„Die freie Presse ist unter Druck“

von am 14.05.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Medienordnung, Medienpolitik, Medienwirtschaft, Verlage, Werbung

„Die freie Presse                     ist unter Druck“
Dr. Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter (BVDA)

Anzeigenblätter verbuchen deutlichen Rückgang beim Werbeumsatz und fordern staatliche Förderung

13.05.2019. Interview mit Dr. Jörg Eggers, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter (BVDA)

Der Bundesverbandes Deutscher Anzeigenblätter fordert als erster Verlegerverband eine eine staatliche finanzielle  Infrastrukturförderung in der Logistik. „Die Rahmenbedingungen in der Logistik“, so Dr. Jörg Eggers in einem medienpolitik.net-Gespräch, „haben sich in den letzten Jahren so massiv verändert, dass dieser Public Value unserer Mediengattung mittel- und langfristig gefährdet ist.“ Eine solche Förderung, so Eggers, ist mit EU-Recht vereinbar und erfolgt bereits in anderen europäischen Ländern. Allerdings müsse die freie Presse „in ihrem Selbstverständnis so agieren“ können, wie bisher – eben staatsfern. „Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert ein Grundsatz, nicht angetastet werden darf, betont der BVDA-Chef. Der Netto-Werbeumsatz der Anzeigenblätter betrug im Jahr 2018 1,72 Milliarden Euro. Dies bedeutet einen Rückgang um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

medienpolitik.net: Herr Eggers, der BVDA fordert als bisher einziger Verband der Zeitungsverlage eine „staatliche Infrastrukturförderung“. Bisher haben die Zeitungsverlage eine solche Förderung immer abgelehnt. Geht es den Anzeigenblättern so schlecht, dass jetzt ein Sinneswandel eintritt?

Eggers: Das ist so nicht ganz richtig. Auch der BDZV engagiert sich für dieses Anliegen. Wir als BVDA sehen uns hier übrigens nicht im Widerspruch zur Haltung anderer Verlegerverbände. Eine Förderung der Infrastruktur nimmt schließlich keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte. Sie trägt vor allem dazu bei, dass redaktionelle Inhalte die Menschen flächendeckend erreichen. Dies ist im Zeitalter von Fake News von unschätzbarem Wert, denn professioneller Journalismus ist eine wesentliche Grundlage für eine Meinungsbildung auf der Basis von Fakten. Die Rahmenbedingungen in der Logistik haben sich in den letzten Jahren so massiv verändert, dass dieser Public Value unserer Mediengattung mittel- und langfristig gefährdet ist.

medienpolitik.net: Die Anzeigenblätter gehören zu einem großen Teil zu regionalen Verlagen, die auch Tageszeitungen herausgeben. Sind Sie hier für diese Verlage bei der Forderung nach Förderung sozusagen der Vortrupp?

Eggers: Wir haben uns in dieser Angelegenheit als erste zu Wort gemeldet. Die Bezeichnung „Vortrupp“ missfällt mir, da sie impliziert, dass die Verlegerverbände eine asymmetrische Lobbyarbeit praktizieren. Richtig ist, dass die Verlegerverbände im Haus der Presse untereinander in einem ständigen Meinungsaustausch sind und gut miteinander kooperieren. Da sich die Herausforderungen in der Logistik zwischen Anzeigenblatt- und Tageszeitungsverlagen durchaus unterscheiden, ergibt es Sinn, dass jeder Verband seine Forderungen auf sein jeweiliges Anliegen hin präzisiert.

medienpolitik.net: Nach welchen Kriterien sollte gefördert werden? Wer sollte über die Höhe entscheiden und die Förderung verteilen?

Eggers: Das wird gerade von einer Arbeitsgruppe im Bundesministerium für Arbeit und Soziales geprüft. Praktikabel wäre zum Bespiel ein Modell, dass die besonderen Faktoren in Stadt-, Land- und Mischgebieten als Grundlage hat. In der konkreten Ausgestaltung ist für uns relevant, dass die in den letzten Jahren besonders bei unserer Mediengattung immens gestiegenen Logistikkosten in akzeptabler Weise kompensiert werden können.

medienpolitik.net: Eine aktuelle Studie des EMR im Auftrag des Thüringer Staatskanzlei und der Thüringer Landesmedienanstalt hält eine lokale und regionale Förderung – auch von Zeitungen – mit dem Rundfunkbeitrag für möglich. Was halten Sie davon?

Eggers: Zunächst begrüße ich, dass die Politik erkannt hat, dass die Pressefreiheit und –vielfalt auch bei uns auf lange Sicht gefährdet sind. Jetzt, da die freie Presse unter Druck ist, wird erkannt, wie wichtig ihr Beitrag für unser demokratisches Gemeinwesen ist: Anzeigenblätter leisten mit ihrer regelmäßigen Berichterstattung über ehrenamtliche Initiativen und Projekte einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zurück zur Frage: Auf den ersten Blick erscheint der Vergleich mit dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk charmant: Mit ihrer nahezu flächendeckenden Zustellung sorgen Anzeigenblätter schließlich für eine quasi kostenlose Grundversorgung mit Informationen aus dem Nahbereich. Wie man allerdings an den regelmäßigen Debatten über den Rundfunkbeitrag ablesen kann, ist ein solches Modell nicht unproblematisch. Wie bereits erwähnt, gibt es andere Varianten für eine Infrastrukturföderung der Logistik, vor allem solche, die auch das politische Ziel einer Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse miteinbeziehen. Diesen unterschiedlichen Anforderungen in der Logistik steht das Modell eines einheitlichen Betrages entgegen.

medienpolitik.net: Diese Studie befürwortet auch eine inhaltliche Förderung, natürlich staatsfern. Das geschieht bereits in anderen europäischen Ländern. Wäre das der nächste Schritt nach der Infrastrukturförderung?

