„Deutschlandradio gilt als erste Adresse für Information und Kultur“

von am 15.05.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Hörfunk, Internet, Interviews, Journalismus, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Deutschlandradio gilt als erste Adresse für Information und Kultur“
Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios

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15.05.2019. Interview mit Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios

Das 1994 gegründete Deutschlandradio steht für den nationalen öffentlich-rechtlichen Hörfunk in Deutschland. Jeden Tag entstehen in den Funkhäusern in Berlin und Köln über 72 Stunden hochwertiges Radioprogramm, das die föderale Vielfalt in Deutschland wiedergibt und bundesweit werbefrei zu empfangen ist. Die drei Programme erreichen täglich mehr als 2,6 Millionen Hörerinnen und Hörer. In einem medienpolitik.net-Interview betont Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios, dass der Programmauftrag aus dem Gründungsjahr noch heute zeitgemäß ist: „In einer Zeit, in der unsere demokratische Grundordnung und unsere offene Gesellschaft von vielen Seiten in die Zange genommen oder zumindest kritisch hinterfragt wird, ist der Auftrag, einen Raum für Austausch und Verständigung zu schaffen, doch aktueller denn je. Diesen Auftrag erfüllen wir – auch schon allein wegen unserer eigenen Ost-West-Geschichte.“

medienpolitik.net: Herr Raue, das Deutschlandradio ist im April 25 Jahre alt geworden. Sie erreichen heute 2,09 Millionen Hörerinnen und Hörer täglich mit dem Deutschlandfunk und mit Deutschlandfunk Kultur täglich 0,54 Millionen Menschen. Lohnt sich dafür der Aufwand eines nationalen öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramms?

Raue: Die Frage haben Sie ja schon ein wenig selbst beantwortet. Unsere Zahlen sind steigend, on Air wie online. Das Interesse an verlässlicher und hintergründiger Information wächst, viele Menschen haben ein sehr enges und persönliches Verhältnis zu ihrem Programm, sei es Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur oder Deutschlandfunk Nova. Das merken wir auch an dem Feedback, das wir bekommen. Weit mehr als 100.000 Höreranfragen erreichen unseren Hörerservice jedes Jahr. Unsere „Denkfabrik“ ist ein großer Erfolg: die Hörerinnen und Hörer nutzen dabei die Chance, unser Programm mitzugestalten. Vor einigen Tagen fand in unserem Berliner Funkhaus ein Tag der offenen Tür statt – auch hier mit Rekordbeteiligung, vielen Anregungen und viel Lob, was sich unsere engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag für ein vielseitiges und spannendes Programmangebot verdienen.

medienpolitik.net: Was ist für Sie der größte Erfolg von Deutschlandradio in 25 Jahren?

Raue: Es fällt mir schwer, den einen zentralen Erfolg für 25 Jahre hervorzuheben – zumal ich ja erst seit nicht einmal ganz zwei Jahren Intendant von Deutschlandradio bin. Ich würde sagen, es ist ein großer Erfolg, dass Deutschlandradio heute als erste Adresse gilt, wenn es um tagesaktuelle Berichterstattung und Hintergrund oder auch um relevante Kulturthemen geht. Kein Informationsprogramm wird so oft zitiert wie der Deutschlandfunk, im Kulturbereich weitet Deutschlandfunk Kultur den Blick und Deutschlandfunk Nova hat sich als anspruchsvolles junges Infoformat mit viel Spiel- und Innovationsfreude längst eine treue Fangemeinde erarbeitet – und das ohne UKW-Verbreitung. Das ist ein Erfolg, der natürlich viele Väter und Mütter hat: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Funkhäusern und die Autorinnen und Autoren, die mit ihrem Wissen und Ihrer Leidenschaft dazu beigetragen haben, dass wir heute so gut dastehen.

medienpolitik.net: Inwieweit ist der Programmauftrag „die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland zu fördern und die gesamtgesellschaftliche Integration in Frieden und Freiheit voranzutreiben“ noch zeitgemäß?

Raue: Was sollte denn zeitgemäßer sein? Schauen wir uns die aktuellen Diskussionen in Deutschland oder in Europa doch an! In einer Zeit, in der unsere demokratische Grundordnung und unsere offene Gesellschaft von vielen Seiten in die Zange genommen oder zumindest kritisch hinterfragt wird, ist der Auftrag, einen Raum für Austausch und Verständigung zu schaffen, doch aktueller denn je. Diesen Auftrag erfüllen wir – auch schon allein wegen unserer eigenen Ost-West-Geschichte. Das Ost-West-Thema mag auf den ersten Blick vielleicht weniger virulent sein als in unserer Gründungsphase – auch wenn es hier immer noch vieles gibt, was an Denkmustern und -strukturen über Generationen weitergetragen wird. „Gesamtgesellschaftliche Integration“ ist aber eine Aufgabe, die in einer Zeit, in der Meinungen durch Algorithmen immer öfter nur noch in Echokammern ausgetauscht werden, notwendiger ist denn je. Dieser Verantwortung stellen wir uns. Filterblasen und Desintegration gibt es dabei übrigens nicht nur online, sondern zunehmend auch offline, in Milieus zum Beispiel, oder in privilegierten oder abgehängten Wohnlagen. Zusammengehörigkeit und Integration sind keine gestrigen, sondern hochaktuelle Themen.

