„Das ZDF ist kein linksrheinischer Sender mehr“

von am 23.08.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Journalismus, Medienpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Das ZDF ist kein linksrheinischer Sender mehr“
Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF I © obs/ZDF/ZDF/Carmen Sauerbrei

Sachsen hat den höchsten ZDF-Marktanteil in den neuen Ländern

23.08.2019. Interview mit Dr. Peter Frey, Chefredakteur des ZDF

„Ich denke schon, dass es in der Medienlandschaft insgesamt strukturelle Defizite gibt. Das öffentlich-rechtliche System mit den Landesrundfunkanstalten der ARD und den Landesstudios des ZDF steuert dagegen – aber es bleibt ein Fakt, dass kein großer Verlag im Osten sitzt und, sieht man von den Hauptstadtblättern ab, keine bundesweit bedeutende Tages- oder Wochenzeitung aus der Sicht eines Dresdners oder Leipzigers redigiert wird“, reagiert Dr. Peter Frey, ZDF-Chefredakteur auf den Vorwurf, dass der Osten in den meisten Medien unterrepräsentiert sei. Auf die Berichterstattung über die AfD angesprochen betont Frey: „Wir nehmen das Prinzip der ‚abgestuften Chancengleichheit‘ sehr ernst. Aber wie bei allen Parteien kommt es in solchen Gesprächen natürlich auch zu Kontroversen. Es geht ja nicht darum, Parteien ihr Programm herunterzitieren zu lassen, sondern sie kritisch zu befragen. Wie realistisch ist das? Was fehlt? Und da spüren wir eben auch Defizite, nicht nur bei der AfD, die wir in den Interviews markieren – und markieren müssen.“ Der Ton in Diskussionen mit AfD-nahen Bürgern sei zwar manchmal rau, beschreibt der ZDF-Chefredakteur, aber sein Gefühl sei, dass er jedenfalls bei einem Teil dieser Menschen, die ja auch Beitragszahler sind, mit seinen Argumenten noch Gehör finde.

medienpolitik.net: Herr Frey, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer, welche Akzeptanz findet die publizistische Berichterstattung des ZDF in den neuen Bundesländern? Ist sie in den vergangenen Jahren gewachsen oder gefallen?

Frey: Das ZDF liegt im ersten Halbjahr 2019 als Marktführer bundesweit bei einem Marktanteil von 13,4 Prozent, im Westen liegt er durchschnittlich bei 13,8 Prozent, im Osten bei 12,2 Prozent. Aber in West und Ost, Nord und Süd gibt es Ausreißer nach oben und unten: Hessen liegt mit 15,1 Prozent weit vorne, Hamburg mit 10,2 Prozent eher zurück. Im Osten ist Sachsen mit 13,1 Prozent ein sehr guter Markt für das ZDF, gefolgt von Thüringen mit 13 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern erreichen wir nur 9,2 Prozent. Da muss sich also noch etwas tun. Aufs Ganze betrachtet sind die Ost-West-Unterschiede nicht mehr groß. Die gute Nachricht: Im Osten ist die Sehdauer pro Tag mit 32 Minuten höher als im Westen mit 28 Minuten.

medienpolitik.net: Nach meinem Eindruck sendet das ZDF in den vergangenen Wochen mehr Berichte und Reportagen aus den neuen Bundesländern, vom MoMa bis zu „heute“. Wo liegen die inhaltlichen Schwerpunkte?

Frey: Es stimmt, dass wir uns zum 30. Jahrestag des Mauerfalls und angesichts der politischen Turbulenzen in den neuen Ländern intensiv mit dem Osten der Republik beschäftigen, mit Dokumentations- und Reportageformaten, in der aktuellen Berichterstattung, aber auch mit Reihen wie „Moma vor Ort“. Aber wir sind nicht nur zwischen Anklam und Zittau unterwegs, sondern waren mit der Außenübertragung des ZDF-Morgenmagazins und dem dazu gehörenden Bürgerdialog am Vorabend auch schon in Bottrop oder Hamburg. Dabei engagiere ich mich auch persönlich, stehe Rede und Antwort auch zu kritischen Fragen wie zuletzt in Cottbus. Der Chefredakteur hört zu, erklärt, wie das ZDF funktioniert oder nimmt zum Rundfunkbeitrag Stellung. Das ist nicht immer einfach, aber der Austausch findet statt. Und darum geht es im Kern auch inhaltlich: Wir wollen die Wirklichkeit, einschließlich aller Konflikte, spiegeln, in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Immerhin haben wir als nationaler Sender auch eine Übersetzerfunktion – in beide Richtungen.

medienpolitik.net: Hängt die Zunahme der Berichterstattung aus dem Osten mit dem Erstarken der AfD zusammen?

Frey: Nicht nur, aber auch. Die AfD ist jetzt in allen Landtagen vertreten, sie ist die größte Oppositionspartei im Bundestag, sie hat viele Wähler. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Das hat viele Ebenen: Wir beobachten und analysieren die Entwicklung der Partei, einschließlich die Auseinandersetzung zwischen „Gemäßigten“ und dem rechtsextremen „Flügel“. Interessanter ist aber, warum so viele Bürgerinnen und Bürger mit dieser Partei sympathisieren. Was steckt eigentlich dahinter? Woher kommt die Unzufriedenheit? Übrigens begegne ich bei den Bürgerdialogen auch erkennbar AfD-Wählern, die oft erstaunlich gut auch medienpolitisch informiert sind und interessante Fragen stellen. Der Ton der Auseinandersetzung ist zwar manchmal rau, aber mein Gefühl ist, dass wir, jedenfalls bei einem Teil dieser Menschen, die ja auch Beitragszahler sind, mit unseren Argumenten noch Gehör finden.

medienpolitik.net: Wie leicht oder schwer haben es „normale“ Themen aus dem Osten, in denen es nicht um Rechtsradikalität oder AfD-Aktivitäten geht?

