„Die Wutrede offenbart ein eher naives Demokratieverständnis“

von am 12.06.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Kommunikationswissenschaft, Medienordnung, Netzpolitik, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Social Media

„Die Wutrede offenbart ein eher naives Demokratieverständnis“
Prof. Dr. Christoph Neuberger, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München

Meinungsmacht kann nicht allein durch Nutzeranteile von TV-Sendern oder YouTube-Videos gemessen werden

12.06.2019. Interview mit Prof. Dr. Christoph Neuberger, Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, Ludwig-Maximilians-Universität München

Unmittelbar vor der Europawahl im Mai hat der YouTuber Rezo, der zum Influencer-Netzwerk Tube One gehört, mit seinem 50 Minuten-Video „Zerstörung der CDU“ für Diskussionen in der Politik und in Medien gesorgt. Springer-Chef Mathias Döpfner nannte Rezos Video „ein gutes Beispiel für digitalen politischen Journalismus“. Allerdings ohne diese These mit der Forderung zu verbinden, auch Verantwortung zu übernehmen, wie Döpfner das immer wieder für digitalen Medien postuliert. Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat Debatten eingefordert, wie mit YouTubern umgegangen werden muss. Sie erwägt Regeln für die Zeit vor Wahlkämpfen sowie eine Pflicht zur Angabe des echten Namens im Netz. In einem medienpolitik.net-Interview erklärte dazu der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Neuberger: „Auch wenn die Zahlen durchaus beeindruckend sind, müssen sie relativiert werden: Es ist keineswegs alles von publizistischer Relevanz, was auf YouTube verbreitet wird. Die Videoplattform ist ein typisches Hybridangebot, in dem sich Banales und Brisantes vermischen.“ Wichtig sei die indirekte Reichweite, die sich aus der öffentlichen Resonanz auf das Video ergäbe, messbar durch das Volumen und die Rezeption der Anschlusskommunikation. Vor allem die klassischen Medien hätten erheblich zur Verstärkung der Aufmerksamkeit und zur Weiterverbreitung der Aussagen im Video beigetragen. Neubergers Fazit: „Solche Videos sind ein legitimer und auch wertvoller Beitrag zur Meinungsbildung.“

Medienpolitik.net: Herr Neuberger, ein Video des YouTubers Rezo „Die Zerstörung der CDU“ wurde bisher mehr als 15 Millionen mal geklickt. Ist dieser Wert mit der Reichweite von Fernsehsendungen, die linear und non-linear verbreitet werden, vergleichbar?

Neuberger: Die Zahl der Videoabrufe ist natürlich enorm, auch wenn sie sich aus zeitlich weit gestreuten Nutzungsvorgängen ergibt. Wie viele Personen sich hinter der Abrufzahl verbergen, ist aber unklar – ebenso, wie viele das 50 Minuten-Video nur angespielt und nicht zu Ende gesehen haben. Was aber zu bedenken ist: Meinungsmacht ist nicht nur von Klickzahlen, also der direkt erzielten Reichweite abhängig. Die Vorstellung des Rund­funk­staatvertrags, dass Meinungsmacht alleine durch Nut­zungs­anteile von Sendern gemessen werden kann, war noch nie zutreffend. Gerade im Fall des Internets sind weitere Faktoren zu berücksichtigen, wenn das Wirkungspotenzial ein­geschätzt werden soll. Wichtig ist etwa die indirekte Reichweite, die sich aus der öffentlichen Resonanz auf das Video ergibt, messbar durch das Volumen und die Rezeption der An­schluss­kommunikation. Vor allem die klassischen Medien haben erheb­lich zur Verstärkung der Aufmerksamkeit und zur Weiterverbreitung der Aussagen im Video beigetragen. Schlagzeilen und Titelgeschichten, etwa im „Spiegel“, dürften viele erst informiert und neugierig gemacht haben. Zudem erhöhen solche Publikationsorte die wahr­genom­mene Wichtigkeit und die vermutete Wirkung auf Dritte.

Medienpolitik.net: Dennoch: YouTuber haben heute hunderttausende Abonnenten. Sind soziale Medien doch das neue Massenmedium?

Neuberger: Auch wenn die Zahlen durchaus beeindruckend sind, müssen sie relativiert werden: Es ist keineswegs alles von publizistischer Relevanz, was auf YouTube verbreitet wird. Die Videoplattform ist ein typisches Hybridangebot, in dem sich Banales und Brisantes vermischen. Auch die Aufmerksamkeit variiert ganz erheblich. Dies macht es unmöglich, ein pauschales Urteil über die Meinungsmacht einer Plattform zu fällen. Es kommt auf das einzelne Video, auf den einzelnen Kanal an. Das unterscheidet YouTube erheblich von traditionellen Massenmedien: Im Fall von Presse und Rundfunk nimmt die Regulierung konstant eine hohe Reichweite und publizistische Bedeutung an. In sozialen Medien reicht eine so grobe Einschätzung nicht mehr aus, es muss feiner differenziert werden.

„Solche Videos sind ein legitimer und auch wertvoller Beitrag zur Meinungsbildung. Sie sind Teil der größeren Öffentlichkeit in der digitalen Welt.“

Medienpolitik.net: Sozialen Medien wird eine relativ geringe Glaubwürdigkeit attestiert. Welche Wirkung können sie bei 14. Mio. Klicks erreichen? Hat dieses Video die Europawahl beeinflusst? Oder wird es nur geteilt, ohne den Inhalt intensiv zu lesen, immerhin war es 50 Minuten lang. 

