„Schlüsselposition in der deutschen Kinowirtschaft“

von am 10.06.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Schlüsselposition in der deutschen Kinowirtschaft“

Produzentenverbände einigen sich mit ARD – Beiträge der Sender zu Kinoproduktionen sind rückläufig

11.06.2019. Nach mehr als zwei Jahren intensiv geführter Verhandlungen haben sich die ARD und mehrere Produzentenverbände über die vertragliche Zusammenarbeit zu Film-/Fernseh-Gemeinschaftsproduktionen und vergleichbaren Kino-Koproduktionen der ARD verständigt. Erstmals wird mit den neuen Eckpunkten durchgängig eine Differenzierung der Rechteeinräumung nach Finanzierungsbeteiligung der ARD-Anstalten vorgenommen. Je kleiner der Finanzierungsanteil der Sender ist, desto mehr Rechte verbleiben beim Produzenten und umgekehrt. Im Sinne der bestmöglichen Verwertung der gemeinsam realisierten Filme hat die ARD bei geringer Finanzierungsbeteiligung der Sender auf das Zustimmungserfordernis für eine Pay-TV-Auswertung vor Erstausstrahlung sowie auf eine Erlösbeteiligung zugunsten der Refinanzierbarkeit der Produktionen verzichtet. Zu den Auswirkungen der neuen Vereinbarung Fragen an Prof. Dr. Mathias Schwarz, Produzentenallianz; Christian Balz, Produzentenverband; Prof. Dr. Karola Wille, ARD und Sebastian Korn, „alleskino.de.

1. Welche Bedeutung haben TV-Sender wie die ARD für die Produktion und Verwertung deutscher Kinofilme?

2. Warum war eine neue Regelung über die Zusammenarbeit bei Kino-Gemeinschaftsproduktionen notwendig geworden? Wie haben sich die Bedingungen in den vergangenen Jahren verändert?  

3. Welche Auswirkungen hat neue Regelung auf die Produktion attraktiver deutscher Kinofilme? Werden sie dadurch künftig besser zu finanzieren sein? 

Prof. Dr. Mathias Schwarz, Justiziar der Produzentenallianz und Justiziar der Sektionen Kino und Animation:

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Prof. Dr. Mathias Schwarz, Produzentenallianz

Zu 1. TV-Sender und gerade die ARD haben traditionell eine große Bedeutung für die Produktion deutscher Kinofilme. Oft ermöglichen sie durch eine frühe Beteiligung an den Projekten überhaupt erst, dass das Filmprojekt eine Realisierungschance erhält und manch schwieriges Projekt konnte nur verwirklicht werden, weil überzeugte Redakteure ihm auch über viele Klippen hinweg die Treue gehalten haben. Auch durch ihren Beitrag zur Finanzierung der FFA und verschiedener Länderförderer tragen die Sender zur Realisierung von Kinoproduktionen bei. Andererseits berichten Produzenten seit einigen Jahren unisono, dass sich u.a. einige ARD-Anstalten praktisch aus der Koproduktion von Kinofilmen zurückgezogen haben und die Beiträge, die zu den einzelnen Produktionen geleistet werden, gegenüber früher tendenziell immer weiter zurückgehen. Und bei der Verwertung im Free-TV haben es deutsche Kinoproduktionen trotz einzelner positiver Initiativen immer noch schwer und hat unsere langjährige Forderung, mehr Prime-Time und Second-Prime-Time-Sendeplätze für deutsche Kinofilme vorzusehen, wenig bewirkt. Dass man sich auch ein deutlich stärkeres, allerdings dort auch staatlich eingefordertes Engagement der Sender für den Kinofilm vorstellen kann, zeigt etwa der Blick nach Frankreich.

Zu 2. Die zum Ende des Jahres 2016 von uns gekündigte Regelung sah – wie schon ihre Vorgängerregelungen – ein unterschiedsloses Regelungsgerüst für alle Gemeinschaftsproduktionen vor, ganz gleichgültig wie hoch die Senderbeteiligung war. Darüber hinaus beinhaltete die Regelung eine völlig unzeitgemäße Sperre der S-VoD Rechte von 36 Monaten ab Free-TV-Verfügbarkeit und ließ eine Pay-TV-Lizensierung durch den Produzenten vor der Free-TV-Verwertung nur unter vielfältigen Einschränkungen zu. Damit wurden den Produzenten wichtige Verwertungsmöglichkeiten vorenthalten, die vor dem Hintergrund eines wegbrechenden Videomarktes und einer schwierigen Situation beim internationalen Vertrieb eine Refinanzierung der Filme und eine Rückdeckung eingesetzter Eigenmittel noch schwieriger machte.