Eggers: Mir liegt es fern, jetzt den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun. Der Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist insofern wichtig, als dass eine staatliche Förderung mit EU-Recht vereinbar ist. Prinzipiell darf man aber nicht vergessen, dass die Presselandschaften in Europa historisch und kulturell anders geprägt sind. Unterm Strich lege ich allerdings Wert darauf, dass die freie Presse in ihrem Selbstverständnis so agieren kann wie bisher – eben staatsfern. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte im letzten Jahrhundert ein Grundsatz, nicht angetastet werden darf.

medienpolitik.net: Wenn schon Tageszeitungsverlage drüber nachdenken, die Zustellung auf dem „flachen Land“ einzustellen, wie problematisch ist die Zustellung von Anzeigenblättern im ländlichen Raum?

Eggers: Wir halten an dem Ziel einer nahezu flächendeckenden Zustellung fest, auch wenn es immer individuelle, verlagsstrategische Entscheidungen geben wird, das Verbreitungsgebiet zu optimieren. Aber gerade wegen des in der Frage erläuterten Sachverhaltes ist eine Infrastrukturförderung dringend erforderlich. Und speziell dieser Punkt – ländliche Region – zeigt, dass eine Strukturförderung in der Logistik auf spezifische Gegebenheiten ausgelegt sein sollte, um faire Verhältnisse zu ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: Wer die letzte Meile unter erschwerten Bedingungen zurücklegt, sollte für seine Anstrengungen einen angemessenen Ausgleich erhalten.

„Wir werden uns auf weitere Umsatzrückgänge und Gewinneinbußen einstellen müssen.“

medienpolitik.net: Sie fordern unter anderem für die Gleichstellung von Jugendlichen bei der Sonntagszustellung mit erwachsenen Erwerbstätigen eine Ausnahmeregelung des Arbeitszeitgesetzes. Warum ist gerade der Sonntag so problematisch?

Eggers: Insgesamt wird es immer schwieriger zuverlässige Zusteller zu finden. Das hat verschiedene Ursachen. Dass am Sonntag nur volljährige Zusteller Presseerzeugnisse in die Haushalte liefern, verschärft diesen Arbeitskräftemangel. Für Jugendliche gibt es viele Vorteile, am Sonntag einem Nebenjob nachzugehen, zum Beispiel, dass sie weniger stark in schulische Verpflichtungen eingebunden sind. Die jetzige Regelung schränkt folglich ihre Entfaltungsmöglichkeiten ein. Daher setzen wir uns für eine Gleichstellung von Jugendlichen und erwachsenen Zustellern am Sonntag ein.

medienpolitik.net: Der Netto-Werbeumsatz betrug bei den Anzeigenblättern im Jahr 2018 1,72 Milliarden Euro. Dies bedeutet einen Rückgang um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Anzeigenblättern besteht ja nicht die Möglichkeiten, über Paid-Angebote und Digital-Abos die Verluste auszugleichen. Muss man sich also auf einen weiteren schnellen Umsatz-Abwärtstrend bei den Anzeigenblättern einstellen?

Eggers: Die Anzeigenblattbranche war im Gegensatz zu anderen Mediengattungen in den letzten 10, 20 Jahren relativ stabil. Neben vielen anderen Faktoren wie zum Beispiel der gestiegenen Vielfalt der Werbemöglichkeiten beeinträchtigt vor allem der Konzentrationsprozess im Handel unser Geschäftsmodell. Der stotternde Werbemotor trägt auch noch seinen Anteil dazu bei. In Anbetracht dessen ginge es der Branche im Verhältnis noch sehr gut, wenn nicht die Kosten in den letzten Jahren immens gestiegen wären. Allerdings kann man davon ausgehen, dass sich diese Faktoren auch in den nächsten Jahren noch auf unsere Branche auswirken werden. Wir werden uns also auf weitere Umsatzrückgänge und Gewinneinbußen einstellen müssen.

medienpolitik.net: Welche Rolle werden künftig mobile Angebote von Anzeigenblättern spielen?

Eggers: Die digitalen Angebote der Wochenblätter sind eine gute Ergänzung zum Kerngeschäft, das immer noch stark durch Print geprägt ist. Die meisten Verlage haben ihre Webauftritte auf diesen Kanal hin optimiert oder bieten mit themenspezifischen lokalen Apps ein attraktives Angebot. Grundsätzlich traue ich der Innovationskraft unserer Mitglieder auf diesem Gebiet noch eine Menge zu. Allerdings muss ich dabei immer auch die Anforderungen des Leser- und Werbemarktes im Blick haben. Wenn beispielsweise unsere Werbekunden ein größeres Interesse an diesem Kanal hätten, würde sich dieser Aspekt auch im Engagement der Verlage für Mobile niederschlagen.

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