„Unsere Ankerpunkte sind Qualität der Inhalte und Akzeptanz der Nutzer“

von am 13.06.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Medienordnung, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Unsere Ankerpunkte sind Qualität der Inhalte und Akzeptanz der Nutzer“
Marlehn Thieme, Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates

ZDF-Fernsehrat erarbeitet neues Telemedienkonzept

13.06.2019. Interview mit Marlehn Thieme, Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates

Bei einer möglichen Reform der Auftragsbestimmung, über die die Länder gegenwärtig beraten, sollen nur einige Programme per Staatsvertrag vorgegeben werden. Andere Angebote, zum Beispiel Spartenkanäle, wie ONE, ZDFneo, ZDFinfo oder tagesschau24, sollen von den jeweiligen Gremien beauftragt werden. Sowohl bei den ARD-Anstalten wie auch beim ZDF üben die Vertreter von Interessensgruppen in den Rundfunk- bzw. Fernsehräten diese Tätigkeit ehrenamtlich aus. In einem Gespräch mit medienpolitik.net betont die Juristin Marlehn Thieme, Vorsitzende des ZDF-Fernsehrates, dass die Kompetenz und Verantwortungsbereitschaft dafür vorhanden sei. Allerdings würde sich die Funktion des Fernsehrates verändern: „Er ist dann weniger als Kontrolleur von Programmgestaltungen und Inhalten gefragt, sondern muss Prozesse etablieren, die über das Unternehmen hinaus der übertragenen medienpolitischen Verantwortung gerecht werden.“ Schon heute würden sich die 60 Mitglieder auch um strategische Entwicklungen des ZDF kümmern. „Wettbewerbsumfeld und Nutzergewohnheiten wandeln sich rasant, das treibt uns alle wirklich um. Es braucht mehr Laborsituationen, die Möglichkeit zu Trial and Error in den ZDF-Angeboten“, so Thieme.  

medienpolitik.net: Frau Thieme, der Telemedienauftrag, der seit 1. Mai in Kraft ist, gibt auch dem ZDF neue Möglichkeiten der digitalen Verwertung und Verbreitung. Reicht Ihnen das aus, für eine „Entwicklungsgarantie“ des ZDF?

Thieme: Zunächst müssen diese rechtlichen Möglichkeiten, sofern nicht einfach Verbote wegfallen oder gelockert werden, in praktizierbare Vorgaben umgesetzt werden. Die Genehmigung des Telemedienänderungskonzepts wird jetzt angegangen und unsere Aufmerksamkeit benötigen. Wie lange diese Vorgaben dann halten werden, können weder das Haus, noch wir – und ich meine keiner – angesichts der rasanten digitalen Entwicklung und enormer Investitionen der globalen Player vorhersagen. Klar ist, dass die orts- und zeitsouveräne Nutzung medialer Inhalte weiter stark zunehmen wird. Dafür muss sich das ZDF aufstellen, organisatorisch, finanziell und auch personell.

medienpolitik.net: Die Verantwortung der Gremien des ZDF und der ARD ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Worin sehen Sie heute die wichtigste Aufgabe des ZDF-Fernsehrates?

Thieme: Für uns sind die Ankerpunkte die Qualität der Inhalte und die Akzeptanz der Nutzer/innen.

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der Flexibilisierung des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks planen die Länder, die Verantwortung des ZDF-Fernsehrates bzw. der Rundfunkräte der ARD zu erhöhen, indem sie über einige der konkreten Programme und Verbreitungswege entscheiden sollen. Besitzen diese überwiegend ehrenamtlichen Gremien dafür die Voraussetzungen?

