwenigkeit, dass die Kinobetreiber umdenken. „Im internationalen Vergleich mangelt es in Deutschland an innovativen Ansätzen. Wichtige ökonomische Teilmärkte wie die Imax-Kinoauswertung werden nur zaghaft umgesetzt, Kundenbindungssysteme und digitale Endkundenkommunikation sind eher die Ausnahme als die Regel. Kinos sind nur zukunftsfähig, wenn sie „state of the art“ sind, zu viele Kinos sind es derzeit nicht.“ Das digitale Kino erzwinge aber auch eine andere Denkweise. „Beispielhaft“ so der Chef des Verleiherverbandes, „sei auf die Debatte der Theaterverbände mit dem VdF bei der Einführung des digitalen Tickets verwiesen. Im Zentrum steht dabei immer wieder die Frage, nach der Höhe und Akzeptanz der Vorverkaufsgebühr. Viel zielführender wäre die Debatte über eine möglichst breite Nutzung des digitalen Ticketings, da hierüber eine viel bessere Kundenkommunikation möglich wäre.“

Kinos als kollektive Kulturräume

In Deutschland existierten 2018 1.672 Kinos mit 4.849 Leinwänden, Tendenz leicht steigend. Diese Kinos bieten 26.000 Arbeitsplätze. Vor allem für viele ländliche Gebiete sind die Kinos ein wichtiger kultureller und wirtschaftlicher Faktor und tragen zur Lebensqualität in strukturschwachen Gebieten bei. „Die Problematik von Kinos in kleinen Orten bis 60.000 Einwohnern liegt darin, dass diese, will man die Landflucht bekämpfen das gleiche Filmangebot und das gleiche Niveau der Großstädte erreichen müssen“, erklärt dazu Dr. Thomas Negele, als Vorstandsvorsitzender des HDF-Kino. Hinzukomme, dass ein Umbau auf dem Lande genauso viel koste wie in den Großstädten. Diese aber ein wesentlich höheres Besucherpotential hätten und Zuzug. Hier könne man Kostensteigerungen noch abdecken, im Gegensatz zu den kleineren und mittleren Orten, die entweder Einwohnerschwund oder mindestens Stagnation hätten. „Mit Darlehensförderung allein kommt man hiermit nicht sehr weit“, so Negele, der selbst Kinos betreibt. „Diese Kinos brauchen mindestens 50 Prozent Zuschuss, manche bis zu 80 Prozent. Wir reden hier von circa 2.900 Leinwänden oder circa 930 Betriebstätten. Denn in Orten bis 60.000 Einwohnern benötigt man pro Leinwand mindestens 30.000 Zuschauer und/oder 250.000 Euro Nettoticketkartenumsatz um den Break Even zu erreichen und etwas Rücklagen bilden zu können. Diese Leinwände machen circa 42 Prozent des Gesamtkinoumsatzes aus, der inklusive Gastronomie, Werbung und Konzession bei knapp 2 Milliarden Euro Gesamtumsatz liegt.“

Dr. Christian Bräuer, Vorsitzender der AG Kinos, eines Verbandes, der vor allem die kleineren Kinos vertritt, sieht mit Blick auf Arthouse- und Kleinkunstkinos die Situation ebenso dramatisch: „Anspruchsvolle Arthouse-Filme brauchen ein Publikum, das in ausreichender Zahl für die Produktion und den Verleih erst mal in der Großstadt generiert werden muss. Erst wenn diese Filme hier reüssieren, sprechen sie sich rum und finden auch in die Spezialprogramme ländlicher bzw. kleinstädtischer Kinos. Doch auch die Filmkunsttheater in den Städten verfügen über keine Erlösstruktur, um grundlegende Modernisierungen zu finanzieren. Oftmals fällt es ihnen schwer, wettbewerbsfähige Mieten zu erbringen, wie das Verschwinden von traditionellen Kinos und anderen kulturellen Räumen aus Innenstädten als mahnendes Beispiel zeigt, müsse der Arthouse-Teilmarkt in seiner Gesamtheit gefördert werden. Es müsse darum gehen, die Häuser zu erhalten, die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und die Innovationskraft zu festigen.

Zugleich, so der Kinobetreiber und Verbandsvorsitzende, seien die Kinos Dank ihrer Programmauswahl ein Spiegel unserer Gesellschaft. „Sie gehören zu den selten gewordenen kollektiven Räumen, wo sich Kulturschaffende und Publikum begegnen können, wo es freie und offene Diskussionen gibt, wo Meinungen geäußert werden und wo Ideen Gestalt annehmen. Diese zu erhalten muss das Kernanliegen sein. Schließlich geht es auch um die Vision, in welcher Gesellschaft wir zukünftig leben wollen. Wir glauben an die Notwendigkeit kollektiver Kulturräume und kämpfen für die Freiheit künstlerischen Schaffens und die Unabhängigkeit der Verbreitungsmedien“, betont der Filmenthusiast und Lichtspielbetreiber Christian Bräuer.

Der HDF Kino sieht bis 2023 einen Investitionsbedarf von 900 Millionen Euro, der zu einem großen Teil durch zusätzliche Fördermittel abgedeckt werden soll. Die AG Kino erhofft sich, um die Attraktivität der Kinos zu erhalten eine Förderung bis 2023 von insgesamt mindestens 150 Millionen Euro.

 „Zukunftsprogramm Kino“ für den Erhalt des Kulturortes Kino

Um die Situation der Kinos zu verbessern wurde im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ein „Zukunftsprogramm Kino“ vereinbart. Konkret heißt es dazu im Vertrag: „Damit der kulturell anspruchsvolle Kinofilm in der Fläche wirkt, wollen wir den Kulturort Kino auch außerhalb von Ballungsgebieten durch ein kofinanziertes „Zukunftsprogramm Kino“ stärken und erhalten.“ Die Länder reagieren auf dieses Vorhaben mit großer Zurückhaltung und zwischen Bundespolitikern und der Branche wird vor allem darüber diskutiert, ob dieses Programm nur für Lichtspielhäuser in ländlichen Gebieten eingesetzt werden soll. Nach gut einem Jahr sind also weder die Kriterien, der Verwendungszweck noch die Summe klar. Die bis jetzt für 2019 eingeplanten fünf Millionen Euro und für 2020 in Aussicht gestellten 15 Millionen Euro sind angesichts der Probleme nur ein Trostpflaster.

Der Beitrag erschien in leicht modifizierter Form in „Politik und Kultur“ 3/2019. https://www.kulturrat.de/wp-content/uploads/2019/02/puk03-19.pdf

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