„Die Staatsferne ist entscheidend“

von am 16.05.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren

„Die Staatsferne ist entscheidend“
Peter Boudgoust, Präsident von ARTE und Intendant des SWR

ARTE – möglicher Nukleus einer gesamteuropäischen Plattform

16.05.2019. Interview mit Peter Boudgoust, ARTE-Präsident und Intendant des Südwestrundfunks (SWR)

Bei der aktuellen Debatte über eine europäische Medienplattform wird immer wieder ARTE als mögliche Basis für ein solches Projekt genannt. In einem Interview mit medienpolitik.net betonte Peter Boudgoust, ARTE-Präsident, dass sich das sechssprachige Online-Angebot von ARTE als Nukleus für ein umfassendes gesamteuropäisches Angebot eignet. „Wir loten derzeit mit unseren Gesellschaftern (ARD, ZDF und France Télévisions) sowie mit unseren Partnersendern verschiedene Möglichkeiten zur Erweiterung des Angebots aus, um die Inhalte öffentlich-rechtlicher Medien europaweit Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung zu stellen“, so Peter Boudgoust. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten bereits einen europäischen Auftrag. Durch eine engere Kooperation dieser Sender könnte man sich so dem Ziel einer europäischen Öffentlichkeit annähern. Der deutsch-französische Kulturkanal ARTE ging im Mai 1992 auf Sendung. ARTE finanziert sich zu 95 Prozent über den in Deutschland und Frankreich erhobenen Rundfunkbeitrag. Der Sender strahlt keine Werbung aus, eine Teilfinanzierung durch Sponsoring ist jedoch zulässig. 2017 betrug das Budget über 132 Mio. Euro. Präsident von ARTE ist seit 2016 Peter Boudgoust.

medienpolitik.net: Herr Boudgoust, was kann ARTE heute für Europa leisten?

Boudgoust: Der Auftrag von ARTE ist die Annäherung der Völker Europas über Kultur, so ist es auch in den Gründungstexten festgelegt. Seit seiner Entstehung wird der Sender dem gerecht, indem er europäische Kulturprogramme ausstrahlt (über 85 % der ARTE-Sendungen sind europäischer Herkunft) und Koproduktionen mit zahlreichen öffentlich-rechtlichen Sendern in Europa realisiert. Seit 2015 hat ARTE einen weiteren Meilenstein erreicht und stellt online Inhalte in insgesamt sechs europäischen Sprachen zur Verfügung. Neben Deutsch und Französisch bietet ARTE den Nutzerinnen und Nutzern auch untertitelte Programme auf Englisch, Spanisch, Polnisch und seit Herbst 2018 auch auf Italienisch an. Somit ist ARTE nunmehr für 70 Prozent aller Europäerinnen und Europäer in ihrer Muttersprache zugänglich und leistet dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit.

medienpolitik.net: ARTE koproduziert jedes Jahr zahlreiche Programme mit seinen rund zehn Partnersendern in Europa und ist überall in Europa zum Teil in sechs Sprachen zu empfangen. Wie wird das Angebot – außerhalb von Deutschland und Frankreich – genutzt?

Boudgoust: Das Angebot in den „neuen“ ARTE-Sprachen (EN/ES/PL/IT) wächst seit 2015 stetig. 2018 wurden 23 Prozent der untertitelten ARTE-Inhalte auf Englisch, Spanisch, Polnisch oder Italienisch aufgerufen. Für das gesamte Online-Angebot, einschließlich der nur in Deutsch und Französisch verfügbaren Programme, welche weiterhin die Mehrheit darstellen, wurden über 16 Prozent der Videoabrufe außerhalb Deutschlands und Frankreichs, hauptsächlich in anderen europäischen Ländern, generiert. Die Bilanz dieser Strategie ist also durchaus positiv.

medienpolitik.net: Bei welchen Angeboten bestehen solche Kooperationen vor allem?

Boudgoust: Viele ARTE-Programme wurden mit europäischen Partnern koproduziert; die Genres reichen von Dokumentarfilmen über die Aufzeichnung von Bühnenaufführungen bis hin zu investigativen Formaten sowie Fernsehfilmen, Serien und Spielfilmen. Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Filme, die wir mit europäischen Partnern produzieren, auch in den jeweiligen Ländern ihr Publikum finden.

„ARTE ist für 70 Prozent aller Europäerinnen und Europäer in ihrer Muttersprache zugänglich.“

medienpolitik.net: Gibt es Interesse von weiteren Ländern, Partner von ARTE zu werden?

