Google ist gefühlt von Anfang an da(bei)

von am 28.05.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Interviews, Kommunikationswissenschaft, Medienkompetenz, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwissenschaft, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media

Google ist gefühlt von Anfang an da(bei)
Prof. Dr. Birgit Stark, Institut für Publizistik Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Direktorin des Mainzer Medieninstituts

In der Bevölkerung existiert ein unkritisches und naives Bild von Intermediären und Algorithmen

28.05.2019. Interview mit Prof. Dr. Birgit Stark, Institut für Publizistik Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Direktorin des Mainzer Medieninstituts


Algorithmen sind als digitale Komponenten in vielen Bereichen unseres Lebens im Einsatz und prägen einen Großteil unserer Informations- und Kommunikationssituationen. Eine zentrale Eigenschaft von Algorithmen besteht darin, dass sie im Hintergrund agieren und sich größtenteils unserer Kontrolle entziehen. Diese mangelnde Transparenz sowie das massive Einflusspotential von Algorithmen sind Gegenstand einer breiten Debatte über die gesellschaftlichen Folgen algorithmischer Entscheidungen. Doch was wissen Nutzerinnen und Nutzer über Algorithmen? Welche Vorstellungen haben sie von deren Funktionsweisen und wie beeinflusst diese Wahrnehmung ihr Nutzungsverhalten? Das Institut für Publizistik Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist diesen Fragen in einer aktuellen Studie nachgegangen. „Die Ergebnisse bestätigten“, erläutert Prof. Dr. Birgit Stark, Direktorin des Mainzer Medieninstituts in einem mdienpolitik.net-Gespräch, „ein durchweg unkritisches, naives Bild von Google als Unternehmen, das sich auch im Umgang mit der Suchmaschine spiegelt. In der alltäglichen Nutzung vertrauen viele Nutzer blind auf die Auswahl- und Rangentscheidungen, ohne diese kritisch zu evaluieren.“ Die Menschen sollten verstehen lernen, so Stark, dass Themen und Meinungen in sozialen Medien nicht als Stimmungsbarometer der Gesamtgesellschaft zu deuten seien.

medienpolitik.net: Frau Stark, mit dem Start von Google 1997 und der steigenden Nutzung der Suchmaschine wurde die Öffentlichkeit auch mit dem Begriff des Algorithmus konfrontiert. Heute hat man den Eindruck, Algorithmen sind an allen Stellen der Online-Nutzung im Einsatz. Wieweit prägen sie unsere Informations- und Kommunikationssituationen heute wirklich?

Stark: In der Tat hat die Bedeutung von Algorithmen in den letzten zwei Jahrzehnten enorm zugenommen. Die Erweiterung der Einsatzgebiete von Algorithmen hat nicht nur die Menge des Dateninputs erhöht, sondern auch die Komplexität der eingesetzten Algorithmen, insbesondere durch den Einsatz neuer Lernverfahren, beispielsweise im Bereich automatischer Bild- oder Spracherkennung. Diese neuen Formen von Entscheidungsverfahren sind im Kontext einer digitalisierten Kultur unerlässlich geworden. Sie helfen mit der Fülle an Informationen und Angeboten umzugehen, machen sie überhaupt auffindbar und wahrnehmbar, indem sie filtern und selektieren. Google ist das beste Beispiel, ohne die Suchmaschine könnten wir nicht im Internet navigieren. Aber auch soziale Netzwerke wie Facebook oder Streaming-Dienste wie Netflix sind ohne personalisierte Empfehlungssysteme nicht vorstellbar. Ob als Internetlotse, Informationsfilter oder Programmdirektor – im Prinzip gilt für fast alle Medien- und Kommunikationsangebote im Netz, dass sie Algorithmen einsetzen. Dabei ist die Datensammlung nicht nur für Google, Facebook & Co. existentiell, auch für Medienhäuser und Verlage gilt, je besser man seine Kunden und Abonnenten kennt, umso individueller kann man seine journalistischen Angebote vermarkten. Hinzu kommt, dass nicht nur unser Klick-, Such- oder Kaufverhalten permanent aufgezeichnet und ausgewertet wird, sondern wir auch durch unsere Smartphones oder über Wearables viele Sensoren mit uns herumtragen, die auch ohne unser bewusstes Zutun unsere Aktivitäten fortwährend dokumentieren. Aber auch die traditionellen journalistischen Medien tragen viel Verantwortung, denn ihre Informationen beeinflussen Entscheidungsträger in der Politik und Wirtschaft. Gegenwärtig schüren sie den Hype um das Thema mit dem aktuellen Buzzword „künstliche Intelligenz“. So generiert die derzeitige Berichterstattung nicht nur viel Aufmerksamkeit bei Entscheiderinnen und Entscheidern, sondern sorgt dafür, dass das Thema in die breite Öffentlichkeit gelangt.

medienpolitik.net: Was wissen Nutzerinnen und Nutzer über Algorithmen?

