„Unsere Erträge entlasten alle Beitragszahler“

von am 30.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Unsere Erträge entlasten alle Beitragszahler“
Michael Loeb und Frank Nielebock, Geschäftsführer der WDR mediagroup (WDRmg)

WDR mediagroup zeigt, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfolgreich sparen kann

30.04.2019. Interview mit Michael Loeb und Frank Nielebock, Geschäftsführer der WDR mediagroup (WDRmg)

Die WDR mediagroup, ein kommerzielles Tochterunternehmen des Westdeutschen Rundfunks (WDR), hat in den vergangenen zwei Jahren deutlich ihre Kosten reduziert und erwirtschaftet Gewinn. Dazu wurden der Geschäftsbereich reduziert und über 150 Arbeitsplätze abgebaut. Die Neuausrichtung war vor allem aufgrund der 2016 von der damaligen Landesregierung beschlossenen Werbezeitenreduzierung im Hörfunk notwendig geworden. Zur Debatte über einen werbefreien öffentlich-rechtlichen Rundfunk betonte Geschäftsführer Michael Loeb in einem medienpolitik.net-Gespräch, dass bei gleichbleibendem Programmauftrag wegfallende Werbeeinnahmen durch höhere Rundfunkbeiträge ausgeglichen werden müssten. „Insofern entlasten die von uns erzielten Erträge alle Beitragszahler.“  „Wir glauben“, so Geschäftsführer Frank Nielebock, „dass es innerhalb der ARD unausweichlich zu solchen Konzentrationen von Leistungen auf einzelne Anstalten / Werbegesellschaften kommen wird. Die WDRmg ist hierfür gut aufgestellt und bereit Aufgaben zu übernehmen.“

medienpolitik.net:  Sie haben innerhalb von 1 ½ Jahren die WDR Mediagroup „Umgekrempelt“. Was hat sich alles verändert?

Nielebock: Wir haben alles auf den Prüfstand gestellt. Es gab keine Ausnahmen. Dies hat dazu geführt, dass wir einerseits Geschäftstätigkeiten komplett aufgegeben/eingestellt, andererseits Leistungen an externe Dienstleister outgesourct haben. Darüber hinaus haben wir das Unternehmen sowohl hinsichtlich der Aufbauorganisation, als auch der Prozesse neu aufgestellt und – wo möglich – „vereinfacht“. Der damit einhergehende deutliche betriebsbedingte Personalabbau erforderte zugleich ein entsprechendes Change-Management und mündete in einer neuen Unternehmenskultur. Natürlich haben wir auch kritisch auf unser Beteiligungsportfolio geschaut und dieses bereinigt.

medienpolitik.net:  Mit welchem Ziel haben Sie diese Veränderungen eingeleitet?

Loeb: Sowohl die Entscheidung unseres Gesellschafters, dass sich die WDR mg zukünftig auf ihr Kerngeschäft konzentriert, als auch die Entscheidung der NRW Landesregierung, die verfügbaren Werbezeiten im Hörfunk in zwei Stufen von 90 Minuten auf 60 Minuten zu reduzieren, waren die Auslöser für diesen Unternehmensumbau. Die Gesetzesnovelle hat den Umbauprozess deutlich beschleunigt. Ein wesentliches Ziel war und ist die Ergebnissteigerung: Insofern wurden alle Bereiche auf ihre aktuelle Profitabilität hin untersucht und Möglichkeiten der Profitabilitätssteigerung wurden bewertet. Auch Schließungen wurden betrachtet und punktuell entschieden. Alle operativen sowie administrativen Bereiche wurden analysiert.  

medienpolitik.net:  Was spart der WDR durch diese neue Positionierung?

Nielebock: Diese Frage richtet sich an unseren Gesellschafter. Fakt ist aber, dass wir durch unsere Kostenreduzierungen dazu beigetragen haben, dass unsere Ausschüttung bei weiterer Werbezeitenreduzierung weniger zurückgeht.  

medienpolitik.net:  Welche Aufgaben, welche Geschäftsfelder bearbeitet die WDR mediagroup künftig?

Nielebock: Die drei Säulen des Unternehmens sind „Finanzen & Verwaltung“, „Verwertung und Verbreitungsservice“ sowie „Marketing und Vertrieb“. In der ersten Säule sind alle Servicebereiche gegliedert. Die zweite Säule umfasst das Lizenz- und Markengeschäft sowie den VoD-Vertrieb. In dieser Säule ist auch das Kabelauslandsgeschäft der ARD angegliedert, welches die WDRmg für die ARD erbringt. Aber auch Themen wie barrierefreie Services etc. sind hier zu finden. In der Säule Marketing und Vertrieb finden die klassische Werbezeitenvermarktung sowie das Programmmarketing statt. Hinzu kommt unsere 100% Tochtergesellschaft, die WDRmg digital, welche für den WDR ein Rechenzentrum betreibt sowie diverse IT-Dienstleistungen erbringt.

medienpolitik.net:  Wenn Sie sich nun aufs Kerngeschäft, wie Werbezeitenvermarktung und Programmverwertung konzentrieren, welchen wirtschaftlichen Effekt soll das für den WDR bringen?

