„Die politische Mitte ist unterrepräsentiert“

von am 14.06.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Internet, Netzpolitik, Plattformen und Aggregatoren, Social Media, Studie

„Die politische Mitte ist unterrepräsentiert“
Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung

Nur für drei Prozent der erwachsenen Internetnutzer sind soziale Medien die einzige Nachrichtenquelle

14.06.2019. Interview mit Dr. Sascha Hölig, Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)

Über ein Drittel der erwachsenen Internetnutzer (34 %) verwendet soziale Medien wie Facebook, WhatsApp oder YouTube als Quelle für Nachrichten. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen hat Instagram dabei die Spitzenposition übernommen. Fast jeder vierte Internetnutzer (23 %) in diesem Alter schaut sich regelmäßig hier Nachrichteninhalte an, wodurch sich Instagram sich Facebook und YouTube positioniert. Nur für zehn Prozent aller Internetnutzer sind soziale Medien die wichtigste Quelle, für nur drei Prozent die einzige. Lediglich 16 Prozent vertrauen Nachrichten aus den sozialen Medien. Dies sind Ergebnisse des Reuters Institute Digital News Reports, dessen deutsche Teilstudie vom Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg erarbeitet wurde. Auffällig sei, so Dr. Sascha Hölig vom Leibniz-Institut für Medienforschung, dass der Anteil der Bevölkerung, der sich aktiv in Nachrichteninformationen einbringt, weiterhin relativ gering ist. Lediglich zwölf Prozent der Onliner teilen und zehn Prozent kommentieren Nachrichtenbeiträge in sozialen Medien. Altersunabhängig sind tendenziell die Internetnutzer aktiver, die sich an den politischen Rändern verorten, während die politische Mitte unterrepräsentiert ist.

medienpolitik.net: Herr Hölig, das Hans-Bredow-Institut ist seit 2013 als Kooperationspartner für die deutsche Teilstudie verantwortlich. Was war Für sie – auch im Blick auf die Vorgänger – das interessanteste Ergebnis der diesjährigen Studie?

Hölig: Das Fernsehen ist auch im Jahr 2019 noch immer die am weitesten verbreitete und für die meisten erwachsenen Onliner auch die wichtigste Quelle für Informationen über das aktuelle Weltgeschehen. Im langfristigen Trend sind die Anteile der Bevölkerung, die Nachrichten regelmäßig im TV anschauen leicht rückläufig, während mehr Menschen auch das Internet als Nachrichtenquelle nutzen. Auch im Internet werden am häufigsten die Angebote genutzt, die ihren Ursprung im TV- oder Print-Bereich haben. Der Anteil der Onliner in Deutschland, der auch in sozialen Medien mit Nachrichteninformationen in Kontakt kommt, ist wieder leicht angestiegen. Der Anteil der Onliner, die ihre Nachrichtennutzung auf diese Ressourcen beschränken, ist jedoch weiterhin gering. Lediglich für drei Prozent der erwachsenen Internetnutzer sind soziale Medien die einzige Ressource für Nachrichten. Selbst in der jüngsten untersuchten Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ist der Anteil mit fünf Prozent relativ gering und bleibt im Vergleich zum Vorjahr 2018 stabil. Zudem dienen soziale Medien nicht hauptsächlich, um sich über das Weltgeschehen zu informieren. Die Nutzung der Plattformen hat andere Gründe, aber man stolpert hier eben auch über nachrichtliche Inhalte, ob man das will oder nicht. Auffällig ist auch in diesem Jahr wieder, dass der Anteil der Bevölkerung, der sich aktiv in die Nachrichtenberichterstattung einbringt, auf vergleichsweise geringem Niveau stabil bleibt. Lediglich zwölf Prozent der Onliner teilen und zehn Prozent kommentieren Nachrichtenbeiträge in sozialen Medien. Erneut zeigt sich auch, dass die aktive Beteiligung im Kontext von Nachrichten keine Frage des Alters ist. Altersunabhängig sind tendenziell die Internetnutzer aktiver, die sich selbst an den beiden politischen Rändern verorten, während die politische Mitte unterrepräsentiert ist.

medienpolitik.net: Nur 16 Prozent vertrauen Nachrichten aus den sozialen Medien. Andere Umfragen kommen zu einem ähnlich niedrigen Ergebnis. Wenn man den Informationen nicht vertraut, warum steigt die Nutzung aber an?