Zu3. Das hoffen wir natürlich, auch wenn wir uns mit einer Reihe von weiteren Forderungen, etwa dem Wunsch, bei einer nachgewiesenen Verwertungsmöglichkeit im Pay-TV oder im Pay-VoD generell eine Verschiebung der Free-TV-Verfügbarkeit um drei Monate zu erreichen, nicht durchsetzen konnten. Allerdings geben die neuen Regelungen nur einen Rechtsrahmen vor, der nun von der ARD auch mit Leben ausgefüllt werden muss, indem in den Häusern die Mittel für Kino-Co-Produktionen zur Verfügung gestellt werden, die zur Erfüllung dieses wichtigen Aspekts des kulturellen Auftrags der ARD erforderlich sind. Publikumsattraktive Filme setzen angemessene Budgets voraus, um Filme realisieren zu können, die auch im Wettbewerb mit internationalen Filmen bestehen können. Diese lassen sich aber nur realisieren, wenn alle Finanzierungspartner ihren angemessenen Anteil zur Finanzierung beitragen. Hier ist auch die ARD gefordert. Und zwar finanziell ebenso wie in der Bereitstellung attraktiver Sendeplätze.

Christian Balz, Vorstand des Produzentenverbandes:

Christian Balz, Produzentenverband

Zu 1. Die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD und ZDF nehmen als Koproduzenten und Lizenzeinkäufer, aber auch als Entscheider in den jeweiligen Fördergremien eine Schlüsselposition in der deutschen Kinowirtschaft ein. Sie entscheiden zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil über das Entstehen von Kinofilmen. So sind zahlreiche große Erfolge von Mitgliedern des Produzentenverbandes, wie bspw. TONI ERDMANN und TSCHICK, mit Unterstützung koproduzierender ARD-Sender entstanden.

Zu 2. Die alte Vereinbarung ist Ende 2016 durch die Produzentenallianz – mit der wir gemeinsam verhandelt haben – gekündigt worden, da sie dem geänderten Marktumfeld nicht mehr entsprochen hat. Einerseits ist das Home Entertainment Geschäft, die klassiche DVD, stark zurückgegangen, andererseits gibt es durch Online-Plattformen neue Verwertungsmöglichkeiten, auf die die Produzenten angewiesen sind, um Filme überhaupt finanzieren zu können. Da die Sender allerdings auch ihre Mediatheken beliefern möchten, war es nicht einfach, hier einen Kompromiss zu finden. Nach Ansicht des Produzentenverbandes müssen umfangreiche Mediathekenrechte jedoch umfangreich vergütet werden, um die Finanzierung von Kinofilmen überhaupt möglich zu machen.

Zu 3. Mit der neuen Eckpunktevereinbarung wurde ein völlig neues Modell entwickelt, das eine Differenzierung der Rechte je nach Finanzierungsanteilen vorsieht: Je weniger ein Sender bezahlt, umso weniger bekommt er – und umgekehrt. Je mehr der Sender zahlt, um so umfangreicher sind also seine Mediathekenrechte. Weiter gibt es aber auch Öffnungsklauseln, die individualvertragliche Lösungen erlauben. Beide Seiten können von dem Modell profitieren, jetzt kommt es aber darauf an, dass die Sender wieder verstärkt in den Bereich Kino-Koproduktionen einsteigen und ihrem kulturellen Auftrag gerecht werden.

Prof. Dr. Karola Wille, MDR-Intendantin und Filmintendantin der ARD:

Prof. Dr. Karola Wille, ARD

Zu 1. Die ARD ist und bleibt ein starker Partner der deutschen Filmwirtschaft, nicht nur als Koproduzent und Auftraggeber bedeutender Kinoproduktionen, sondern auch durch verlässliche finanzielle Unterstützung, die jährlich aus den Rundfunkbeiträgen an die Filmförderungsanstalten des Bundes und der Länder fließt. So unterstützt die ARD die Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) und zahlt sogar freiwillig mehr in die Filmförderung des Bundes ein, als es die gesetzliche Grundlage verlangt und sorgt so für Kontinuität und Verlässlichkeit. Neben der überregionalen Förderung hat sich in den letzten Jahren in einigen Bundesländern eine regionale Filmförderung entwickelt.

