„Mehr Förderbudgets für die Vermarktung in neuen Medien“

von am 04.07.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Internet, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Mehr Förderbudgets für die Vermarktung in neuen Medien“

Kinderfilme müssen noch früher und besser vermarktet werden

04.07.2019. Interview mit Nicola Jones, Geschäftsführerin / Festivalleiterin GOLDENER SPATZ

Ende Juni trafen sich in Weimar über 80 Experten fpr Kindermedien zum 3. KIDS Regio Forum. Zu den Kernthemen der Konferenz gehörten die Verbreitung sowie der Zugang zu europäischen Kinderfilmen über seine Landesgrenzen hinaus, die Vermarktung der Werke sowie eine positive Imagebildung des Kinderfilms als Kulturgut mit wesentlicher gesellschaftlicher Relevanz. Den Organisatoren der europäischen Lobby-Initiative KIDS Regio ist es ein besonderes Anliegen, die aktuelle Situation des Kinderfilms durch ein enges europäisches Netzwerk zu verbessern. Kurz zuvor erlebt eines der wichtigsten deutschen Kinder Medien Festivals, der GOLDENE SPATZ, sein 40-jähriges Jubiläum. Auch hier wurden aktuelle Herausforderungen und neue Entwicklungen bei Kindermedien diskutiert. Nicola Jones, Geschäftsführerin des GOLDENEN SPATZ würde sich beim deutschen Kinderfilm noch größere Themenvielfalt z.B. einen historischen oder auch mal einen sperrigeren Stoff wünschen und mehr Mut von den Filmemachern, Fragen aufzuwerfen und Widersprüche zu verdeutlichen. „Die Vermarktung von Filmen – insbesondere von originären Kinderfilmen“ so Jones in einem medienpolitik.net-Interview, „benötigt zusätzliche Unterstützung und sollte im Idealfall bereits mit der Entwicklung beginnen.“

medienpolitik.net: Den GOLDENEN SPATZ 2019 erhielt der Film „TKKG“, der auf Büchern und Hörspielen aus den 80iger Jahren aufbaut. Als bester Deutscher Kinderfilm wurde in diesem Jahr „Rocca verändert die Welt“ ausgezeichnet. Nostalgisches Detektivspiel auf der einen Seite, Kinder die die Welt verändern wollen, auf der anderen Seite. Was ist gegenwärtig typischer für den deutschen TV und Kino-Kinderfilm?

Jones: Ich glaube, man kann nicht unbedingt pauschalisieren was typischer ist. Die Bandbreite der diesjährigen Einreichungen in der Kategorie Langfilm war erfreulich groß. Neben den bekannten Marken- und Literaturverfilmungen gibt es deutlich mehr originäre Stoffe. So entsteht eine Vielfalt im Bereich des Kinderfilms, die sich auch im Wettbewerb widergespiegelt hat. Es gab nicht nur Kinderfilme aus dem Action- und Abenteuergenre, sondern auch realitätsnahe Geschichten und märchenhaft fantastische Inhalte. Thematisch verbindet viele Filme die Fähigkeit der Protagonist*innen über sich hinaus zu wachsen, Gegebenes nicht einfach hinzunehmen und sich Gehör zu verschaffen – dies ist sowohl bei den TKKG-Detektiven, als auch bei Rocca der Fall. Es ist zu begrüßen, wenn sich der Trend zu mehr Vielfalt im deutschen Kinderfilm langfristig fortsetzt und sich künftig auch noch mehr komplexe, tiefgründige oder auch historische Stoffe unter den Einreichungen befinden.

medienpolitik.net: Reflektieren die Kinderfilme schon etwas von der Gedankenwelt und Hoffnung der Schülerin Greta Thunberg?

Jones: Es gibt durchaus Filme, die das Thema Nachhaltigkeit behandeln. Der Film „Checker Tobi und das Geheimnis unseres Planeten“, der in der diesjährigen Kinderfilm-Reihe gezeigt wurde, ist ein Beispiel dafür. Es wäre sicherlich erstrebenswert mehr Kinderfilme zu sehen, die diese Problematik aufgreifen, auch weil das junge Publikum sich sehr mit Umwelt- und Klimaschutz beschäftigt. Das Filmgespräch mit dem „Checker Tobi“-Protagonisten Tobias Krell hat deutlich gezeigt, wie wissbegierig und interessiert die Kinder an diesem Thema sind. Greta Thunberg steht aber darüber hinaus dafür, dass die junge Generation selbst Verantwortung für zukunftsweisende Veränderungen übernimmt und die Erwachsenen herausfordert. Kinderfilme können hierzu Impulse geben und Kindern deutlich machen, dass sie etwas bewegen und Dinge verändern können. In unserem Festival befanden sich verschiedene Produktionen, die Kindern auch außerhalb ihrer eigenen Lebenswelt Anstöße geben, sowie Mut machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

medienpolitik.net: Wie politisch ist der GOLDENE SPATZ in allen seinen Facetten?

