„DAB+ und IP werden UKW ablösen“

von am 03.07.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Medienordnung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„DAB+ und IP werden UKW ablösen“
Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios, Willi Schreiner, Geschäftsführer Neue Welle  

In Bundesländern, in denen private Hörfunkanbieter mit einer technologischen Förderung unterstützt werden, steigt der Anteil von DAB+-Programmen schneller

03.07.2019. Interview mit Stefan Raue, Intendant des Deutschlandradios und Vorsitzender des Vereins Digitalradio Deutschland e.V. und Willi Schreiner, Geschäftsführer Neue Welle sowie stellvertretender Vorsitzender  

Digitales Radio DAB+ hat im 1. Halbjahr 2019 seinen Aufwärtstrend fortsetzen können: Mit 75 Mio. weltweit verkauften DAB+ Empfängern (WorldDAB) und mehr als 1,4 Mio. verkauften DAB+ fähigen Endgeräten 2018 in Deutschland (HEMIX) konnte das Digitalradio seine Reichweite ausbauen. Auch immer mehr Privatsender zeigen Interesse an einer DAB+ Präsenz,wie auch die große Resonanz auf den letztjährigen Call for Interest der Landesanstalt für Medien NRW zeigt. Mehr Bewerber als zu vergebenden Plätze erwartet man auch in Schleswig-Holstein, Hamburg und dem Saarland. Die zuständigen Medienanstalten haben dort DAB+ Kapazitäten ausgeschrieben, die bei den Privatsendern mehrheitlich auf großes Interesse stoßen. Es gibt bereits rund 250 regional unterschiedlich empfangbare DAB+ Programme.Für den verbesserten Empfang der 13 Programme im Bundesmux hat der Netzdienstleister Media Broadcast die Inbetriebnahme 13 weiterer Senderstandorte angekündigt. Künftig werden es damit 137. Die drei Deutschlandradio Programme Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova sind künftig noch besser verfügbar. Die Gesamtabdeckung mit DAB+ Radioprorammen liegt inzwischen bei 98 Prozent der Fläche Deutschlands.

medienpolitik.net: Ende vergangenen Jahres hat die EU die Neufassung des European Electronic Communications Code (EECC) beschlossen. Diese neue Richtlinie sieht unter anderem vor, dass alle in der EU verkauften Autoradios künftig in der Lage sein müssen, digitales, terrestrisches Radio (DAB/DAB+) zu empfangen. Hat sich diese Entscheidung bereits auf die Verbreitung von DAB+ Empfängern ausgewirkt?

Raue: Wir gehen fest davon aus, dass die Zahl der verkauften DAB+ Geräte in den nächsten Jahren weiter steigt. Allerdings gilt die EU Richtlinie erst ab 2021. Eine nationale Umsetzung für stationäre Geräte in Haushalten ist derzeit durch Bund und Länder in Umsetzung. Zu Beginn dieses Jahres hatten rund 40 Prozent aller KFZ, die neu vom Band rollten, DAB+ an Bord. Zahlen zur Marktdurchdringung mit DAB+ Geräten in Haushalten werden einmal im Jahr, traditionell auf der IFA, vorgestellt. Wir wissen, dass im letzten Jahr 1,4 Millionen DAB+ Empfänger in Deutschland verkauft wurden. Im Bestand gibt es über 12 Millionen Geräte. Wir gehen weiter von einer Steigerung aus – das melden auch die aktuellen Übersichten der GFK.

medienpolitik.net: Wie ist der aktuelle Stand der Verbreitung von DAB+ -fähigen Empfängern in Deutschland?

Schreiner: Die neuesten Zahlen gibt es auf der IFA im September. Der Stand ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich – die Zahlen werden inzwischen höher sein, weil die letzte Erhebung im September 2018 vorgelegt wurde. Damals standen in Bayern in 22,3 Prozent der Haushalte mindestens ein DAB+ Gerät, heute werden es vermutlich weit über 30 Prozent sein, was die anstehende Funkanalyse Bayern genauer darstellen wird; der deutsche Durchschnitt lag 2018 bei 17 Prozent.

medienpolitik.net: Landesmedienanstalten vergeben inzwischen Lizenzen für UKW-Frequenzen bis 2029. Werden wir mit UKW auch noch in das 3. Jahrzehnt dieses Jahrtausends gehen?

