„Die Zeitungen machen bei heimatnahen Informationen einen prima Job“

von am 31.07.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Journalismus, Verlage

„Die Zeitungen machen bei heimatnahen Informationen einen prima Job“
Dietmar Wolff, BDZV-Hauptgeschäftsführer

Tageszeitungen sind das glaubwürdigste Medium bei regionalen und lokalen Themen

31.07.2019. Interview mit Dietmar Wolff, BDZV-Hauptgeschäftsführer

Für knapp zwei Drittel der Menschen gehört es zum Alltag, sich regelmäßig über das Geschehen vor Ort auf dem Laufenden zu halten. Das mit Abstand wichtigste Medium hierfür sind die Zeitungen: 61 Prozent nutzen die regionalen Tageszeitungen gedruckt und digital, um sich über die Ereignisse daheim oder in der näheren Umgebung zu informieren. Die Zeitungen rangieren damit sogar vor persönlichen Gesprächen (49 Prozent) und anderen Internetangeboten (53 Prozent), kostenlosen Anzeigenblättern (51 Prozent), Radio (37 Prozent), Amts- und Gemeindeblättern (31 Prozent) sowie Regionalfernsehen (30 Prozent).Das sind Ergebnisse einer aktuellen Studie, die die Zeitungsmarktforschung Gesellschaft (ZMG) im Auftrag des BDZV durchgeführt hat. Für neun von zehn Deutschen ist „Heimat“ eine wichtige Kategorie. Sie definieren sie in erster Linie emotional: „Meine Heimat ist dort, wo ich mich wohlfühle“, sagen 91 Prozent. „Ein Ort, den ich in meinem Herzen trage“ (82 Prozent), „wo die Menschen sind, die ich liebe“ und „wo ich das Gefühl habe, dazuzugehören“ (jeweils 81 Prozent). Für Dietmar Wolff, BDZV-Hauptgeschäftsführer ist die „Heimat“-Berichterstattung „nicht ein kurzfristiges Trendthema, dem die Zeitungen aufsitzen, sondern sie erfüllen damit eine wichtige gesellschaftliche Funktion und öffentliche Aufgabe.“

medienpolitik.net: Herr Wolff, immer mehr Regionalzeitungen setzen auf „Heimat“. Ist das nicht nur Taktik, weil das Bekenntnis zur Heimat gegenwärtig en vogue ist?

Wolff: Lokale und regionale Zeitungen wurden immer schon als „Heimat-Zeitungen“ empfunden. Deswegen ist es keine Taktik, sondern logische Folge, wenn die Zeitungen heute das Thema „Heimat“ betonen. Einer aktuellen Studie der Zeitungs Marktforschung Gesellschaft zufolge fühlen sich 89 Prozent der Menschen sehr stark, stark oder zumindest teilweise mit ihrem Wohnort verbunden. Das bringt mit sich, dass es auch ein Bedürfnis der Menschen nach Informationen über diese regionale Heimat gibt. Es interessiert die Menschen, was in ihrer Wohnumgebung vor sich geht; das Wissen darüber ist ein wichtiger Faktor zur gesellschaftlichen Integration vor Ort und stärkt das Gefühl der Verbundenheit. Vor allem regionale Tageszeitungen erfüllen dieses Bedürfnis seriös und umfassend. Es handelt sich also nicht um ein kurzfristiges Trendthema, dem die Zeitungen aufsitzen, sondern sie erfüllen damit eine wichtige gesellschaftliche Funktion und öffentliche Aufgabe. Auch deshalb haben wir „Die Zeitungen – ein Stück Heimat“ als Thema unseres diesjährigen Anzeigenwettbewerbs für junge Kreative gewählt. Da gibt es ganz großartige Einreichungen, die Sie nach der Preisverleihung Anfang November auch als Anzeige in verschiedenen Zeitungen und digital zu sehen bekommen werden.


medienpolitik.net: 61 Prozent nutzen die regionalen Tageszeitungen gedruckt und digital, um sich über die Ereignisse daheim oder in der näheren Umgebung zu informieren. Welche Bedeutung haben dabei inzwischen die nicht-gedruckten Informationen?