Jones: Der GOLDENE SPATZ ist zunächst eine Plattform für die Diskussion und die Auseinandersetzung über die Qualität von Kindermedien. Beim Festival trifft sich seit jeher die Branche regelmäßig zum Austausch. Dieser wird durch die verschiedenen Fachveranstaltungen und Paneldiskussionen angeregt. In diesem Jahr ging es unter anderem um Medienvielfalt für Vorschulkinder oder Marketingstrategien für originäre Kinderfilme. Dabei werden auch filmpolitische Debatten angestoßen. Darüber hinaus regen natürlich auch die einzelnen Filme und Beiträge im Festival dazu an, über gesellschaftlich relevante Themen nachzudenken und diese kritisch zu hinterfragen. Unter anderen kommen Themen wie Klimaschutz, Ausgrenzung, Chancengleichheit, Leben in der digitalen Welt oder Inklusion zur Sprache und regen zur Auseinandersetzung an. Ich glaube, dass Kinder durch Filme befähigt werden können, Einstellungen und Handeln von sich und anderen zu hinterfragen. Gerade im Kontext des Festivals bieten sich Räume zu intensiveren Gesprächen und Diskussionen und insofern ist das Festival an dieser Stelle politisch, auch wenn es von Erwachsenen vielleicht nicht immer so wahr oder ernst genommen wird.

medienpolitik.net: In diesem Jahr wurden 40 Jahre GOLDENER SPATZ begangen. Welche Rolle spielt dieses Festival für die deutschen Kindermedien?

Jones: Der GOLDENE SPATZ ist das größte deutschsprachige Kindermedienfestival und bereits von Beginn an eine Plattform für Diskurse sowie ein Branchentreffpunkt – und das seit 40 Jahren. Anfangs diskutierten vor allem die Spielfilmschaffenden der DEFA mit den Fernsehschaffenden oft leidenschaftlich über Produktionsbedingungen, Stoffe und künstlerische Fragen. Heute ist das Festival ein Treffpunkt aller Medienschaffenden geworden, um sich einen Überblick über die produzierten Beiträge zu verschaffen sowie über die Qualität von Kindermedien zu debattieren und dadurch Impulse für Veränderung zu setzen. Auch die Rolle, die dabei den Kindern zugeschrieben wird, ist einzigartig in Deutschland. Dass allein eine Kinderjury über die Preisträger bestimmt und der Zielgruppe damit eine Stimme gegeben wird, ist das Alleinstellungsmerkmal des GOLDENEN SPATZ. Die Kinder ernst zu nehmen und auf ihre Fragen und Ideen einzugehen, ist essentiell, um die Kindermedienlandschaft nachhaltig auch nach den Vorstellungen der Zielgruppe zu gestalten und so nicht nur während des Festivals über die Qualität zu debattieren, sondern im Nachgang auch tatsächlich zu verändern.

medienpolitik.net: Der Film „Invisible Sue“ erlebte zum Auftakt des Festivals seine Deutschlandpremiere. Er ist im Rahmen der Initiative „Der besondere Kinderfilm“ entstanden. Diese Initiative wurde 2013 gestartet. Was hat sie bewirkt?

Jones: „Der besondere Kinderfilm“ wurde ins Leben gerufen, um mehr originäre Filmstoffe zu fördern und so dem Kinderfilm in Deutschland wieder mehr Vielfalt, Präsenz und ein stärkeres Gewicht zu verleihen. Seit der Gründung der Initiative 2013 sind bereits vier originäre Kinderfilme in den Kinos gestartet, unter anderem der vielfach prämierte Film „Auf Augenhöhe“ oder „Unheimlich perfekte Freunde“. Der Superheldinnen Film „Invisible Sue“ kommt im Herbst in die Kinos. Außerdem befinden sich ein Film im Dreh, ein weiterer in der Vorproduktion und zwei Stoffe in der Projektentwicklung. Damit ist die deutsche Kinderfilmlandschaft auf jeden Fall vielfältiger geworden. Darüber hinaus hat „Der besondere Kinderfilm“ insgesamt dazu geführt, dass originäre Stoffe auch außerhalb der Initiative mehr Gewicht bekommen und finanziert werden, auch wenn dies weiterhin eine Herausforderung bleibt. In diesem Jahr waren unter den Einreichungen für das Festival deutlich mehr originäre Stoffe – eine Entwicklung, die sich hoffentlich fortsetzt. Dennoch bleibt auch die Vermarktung dieser Filme eine Herausforderung. Das besondere an der Initiative, die mittlerweile aus 26 Partnern besteht, ist aber, dass sie prozessorientiert arbeitet und sich diesen Herausforderungen stellt. Sender, Förderer, Filmwirtschaft, Politik und alle weiteren Partner arbeiten Hand in Hand, um eine kontinuierliche Entwicklung bei der Produktion und Vermarktung dieser Kinderfilme zu ermöglichen. Das allein finde ich bemerkenswert.