Stark: Aus bevölkerungsrepräsentativen Umfragen wissen wir, dass etwa dreiviertel der Deutschen schon mal von Algorithmen gehört haben – das konkrete Wissen darüber, ist aber deutlich geringer mit etwa 40 Prozent die eine ungefähre oder klare Vorstellung von dem Begriff haben (Bertelsmann, 2018). Dieses Bild bestätigt in großen Teilen auch unsere aktuelle, qualitative Interviewstudie mit 30 Internetnutzerinnen und -nutzern. Bei der Begriffs-Assoziation, also der Frage danach was die Personen mit dem Wort „Algorithmus“ spontan verbinden, können wir in unserer Studie drei Gruppen ausmachen: Es gibt Nutzende, die den Begriff nicht kennen oder ein nur äußerst diffuses Verständnis davon haben. Eine zweite Gruppe versteht den Algorithmus als „mathematische Formel“, beschreibt ihn also eher technisch. Eine dritte Gruppe zeigt ein grobes bis konkretes Begriffsverständnis, das meist anhand von eigenen Erfahrungen mit Algorithmen erläutert wird – besonders im Kontext personalisierter Werbung und Sozialer Netzwerkseiten. Während sich die älteren Befragten überwiegend den ersten beiden Gruppen zuordnen lassen und den Begriff vor allem mit dem Mathematikunterricht der Schulzeit verbinden und nicht im Kontext ihrer Onlinenutzung verstehen, assoziieren ihn jüngere Befragte besonders im Zusammenhang mit Sozialen Netzwerkseiten wie Facebook oder Instagram.

medienpolitik.net: In welchen Anwendungsfeldern hat sich bereits ein Bewusstsein für Algorithmen entwickelt?

Stark: Auch wenn nicht alle Nutzende etwas mit dem Begriff bzw. Konzept „Algorithmus“ anfangen können, zeigt sich sowohl für jüngere als auch ältere Nutzerinnen, dass alle ein zumindest vages Bewusstsein darüber haben, dass ihre Internetnutzung durch algorithmisierte Prozesse geprägt ist bzw. dass sie zur Filterung, Kuratierung und Personalisierung von Suchergebnissen, Nachrichteninhalten oder Produktempfehlungen herangezogen werden. Insbesondere für den Bereich von Werbung ist bei so gut wie allen Befragten ein Bewusstsein über das Wirken von Algorithmen zu konstatieren. Es zeigt sich das Bild, dass Nutzende vor allem dann auf den Einsatz von Algorithmen aufmerksam werden, wenn sie ungewollt bzw. nicht gesteuert durch eigenes Handeln mit Inhalten wie personalisierte Werbung oder Produktempfehlungen konfrontiert werden. In selbst-gesteuerten Situationen, etwa der Nutzung von Suchmaschinen, Navigation oder gezieltem Online-Shopping sind sich Nutzende weniger darüber bewusst, dass Algorithmen natürlich auch hier zum Einsatz kommen. Es deutet sich an, dass eine hohe wahrgenommene Kontrolle über das Ergebnis der Handlungen, mit einem geringen Bewusstsein über das Wirken von Algorithmen einhergeht. Das konkrete Wissen darüber, wie Algorithmen „funktionieren“ ist bei den Nutzenden unterschiedlich ausgeprägt – im Zusammenhang mit dem Auftreten von personalisierter Werbung und Produktempfehlungen zeigt sich aber über fast alle Personen hinweg, dass ein Verständnis darüber besteht, das das eigene Nutzungsverhalten (u.a. vorherige Suchen, Anklicken, Einkäufe) nachfolgende Anzeigen beeinflussen. Die Befragten haben auch überwiegend ein Verständnis darüber, das Plattformanbieter nutzungs-, orts- und teilweise auch personenbezogene Informationen sammeln, um Personalisierung umzusetzen. Einige Befragte haben auch konkrete Vorstellungen wie Algorithmen auf Basis bestimmter Information (u.a. Nutzungsverhalten), Rückschlüsse auf Personenmerkmale vornehmen und Nutzer in bestimmte Kategorien (z.B. Alters- oder Berufsgruppen) einsortieren, um diese gezielt mit Inhalten anzusprechen.

medienpolitik.net: Sind fehlendes Wissen über Wirkung und Intransparenz von Algorithmen ein Problem für Nutzer? Sind sie darüber beunruhigt?