Wolff: Die Bedeutung wächst kontinuierlich. Lassen wir die Zahlen sprechen: Unsere Medienhäuser veröffentlichen 24/7 mehr als 600 digitale Nachrichtenangebote und verbreiten täglich gut 300 gedruckte Lokal- und Regionalzeitungen. 45 Prozent der Bürger informieren sich in der gedruckten Regionalzeitung über das Geschehen an ihrem Wohnort, 56 Prozent der Befragten geben digitale Angebote der regionalen Tageszeitungen, z.B. Online-Seiten, Apps als Informationsquelle für lokale Informationen an. Der Gesamtwert von 61 Prozent für die Tageszeitungen gedruckt und digital ist der reine Nettowert für die regionalen Tageszeitungen, das heißt, Doppelnutzer, die sowohl die Print- als auch die Onlineangebote der Tageszeitungen nutzen, sind herausgerechnet und fließen nur einmal ein.

medienpolitik.net: Für die Studie wurden Menschen ab 14 Jahren befragt. Wie fällt die Nutzung der Tageszeitungen für regionale Information bei den Unter-35-Jährigen aus?

Wolff: Von den 14- bis 29-Jährigen geben 55 Prozent die regionale Tageszeitung (gedruckt und digital) als Informationsquelle für Lokales an, 62 Prozent der 30- bis 49-Jährigen nutzen sie hierfür ebenso wie 63 Prozent der über 50-Jährigen. Einen weiteren interessanten Wert hält auch die vor kurzem veröffentlichte ma (Media-Analyse) bereit. Danach nutzen 80,5 Prozent der unter 30-Jährigen mindestens einmal im Monat ein digitales Zeitungsangebot, knapp 29 Prozent lesen ihre Tageszeitung auf Papier – dagegen ist für zwei Drittel der Leserinnen und Leser über 50 Jahre (68,7 Prozent) die Printlektüre nach wie vor der Favorit.

„Von den 14- bis 29-Jährigen geben 55 Prozent die regionale Tageszeitung (gedruckt und digital) als Informationsquelle für Lokales an“

medienpolitik.net: Die Zeitungen bemühen sich verstärkt darum, dass die Leser für digitale Informationen bezahlen. Ist es – im Gegensatz zu überregionalen Informationen – bei regionalen und lokalen Informationen leichter, digitale Pay-Modelle durchzusetzen?

Wolff: Das kann man so pauschal nicht sagen. Regional- und Lokalverlage haben grundsätzlich gute Voraussetzungen, digitale Bezahlmodelle durchzusetzen. Investigative Recherchen, Leitartikel und Kommentare zu regionalen und lokalen Themen, die anderswo im Netz so nicht erhältlich sind, sind ein Alleinstellungsmerkmal. Je austauschbarer ein Informationsangebot im Netz ist, umso größer ist die Gefahr, dass sich Leser Informationen bei der „kostenlosen“ Konkurrenz holen. Wir sehen auch, dass vor allem Regionalzeitungsverlage auf breiter Front seit 2012 begonnen haben, Bezahlangebote im Netz zu etablieren. Die überregionalen Zeitungen (Ausnahme Welt 2012 und Bild 2013) folgten erst mit zeitlichem Abstand (Handelsblatt 2014, Süddeutsche 2015, FAZ 2016, Zeit 2017). Ob ein digitales Bezahlangebot eines Verlags von den Nutzern akzeptiert wird, ist aber letztendlich von verschiedenen Faktoren abhängig. Hier spielen auch Aspekte wie die Menge einzigartiger Qualitätsinhalte, die Aktualisierungsfrequenz, einfache Bezahlprozesse, Convenience oder das Konkurrenzverhältnis eine wichtige Rolle. Die Gesamtbereitschaft der Leser, für Journalismus im Netz zu bezahlen, wächst in dem Maß, wie sich flächendeckende digitale Bezahlmodelle etablieren. Je mehr Verlage darauf setzen, desto mehr profitiert die gesamte Branche. Inzwischen haben 228 Zeitungstitel Bezahlangebote im Netz gestartet. Die Zahl hat sich seit 2014 mehr als verdoppelt.

medienpolitik.net: Viele Zeitungen bemühen sich, durch Diversifizierung neue Lesergruppen zu erreichen. Ergeben sich hier auch Chancen für regionale und lokale Angebote?