Thieme: Die Kompetenz und Verantwortungsbereitschaft ist sicher vorhanden. Das hat der Fernsehrat bereits 2009 bewiesen, als er im Rahmen des Genehmigungsverfahrens der ZDF-Telemedienangebote Drei-Stufen-Testverfahren durchzuführen hatte. Und mit den derzeit geplanten rundfunkstaatsvertraglichen Änderungen wird sich die Rolle und Verantwortung des Fernsehrates noch einmal weiterentwickeln. Er ist dann weniger als Kontrolleur von Programmgestaltungen und Inhalten gefragt, sondern muss Prozesse etablieren, die über das Unternehmen hinaus der übertragenen medienpolitischen Verantwortung gerecht werden. Entscheidungen werden dann nicht nur im Blick auf das Unternehmen und den Rahmen der rundfunkstaatsvertraglichen Programmaufträge und -angebote, sondern auch mit der Perspektive auf den medienpolitischen Bedarf zu treffen sein.

medienpolitik.net: Was halten Sie generell von dem Konzept der Indexierung des Beitrages und der Flexibilisierung des Auftrages?
Thieme: Das muss zumindest kein Gegensatz sein. Maßgeblich für die auskömmliche Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts. Doch was heißt das vor allem in Zeiten erheblicher Investitionen privater Medienanbieter in digitale Angebote? Das Problem ist die Reihenfolge: Was der Auftrag kosten darf oder muss, kann man erst beantworten, wenn die zu erbringenden Leistungen definiert sind. Seit über einem Jahr beobachte ich das ernsthafte Bemühen der Politik, ein zukunftssicheres Finanzierungsmodell für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu entwickeln.

„In dem Diskurs zwischen dem Intendanten und dem Fernsehrat müssen die Grenzen offen bleiben.“

medienpolitik.net: „Der Fernsehrat kontrolliert das ZDF-Programm und berät den Intendanten in Programmfragen. Zentrale Aufgabe ist es, die Programme und Online-Angebote zu beaufsichtigen“, so steht es auf der ZDF-Online-Seite. Inwieweit gehören zur „Beratung“ auch Fragen der Unternehmensstrategie?

Thieme: Immer dann, wenn sich solche Fragen entscheidend darauf auswirken, ob und wie Programm wahrzunehmen ist, und ob es diejenigen, die es mit ihrem Beitrag finanzieren, auch erreicht. In dem Diskurs zwischen dem Intendanten und dem Fernsehrat müssen die Grenzen offen bleiben. Unsere Beratungsrolle dabei ist klar: fragen und informieren, wo nötig kritisieren, vor allem aber auch ermutigen, die Veränderungen in der Medienwelt innovativ anzupacken.

medienpolitik.net: Welches Thema wird hier gegenwärtig von den Mitgliedern des Fernsehrates besonders intensiv diskutiert?

Thieme: Wettbewerbsumfeld und Nutzergewohnheiten wandeln sich rasant, das treibt uns alle wirklich um. Es braucht mehr Laborsituationen, die Möglichkeit zu Trial and Error in den ZDF-Angeboten. Wenn inzwischen jeder Zweite YouTube-Videos zum Lernen nutzt, sind die wirklich gut gemachten funk-Wissensformate „musstewissen“ oder „maiLab“ nur ein erster Schritt. Aktuell befasst sich der Fernsehrat intensiv mit der Frage, wie die Nutzung der ZDFmediathek zeitgemäß personalisiert werden kann – und zwar nicht mit zweifelhaften, an Ertragsoptimierung ausgerichteten Algorithmen, sondern nutzerorientiert und vertrauenswürdig.

medienpolitik.net: Mit ZDFkultur hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk Neuland betreten. Ist diese visuelle, transparente und kreative Vernetzung mit öffentlichen Institutionen und Einrichtungen die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?

Thieme: Ganz bestimmt. Der Netzwerkgedanke des digitalen Kulturraums hat auf Anhieb nicht nur den Fernsehrat überzeugt. Denn dieser Raum ist für vielfältige Interessen zugänglich, jeder kann ihn betreten, sich dort umsehen, bilden, unterhalten, diskutieren, auch streiten – und in jedem Fall neue Eindrücke daraus weitertragen. Eine Idee und Realisierung at its best, an die alle andocken können. Das ist es, was es für die lineare wie non-lineare Zukunft der öffentlich-rechtlichen Medienwelt weiter zu entwickeln gilt.

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