„Wir genießen eine hohe Glaubwürdigkeit“

von am 22.08.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Journalismus, Medienordnung, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk, Top Themen

„Wir genießen eine hohe Glaubwürdigkeit“
Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Deutsche Welle lässt sich von Diktaturen nicht einschüchtern

22.08.2019. Interview mit Peter Limbourg, Intendant der Deutschen Welle

Weltweit erreicht die DW aktuell 197 Millionen wöchentliche Nutzerkontakte, 2018 waren es noch 162 Millionen pro Woche. Dies entspricht einem deutlichen Wachstum von 35 Millionen beziehungsweise 22 Prozent. In ihrer Aufgabenplanung hatte sich die DW für 2021 zum Ziel gesetzt, die Reichweite auf 210 Millionen wöchentliche Nutzerkontakte zu steigern. Diese Entwicklung ist vor allem auf einen wesentlich stärkeren Abruf der Online-Angebote zurückzuführen. Rund 61 Millionen Menschen nutzen regelmäßig DW-Angebote im Netz. „Dabei geht es um Content mit Wirkung: Inhalte, mit denen wir freie und unabhängige Meinungs- und Willensbildung ermöglichen – auf Grundlage der Werte und Perspektiven, für die wir stehen. Bei unseren Profilthemen, etwa Menschenrechte, Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit, auch Umweltschutz, genießen wir hohe Glaubwürdigkeit“, betont Deutsche-Welle-Intendant Peter Limbourg gegenüber medienpolitik.net. Zu den Vorwürfen aus Moskau, die Deutsche Welle hätte sich in Russland in die Proteste der letzten Wochen eingemischt, erklärte der DW-Intendant: „Journalisten haben in einer offenen, demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft, aus der wir kommen, eine klar definierte Aufgabe. Sie müssen Fakten und unterschiedliche Perspektiven liefern und diese einordnen, damit sich die Nutzer informieren und sich selbst eine Meinung bilden können. Wir sind keine ‚Aktivisten‘!“ 

medienpolitik.net: Herr Limbourg, weltweit erreicht die DW aktuell 197 Millionen wöchentliche Nutzerkontakte, 2018 waren es noch 162 Millionen pro Woche. Welchen Anteil an dem Zuwachs von 22 Prozent haben neue Angebote der Deutschen Welle?

Limbourg: Jede Neuerung, jede Weiterentwicklung im journalistischen Angebot zielt nicht zuletzt darauf ab, mehr Menschen zu erreichen. Das gelingt nur, wenn das Angebot konsequent und optimal auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppen ausgerichtet ist. In die Ermittlung der wöchentlichen Nutzerkontakte – der gemeinsamen Währung der westlichen, international präsenten Sender – fließt eine Fülle von Daten ein. Wir differenzieren nach Medien, Regionen und Sprachen. Bei den Sprachen bilden Englisch, Arabisch, Spanisch sowie Haussa und Kisuaheli die Top 5. Auch einzelne Formate und Projekte haben einen markanten Anteil an unserer Reichweite. Das gilt beispielsweise im Arabischen für die Albasheer Show – die Satiresendung liegt ganz vorn auf Social Media. Das gilt sicher auch für JaafarTalk, das neue Format unseres populären Kollegen Jaafar Abdul Karim – auch wenn die aktuellen Zahlen sich auf seine bisherige Sendung Shababtalk beziehen. Im Spanischen ist die Kolumne des früheren Präsidenten Uruguays, José Mujica, sehr beliebt. Im Russischen gilt das für die Satiresendung Zapovodnik, die wir online und über Partner verbreiten. Hohe Reichweite erzielen wir auch mit neuen regionalisierten Formaten wie dem Umweltmagazin Eco India und News-Ausgaben für Afrika und Asien im englischen TV-Kanal. Ebenso der türkische Youtube-Kanal +90. Gerade auf Youtube haben wir unser Engagement deutlich ausgebaut. Mit großem Erfolg.   

medienpolitik.net: Sie führen den Zuwachs vor allem auf Ihre Digitalstrategie zurück. Wie sieht diese Digitalstrategie aus?

Limbourg: Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass vor allem unsere digitalen Angebote für den Zuwachs der wöchentlichen Nutzerkontakte sorgen – hier stieg die Zahl binnen eines Jahres von 37 auf 61 Millionen. Ziel der Digitalstrategie ist es, konkurrenzfähig zu bleiben, hohe Relevanz für die Nutzer zu erzeugen und so mehr Reichweite zu erzielen. Wegen der veränderten Mediennutzung misst die DW den digitalen Angeboten einen entsprechend hohen Stellenwert bei. Die Digitalstrategie befasst sich mit der inhaltlichen Ausrichtung und der zielgerichteten Verbreitung und den damit verbundenen strategischen Änderungen in den Bereichen Redaktion, Produktion, Distribution und Technik. Um unsere Zielgruppen effizient zu erreichen, nutzen wir insbesondere Plattformen, wo diese Menschen ohnehin unterwegs sind und verlässliche Informationen suchen. Dabei geht es um Content mit Wirkung: Inhalte, mit denen wir freie und unabhängige Meinungs- und Willensbildung ermöglichen – auf Grundlage der Werte und Perspektiven, für die wir stehen. Bei unseren Profilthemen, etwa Menschenrechte, Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit, auch Umweltschutz, genießen wir hohe Glaubwürdigkeit. Auch die Frage der attraktivsten Darstellungsformen ist Gegenstand der Digitalstrategie. So setzen wir bewusst vermehrt auf Video und die Verbreitung über Social Media, auf bildstarke Onlinebeiträge, solide und transparent recherchierte Geschichten und aussagekräftige Infografiken.

medienpolitik.net: Die DW wird in sehr unterschiedlichen Regionen und politischen und wirtschaftlichen Gegebenheit genutzt. Kann es da eine einheitliche Digitalstrategie geben?

