„Die ARD ist auch eine Lerngemeinschaft“

von am 06.05.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Kulturpolitik, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Die ARD ist auch eine Lerngemeinschaft“
Dr. Jan Schulte-Kellinghaus, Programmdirektor des rbb

rbb startet Plattform rbbKultur mit Fokus auf Berlin und Brandenburg

06.05.2019. Interview mit Dr. Jan Schulte-Kellinghaus, Programmdirektor des rbb

Als erste ARD-Anstalt startet der rbb heute eine Kultur-Plattform. Damit geht zugleich die neue Kulturmarke des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) „rbbKultur“ an den Start. Für den rbb ist dies, nach eigenen Angaben, nach dem Informationsangebot rbb24 der nächste Schritt auf dem Weg, Inhalte crossmedial zu planen und multimedial zu verbreiten.Herzstück von rbbKultur sind das Kulturradio, das seinen Namen in rbbKultur ändert, rbbKultur – Das Magazin im rbb Fernsehen und im Netz auf rbbkultur.de sowie in der neuen rbbKultur-App. Hier finden die Angebote aus Radio und Fernsehen zusammen. Wissenschaftsthemen bereichern das umfassende Online-Angebot. Kulturinteressierte finden hier vielfältige Themendossiers, Rezensionen und Empfehlungen zu aktuellen Kulturereignissen in der Region. „Deine Ohren werden Augen machen“ – so der Claim der neuen Marke – ist ein Versprechen, Kultur auf neue und ungewöhnliche Weise erleben zu können.

medienpolitik.net: Herr Schulte-Kellinghaus, hat Sie ZDFkultur auf die Idee für diese Plattform gebracht?

Schulte-Kellinghaus: So eine Sache zaubert man nicht aus dem Hut. Unsere Überlegungen und Vorbereitungen währen schon eine Weile. Natürlich haben wir mit Sympathie und großer Aufmerksamkeit beobachtet, was das ZDF mit seiner Kultur-Plattform parallel vorhat. Der Blick aus Mainz auf das deutsche Kulturleben insgesamt ist aber ein anderer als unserer. Wir fokussieren uns auf Berlin und Brandenburg. Wir sind der Sender dieser Kulturregion, mehr denn je. Darin liegen unser Glück und unser Auftrag. Zudem können wir nicht nur Fernsehen und online, sondern betreiben mit rbbKultur auch im Radio einen starken Player für Kultur in der Hauptstadt.

medienpolitik.net: Meines Wissens ist rbbKultur die erste derartige ARD-Plattform. Mit welchem zusätzlichen finanziellen Aufwand ist das neue Angebot verbunden?

Schulte-Kellinghaus: Einige Häuser der ARD sortieren ihre Kulturangebote neu. Der Schritt, unter der Marke rbbKultur Radio, Fernsehen und online zu vereinen, ist vielleicht besonders konsequent. Dabei gilt es nicht, mehr Geld auszugeben, sondern mehr aus dem zu machen, was schon da ist, unter einem Dach und mit einheitlichem Familiennamen.

medienpolitik.net: Wo sehen Sie den Gewinn für den Nutzer?

Schulte-Kellinghaus: Das Label rbbKultur soll eine Art Gütesiegel werden. Die Vielfalt des kulturellen Lebens in Brandenburg und Berlin bildet der rbb schon jetzt in all seinen Programmen ab. Aber mit der neuen multimedialen Marke schaffen wir einen verlässlichen Anlaufpunkt für alle, die sich für Kultur, Bildung und auch Wissenschaft aus Berlin und Brandenburg interessieren: im Fernsehen, bei rbbKultur im Radio und alles gebündelt online auf rbbkultur.de. Bei uns gibt es jetzt ein Qualitätsversprechen für die Hauptstadtregion: rbbKultur.

medienpolitik.net: Wird es auf rbbKultur auch Inhalte geben, die nicht aus laufenden Programmen des Radios oder Fernsehens stammen? Vielleicht Live-Streamings von kulturellen Highlights?

Schulte-Kellinghaus: Na klar! Wir wollen mehr Kulturereignisse streamen und unser Podcast-Angebot ausweiten. Ein konkretes Beispiel: Rund um den 23. Mai planen wir z. B. eine große multimediale Programmaktion zum 70. Jubiläum des Grundgesetzes im Radio, Fernsehen (u. a. Abendschau-Serie) sowie online und in den sozialen Medien. Spannende Typen aus Berlin und Brandenburg werden diesen großartigen Text lesen. Pur und ohne Attitüde – so soll er mit seiner ganzen Kraft wirken.

medienpolitik.net: Wissenschaftsthemen sollen das umfassende Online-Angebot bereichern. Warum? Würde sich hier nicht eine eigene Plattform lohnen?

