„Wir sehen nicht zu, wie andere mit unseren Inhalten Geld verdienen“

von am 08.04.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Interviews, Medienregulierung, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Wir sehen nicht zu, wie andere mit unseren Inhalten Geld verdienen“
Thomas Prantner, stv. Direktor für Technik, Online und neue Medien Foto: ORF/Hans Leitner

ORF relauncht TVthek und zeigt eigene Bewegtbildangebote nur noch auf Plattformen des Senders

08.04.2019. Interview mit Thomas Prantner, stellv. Direktor für Online und Neue Medien des ORF

Die ORF-TVthek zeigt sich seit Kurzem in einem erneuerten, modernen, von klaren Linien und Strukturen dominierten und responsiven Design. Auch zahlreiche Services wurden im Zuge des Relaunchs optimiert, neue Zusatzfeatures in das Angebot integriert. Damit bietet die ORF-TVthek das gesamte Angebotsspektrum des ORF-Fernsehens und alle TV-Genres von Information und Sport über Kultur bis Unterhaltung in einer für die Userinnen und User noch attraktiveren Form und mit weiter optimierter Usability an. Vor zehn Jahren wurde die ORF-TVthek gegründet. Seitdem sind die monatlichen Visits von 1,2 Mio. auf 9,2 Mio. gestiegen. Damit ist sie die erfolgreichste österreichische Videoplattform und mit 77 Prozent Bekanntheit eine der stärksten ORF-Marken. Thomas Prantner, Direktor für Online und Neue Medien des ORF, geht in einem medienpolitik.net-Gespräch davon aus, dass sich die Nutzerzahlen schnell erhöhen, da der ORF selber produzierten Bewegtbild-Angebote fast ausschließlich nur noch eigenen Plattformen präsentiert. Für die Zukunft hofft Prantner, dass dem ORF auch „Online only“ und „Online first“ rechtlich erlaubt werden.

Medienpolitik.net: Herr Prantner, vor zehn Jahren hat der ORF seine TVthek gestartet. Was waren damals Ihre Intentionen bei diesem neuen Vorhaben?

Prantner: 2009 gab es ORF.at als erfolgreiches, eigenständiges Online-Portal des ORF, aber kaum Streaming-Angebote. Vernetzung zwischen Web und TV war damals ein Fremdwort. So war es dringend notwendig, ein eigenes neues Live- und Videoportal zu entwickeln. Die ORF-TVthek wurde am 16.11.2009 von meinem Team und mir gegründet und ist seither eine Erfolgsgeschichte. Wir haben es geschafft, dem geänderten Mediennutzungsverhalten in Richtung zeit- und ortsunabhängige Nutzung von TV-Inhalten mit einer modernen, userfreundlichen Mediathek Rechnung zu tragen.

Medienpolitik.net: Wie hat sich die Nutzung der TVthek in diesen zehn Jahren verändert?

Prantner: Die Nutzungszahlen steigen seit Beginn stark und regelmäßig. So haben sich die Visits von im Monatsschnitt 1,2 Mio. im Jahr 2010 auf 9,2 Mio. im Jahr 2019 (bis inkl. Februar) vervielfacht. Ein konsequenter redaktioneller Ausbau, neue Services und Features und eine sukzessive Erweiterung auf möglichst viele Plattformen und mobile Devices tragen dazu bei, dass immer mehr Userinnen und User die ORF-TVthek nutzen.

Medienpolitik.net: Welche Bedeutung hat die TVthek heute für die Konsumtion der ORF-Angebote?

Prantner: Die ORF-TVthek ist mit rund 1,5 Mio. Nutzern pro Monat die erfolgreichste österreichische Videoplattform und mit 77 Prozent Bekanntheit (gestützt) eine der stärksten ORF-Marken. Sie ist eine ideale Ergänzung zum linearen Fernsehkonsum und wird von den Jungen überdurchschnittlich oft genutzt. Die Tagesreichweite der ORF-TVthek (Web+App) bei der Zielgruppe 14+ entspricht rund 4 % der Tagesreichweite des ORF-Fernsehens, in der Zielgruppe 14-29 Jahre liegt dieser Anteil mit rund 10 % sogar noch deutlich höher.

Medienpolitik.net: Welche Rolle spielt inzwischen die mobile Nutzung?

Prantner: Eine ganz entscheidende und mit starkem Trend nach oben: Im 4. Quartal 2018 erfolgten bereits 41 % aller Bruttoviews bzw. Videostarts auf Bewegtbildangebote im ORF.at-Netzwerk, auf Smartphones oder Tablets (über Browser und Apps). Bei den ORF-TVthek-Apps zeigt sich der Aufwärtstrend besonders deutlich. Die Visits haben sich in den vergangenen vier Jahren nahezu verdoppelt. Die TVthek-Apps liegen mit mehr als 2,5 Mio. Downloads an der Spitze der ORF-App-Angebote.

