„Wir brauchen eine echte Arthouse-Strategie“

von am 25.06.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Wir brauchen eine echte Arthouse-Strategie“
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden

Kinobetreiber fordern Paradigmenwechsel bei der Filmförderung und das Kino besser zu unterstützen und zu schützen

25.06.2019. Interview mit Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino

Gegenwärtig beginnt die Diskussion zur Novellierung des Filmförderungsgesetzes, das 2020 ausläuft. Für die AG Kino, den Interessensverband der Filmkunst- und Arthousekinos, geht es um einen „Paradigmenwechsel“.Dies bedeutet erstens, die Unwucht in der Förderung zu Lasten von Vertrieb und Kino endlich zu beheben. Vor allem muss zweitens auch die etablierte und funktionierende Struktur der Medienchronologie gestärkt und drittens das Kino als kultureller Ort und Herzkammer des Kinofilms besser gefördert und geschützt werden“, erläutert Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender AG Kino, in einem medienpolitik.net-Interview. Die Umwälzungen des globalen Film- und Kinomarkts schritten rapide und immer aggressiver voran, während der deutsche Film sich im Klein-klein verliere und Investition und Ertrag der Filmförderung nicht übereinstimmten. Zugleich sei die Erlösstruktur der Geschäftsmodelle von unabhängigen Filmverleihern und traditionellen Kinos nicht ausreichend, um gebotene Investitionen in Infrastruktur und Marketing zu tätigen, so Bräuer. Zudem stellt Bräuer mit Blick auf die Finanzierung der FFA die Frage, ob die Abgabemaßstäbe in allen Gruppen richtig gesetzt seien. Auch eine Fördermittelverlagerung unter Betrachtung der gesamten Filmförderung des Bundes dürfe kein Tabu sein.

medienpolitik.net: Herr Bräuer, für dieses Jahr stellt der Bund fünf Millionen Euro Soforthilfe für Kinos in ländlichen Räumen zur Verfügung. Rund 17 Millionen Euro kommen 2020 mit dem neuen ‚Zukunftsprogramm Kino‘ der Bundesregierung hinzu. Sie hatten mehr gefordert. Reichen diese Summen aus, um den Investitionsstau bei den Kinos abzubauen? 

Bräuer: Bekanntlich prognostizieren die Kinoverbände einen deutlich höheren Investitionsbedarf und angesichts der gegenwärtigen Marktentwicklung sehen wir einen dringenden Handlungsbedarf, wenn man flächendeckend eine lebendige Kinolandschaft und eine bessere Sichtbarkeit kulturell anspruchsvoller Filme erreichen will. Die nunmehr von der Bundesregierung geplanten 17 Mio. Euro für 2020 sind ein bedeutender Schritt, mit dem man starten kann. Ausreichen wird dieser Betrag schwer, wenn diejenigen Kinos, die förderungswürdig und bedürftig sind, angemessen berücksichtigt werden sollen. Von daher hoffen wir, dass hier in der parlamentarischen Bereinigungssitzung auch über 2020 hinaus noch einmal nachjustiert wird.

medienpolitik.net: Das Zukunftsprogramm Kino sollte ein Gemeinschaftsprogramm von Bund und Ländern werden. Außer Bayern hat kein Bundesland bisher Interesse gezeigt. Wie wichtig wäre auch ein verstärktes Engagement der Länder?

Bräuer: Es ist unverzichtbar, dass die Bundesländer sich am Zukunftsprogramm beteiligen, um den Eigenanteil der Kinos auf ein geringstmögliches Niveau zu senken, Innovationsanreize zu setzen und auch größere Investitionen zu ermöglichen. Die Erlösstruktur der traditionellen Kinos und im Arthousemarkt reicht gegenwärtig nicht aus, um Rücklagen zu bilden und grundlegende Modernisierungen zu finanzieren. Mit den Filmreferent*innen der Länder und auch den Vertretern des Bundesrats im Verwaltungsrat der FFA sind wir dazu seit Längerem im Kontakt. Uns steht sicher in einzelnen Fällen noch ein Kraftakt bevor, ich bin aber zuversichtlich, dass sich die Länder dem Thema nicht verschließen. Denn als Kulturorte zählen die Kinos in Zeiten der Vereinzelung zu den selten gewordenen kollektiven Räumen, wo es freie und offene Diskussionen gibt, wo Meinungen geäußert werden und wo Ideen Gestalt annehmen. Als Diskursraum zählen sie damit zum Humus der demokratisch-pluralistische Gesellschaft. Nicht nur in kultureller, auch in wirtschaftlicher Hinsicht wird das Zukunftsprogramm sehr nachhaltige Effekte haben. Denn ist ein Kino erst einmal grundlegend technisch wie gestalterisch hergerichtet, wirkt dies über einen sehr langen Zeitraum. Das führt zu Nachfolgeinvestitionen, sichert Arbeitsplätze und belebt die Umgebung in den Stadtteilen ebenso wie im ländlichen Raum. Ganz ohne Zweifel sind dies für unseren Markt einzigartige Standorteffekte.