Stark: Als ein Risiko wird von den Befragten vorrangig eine fehlende Kontrolle bzw. Machtlosigkeit bei „ungewollten“ Kontakten mit algorithmisierten Empfehlungen oder Inhalten genannt – z. B. dass Personen sich von Algorithmen falsch kategorisiert fühlen, wenn sie etwa Werbeanzeigen oder Empfehlungen erhalten, die sie als nicht passend empfinden. Aber auch umgekehrt, macht sich Unbehagen breit, wenn algorithmisierte Empfehlungen „zu passend“ erscheinen und der Eindruck von ungewollter Überwachung entsteht. Dabei lässt sich bei Nutzerinnen und Nutzern eher eine anlassbezogene Unsicherheit bzw. Beunruhigung konstatieren, wenn ihnen etwa bewusst wird, dass ihre Nutzung „beobachtet“ wird, auch über verschiedene Websites, Dienste oder Endgeräte hinweg.

„Google ist gefühlt von Anfang an da(bei), hat das Netzleben der Befragten von den ersten Schritten bis heute entscheidend geprägt und ist auf diesem Weg quasi selbstverständlicher Bestandteil des Medienalltags geworden.“

medienpolitik.net: Wie beeinflusst die Wahrnehmung von Algorithmen ihr Nutzungsverhalten?

Stark: Bei den Strategien zum Umgang mit Algorithmen in der Internetnutzung zeigt sich ein disperses Bild – ein Großteil der (gerade älteren Befragten) äußert nur geringe Kompetenzen um mit der Einflussnahme von Algorithmen umzugehen – das schlichte Verlassen der Website oder der Verzicht bestimmte Dienste zu nutzen werden von einigen Befragten durchaus als Reaktion genannt, wenn sie sich etwa „verfolgt“ fühlen. Mit Bezug auf Datenschutz zeigt sich aber auch eine Sensibilität der Nutzerinnen und Nutzer, so dass Strategien zur Minimierung der Datenerfassung, wie das Setzen von Privatsphäre-Einstellungen, privates Surfen oder die Nutzung alternativer Suchmaschinen von einigen wenigen Personen genannt werden.

medienpolitik.net: Google, das ja wesentlich von Algorithmen „gesteuert“ wird, hat in Deutschland einen Suchmaschinen-Marktanteil von knapp 86 Prozent bei der Desktop-Suche und 98 Prozent bei der mobilen Suche. Das bedeutet, dass das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit sehr hoch sein müssen. Also haben die kritischen Stimmen und Diskussionen der letzten Jahre für die große Mehrheit der Nutzer keine Relevanz?

Stark: Hier zeigt sich ein recht einheitliches Bild in empirischen Studien: Nutzende äußern, dass sie entweder zeitweise auf andere Suchmaschinen ausgewichen sind, aber festgestellt haben, dass diese mit Blick auf Ergebnisqualität und Bedienung von Google abweichen, was einen Umstieg erschwert. Nur eine kleine Minderheit ist bereit, alternative Suchmaschinen dauerhaft zu nutzen. Bereits unsere eigene Google-Studie bestätigte eine sehr hohe Zufriedenheit mit der Suchmaschine. D. h. User finden in der Regel das was sie suchen, so dass sie überhaupt keinen Anlass sehen, eine andere Suchmaschine zu nutzen. Solange Google zufriedenstellende Resultate liefert, greifen viele Nutzer nahezu gedanken- und kritiklos darauf zurück. Selbst wenn nicht das gewünschte Ergebnis geliefert wird, wechseln viele User nicht. Der eigene Gebrauch des „Werkzeugs Google“ wird dadurch jedenfalls nicht in Frage gestellt. Die Ergebnisse bestätigten ein durchweg unkritisches, naives Bild von Google als Unternehmen, das sich auch im Umgang mit der Suchmaschine spiegelt. In der alltäglichen Nutzung vertrauen viele Nutzer blind auf die Auswahl- und Rangentscheidungen, ohne diese kritisch zu evaluieren. Langfristige Habitualisierungsprozesse verstärken die beschriebenen Effekte, denn Google ist gefühlt von Anfang an da(bei), hat das Netzleben der Befragten von den ersten Schritten bis heute entscheidend geprägt und ist auf diesem Weg quasi selbstverständlicher Bestandteil des Medienalltags geworden.