„Kein Informationsprogramm wird so oft zitiert wie der Deutschlandfunk.“

medienpolitik.net: Gegenwärtig diskutieren die Länder über eine Flexibilisierung des Auftrages und Indexierung beim Rundfunkbeitrag. Welche Relevanz hat diese Diskussion für das Deutschlandradio? Eigentlich ist doch immer von ARD und ZDF dabei die Rede…
Raue: Flexibilisierung ist sinnvoll, wenn wir von den starren Etats reden, die den jeweiligen Häusern zur Verfügung stehen. Diese behindern Innovation machen es uns schwer, auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren. Davon abgesehen hat die Diskussion über die Zukunft des Rundfunkbeitrags natürlich auch für Deutschlandradio eine große Bedeutung. Unsere Programme sind vollständig werbefrei, der Großteil unseres Etats speist sich aus den Mitteln des Rundfunkbeitrags – von dem wir gegenwärtig 50 Cent erhalten. Damit stemmen wir unsere drei bundesweiten Programme, finanzieren Korrespondentenplätze – übrigens in jedem Bundesland einen, hinzu kommen Auslandskorrespondenten an einigen ausgewählten Plätzen, außerdem beteiligen wir uns am ARD-Hörfunk-Auslandskorrespondentennetz. Wir sind größter Gesellschafter von vier hochkarätigen Orchestern und Chören, ermöglichen mit dem Beitragsgeld wichtige Sonderprojekte wie nachrichtenleicht.de, organisieren Veranstaltungen im ganzen Bundesgebiet – und müssen sicherstellen, dass wir auch im digitalen Raum dort gefunden werden, wo wir gesucht werden. Das ist sehr sportlich und wir versuchen wo immer es geht, mit Kooperationen Synergien zu schaffen. Doch eine Anpassung des Rundfunkbeitrags ist unumgänglich, um weiterhin diese Qualität zu liefern.

medienpolitik.net: Was bieten Sie heute, was die regionalen Programme der ARD nicht bieten?

Raue: Die Programme der ARD machen in ihrer Region einen sehr guten Job. Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz zu den Landesrundfunkanstalten, sondern als Ergänzung ihres Angebots, weil wir einen anderen Blickwinkel auf Themen haben. Wir sind das Radio der Länder, aller Bundesländer. Wir berichten aus ganz Deutschland und müssen Themen deshalb anders angehen als regionale Medien. Wir müssen erklären, warum ein Thema in Görlitz genauso relevant ist wie in Aachen, auf Sylt oder im Allgäu. Das trägt etwas zum gegenseitigen Verständnis und zur Integration der Regionen bei. Insofern sind auch unsere zwei Funkhäuser in Köln und Berlin ein Glücksfall, weil wir sowohl im westlichen als auch im östlichen Teil Deutschlands verwurzelt sind.

„Durch die nicht-lineare Nutzung können zum Beispiel unsere vielen Spezialsendungen eine ganz neue Hörerschaft finden.“

medienpolitik.net: Worauf führen Sie die steigenden Hörerzahlen für Ihre Programm, trotz insgesamt rückläufiger Radionutzung, zurück?

Raue: Kritischer und hintergründiger Journalismus ist gefragt, gerade in diesen schnelllebigen Zeiten. Journalismus ist mehr als Liveticker, der Wunsch nach Einordnung und mehr Analyse als in 1:30-Berichten möglich ist, wächst. Wenn die Grenzen zwischen Tatsachen und Erfindung für viele Menschen immer schwerer zu erkennen sind, dann braucht es eine verlässliche Orientierungshilfe. Wenn sich mehr Menschen für unser Programm begeistern, dann auch, weil wir als Informationsquelle geschätzt werden, die sowohl von wirtschaftlichen als auch von politischen Interessen unabhängig arbeiten kann.

medienpolitik.net: Wie stellt sich das Deutschlandradio auf die veränderte „Markt“-situation ein?

Raue: Wenn Sie mit der veränderten Marktsituation auf unsere steigenden Hörerzahlen abheben: Darauf ruhen wir uns ganz sicher nicht aus. Weder beim Programm noch bei der Verbreitung, wo wir terrestrisch DAB+ weiter stärken. Wenn Sie die große Nachfrage nach on Demand, nach zeitsouveränem Hören meinen: Das ist für uns eine riesige Chance, wir bauen unsere mobilen und Webangebote seit Jahren aktiv aus – und haben auch in Zukunft Lust, Neues zu probieren.

medienpolitik.net: Welche Chancen sehen Sie für Ihre drei Programm durch die Zunahme der Audio-Nutzung?

Raue: Lassen Sie mich etwas zu den Chancen im Netz sagen: Durch die nicht-lineare Nutzung können zum Beispiel unsere vielen Spezialsendungen eine ganz neue Hörerschaft finden, die durch ihren linearen Sendeplatz etwas benachteiligt sind, weil sie eben nicht den Sendeplatz der „Informationen am Morgen“ haben, unsere Hidden Champions sozusagen. Dass auch im nonlinearen Bereich unser Qualitätsversprechen gefragt ist, sehen wir an den Abrufzahlen, sowohl auf unseren Seiten, bei der Dlf Audiothek, unserer App für Mobilgeräte – und nicht zuletzt bei den großen Plattformen. iTunes ist die größte Plattform für Podcasts, im letzten Jahr kamen drei der zehn downloadstärksten Podcasts aus unserem Haus. Allein „Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova, unser erfolgreichstes Format auf der Streaming-Plattform Spotify, wurde im vergangenen Jahr (2018) laut Spotify zwei Millionen Mal gestreamt. Mit unserem Podcast „Der Tag“, den Sie jeden Tag ab 17 Uhr im Netz hören können, erreichen wir neue Hörerinnen und Hörer, die vorher vielleicht nicht so viel mit dem Deutschlandfunk anfangen konnten. Das ist der Weg, den wir weiter gehen werden.

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