Schreiner: DAB+ und IP werden UKW ablösen, dies ist absehbar und vermutlich werden deshalb Anbieter, die auch eine längere UKW-Lizenz besitzen, früher abschalten, wenn sich dies wirtschaftlich ergibt. Das beste Beispiel ist hier Klassik Radio, sie haben bereits vor zwei Jahren Frequenzen in Thüringen und in Hessen zurückgeben. Die Sender auf dem ersten Bundesmux streben eine sehr gute Versorgung mit Programmen an. Bereits auf 98 Prozent der Fläche Deutschlands ist DAB+ verfügbar, die Autobahnen sind ebenfalls fast voll versorgt. Es gibt schon rund 250 regional unterschiedlich empfangbare digitale Programmangebote (2016: 100). DAB+ beendet die Frequenzknappheit von UKW zugunsten mehr Vielfalt. Kurzum: Die Nutzungszahlen beim UKW-Hörfunk sinken seit Jahren. Immer mehr Hörerinnen und Hörer empfangen die Deutschlandradio-Programme oder Privatsender digital.

medienpolitik.net: Antenne Deutschland will noch in diesem Jahr den zweiten DAB+ -Bundesmux starten. Was wird er an Programmen bringen?

Schreiner: Aufgrund des laufenden Gerichtsverfahrens sind konkrete Angaben derzeit schwierig. Es ist noch die Urteilsbegründung aus Leipzig abzuwarten, die für Juli nun avisiert wurde.

medienpolitik.net: Wo wird der zweite Bundesmux zu hören sein?

Schreiner: Der Start eines zweiten Bundesmuxes wird, wie beim ersten, in Stufen stattfinden. Man startet mit den Ballungsräumen und Autobahnen und wird dann den sukzessiven Ausbau je nach wirtschaftlichen Möglichkeiten und technischen Gegebenheiten vorantreiben.

medienpolitik.net: Deutschlandradio und die ARD hatten angesichts des UKW-Streits den Ausbau ihrer DAB+-Netze gestoppt. Wie stark investiert der öffentlich-rechtliche Rundfunk 2019 in DAB+?

Raue: Der Netzausbau geht weiter, das sieht man an den vielen regionalen Aufschaltungen der ARD, wie auch beim Deutschlandradio. Für den verbesserten Empfang der 13 Programme im Bundesmux hat der Netzdienstleister Media Broadcast 2019 die Inbetriebnahme 13 weiterer Senderstandorte angekündigt. Künftig werden es damit 137. Die drei Deutschlandradio Programme Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova sind künftig noch besser verfügbar. Die Gesamtabdeckung mit DAB+ Radioprogrammen liegt inzwischen bei 98 Prozent der Fläche Deutschlands.

medienpolitik.net: In wie weit haben die privaten Radios ihre „Zurückhaltung“ aufgegeben und starten Angebote über DAB+?

Schreiner: Es ist heute schon Tatsache, dass in Berlin, in Bayern oder auch in Frankfurt mehr DAB+ Programme als UKW-Programme empfangbar sind. Immer mehr Privatsender machen ihre Radiomarke mit DAB+ zukunftsfest. Der Markenaufbau im Digitalen ist nicht mehr Option, sondern wird als strategisch sinnvoll gesehen, wie auch die große Resonanz auf den letztjährigen Call for Interest der Landesanstalt für Medien NRW zeigt. Mehr Bewerber als zu vergebenden Plätze erwartet man auch in Schleswig-Holstein, Hamburg und dem Saarland. Die zuständigen Medienanstalten haben dort DAB+ Kapazitäten ausgeschrieben, die bei den Privatsendern mehrheitlich auf großes Interesse stoßen. Zuletzt hat die Thüringer Landesmedienanstalt über eine Ausschreibung von Frequenzen beraten. Ein großes DAB+ Angebot gibt es aktuell in Bayern. Pro Region sind drei oder vier Multiplexe zu hören. 2020 werden alle UKW-Lokalradios simulcast über DAB+ zu hören sein. In Erlangen gibt es darüber hinaus einen lokalen Multiplex des Fraunhofer-Instituts sowie in München Test-Multiplexe des Instituts für Rundfunktechnik (IRT).

„Wo Förderszenarien die technologische Migration für private Anbieter im Sinne einer Anschubfinanzierung unterstützen, steht der digitalen Vielfalt nichts mehr im Weg.“

medienpolitik.net: Was bremst – außer den noch immer geringen Angeboten der privaten Sender – eine schnellere DAB+-Nutzung in Deutschland?