Boudgoust: Das europäische Partnernetzwerk von ARTE ist sehr lebendig. Erst Ende 2018 kam eine Vertragsunterzeichnung mit Luxemburg hinzu; mit weiteren Ländern sind wir im Gespräch.  

medienpolitik.net: Wie ist aus dem deutsch-französischen Kulturkanal ein europäisches Angebot geworden?

Boudgoust: Der Sender ist gemäß seinen Gründungstexten seit Anbeginn einem europäischen Anspruch verpflichtet. Das Programm von ARTE war immer schon deutsch-französisch, aber auch europäisch. Ein Angebot in diesen insgesamt sechs Sprachen ist unabdingbar, um ARTE zu einem europäischen digitalen Referenzmedium für Kultur weiterzuentwickeln.

medienpolitik.net: Wie beteiligen sich die Partner an der Finanzierung des Programms?

Boudgoust: Die Partnerschaften mit anderen öffentlich-rechtlichen Sendern in Europa äußern sich in der finanziellen Beteiligung von ARTE oder der Partnersender im Rahmen gemeinsamer Koproduktionen.  

medienpolitik.net: Auch die Online-Seite von ARTE ist in sechs Sprachen, das ist doch sicher ein erheblicher Aufwand? Lohnt sich das?

Boudgoust: Mit der Untertitelung bestimmter Programme in englischer, spanischer, polnischer und italienischer Sprache und der Publikation nichtlinearer Inhalte in diesen Sprachen erreicht ARTE Menschen in zahlreichen europäischen Ländern und schafft auf diese Weise eine paneuropäische Zuschauerschaft für europäische Inhalte. Die Wirkungskraft ist dank der von der EU kofinanzierten Untertitelung durchaus beachtlich, wobei das Budget begrenzt bleibt.

„Wir loten derzeit verschiedene Möglichkeiten zur Erweiterung des Angebots aus.“

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird über eine europäische Online-Plattform als Gegengewicht zu globalen Plattformen diskutiert. Inwieweit könnte die Online-Seite von ARTE sozusagen die Keimzelle einer solchen Plattform sein?

Boudgoust: Aus unserer Sicht eignet sich das sechssprachige Online-Angebot von ARTE als Nukleus für ein umfassendes gesamteuropäisches Angebot. Wir loten derzeit mit unseren Gesellschaftern (ARD, ZDF und France Télévisions) sowie mit unseren Partnersendern verschiedene Möglichkeiten zur Erweiterung des Angebots aus, um die Inhalte öffentlich-rechtlicher Medien europaweit Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung zu stellen.

medienpolitik.net: Wer müsste dafür den Auftrag geben?

Boudgoust: Was den Aufbau eines gesamteuropäischen Angebots betrifft, so haben die Öffentlich-Rechtlichen diesen Auftrag bereits auf nationaler und ARTE auf europäischer Ebene. Die Frage der technischen und digitalen Souveränität Europas ist eine aus organisatorischer, finanzieller und juristischer Sicht äußerst komplexe Frage, welche die privaten und öffentlichen Anbieter gleichermaßen betrifft. Deshalb müssen wir uns derzeit darauf konzentrieren, das was möglich ist, in konkreten Schritten umzusetzen – durch eine engere Kooperation der öffentlich-rechtlichen Sender in Europa können wir uns so dem Ziel einer europäischen Öffentlichkeit annähern.

medienpolitik.net: Können Sie sich vorstellen, dass sich daran auch Institutionen wie Museen und u.Ä. beteiligen, so wie bei ZDFkultur?

Boudgoust: Wir haben bereits einschlägige Erfahrung mit der Saison ARTE Opera, bei der wir mit 22 Opernhäusern in 14 europäischen Ländern zusammenarbeiten, gesammelt. Solche Projekte, bei denen der öffentlich-rechtliche Rundfunk eng mit Kultureinrichtungen zusammenarbeitet, sind gerade mit Blick auf den Aufbau einer gesamteuropäischen Zuschauerschaft hochinteressant.

medienpolitik.net: Wie könnte eine solche Plattform finanziert werden? Auch mit Mitteln der EU?

Boudgoust: Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss der Begriff der Staatsferne zwangsläufig im Zentrum jedweden Finanzierungsmodells stehen. Daher scheint uns die dem sechssprachigen ARTE-Angebot zugrundeliegende Strategie die richtige: Die Produktionen werden aus den deutschen und französischen Rundfunkgebühren sowie durch die öffentlich-rechtlichen europäischen Partnersender finanziert, während die Finanzierung der zusätzlichen Sprachfassungen (außer den deutschen und französischen) durch EU-Fördergelder mitgetragen wird.

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