„Unsere Formate funktionieren bei den Radio-Wellen, im Internet und in sozialen Netzwerken“

von am 17.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Interviews, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Unsere Formate funktionieren bei den Radio-Wellen, im Internet und in sozialen Netzwerken“
Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission und Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks

ARD-Audio-Angebote erreichen mehr Jugendliche

17.04.2019. Interview mit Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission und Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks

Rund 37 Millionen Hörerinnen und Hörer schalten täglich (Montag – Freitag) mindestens einen öffentlich-rechtlichen Radiosender ein. Das entspricht einem Anteil von 52,5 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren. Kommerzielle Radioprogramme werden von täglich 30,1 Millionen Menschen genutzt, das sind 42,7 Prozent, so die Ergebnisse der jüngsten media analyse 2019 Audio I. Bei den 14- bis 29-Jährigen steigt die Reichweite von 40,6 Prozent auf 41,0 Prozent. Täglich entscheiden sich über 6 Millionen junge Hörer für mindestens ein ARD-Hörfunkprogramm. Über 7 Millionen Hörer nutzen täglich die öffentlich-rechtlichen Informations- und Kulturangebote. Wie Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission in einem Interview mit medienpolitik.net betont, sei es sehr erfreulich, dass die Audio-Angebote gegenwärtig einen Boom erleben. „Wir begrüßen es, wenn andere Anbieter mit qualitativ hochwertigen Produkten den Markt bereichern“, so Wagner.  

Medienpolitik.net: Herr Wagner, mit den Hörfunkwellen erreicht die ARD nach der jüngsten media analyse 2019 Audio I täglich rund 53 Prozent der Bürger in Deutschland. Welche Strategie verfolgen die ARD-Anstalten, um weiterhin möglichst viele Hörer zu erreichen?

Wagner: Alle Landesrundfunkanstalten arbeiten beständig daran, die Hörerinnen und Hörer mit dem besten Programm zu versorgen, das wir produzieren können. Die Strategie war und ist, qualitativ hochwertigen Content zu erstellen – der anhaltende Erfolg der Informations- und Kulturprogramme mit bundesweit über zehn Prozent Tagesreichweite bestätigt uns. Die regionale Verankerung unserer Programme tut ein Übriges, die Menschen dort zu erreichen, wo sie zu Hause sind. Alle Landesrundfunkanstalten haben in den letzten Jahren ihre Wellen dafür gut aufgestellt und erreichen so optimal ihre Zielgruppen.

Medienpolitik.net:.Welche Rolle spielen dabei die „jungen“ Programme der ARD?

Wagner: Eine überaus bedeutende! Die jungen Menschen sind in besonders hohem Maß auf digitalen Plattformen unterwegs, und die Anforderungen sind hier besonders hoch, die Menschen bei unseren Radioprogrammen zu halten. In den jungen Programmen muss daher in besonderem Maß darauf geachtet werden, wie Zielgruppen funktionieren und auf welchen Kanälen wir sie auch außerhalb des linearen Programms erreichen. Das ist uns in der ARD bis jetzt sehr gut gelungen, denken Sie nur an „funk“, unser Angebot auf allen relevanten Kanälen im Internet. Wir haben Formate entwickelt, die im Netz und in den sozialen Medien funktionieren und gleichzeitig auf unsere Wellen einzahlen.

Medienpolitik.net: Worauf führen Sie zurück, dass die ARD mit ihren Hörfunk-Angeboten weiterhin mehr Jugendliche erreicht als mit den TV-Angeboten, obwohl die Konkurrenz in diesem Bereich nicht geringer ist?

Wagner: Das liegt an der Qualität unserer Radioangebote, an der regionalen Verankerung und an Persönlichkeiten am Mikrophon. Zudem haben wir, wie gesagt, mit „funk“ im Netz und in den sozialen Medien Formate entwickelt, mit denen unsere jungen Wellen die Zielgruppen erreichen. Und das, obwohl diese dafür nicht unbedingt die linearen Programme hören müssen. Die Formate zahlen also auf die Programm-Marken ein. Das ist keine leichte Aufgabe, trotzdem funktioniert das.

Medienpolitik.net: Welchen Anteil hat die Hörfunknutzung der Angebote über Online inzwischen erreicht?

Wagner: Über Internet hören täglich 5,4 Mio. Menschen bundesweit Radioprogramme, Web Only-Angebote und User Generated Radio wie Musikstreamingdienste. Dies sind 7,6 Prozent der Bevölkerung. Die Simulcast-Angebote, die also auch über andere Verbreitungswege als das Internet verfügen, erzielen im Netz die stärkste Nutzung. Auf sie entfällt eine Reichweite von 4,5 Prozent. Dies bedeutet: 3,2 Mio. Menschen hören täglich Programme wie SWR 3, WDR 2 oder Bayern 1 im Netz.