Zu 2. Die Allianz Deutscher Produzenten hatte die im Jahr 2015 vereinbarten Eckpunkte über die Zusammenarbeit bei Kino-Koproduktionen zum 31.12.2016 gekündigt und im Rahmen der Neuverhandlung im Grundsatz um Anpassung der Rechteaufteilung in Abhängigkeit der finanziellen Beteiligung der Sender gebeten, um die Verwertung der gemeinsam realisierten Filme neu zu regeln. Die ARD und die Produzenten setzen mit dem Abschluss der Eckpunktevereinbarung die Protokollerklärung der Länder zum 22. Rundfunkänderungsstaatsvertrag bereits gemeinsam um. Dort bekräftigen die Länder erneut ihre Auffassung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Bereich Film- und Fernsehproduktionen Unternehmen, Urheberinnen und Urhebern sowie Leistungsschutzberechtigten ausgewogene Vertragsbedingungen und eine faire Aufteilung der Verwertungsrechte gewähren soll. Vor dem Hintergrund der kontinuierlich wachsenden Bedeutung von Abrufangeboten im Internet ist es geboten, die derzeitigen Vertragsbedingungen in einer Weise anzupassen, die der Film- und Medienproduktionswirtschaft unter Berücksichtigung einer Rechteverteilung eine angemessene Finanzierung der Produktionen sichert, die sie für die ARD auch zur Nutzung im Internet liefert. Diesen Anforderungen haben wir mit den neuen Eckpunkten für die Kino-Gemeinschaftsproduktionen, bereits vollumfänglich Rechnung tragen können.

Zu 3. Auf der Basis dieser neuen Eckpunkte werden ARD und Produzenten ihr gemeinsames Engagement für Kino-Gemeinschaftsproduktionen erfolgreich fortsetzen. Im Sinne einer fairen Rechteverteilung wird erstmals durchgängig eine Differenzierung der Rechteeinräumung nach Finanzierungsbeteiligung der ARD-Anstalten vorgenommen, um eine bestmögliche Verwertung der gemeinsam realisierten Filme und damit eine Stärkung der Eigenkapitalsituation der Produzenten zu erreichen. Die ARD hat dabei im Sinne der bestmöglichen Verwertung bei geringer Finanzierungsbeteiligung der Sender auf das Zustimmungserfordernis für eine Pay-TV-Auswertung vor Erstausstrahlung sowie auf eine Erlösbeteiligung zugunsten der Refinanzierbarkeit der Produktionen verzichtet. Sperrfristen für eine kommerzielle VoD-Auswertung des Produzenten sind in Abhängigkeit der jeweiligen Finanzierungsbeteiligungen deutlich verkürzt worden.

Sebastian Korn, Programmleiter „alleskino.de – Das Portal für den deutschen Film“:

Zu 1. Die Bedeutung von Fernsehsendern für die deutsche Filmwirtschaft hat sich unserer Ansicht nach in den vergangenen Jahren verringert. Während Co-Produktionen mit Senderbeteiligung früher fast die Norm waren, sind sie heute seltener geworden. Das liegt sicher auch daran, dass nun weitere Player auf dem Markt sind, die um die beliebte Ware „Deutscher Spielfilm“ konkurrieren. Trotzdem ist die Beteiligung von öffentlich-rechtlichen Sendern für viele Produktionen sehr wichtig, gerade bei weniger publikumsträchtigen Stoffen. Dass beim Deutschen Filmpreis 2019 mit „Gundermann“ und „Styx“ zwei ARD-arte-Koproduktionen die meisten Preise abräumten ist sicherlich kein Zufall. Für die Auswertung spielen Fernsehsender – öffentlich-rechtliche wie private – nach wie vor eine wichtige Rolle, auch wenn Streamingdienste wie Netflix und „alleskino“ an Bedeutung zunehmen. Die steigende Vielfalt an Verwertungsmöglichkeiten und das Auflockern starrer Fristen hilft dem deutschen Kinofilm enorm.

Zu 2. Die Medienlandschaft und die Möglichkeiten der Auswertung von Filmproduktionen haben sich in den vergangenen Jahren massiv verändert. Zum einen konkurrieren neue Player wie Streamer oder Pay-TV-Anbieter mit den klassischen Fernsehsendern, andererseits hat sich auch die Nutzung des linearen Fernsehens gewandelt. Die Mediatheken werden für die Sender immer wichtiger. Die jetzt getroffene Einigung ist ein guter Kompromiss. Bei einem großen Finanzierungsanteil der Sender können die Produktionen länger in den Mediatheken bleiben – bei einem geringeren Anteil kann der Produzent die Filme schneller an unabhängige Anbieter wie „alleskino“ lizenzieren.

Zu 3. Zumindest haben die Produzenten nun mehr Möglichkeiten, für ihre Filme eine passende Finanzierung und Verwertung aufzustellen. Wir beobachten mit Freude, dass der deutsche Film vielseitiger wird.

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