medienpolitik.net: Welche Kinos können sich für diese – bis jetzt zugesagte – Förderung bewerben?

Bräuer: Bis jetzt sind nur die Kriterien für das im Juli startende Soforthilfeprogramm bekannt, das sich ausschließlich auf die Filmtheater in Orten bis 25.000 Einwohnern konzentriert. Diese Kinos erhalten einen Zuschuss in Höhe von 80 Prozent, maximal jedoch 25.000 Euro. Das Zukunftsprogramm soll sich an Kinos unabhängig der Ortsgröße richten. Aus unserer Sicht müssen Arthousekinos mit einem hohen Besuchermarktanteil mit deutschen und europäischen Filmen, traditionelle Landkinos, Kinodenkmäler sowie die besonders von Schließung bedrohten Ein- und Zweisaalkinos im Vordergrund stehen. Entscheidend sind aber zunächst inhaltliche, programmbezogene Zugangskriterien, nur so lassen sich die Ziele des Koalitionsvertrags erreichen. Daneben halten wir es auch für wichtig, dass generell traditionelle Kinos bis zu sieben Sälen ungeachtet der Programmierung gefördert werden, um flächendeckend eine lebendige Kinoszene zu erhalten.


„Die Umwälzungen des globalen Film- und Kinomarkts schreiten rapide und immer aggressiver voran, während der deutsche Film sich im Klein-klein verliert.“

medienpolitik.net: Was soll damit vor allem gefördert werden?

Bräuer: Der Investitionsstau ist enorm. Natürlich müssen alle Maßnahmen zum Erhalt und zur Modernisierung der Gebäude samt der technischen Anlagen förderbar sein. Selbstverständlich zählen dazu auch die ökologische Modernisierung sowie die barrierefreie Zugänglichkeit. Überdies muss es aber auch darum gehen, Atmosphäre und Aufenthaltsqualität zu verbessern, dem Kino jenen Charme zu geben, der es zu einem einzigartigen Kulturort macht. Außerdem müssen die Kinos dringend ertüchtigt werden, ihre digitale Infrastruktur auszubauen. Dies gilt nicht zuletzt für die digitale Kundenkommunikation, aber auch für die Möglichkeit, innovative Geschäftsmodelle zu erproben. Was zudem enorm wichtig wäre, im Zukunftsprogramm aber fehlen wird, ist eine Förderung von Programmaktivitäten. Hier gilt es dann mit anderen Förderungen und im Rahmen des FFG nachzusteuern, um die Sichtbarkeit kulturell anspruchsvoller Filme sowie filmvermittelnde Maßnahmen insbesondere für das junge Publikum zu stärken.


medienpolitik.net: Gegenwärtig laufen die Vorbereitungen für die Novellierung des FFG. Wo sollen nach Auffassung der AG Kino vor allem die Akzente gesetzt werden?