Die Vermarktung von Filmen – insbesondere von originären Kinderfilmen– benötigt zusätzliche Unterstützung und sollte im Idealfall bereits mit der Entwicklung beginnen.“

medienpolitik.net: Was vermissen Sie beim deutschen Kinderfilm, um mit dem Resultat ganz zufrieden zu sein?

Jones: Ich würde mir eine noch größere Themenvielfalt z.B. einen historischen oder auch mal einen sperrigeren Stoff wünschen und mehr Mut von den Filmemacher*innen dazu, Fragen aufzuwerfen und Widersprüche zu verdeutlichen. Es gibt eben nicht auf alles immer eine perfekte Antwort und ich glaube fest daran, dass Kinder diese Nuancen im Film verstehen und als bereichernd empfinden. Auch was die Vielfalt in Bezug auf Rollenbilder, künstlerische Handschriften oder die Darstellung von Lebenswelten betrifft, ist noch Luft nach oben.

medienpolitik.net: Gegenwärtig wird über die deutsche Filmförderung und die Novellierung des FFG diskutiert. Welche Veränderungen, in Bezug auf deutsche Kinderfilme, würden Sie sich wünschen?

Jones: Einige Dinge, die ich mir wünschen würde, haben unsere Kolleg*innen vom „Förderverein Deutscher Kinderfilm“, mit denen wir eng zusammenarbeiten, in ihrer Stellungnahme zur Novellierung des Filmfördergesetzes zusammengefasst. Zum einen ist die Würdigung des wirtschaftlichen und kulturellen Erfolges der deutschen Kinderfilmproduktion eine berechtigte und notwendige Forderung. Dazu gehört auch ein Sitz im Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt, um die Interessen im Bereich des Kinderfilms filmpolitisch vertreten zu können. Auch die Vermarktung von Filmen – insbesondere von originären Kinderfilmen– benötigt zusätzliche Unterstützung und sollte im Idealfall bereits mit der Entwicklung beginnen. Dafür müssen Förderbudgets bereitgestellt werden, die für neue Marketingstrategien im Onlinebereich sowie auf lokaler Ebene eingesetzt werden können. Es sollte ebenfalls weitere Incentivierungen für Kinos geben, die ein qualitativ hochwertiges Programm für die junge Zielgruppe anbieten und darauf einen besonderen Fokus legen.

medienpolitik.net: Der „Goldene Spatz“ bezeichnet sich als Kinder-Medien-Festival. Welche Rolle spielen die „anderen“ Medien, neben Kino und Fernsehen?

Jones: Der GOLDENE SPATZ hat als Kindermedienfestival natürlich nicht nur Filme und Fernsehbeiträge im Blick, sondern beschäftigt sich auch intensiv mit den Neuen Medien. Diese spielen im Alltag von Kindern eine immer wichtigere Rolle und bilden deshalb auch einen Bestandteil des Festivals. So wird in unserem medienpädagogischen Programm ein starker Fokus auf digitale Medien gelegt. Den Schüler*innen sowie Lehrer*innen werden diese näher gebracht und sie lernen, wie sie damit umgehen und von ihnen profitieren können. Eine für uns wichtige Neuerung lag in diesem Jahr im Bereich des Online-Wettbewerbs. Dieser heißt nun Wettbewerb Digital und umfasst neben klassischen Websiten und Apps auch Games, Virtual-Reality –Anwendungen, Multiplattform-Content-Projekte und andere kreative, digitale Technologien. Um den digitalen Wettbewerb dem Publikum zugänglich zu machen und die Arbeit der Digitaljury zu verdeutlichen, wurden die nominierten Angebote öffentlich präsentiert und konnten von allen Besucher*innen des Festivals selbst unter die Lupe genommen werden. Als Festival entwickeln wir uns hier stetig weiter und verfolgen dabei die aktuellen Entwicklungen sehr genau.

medienpolitik.net: Nach der Kindermedienstudie von 2018 ist für 41 Prozent der Kinder ein Handy oder Smartphone Wunschobjekt Nr. 1, 35 Prozent der 13-Jährigen greifen mindestens mehrmals pro Woche auf YouTube, Vimeo oder andere kostenlose Videodienste zurück. Wie stark beeinflusst diese Entwicklung das Festival?

Jones: Natürlich beobachten wir diesen Trend und überlegen, was diese Entwicklungen für das Festival bedeuten. In erster Linie wollen wir jedoch Kinder für das Kino begeistern und Kino sowohl als kulturellen Raum als auch als Lernort stärken. Auch wenn die Ausspielung von Angeboten für Kinder zunehmend abseits der klassischen Medien erfolgt, ist für das Festival letztlich immer die Qualität der produzierten Inhalte entscheidend.

Print article