Schreiner: Die Angebote der privaten Sender sind nicht so gering, wie die Frage dies vorgibt. Ganz im Gegenteil, manche landesweiten Sender bieten sogar Zusatzprogramme, wie beispielsweise die Rock Antenne in Hessen und in Bayern an. Wir sehen, dass in Bundesländern, in denen Privatsender, öffentlich-rechtliche Anbieter sowie Politik und Wirtschaft DAB+ gemeinsam und aktiv fördern, die Programmauswahl und damit die Angebotsvielfalt wächst. Wo Förderszenarien die technologische Migration vor allem auch für private Anbieter im Sinne einer Anschubfinanzierung unterstützen, steht der digitalen Vielfalt über den Äther nichts mehr im Weg. Es gibt aber auch Bundesländer, in denen landesweite Sender und Unternehmungen unter allen Umständen am traditionellen UKW Geschäftsmodell der 1980er Jahre festhalten und eine Markensicherung im Digitalen noch nicht einmal im Ansatz besteht. Außerdem ist feststellbar, dass manche private Sender keine Spots und keine Werbehinweise für ihre Ausstrahlung auf DAB+ unternehmen, was unverständlich ist. Es gibt private Sender, auf deren Homepage kein Hinweis vorhanden ist, dass ihr Programm über DAB+ zu hören ist.

medienpolitik.net: Wie entwickelt sich DAB+ in Europa?

Raue: Als Radiostandard für ganz Europa ist DAB+ international fest etabliert. Das zeigen auch eine Reihe regulatorischer Maßnahmen: Auf gesamteuropäischer Ebene sieht die von der EU verabschiedete EECC-Richtlinie vor, dass alle neuen Autoradios ab 2021 digital-terrestrisches Radio empfangen müssen. In Italien greift eine nationale Digitalradiopflicht für Autos bereits Anfang 2020, in Frankreich müssen ab Juni 2020 alle Neuwagen digital-terrestrischen Radioempfang ermöglichen. DAB+ ist in der deutlichen Mehrheit der europäischen Staaten anerkannt. Dies zeigt sich an dem immer schnelleren Ausbau der Netze. Mit einer Tagesreichweite von 76 Prozent und 183 gehörten Minuten ist Radio auch in der Alpenrepublik das beliebteste Massenmedium, mit steigender Tendenz. Seit 28. Mai senden in Österreich neun private Anbieter mit neuen Programmen österreichweit über DAB+. Die Versorgung wird in Wien, Linz, Graz und Bregenz beginnen und schrittweise auf alle Landeshauptstädte samt Umland ausgebaut. Allein in Wien ist der Anteil der täglichen Radiohörer binnen Jahresfrist (von 2016 auf 2017) um drei Prozent gestiegen.Nachdem das bisher in Frankreich ausgebaute DAB+ Netz mehr als 21 Prozent der Bevölkerung erreicht, trat eine so genannte DAB+ Vermarktungspflicht in Kraft. Das heißt, es dürfen nur noch Radios zum Verkauf angeboten werden, die auch DAB+ empfangen.Im Vereinigten Königreich sorgen steigende Hörerzahlen und Rekordwerte beim digitalen Hören für eine höhere Bekanntheit von DAB+. Deutlich mehr als die Hälfte des Radiokonsums in Großbritannien ist digital: Mit einem Anteil von fast 57 Prozent (nach gut 50 Prozent im ersten Quartal 2018) ist eine neue Bestmarke erreicht, wie die jüngste Umfrage des Marktforschungsinstituts RAJAR ergab. Knapp 72 Prozent des digitalen Hörens entfallen auf das terrestrische DAB+.In Südtirol steht die Umstellung auf den digitalen Radiostandard DAB+ kurz vor dem Abschluss. 92 Digitalradio-Standorte versorgen inzwischen fast 100 Prozent der Bevölkerung Südtirols mit 22 Hörfunkprogrammen. Parallel dazu kündigt die Rundfunkanstalt Südtirol die Abschaltung weiterer UKW Sendeanlagen an. Zum Januar 2018 hat Norwegen als erstes Land weltweit den Umstieg von UKW auf DAB+ abgeschlossen und nationale und regionale Ketten vollständig auf den digitalen Rundfunkstandard umgestellt. Die Anzahl der landesweit frei empfangbaren Programme wuchs von fünf auf 32. Wie eine Studie (WorldDAB) belegt, wird die digitale Programmvielfalt von Hörerinnen und Hörern gut angenommen. Die täglichen Reichweiten und der Radiokonsum insgesamt entsprechen dem Niveau von 2016. 2018 wurden in der Schweiz knapp 600.000 DAB+ Radios verkauft. Die hohe Marktdurchdringung von DAB+ in der Schweiz hatte zur Folge, dass jedes zweite DAB+ Gerät ein Autoradio war. Damit sind seit 2006 insgesamt 4,16 Millionen DAB+ Geräte verkauft worden. Gemäß einer Erhebung des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM) ist der Anteil der Neufahrzeuge, die standardmäßig über DAB+ Empfang verfügen, 2018 noch einmal stark angestiegen und liegt nun bei 91 Prozent, gegenüber 85 Prozent im Vorjahr.

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