Nielebock: Mit der Konzentration auf die profitabelsten Kernbereiche der WDRmg und dem einhergehenden Abbau von Kosten wird sich unser Gewinnbeitrag trotz Werbereduzierung zumindest stabilisieren.

medienpolitik.net:  Welche Rolle spielen bei der Programmverwertung VoD-Plattformen?

Loeb: Wenn man sich den Home-Video-Markt anschaut, stellt man fest, dass VoD der Wachstumstreiber ist. Die Präsenz der Programme des WDR und unserer Mandanten auf den VoD-Plattformen ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern auch eine Frage der Verbreitungsstrategie.

medienpolitik.net:  Welche Chancen haben der WDR und die anderen ARD-Anstalten ihre Angebote wirtschaftlich erfolgreich zu verwerten?

Loeb: Bei der Vielzahl der Plattformen spielt die Auffindbarkeit der Inhalte eine wichtige Rolle. Dies können wir am besten über eine Bündelung der Inhalte unter einem klaren Branding erreichen. ARD Plus auf MagentaTV war hier ein erster wichtiger Schritt.

medienpolitik.net:  Sie sagen, dass die WDR mediagroup jetzt auf einen „hoch kompetetiven Markt vorbereitet ist“. Was heißt das konkret?

Loeb: Der Medienmarkt wandelt sich rasant. Nehmen Sie die ARD Strukturreform, große amerikanische Player, die auf den deutschen Markt kommen und den VOD Markt unter sich aufteilen oder die Diskussion um UKW-Frequenzen und DAB+. Durch unsere deutlich schlankere Struktur erhöht sich unsere Handlungsfähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren.

„Es wird innerhalb der ARD unausweichlich zu solchen Konzentrationen von Leistungen auf einzelne Anstalten / Werbegesellschaften kommen.“

medienpolitik.net:  Die Länder diskutieren gegenwärtig über die zukünftige Ausrichtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Inwieweit tangiert Sie, dank Ihrer neuen Positionierung, der Ausgang der Debatte?

Loeb: In diese Diskussion sind wir nur mittelbar eingebunden. Aber wir sind natürlich ein Stück weit von einer solchen Diskussion immer betroffen. Nehmen Sie nur die vereinzelt immer wieder auftauchende Forderung „werbefreier öffentlich-rechtlicher Rundfunk“. Sollte sich eine solche Meinung durchsetzen, entziehen Sie unserem Unternehmen die Geschäftsgrundlage. Das wäre so, als würden Sie BMW verbieten, zukünftig Autos zu bauen. Wir gehen aber von einer Beibehaltung des jetzigen Modells aus. Letztlich müssten bei gleichbleibendem Programmauftrag wegfallende Werbeeinnahmen durch höhere Rundfunkbeiträge ausgeglichen werden. Insofern entlasten die von uns erzielten Erträge alle Beitragszahler.

medienpolitik.net:  Zu Ihren Aufgaben gehören weiterhin umfangreiche IT- & Broadcast Services. Inwieweit beinhaltet das auch Aufgaben für andere ARD-Anstalten? Entsprechend der Sparvorschläge der ARD soll dieser Bereich ja stärker konzentriert werden. Wird die WDRmg hierbei eine Rolle spielen?

Nielebock: Wir sind hierbei bereits tätig, beispielsweise mit ADAM. Hier digitalisieren wir – auch für andere Landesrundfunkanstalten – deren Archive. Wir glauben, dass es innerhalb der ARD unausweichlich zu solchen Konzentrationen von Leistungen auf einzelne Anstalten / Werbegesellschaften kommen wird. Die WDRmg ist hierfür gut aufgestellt und bereit Aufgaben zu übernehmen.

medienpolitik.net:  Sie haben auch Leitlinien für alle Mitarbeiter/innen und Leitlinien für ein neues Führungsverständnis etabliert. Was enthalten diese Leitlinien konkret?

Loeb: Der Prozess der Neuausrichtung hat in den vergangenen 2 Jahren für sehr viel Verunsicherung in der Belegschaft gesorgt. Wir mussten uns von einer Vielzahl an Kolleginnen und Kollegen trennen. Das hinterlässt Spuren bei Menschen, die einen solchen Prozess noch nie mitgemacht haben. Mit unseren Leitlinien haben wir definiert, was wir von unseren Mitarbeitern, aber auch was unsere Mitarbeiter/innen von uns als Geschäftsführung erwarten können. Sie enthalten, wie wir zukünftig miteinander umgehen wollen.

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