„Information, Bildung und Kultur gehören zu den Kernaufgaben der ARD, das zeigt nicht zuletzt der Erfolg der Informations- und Kulturradios der ARD.“

Medienpolitik.net: Wie entwickeln sich die DAB+ -Angebote der ARD? Welche Perspektive sehen Sie für DAB+?

Wagner: Mit der kommenden Erhebung, der ma 2019 Audio II, deren Ergebnisse am 10. Juli 2019 veröffentlicht werden, werden wir erstmals Daten einzelner Programme für den Vertriebsweg DAB+ haben. Sowohl die Ergebnisse aus dem Digitalisierungsbericht der letzten Jahre als auch die Ergebnisse der DAB+-Reichweitenstudien zeigen, dass sich DAB+ grundsätzlich als Empfangsweg und als Distributionsplattform positiv entwickelt. Als Beispiel nenne ich hier gerne „BR Heimat“, welches es bereits im letzten Jahr geschafft hat, in der media analyse ausgewiesen zu werden, obwohl es ein rein digital verbreitetes Programm ist und laut der aktuellen Erhebung auf 170.000 Hörer täglich kommt. Wir haben mit dem inhaltlichen Mehrwert und den technischen Verbesserungen wie Klangqualität gepunktet. Perspektivisch hat sich DAB+ als weitere Säule der Hörfunkverbreitung etabliert, wir verbreiten unsere Angebote in einem Mix aus UKW, DAB und Internet. Das ist genau das, was wir mit hybrider Verbreitung immer gemeint haben.

Medienpolitik.net: Wie engagiert sind die ARD-Anstalten bei Angeboten für Smart-Speaker und für Podcasts?

Wagner: Die so genannten Smart Speaker sind logischerweise ein wichtiger Verbreitungsweg für Audio-Inhalte. Andererseits sind sie auch das, was man „Gatekeeper“ nennt, deshalb setzen wir auf eigene Verbreitungswege und verweisen durchaus mit gewissem Stolz auf die ARD-Audiothek. Dort findet unser Publikum die Premiumprodukte aus den Kulturprogrammen der Landesrundfunkanstalten.

Medienpolitik.net: In beiden Bereichen sind auch Zeitungsverlage aktiv. Inwieweit geraten Sie hier in eine Konkurrenzsituation?

Wagner: Konkurrenz belebt das Geschäft, deshalb antworte ich da ganz entspannt. Dass wir gerade einen Boom bei Audio-Angeboten erleben, ist sehr erfreulich, und wir begrüßen es, wenn andere Anbieter mit qualitativ hochwertigen Produkten den Markt bereichern.  

Medienpolitik.net: Im November 2017 wurde die Audiothek gestartet, welche Bilanz können Sie nach 1 ½ Jahren ziehen?

Wagner: Die ARD-Audiothek ist überaus erfolgreich. Die App wurde seit dem Start am 6. November 2017 bis heute über 570.000 Mal installiert. Insgesamt wurden in der ARD Audiothek über 32 Millionen Audios abgespielt. Wir sind damit sehr zufrieden und freuen uns über die hohen Download- und Abrufzahlen. Die Audiothek ist eines der Top-Produkte aus dem ARD-Portfolio und zeigt, wie gut gemachte Hörfunkprodukte aussehen können.

Medienpolitik.net: Gegenwärtig findet eine politische Debatte über den Rundfunkbeitrag ab 2021 statt. Wie wichtig ist eine Erhöhung des Rundfunkbeitrages für den Ausbau digitaler Hörfunkangebote?

Wagner: Das ist von grundsätzlicher Bedeutung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Der Beitrag ist seit 2009 nicht erhöht, sondern sogar einmal gesenkt worden. Wenn der Rundfunkbeitrag ab 2021 nach einer so langen Durststrecke nicht angemessen erhöht wird, kann von einem Ausbau – gleich welcher Angebote – nicht die Rede sein, dann droht ein Abbau unserer Angebote. Wir hoffen, dass der Politik, die das am Schluss entscheiden muss, klar ist, wie wichtig ein auskömmlich finanziertes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem für eine demokratische Gesellschaft ist.

Medienpolitik.net: Zahlreiche Medienpolitiker fordern, dass sich die ARD künftig stärker auf Information, Bildung und Kultur fokussieren soll. Inwieweit sehen Sie Möglichkeiten und Notwendigkeiten auch für die Audio-Angebote der ARD?

Wagner: Information, Bildung und Kultur gehören zu den Kernaufgaben der ARD, das zeigt nicht zuletzt der schon angesprochene Erfolg der Informations- und Kulturradios der ARD. Aber wir können uns nicht darauf beschränken lassen, denn im Rundfunkstaatsvertrag steht wörtlich: „Auch Unterhaltung soll einem öffentlich-rechtlichen Angebotsprofil entsprechen.“ Wir informieren und unterhalten auf hohem Niveau, und das weiß unser Publikum zu schätzen.

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