Medienpolitik.net: Sie haben in jüngster Zeit die Präsenz der ORF-Angebote in sozialen Netzwerken verringert. Hat sich das auf die Nutzungszahlen der TVthek positiv ausgewirkt?

Prantner: Es kann nicht im Unternehmensinteresse sein, wenn wir unseren qualitativ hochwertigen Live- und Video-Content in sogenannte „soziale“ US-Netzwerke, wie Facebook spülen und noch dabei tatenlos zusehen, wie andere damit Geld verdienen. Deshalb müssen und werden wir unsere selber produzierten Bewegtbild-Angebote fast ausschließlich auf unseren eigenen Plattformen, wie der ORF-TVthek oder als embedded Videos im ORF-at-Network platzieren. Die logische Folge ist: Wenn man unsere TV-Contents online vorwiegend auf unseren Seiten finden kann, wird sich das positiv auf die Nutzungszahlen auswirken.

Medienpolitik.net: Sie haben ihre TVthek jetzt relauncht. Was ist die entscheidende Veränderung?

Prantner: Nach 10 Jahren war es höchste Zeit, dass wir die ORF-TVthek modernisieren und im Rahmen eines Relaunchs mit neuen Services voranbringen. Nur wenn wir uns laufend verbessern, konsequent und hart am Produkt arbeiten, werden wir unsere Führungsposition behaupten können. Insgesamt 10 Innovationen sollen einen Beitrag dazu leisten, dass wir dieses Ziel auch erreichen: die Modernisierung des Designs, prominenter platzierte Bundesländer-Contents, der Ausbau der Live-Streams, verstärkte Personalisierung durch Themen-Rankings, neue Rubriken wie „Im Fokus“ und „Letzte Chance“, eine weiter verbesserte Barrierefreiheit, Top-Promotion für kommende ORF-Programm-Highlights, der Ausbau der Videoarchive in der Rubrik „History“ und die Erweiterung des Restart-Services bei Live-Streams.

Medienpolitik.net: Inwieweit waren auch VoD-Plattformen wie Netflix oder Amazon ein Treiber für die Erneuerung?

Prantner: Wenn man den Anspruch hat, in Österreich Nr. 1 zu bleiben, ist es klar, dass internationale Benchmarks eine wichtige Richtschnur für die eigene Produktarbeit sind. Das sind die Genannten ebenso wie BBC oder ZDF. Das betrifft nicht nur Services und Usablity, sondern auch die technische Leistungsfähigkeit. Diese hat in den vergangenen Monaten durch den starken Anstieg an Zugriffen im Performancebereich spürbar gelitten und daher haben wir auch in diesem Bereich Maßnahmen zur Verbesserung der technischen Infrastruktur gesetzt. Dies geschah in enger Zusammenarbeit mit kompetenten externen Partnern, wie Exozet, Bearing Point oder Nous. Auch die APA und die ORS waren und sind wichtige positive Faktoren beim Relaunch der ORF-TVthek.

Medienpolitik.net: Welchen Vorteil hat der Nutzer vom Relaunch vor allem?

Prantner: Hauptsinn des Relaunches ist es, dass die Userinnen und User noch lieber und noch öfter auf die ORF-TVthek zugreifen – wenn sie unterwegs einen Livestream nutzen oder Sendungen als VOD nachsehen wollen, weil sie die lineare TV-Ausstrahlung aus Zeitgründen versäumt haben. Das ist unser klares Ziel. Ich bin fest davon überzeugt, dass uns das mit der verbesserten Usability, einem modernen Design und neuen Features und Services gelingen wird.

Medienpolitik.net: Sie wollen stärker auf Personalisierung und Empfehlungen bei der TVthek setzen. Was heißt das konkret?

Prantner: Die bisherige Favoritenfunktion ist nunmehr prominenter als bisher auf der Startseite positioniert. Und als neues Personalisierungs-Feature können Userinnen und User zwischen insgesamt 8 Themen bzw. Genres – von News und Dokus bis Sport und Lifestyle – wählen und diese nach ihren persönlichen Wünschen ranken.

Medienpolitik.net: Dafür benötigen Sie aber mehr Nutzerdaten. Wie wollen Sie diese erhalten?

Prantner: Nein, für diese neue Personalisierungsmaßnahme sind keine Nutzerdaten wie z.B. ein Log In etc. erforderlich. Die jeweiligen Einstellungen werden ausschließlich in den Cookies gespeichert.