Wolff: Natürlich. Wenn Sie zum Beispiel wie die „Ruhr-Nachrichten“ oder der „Weser-Kurier“ besondere Angebote rund um die Fußballvereine der Ersten Liga machen, hoffen Sie darauf, vorhandene Leser zu binden und neue zu gewinnen. Ähnlich arbeitet die „Mittelbayerische Zeitung“ mit der Präsentation der örtlichen Sportvereine im Lokal-TV. Gesundheits-Magazine und lokale Wirtschaftszeitungen gehören in diese Reihe, lokale Messen und Veranstaltungen, aber auch ganz andere Angebote, die erst einmal sehr wenig mit dem Publikum vor Ort zu tun haben und sehr viel mit einem interessanten Markt: Wer hätte gedacht, dass die „Neue Osnabrücker Zeitung“ mit e-horses oder jetzt auch Madsack mit pferde.de erfolgreich Auktionsplattformen für Pferde betreiben?  

medienpolitik.net: Das Vorhandensein von regionalen Informationsangeboten, in erster Linie der Tageszeitung, ist laut der Studie für die meisten Menschen ein wichtiges Element von Lebensqualität. Welche Verantwortung ergibt sich daraus für die Tageszeitungsredaktionen und Verlage?

Wolff: Ein verlässliches lokales Informationsangebot wie das der regionalen Tageszeitungen ist zum einen für das subjektive Empfinden von Lebensqualität ein wichtiges Element. Gleichzeitig ist es aber auch eine unverzichtbare gesellschaftliche Notwendigkeit und Grundlage für politische Meinungsbildung, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Demokratie. Lokale und regionale Tageszeitungen sind das Medium, dem die größte regionale Kompetenz attestiert wird, für 64 Prozent sind sie unverzichtbar für Informationen über das Geschehen vor Ort. Außerdem zeigt uns die Studie: Fast drei Viertel derjenigen, die sich immer oder häufig über das lokale Geschehen informieren, nutzen dafür die regionalen Zeitungsangebote in Print und Online. 69 Prozent derjenigen, sie sich sehr gut oder gut über das lokale Geschehen informiert fühlen, sind Zeitungsleser. Die Zeitungen machen in Sachen wohnortnaher Information also einen prima Job.

medienpolitik.net: Es gibt seit zwei bis drei Jahren eine breite Debatte zur Glaubwürdigkeit der klassischen Medien und zum Vertrauen in deren Informationen. Ist die Studie ein Beleg dafür, dass regionale Medien „automatisch“ glaubwürdiger sind, weil sie dichter am Alltag der Menschen sind?

Wolff: Nach meinem Eindruck nimmt das Vertrauen in die traditionellen Medien, das in Deutschland übrigens immer merklich höher war als im europäischen Schnitt, schon wieder messbar zu. Gleichwohl lassen sich Begriffe wie die angebliche „Lügenpresse“ von Populisten und Agitatoren jeder Couleur natürlich weiterhin instrumentalisieren. Die schiere Fülle von Nachrichten und Informationen, die heute auf Leserinnen und Leser über alle Kanäle rund um die Uhr einstürzt, kann zu Überforderung, Misstrauen, Ablehnung führen. Bei lokalen und regionalen Medien sehe ich da den Vorzug der schnellen und häufig auch einfachen Überprüfbarkeit. Auch deshalb ist die Zeitung für 35 Prozent der Bürger das glaubwürdigste Medium bei lokalen und regionalen Themen. Mit deutlichem Abstand folgen öffentlich-rechtliches Fernsehen, öffentlich-rechtlicher Hörfunk und Internet mit jeweils 12 Prozent. Die aktuelle Studie ist also nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Zeitungen dank ihrer verlässlichen und glaubwürdigen Berichterstattung großes Vertrauen genießen.

„Nach meinem Eindruck nimmt das Vertrauen in die traditionellen Medien, das in Deutschland übrigens immer merklich höher war als im europäischen Schnitt, wieder messbar zu.“

medienpolitik.net: Laut neuestem MedienVielfaltsMonitor der Medienanstalten bleibt hinsichtlich des ermittelten Meinungsbildungsgewichts für lokale und regionale Themen die Tageszeitung mit 32,1 Prozent einflussreichste Mediengattung, vor Internet, Radio und Fernsehen. Welche Relevanz hat das für unsere gesellschaftliche Entwicklung?

Wolff: Gerne zitiere ich die 2010 gestorbene Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, die einmal sagte: „Nur eine Gesellschaft, die liest, ist eine Gesellschaft, die denkt.“ Angewandt auf unseren Fall heißt das: Nur eine Gesellschaft, die Zeitung liest, ist eine Gesellschaft, die denkt!

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