Hölig: Das hat etwas damit zu tun, dass viele Menschen soziale Medien nutzen. Der Hauptgrund für die Nutzung ist jedoch nicht das Informieren über das Weltgeschehen, sondern eher das Anschauen von Fotos aus dem Urlaub, von gutem Essen, von Feiern, von neuen Klamotten etc. Allerdings ist es ja fast unmöglich, auf den Plattformen nicht auf nachrichtliche Inhalten zu stoßen. Das geschieht allerdings nebenbei. Kaum jemand nutzt soziale Medien zielgerichtet, um Nachrichteninformationen zu bekommen.

„Starke Nachrichtenmarken aus der Offline-Welt sind auch im Internet die relevantesten Quellen.“

medienpolitik.net: Die höchsten Vertrauenswerte entfallen auf die Hauptnachrichtensendungen der beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme und auf regionale Tageszeitungen. Aber wo findet oder sucht man diese Informationen, wenn TV-Nutzung und Zeitungsauflagen zurückgehen?

Hölig: Hier spielt in erster Linie das Vertrauen in die Marke eine große Rolle. Das hat weniger etwas mit dem Ausspielkanal zu tun. Auch im Internet dominieren insgesamt klassische Nachrichtenmarken aus dem Fernsehen und dem Printbereich als Quelle für nachrichtliche Informationen. Zudem darf man sich von dem im Internet und besonders dem in sozialen Medien sichtbaren Bild nicht täuschen lassen. Das klassische lineare Programmfernsehen ist nach wie vor die am meisten genutzte und als am wichtigsten erachtete Quelle für Nachrichten. Selbst in der jüngsten untersuchten Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen nutzen 42 Prozent mindestens einmal pro Woche Nachrichten im klassichen TV.

medienpolitik.net: Instagram ist in der Altersgruppe der 18- bis 24-jährigen Onliner das soziale Medium, das am häufigsten auch im Zusammenhang mit Nachrichten verwendet wird. Aber Instagram verbreitet vor allem Fotos mit kurzen, subjektiven Texten. Welchen Einfluss hat das auf die Meinungsbildung?

Hölig: Instagram ist nur eine Quelle von vielen, über die Nutzer in dieser Altersgruppe auch mit Nachrichteninhalten in Kontakt kommen. In der Regel nutzen Menschen eine Vielzahl von Quellen, von daher sollte die Rolle von Instagram bzw. von sozialen Medien insgesamt als Ressource für „Nachrichten“ und Meinungsbildung nicht überbewertet werden. Ein Meinungsbild entsteht aus einer Vielzahl von Informationen, Quellen, Kontakten, Erfahrungen und deren Einordnung. Ein einfacher Ursache-Wirkungs-Mechanismus kann nicht unterstellt werden.

medienpolitik.net: Sind die klassischen Medien damit nach wie vor für die Meinungsbildung am Relevantesten?

Hölig: Zumindest werden sie von der Mehrheit genutzt und ihnen wird am meisten vertraut. Von daher kann diese Schlussfolgerung durchaus gezogen werden. „Klassische Medien“ bezieht sich dabei aber auf die entsprechenden Medienmarken und nicht zwingend auf den Ausspielkanal. Starke Nachrichtenmarken aus der Offline-Welt sind auch im Internet die relevantesten Quellen.

medienpolitik.net: Das Bredow-Institut hat 2016 eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass für die Meinungsbildung weniger große, öffentliche Plattformen oder etwa öffentliche Kommentare bedeutsam seien, als viel mehr der direkte Austausch mit Bekannten in Instant-Messengern. Hat sich das verändert?

Hölig: Wir beobachten auch in diesem Jahr die fortschreitendende Tendenz, dass die Kommunikation in geschlossenen Räumen gegenüber der Nutzung und der Partizipation auf öffentlichen Plattformen relevanter wird.

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