Schulte-Kellinghaus: Sie haben recht: Keine andere Region in Deutschland hat eine ähnliche Dichte an hochkarätigen wissenschaftlichen Einrichtungen wie Berlin und Brandenburg. Deshalb ist es besonders hier in der Region lohnenswert, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder auch Prominente zu wissenschaftlichen Themen zu Wort kommen zu lassen: Mit der Reihe „Talking Science“ machen wir das jetzt schon medienübergreifend – als Veranstaltung, im Stream, im Radio auf rbbKultur und auch im Fernsehen. Das werden wir fortführen, denn praktischerweise gehört das bei uns im rbb schon jetzt alles zusammen: in der Hauptabteilung „Kultur und Wissenschaft“, die diese neue Marke entwickelt hat.

medienpolitik.net: Wer koordiniert und entscheidet über die Inhalte?

Schulte-Kellinghaus: Unsere Fachleute in den Redaktionen entscheiden über die Inhalte und sprechen sich ab. Unter rbbKultur bündeln und kuratieren wir diese Vielfalt.

medienpolitik.net: Sie hoffen, mit rbbKultur auch jüngere Zielgruppen zu erreichen. Worauf stützt sich diese Hoffnung?

Schulte-Kellinghaus: Wir versuchen uns mit rbbKultur so breit aufzustellen, dass einfach niemand an uns vorbeikommt. Wir wollen mit unserem Angebot Barrieren absenken, einen schnellen, neugierigen Zugang in die Kultur möglich machen. Das soll auch unsere Kampagne deutlich machen: Wir nehmen Kultur ernst, aber nicht immer ganz so ernst. Und wir wollen mit rbbkultur.de vermehrt auf Online- und Social-Media-Plattformen präsent sein, um insbesondere Wortangebote wie Feature, Hörspiel, Lesungen, Reportagen und Gesprächssendungen zeitgemäßer, beispielsweise via Podcasts an eine jüngere Zielgruppe zu adressieren. Denn: „Vier Jahreszeiten“ sind keine Pizza.

medienpolitik.net: Ist eine Zusammenarbeit mit kulturellen Institutionen geplant, wie es bei ZDFkultur geschieht?

Schulte-Kellinghaus: Die Anzahl der uns wichtigen Partner, also der kleinen, großen und ganz großen Kulturinstitutionen in der Region, ist schon jetzt groß. Wenn Sie in Berlin und Brandenburg in ein Theater, ein Konzert, eine Ausstellung gehen, können Sie so gut wie sicher sein, dass wir schon da waren. Als Vorkoster und Gutachter. Die sichtbare Medien­partnerschaft mit uns ist dann ebenfalls eine Art Gütesiegel. Sie werden es überall finden. Zudem sind wir selbst Kulturträger und Kulturveranstalter und kein ganz kleiner. All dies sind Leistungen des rbb. Diese wollen wir so aufzeigen, dass Kulturinteressierte nicht an uns vorbeikommen. Es ist zugleich eine Einladung in den rbb. In Großbuch­staben.

medienpolitik.net: Angenommen, andere ARD-Anstalten planen Ähnliches. Können Sie sich dann einen ARD-Verbund solcher Plattformen vorstellen?

Schulte-Kellinghaus: Kooperation wird in der ARD zunehmend größer geschrieben. Darüber freuen wir uns. Die Stärke der ARD liegt in der regionalen Kompetenz. In der Bündelung der Kulturradios, der Fernsehmagazine und der Dokus sowie der Online-Angebote läge eine Riesenchance für Künstler, Journalisten und Rezipienten. Dazu könnte der rbb viel beitragen. Wir sind vielleicht nicht der größte Wirtschaftsstandort oder die Finanzmetropole in Deutschland, aber sind ganz sicher die Kulturhauptstadt.

medienpolitik.net: Sehen Sie auch auch eine Kooperation mit ZDFkultur?

Schulte-Kellinghaus: Sag niemals nie. Aber jetzt werden wir erst einmal rbbKultur zum Strahlen und auf den Weg bringen, uns mit unseren Kollegen innerhalb der ARD zusammensetzen. Wir sind ja in diesem föderalen Verbund nicht nur eine Lebensgemeinschaft, sondern auch eine Lerngemeinschaft. Und wir haben etwas einzubringen.

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