Bräuer: Die Umwälzungen des globalen Film- und Kinomarkts schreiten rapide und immer aggressiver voran, während der deutsche Film sich im Klein-klein verliert und Investition und Ertrag der Filmförderung nicht übereinstimmen. Zugleich ist die Erlösstruktur der Geschäftsmodelle von unabhängigen Filmverleihern und traditionellen Kinos nicht ausreichend, um gebotene Investitionen in Infrastruktur und Marketing zu tätigen. Auf der einen Seite sehen wir, dass viel zu viel Fernsehprojekte und Mittelware mit Kinomitteln produziert werden. Auf der anderen Seite beobachten wir, dass kulturell anspruchsvolle Werke, die bei Festivals reüssieren, die Branche und Kritiker gleichfalls schätzen und die oftmals im Ausland besser funktionieren, hier weit unter Wert laufen. Es wäre ein Armutszeugnis, dieses Missverhältnis weiter achselzuckend hinzunehmen und mit einer rein produktions- und standortfixierten Förderung weiterzumachen. In der Anpassung des Filmförderungsgesetzes an die technischen und ökonomischen Bedingungen des digitalen Zeitalters sehen wir die Hauptaufgaben in der nun anstehenden Novellierung. Dies bedeutet erstens, die Unwucht in der Förderung zu Lasten von Vertrieb und Kino endlich zu beheben. Vor allem muss zweitens auch die etablierte und funktionierende Struktur der Medienchronologie gestärkt und drittens das Kino als kultureller Ort und Herzkammer des Kinofilms besser gefördert und geschützt werden!

Wir plädieren für einen ambitionierten Paradigmenwechsel verbunden mit einem holistischen Förderansatz. Ziele sollten sein:

  • die Erhöhung des nationalen Marktanteils auf mindestens 35 %,
  • die Erhöhung der Rückzahlquote in der Produktionsförderung auf 30 %,
  • die regelmäßige Teilnahme und Auszeichnungen deutscher Filme in den Wettbewerben der A-Festivals sowie ganz vorrangig
  • die Steigerung der jährlichen Kinoeintritte auf zwei Besuche je Einwohner

Allein, dass diese Ziele, mit denen wir uns noch lange nicht an die europäische Spitze setzen würden, vielen fast utopisch erscheinen mögen, zeigt, dass die Alarmglocken bei allen läuten müssen, die Filmförderung im Sinne der Sache zu betreiben.

medienpolitik.net: Monika Grütters hat in ihrer Rede am 7. Februar vor der Produzentenallianz im Zusammenhang mit der Filmförderung die Fragen gestellt: „Wo müssen wir umsteuern? Welche Strukturen und Verfahren gehören auf den Prüfstand?“ Wo sollte Ihrer Meinung nach „umgesteuert“ werden?

Bräuer: Generell sehen wir drei Anknüpfungspunkte: Das Grundproblem ist sicherlich, dass es an guten Ideen und wagemutigen Projekten fehlt. Es führt allerdings in die falsche Richtung, den Fördergremien hieran die Schuld zu geben. Ich habe keinen Zweifel, dass diese ihr Metier verstehen. Die Frage ist aber, warum keine besseren Bücher und nicht mehr marktfähige Projekte eingereicht werden. Innovative Ansätze, dies zu ändern, gibt es im In- und Ausland. Brauchen wir zum Beispiel erfahrene Kuratoren, die Filme von der Ideenentwicklung bis zur Herausbringung begleiten? Wäre es nicht sinnvoll, erfolgreiche Teams zu fördern? Oder sollten wir nicht eine Vielzahl an Ideen entwickeln und für die Besten dann geeignete Produzenten und Verleiher suchen bzw. pitchen lassen. Alles nur Ansätze. Ganz sicher wird es aber ohne eine hinreichende Ausstattung, ein gewisses Maß an unternehmerischem Risiko und die Chance auf Erlöse im kommerziellen Bereich nicht besser.

Zweiter Ansatzpunkt ist sicherlich die Herausbringung. Filme die keiner kennt, sieht keiner, streamt auch niemand, noch nicht einmal illegal. Ein Drittel der bundesweiten Fördermittel müssen in Marketingstrategien fließen. Bei Autoren- und Dokumentarfilmen zu gleichen Teilen für Verleih und lokales Marketing durch die Kinos.

Und drittens brauchen wir eine echte Arthousestrategie. Kulturell anspruchsvolle Qualitätsfilme laufen in Deutschland weit schwächer als in Frankreich, hier ist viel Potenzial. Für diese Filme ist der Start im Kino noch immer der bei weitem beste Weg für Sichtbarkeit und Erfolg. Die Stärkung der kulturellen Filmförderung des Bundes und das Zukunftsprogramm Kino sind wichtige Ansatzpunkte. Doch nur wenn beide verzahnt werden, nur wenn bei der Herstellung von der Idee bis zum Start im Kino gedacht wird, wird dies zu einem nachhaltigen Erfolg führen. Die Strategie muss sich auch auf Filmvermittlung in der Schule und die Sichtbarkeit von Kino- und Filmkultur im öffentlichen Raum insgesamt erstrecken.