Medienpolitik.net: Werden die Daten auch noch für andere Zwecke genutzt?

Prantner: Nein.

Medienpolitik.net: Werden Sie das Angebot auch inhaltlich erweitern? Werden mehr Beiträge in die TVthek gestellt?

Prantner: Ja, wir erweitern auch unser inhaltliches Angebot: Die neuen ORF 1-Sendungen und Programmschwerpunkte werden ebenso auf der ORF- TVthek abrufbar sein, wie neue Videoarchive unter dem Titel „History“ zu den Themen „80 Jahre Ausbruch II. Weltkrieg“, „Österreichs Sportlegenden“ und „Die Geschichte der Wissenschaft“. Auch die barrierefreien Angebote werden ausgebaut.

Medienpolitik.net: Sie wollen auch mehr Live-Streaming in der TVthek bieten. Wenn z.B. das Streaming von Ereignissen unabhängig vom ORF-Programm angeboten wird, heißt das, dass die TVthek auch andere Inhalte anbieten wird, die nicht im ORF-Programm gesendet worden sind?

Prantner: Derzeit ist uns das gesetzlich nicht erlaubt. Content, der nichts mit dem laufenden ORF-Programm zu tun hat, kann auf der ORF-TVthek nicht angeboten werden. „Additional Content“ jedoch, also Ergänzendes und Vertiefendes zur tagesaktuellen TV-Berichterstattung, ist schon seit einiger Zeit Teil des ORF-TVthek-Angebots; wie etwa unkommentierte Livestreams von Pressekonferenzen und Veranstaltungen aus den Bereichen Politik, Sport, Kultur, Chronik etc., oder Langfassungen von TV-Interviews. Für die Zukunft hoffen wir, dass dem ORF auch „Online only“ und „Online first“ rechtlich erlaubt wird.

Medienpolitik.net: Gibt es politische Überlegungen, die Sieben-Tage-Regel abzuschaffen?

Prantner: Ja, es gibt öffentliche Erklärungen von wichtigen medienpolitischen Entscheidungsträgern, wie ÖVP-Medienminister Gernot Blümel oder FPÖ-Mediensprecher Abg. z. NR Hans-Jörg Jenewein, die in diese Richtung gehen und sehr zu begrüßen sind. Bei ZDF und ARD ist eine längere Verfügbarkeitsdauer für zahlreiche Inhalte ja schon längst gegeben. Das ORF-TVthek-Publikum erwartet sich – wie viele Reaktionen beim ORF-Kundenservice zeigen – eine längere Abrufdauer der Inhalte.

Medienpolitik.net: Es war in Pressemeldungen auch von einem möglichen „ORF-TVthek-Premiumbereich mit Bezahlangeboten“ die Rede. Warum ist diese Idee gestorben?

Prantner: Die Medienberichte, wonach die ORF-TVthek in Zukunft angeblich nicht mehr gratis abrufbar sein könnte, sind „fake news“. Die ORF-TVthek ist und bleibt kostenfrei. Es gibt jedoch Überlegungen, die derzeitigen beiden Bezahl-Video-on-demand – Angebote des ORF – die österreichische Film- und Serien- Plattform „Flimmit“ und die digitale Klassikplattform „Fidelio“ – in den geplanten, neuen ORF Player zu integrieren.

Medienpolitik.net: Es wird gegenwärtig über europäische bzw. öffentlich-rechtliche Plattformen diskutiert, um Netflix, Amazon u.a. etwas entgegen zu setzen. Ist für Sie ein Ausbau von 3Sat als eine solche Plattform von öffentlich-rechtlichen Angeboten von ORF, SRG, ARD und ZDF denkbar?

Prantner: Es gibt zahlreiche Ideen und Konzepte, um in Europa gemeinsam gegen die Übermacht der Global Player anzukämpfen. Vieles davon hat Potenzial. Entscheidend ist aber, nicht zu reden, sondern zu handeln – wie es der ORF getan hat: nämlich mit der „Austria Video Plattform“, einer ersten wichtigen Allianz und einem gelungenen Schulterschluss zwischen dem öffentlich-rechtlichen ORF und den privaten Medienhäusern. Seit zwei Jahren stellen hier österreichische Medien Premium-Bewegtbild-Content für alle teilnehmenden Online-Plattformen bereit. Allen voran der ORF, der als weitaus größter Contentlieferant 2018 mehr als 37.700 Videos zur Verfügung gestellt hat, und somit maßgeblich zur Stärkung der heimischen Online-Branche und zur Schaffung eines hochwertigen heimischen Online-Werbeumfelds beigetragen hat.

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