Neuberger: Es kommt nicht nur auf die Reichweite an, sondern auch auf andere Faktoren, wenn das Wirkungspotenzial eingeschätzt werden soll. Glaubwürdigkeit ist zentral, weil sie für Botschaften empfänglich macht. Leider beziehen sich die verfügbaren Glaubwürdigkeits-Studien nicht auf einzelne Kanäle, sondern auf gesamte Plattformen. Es dürfte aber ganz erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen YouTube-Kanälen geben. Auch die Gestaltung des Rezo-Videos dürfte die Wirksamkeit erhöht haben: Es verbindet eine authentische, jugendgerechte Ansprache mit substanzieller, vielfach belegter Kritik. Bemerkenswert ist das Bemühen um wissenschaftliche Belege, auch wenn das Fact-Checking durch Redaktionen in einigen Punkten eine unsaubere Darstellung ermittelt hat. Die Wutrede offenbart überdies ein eher naives Demo­kra­tieverständnis, und Rezo behauptet, Dinge zu enthüllen, die jedem Interessierten längst bekannt sein dürften – vielleicht aber nicht dem durchschnittlichen Rezo-Abonnenten. Um es zu betonen: Solche Videos sind ein legitimer und auch wertvoller Beitrag zur Meinungs­bildung. Sie sind Teil der größeren Öffentlichkeit in der digitalen Welt. In einem Gutachten, das ich gemeinsam mit Frank Lobigs im vergangenen Jahr für die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) verfasst habe, haben wir die neuen Formen der Meinungsbildung und die Verschiebung der Meinungsmacht ausführlich analysiert. Für die etablierten Parteien und Medien mag dieser Wandel noch gewöhnungsbedürftig sein. Er hat sich aber bereits in den letzten 25 Jahren angebahnt und ist keine Überraschung mehr.

Medienpolitik.net: Hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seiner Public-Value-Aufgabe dagegen noch eine Chance? 

Neuberger: Ja, wenn er es versteht, seinen Gemeinwohlauftrag in die „Sprache“ der sozialen Medien zu übersetzen. Das Jugendangebot funk ist dafür ein respektabler Start. Dort finden sich auch politische Kanäle.  Das Experimentieren in den sozialen Medien ist geradezu ein Kulturbruch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Allerdings sehe ich zwei Probleme: Die Anpassung an den Stil der sozialen Medien ist eine Gratwanderung zwischen dem seriösen Anspruch der Anstalten und der erfolgreichen Ansprache des Publikums. Und: Der jungen Zielgruppe auf fremde Plattformen zu folgen, bedeutet auch, sich deren Regeln zu unterwerfen, die klar auf ökonomische Ziele ausgerichtet sind. Das passt nicht zum öffentlichen Auftrag. Zudem geraten die Anstalten in ein Dilemma: Sie nehmen die kostenlosen Dienste der Plattformen in Anspruch, sollen aber zugleich in der Berichterstattung kritische Distanz zu ihnen wahren. 

„Die Anpassung an den Stil der sozialen Medien ist eine Gratwanderung zwischen dem seriösen Anspruch der Anstalten und der erfolgreichen Ansprache des Publikums.“

Medienpolitik.net: Ist verstärkt von Vernetzung der öffentlich-rechtlichen Sender die Rede, auch mit anderen gesellschaftlichen Institutionen. Sie sollen jetzt auch eine Plattformstrategie entwickeln. Wie wichtig ist das für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Neuberger: Ein digitales Grundprinzip besteht darin, sich nicht zu isolieren und alles alleine zu machen. Das sollte nicht wahllos geschehen. Einrichtungen aus Wissenschaft, Bildung und Kunst bieten sich als Kooperationspartner an, auch private Medien. Viele Modelle sind denkbar, viele Fragen aber noch offen. Etwa: Soll es um gemeinsame Produktionen gehen oder nur um eine gemeinsame Vertriebsplattform, also eine Super-Mediathek?

Medienpolitik.net: Muss es aber gleich eine europäische Plattform sein? Wäre eine öffentlich-rechtliche Plattform als nächstes Ziel nicht sinnvoller?

Neuberger: Eine positive Vision ist gut, die zum Nachdenken anregt: Was wünscht sich die Gesellschaft vom Internet? Zu oft geht es nämlich nur darum, negative Folgen der Digitalisierung zu bekämpfen. Allerdings drängt sich der Eindruck auf, dass nun auf einen Streich alle großen Heraus­forderungen bewältigt werden sollen: den technologischen Vorsprung des Silicon Valley einholen, die europäische Öffentlichkeit realisieren, die Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Medien vorantreiben. Etwas viel auf einmal. Besser wäre es, kleine Schritte zu gehen und bewährte Projekte auszubauen, etwa arte in weiteren Sprachen anzubieten. Facebook und Netflix nur zu kopieren, ist zu kurz gedacht. Zunächst müsste klar sein, wie der öffentliche Auftrag im Digitalen umgesetzt werden sollte: Wie müssen öffentliche Debatten organisiert und moderiert werden? Dazu müssten dann passende Foren eingerichtet werden. Oder: Wie kann Empfehlungssystemen Vielfalt, Relevanz und andere Qualitätskriterien eingeschrieben werden?    

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