„Filme die keiner kennt, sieht keiner, streamt auch niemand, noch nicht einmal illegal. Ein Drittel der bundesweiten Fördermittel müssen in Marketingstrategien fließen.“

medienpolitik.net: Inwieweit sollte die Kinoförderung im FFG verstärkt werden?

Bräuer: Die Kinoförderungen im Filmförderungsgesetz haben sich bewährt – dies zeigen ebenso das hohe Antragsvolumen und die Vielzahl erfolgreich abgeschlossener Maßnahmen in der Projektkinoförderung und der funktionierende Anreiz, mittels der Referenzkinoförderung viele deutsche und europäische Filme einzusetzen. Leider beobachten wir einen rasanten Verfall des Referenzpunktwertes in den letzten Jahren. Nachdem im Zukunftsprogramm Kino Anreize für Programmarbeit und Kuration fehlen, ist es wichtig, hier im FFG gegenzusteuern. Um die Programmarbeit und das lokale Marketing für deutsche und europäische Filme nachhaltig zu stärken, plädieren wir für eine Erhöhung des Anteils der Referenzkinoförderung am Gesamtbudget auf mindestens 7,5 Prozent. In der Kinoprojektförderung sollte der Zuschussanteil auf mindestens 50 Prozent erhöht werden. Gestärkt werden müssen hier auch filmvermittelnde Programme sowie die Unterstützung der Weiterbildung von Kinobetreiber*innen.

medienpolitik.net: Das Fördervolumen der FFA wird in den nächsten Jahren nicht wesentlich erhöhen werden. Wenn einiges stärker gefördert werden soll, wo sollten dann Abstriche gemacht werden?

Bräuer: Die erste Frage ist, ob die Abgabemaßstäbe in allen Gruppen richtig gesetzt und die Filmabgabe demgemäß erhoben wird. Hier gibt es angesichts der Milliardenumsätze im Streaming- und Fernsehmarkt sicherlich Potenzial. Zudem muss dringend für Transparenz gesorgt werden. Wenn die Meister der Datennutzung behaupten, sie könnten keine Daten hinsichtlich abgaberechtlicher Tatbestände bereitstellen, muss die FFA aktiv werden. Andernfalls muss auch die bürokratische Abgabenkontrolle bei den Kinos in der gegenwärtigen Form der Vergangenheit angehören. Ungeachtet dessen darf eine Fördermittelverlagerung unter Betrachtung der gesamten Filmförderung des Bundes kein Tabu sein.

medienpolitik.net: Sie wurden in Cannes zum Präsidenten des internationalen Arthouse-Verbandes CICAE gewählt. Was kann der CICAE in Europa bewirken?

Bräuer: In Zeiten des immer dominateren Auftretens der Milliardenkonzerne des Silicon Valley ist die Vernetzung der internationalen Arthousebranche wichtiger denn je. Jedes einzelne Kino, jedes Festival ist bezogen auf den globalen Markt für sich ohne Gestaltungsmöglichkeit. Doch gemeinsam sind sie eine bedeutende Kraft und mit ihrer in der lokalen Gemeinschaft verwurzelten, von Leidenschaft getriebenen Arbeit ein wichtiger Kulturort und filmwirtschaftlich ein Treiber für Autoren-, Dokumentar- und Nachwuchsfilme jenseits der des Hollywood-Mainstreams. Sie kämpfen für die Freiheit künstlerischen Schaffens und die Unabhängigkeit der Verbreitungsmedien und sehen sich als Partner der Filmschaffenden, die mit Talent, Feingefühl und Einsatz einen kritischen Blick auf die Welt werfen. In Europa gilt es, diese Expertise im MEDIA-Programm einzubringen und bei film-, medien-, kultur-, bildungs- und netzpolitischen Themen die Belange der unabhängigen Kinowirtschaft zu vertreten. Schon in den vergangenen Jahren war ich dazu mit der EU-Kommission, Mitgliedern des Europäischen Parlaments sowie unseren strategischen Partnern in Brüssel in Kontakt. Der neugewählte CICAE-Verwaltungsrat ist insgesamt deutlich internationaler, weiblicher und jünger besetzt. Ich bin zuversichtlich, mit diesem engagierten Team Impulse für die europäische Kino- und Filmvielfalt setzen zu können.

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