Frey: Darum bemühen wir uns sehr und es ist auch Alltag in unserem Programm: Themen beispielsweise aus den Bereichen Bildungs- oder Gesundheitspolitik – die nicht so sehr im Zentrum der innenpolitischen Auseinandersetzung stehen – werden eben auch in Mecklenburg-Vorpommern  oder Sachsen-Anhalt produziert, ganz zu schweigen von der Kultur, wo wir dieses Jahr viele Themen rund um das Bauhausjubiläum setzen.

„Die AfD ist jetzt in allen Landtagen vertreten, sie ist die größte Oppositionspartei im Bundestag, sie hat viele Wähler. Damit müssen wir uns auseinandersetzen.“

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt die AfD selbst in den Wochen vor den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen? Inwieweit kommen auch AfD-Politiker zu Wort?

Frey: Sie kommen, zum Beispiel in unseren Vorwahlsendungen im Morgen- oder Mittagsmagazin, so zu Wort wie alle anderen Parteien auch, in Interviews aber auch in Filmberichten. Wir nehmen das Prinzip der „abgestuften Chancengleichheit“ sehr ernst. Aber wie bei allen Parteien kommt es in solchen Gesprächen natürlich auch zu Kontroversen. Es geht ja nicht darum, Parteien ihr Programm herunterzitieren zu lassen, sondern sie kritisch zu befragen. Wie realistisch ist das? Was fehlt? Und da spüren wir eben auch Defizite, nicht nur bei der AfD, die wir in den Interviews markieren – und markieren müssen.

„Der Ton der Auseinandersetzung ist zwar manchmal rau, aber mein Gefühl ist, dass wir, jedenfalls bei einem Teil dieser Menschen, die ja auch Beitragszahler sind, mit unseren Argumenten noch Gehör finden.“

medienpolitik.net: Den Medien wird oft vorgeworfen zu wenig und nicht objektiv aus den neuen Ländern zu berichten und damit an der schlechten Stimmung im Osten mit Schuld zu sein. Woran liegt es, dass der Osten in den meisten Medien unterrepräsentiert ist?

Frey: Nun, zunächst einmal ist der Osten eben kleiner: elf zu fünf Bundesländer – und die ganze Bevölkerung im Osten ist kleiner als die in Nordrhein-Westfalen. So gesehen kommt der Osten vielleicht sogar überproportional vor, zumal wenn wir wochenlang mit Ereignissen wie in Chemnitz beschäftigt sind. Wir geben uns jedenfalls Mühe, unsere Landesstudios Ost, also Schwerin, Magdeburg, Potsdam, Erfurt und Dresden, immer wieder ins Programm zu bringen und haben dafür ja auch eigene Sendegefäße wie den “Länderspiegel“ oder oft unterschätzte Sendungen wie „Drehscheibe“ oder „heute in Deutschland“. Aber ich denke schon, dass es in der Medienlandschaft insgesamt strukturelle Defizite gibt. Das öffentlich-rechtliche System mit den Landesrundfunkanstalten der ARD und den Landesstudios des ZDF steuert dagegen – aber es bleibt ein Fakt, dass kein großer Verlag im Osten sitzt und, sieht man von den Hauptstadtblättern ab, keine bundesweit bedeutende Tages- oder Wochenzeitung aus der Sicht eines Dresdners oder Leipzigers redigiert wird.

medienpolitik.net: Was halten Sie von einer Ost-Quote für die öffentlich-rechtlichen Anstalten?

Frey: Ich bin generell kein Freund von Quoten, sondern plädiere für andere Instrumente: So schicken wir im ZDF beispielsweise regelmäßig Planungsredakteure aus Mainz in die ostdeutschen Bundesländer, um sich mit den Themen, die die Menschen dort umtreiben, vertraut zu machen. Kürzlich waren wir in Ostritz im alleröstlichsten Sachsen, wo sich die Bürger gegen regelmäßig stattfindende Neonazi-Konzerte wenden. Das waren sehr eindrucksvolle Gespräche und sicher Eindrücke, die die Programmplanung künftig beeinflussen. Es ist mir auch wichtig, starke Korrespondenten in die Ost-Studios zu entsenden, die mit ihren Themenangeboten überzeugen. Zu guter Letzt: Mit seinem Hauptstadtstudio in Berlin hat das ZDF ein starkes Standbein im Osten. Neben der Parlamentsredaktion und dem Landesstudio prägen Redaktionen wie Morgen- und Mittagsmagazin, Maybrit Illner oder Frontal und auch die Kolleginnen und Kollegen von Aspekte mit ihrem Hauptstadt-Lebensgefühl, zu dem nun einmal der Blick nach Osten gehört, das Programm des ZDF erheblich. 30 Jahre nach dem Mauerfall können wir eindeutig sagen: Das ZDF ist kein linksrheinischer Sender mehr.

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