„Die Einflusspotenziale auf die öffentliche Meinungsbildung kommen insbesondere bei der Wahrnehmung des Meinungsklimas zum Tragen.“

medienpolitik.net: Wenn die Nutzer die Weitergabe persönlicher Daten verhindern, alle Einstellungen, die die Daten schützen, verwenden und wenig an persönlichen Informationen preisgeben, sind Algorithmen dann für den Einzelnen „machtlos“?

Stark: An welche algorithmische Anwendungen denken Sie konkret?

medienpolitik.net: Zum Beispiel an eine Personalisierung von Informationen, wenn alle Angaben zum Wohnort, Alter, sozialer Status vermieden werden…

Stark: Es gibt eine riesige Menge öffentlich zugänglicher Daten anhand derer Algorithmen trainiert und angewendet werden können – die Einschränkung der Nutzung betrifft zudem nur persönliche Daten, selbst wenn Nutzende dieser Verwendung wirksam wiedersprechen könnten gibt es endlose weitere Daten die genutzt werden können (und werden).

medienpolitik.net: Seit fast einem Jahr liegt ein Vorschlag für die Regulierung von Intermediären auf den Schreibtischen der Staatskanzleichefs. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht ein möglichst baldiger Gesetzesentwurf zur Regulierung von Meinungsintermediären?

Stark: Der Entwurf des neuen Medienstaatsvertrages thematisiert zum ersten Mal eine stärkere Regulierung von Meinungsintermediären wie Facebook. Sie sollen zentrale Kriterien für Auswahl und Gewichtung von Inhalten und die Funktionsweise der Algorithmen besser erklären, sprich für die Nutzer transparenter gestalten. Auf welchem Weg das passieren kann, darüber wird nun intensiv diskutiert. Denn die Plattformanbieter haben bereits deutlich gemacht, dass eine detailgetreue Aufschlüsselung, warum ein Post im Newsfeed auftaucht oder nicht, kaum umsetzbar ist. Das geforderte Transparenzprinzip steht schon lange im Raum, aber bislang ist eben genau die zentrale Frage unbeantwortet geblieben, wie wirklich damit umzugehen ist. Im Kontext unserer Studien kann ich nur betonen, dass eine Sensibilisierung der Nutzer der erste Schritt sein sollte. Dazu muss man vielleicht nicht wirklich alle Schritte des Algorithmus verstehen, aber die Nutzer sollten die Chance haben, die Grundprinzipien besser nachvollziehen zu können und auch über Änderungen und deren Auswirkungen informiert werden. D. h. eine adäquate Aufklärung der User sollte im Mittelpunkt stehen. Sie kann das Wissen der Bürger vergrößern und dadurch die Grundlage für Einstellungs- und Verhaltensänderungen legen. Der Blick auf die zunehmende Relevanz der Plattformen für die Öffentlichkeit zeigt, wie groß der Handlungsbedarf ist. Die Einflusspotenziale auf die öffentliche Meinungsbildung kommen nämlich insbesondere bei der Wahrnehmung des Meinungsklimas zum Tragen. Deshalb sollten die Menschen verstehen lernen, dass Themen und Meinungen in sozialen Medien nicht als Stimmungsbarometer der Gesamtgesellschaft zu deuten sind. Der zweite Teil unserer Untersuchung wird daher das Thema „Algorithm Literacy“ aufgreifen und eine Skala entwickeln, die testet, wie groß die Medienkompetenz in Bezug auf Algorithmen ausgeprägt ist, so dass auch viel konkreter Bewältigungsstrategien für die Nutzer entwickelt werden können. Für eine realistische Einschätzung von Chancen und Risiken ist ein Kompetenzaufbau unerlässlich, vor allem mit Blick auf eine zunehmend algorithmisch geprägte Gesellschaft in der Zukunft.

Das 19. Mainzer Mediengespräch mit dem aktuellen Thema „Alexa?! Was sind Algorithmen?” findet am Mittwoch, den 5. Juni um 18.00 Uhr, im Atrium maximum (Alte Mensa) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz statt. https://www.mainzer-medieninstitut.de/

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