Limbourg: Das Ziel, unser digitales Angebot auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppen auszurichten, impliziert, dass wir je nach Region differenzieren und die konkrete Lebenswirklichkeit der Menschen dort im Auge haben. Unsere Themen schließen an gesellschaftliche Debatten in der jeweiligen Zielregion an oder lösen diese aus. Jede Sprachredaktion entwickelt daher für ihre Nutzer passgenaue regionalisierte Angebote – das ist ein wichtiges Element der Digitalstrategie. Ebenso wie das Ziel, diese jeweilige Regionalkompetenz für andere Redaktionen der DW nutzbar zu machen.

„Es gehört zu unseren Kernaufgaben, gerade dort den Menschen verlässliche Informationen zu liefern, wo unabhängige Berichterstattung blockiert und unterdrückt wird, wo Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt sind.“

medienpolitik.net: Sie haben das Türkei-Angebot ausgebaut, verfügen u.a. über eine China- und eine Russland-Redaktion. Wie wird die DW in Staaten genutzt, wo die Pressefreiheit eingeschränkt ist?

Limbourg: Es gehört zu unseren Kernaufgaben, gerade dort den Menschen verlässliche Informationen zu liefern, wo unabhängige Berichterstattung blockiert und unterdrückt wird, wo Meinungs- und Pressefreiheit eingeschränkt sind. Das gilt sicherlich für China und Iran, in Teilen für Russland wie für eine ganze Reihe weiterer Länder und leider zunehmend auch für die Türkei. Hier haben wir gemeinsam mit Partnern – den Franzosen, Briten und US-Amerikanern – den Youtube-Kanal +90 gestartet. Dass dieser Kanal schon nach wenigen Wochen mehr als 100.000 Abonnenten zählte, zeigt, wie relevant ein solches Angebot ist. Die Video-Beiträge behandeln vor allem aktuelle gesellschaftliche Themen, zu denen wir ein breites und kritisches Meinungsspektrum liefern. Dass die türkische Regierung nach Wegen sucht, den Zugang insbesondere zu Online-Angeboten internationaler Sender einzuschränken, ist auch ein Indiz dafür, dass wir inhaltlich richtig liegen. Natürlich ist es schwierig, die Menschen in Ländern zu erreichen, deren Regierungen Zensur ausüben, Medien gleichschalten, Journalisten einschüchtern oder gar verfolgen und Informationen von außen blockieren. Dagegen setzen wir beharrlich unsere Vorstellungen von freiem Zugang zu Information und suchen Wege, die kritischen Köpfe dennoch zu erreichen. Dass die Maßnahmen, um diese Blockaden zu umgehen, greifen, sehen wir an den erheblichen Nutzerzahlen.

medienpolitik.net: Unlängst wurde der DW in Russland vorgeworfen, sich in die Proteste „einzumischen“. Wo ist bei Ihnen die Grenze zwischen objektiver Berichterstattung und Einmischung?

Limbourg: Solche Vorwürfe gibt es, seit es die Deutsche Welle gibt. Wir stehen für professionellen Journalismus und eine ausgewogene Berichterstattung. Gerade in autoritär geführten Ländern mit restriktiven Mediengesetzen ist es wichtig, nicht nur Regierungsstimmen, sondern auch Positionen aus Opposition und kritischer Bevölkerung Raum zu geben. Und wenn Teile dieser Bevölkerung auf die Straße gehen und mehr Demokratie und Transparenz einfordern, dann berichten wir darüber. Nichts anderes tun wir auch in Russland. Wenn das im Kreml als illegitime Einmischung gilt, dann weisen wir das zurück. Journalisten haben in einer offenen, demokratischen, rechtsstaatlichen Gesellschaft, aus der wir kommen, eine klar definierte Aufgabe. Sie müssen Fakten und unterschiedliche Perspektiven liefern und diese einordnen, damit sich die Nutzer informieren und sich selbst eine Meinung bilden können. Wir sind keine ‚Aktivisten‘! 

medienpolitik.net: Nach wie vor ist das Fernsehen der wichtigste Verbreitungsweg der Deutschen Welle. Etwa jeder zweite DW-Nutzer wird über das Fernsehen erreicht. Können und wollen Sie die technische Reichweite weiter ausbauen?

Limbourg: Wir haben unser TV-Angebot erst kürzlich weiterentwickelt – beispielsweise durch die erwähnten regionalisierten News-Ausgaben für Afrika und Asien. Im Übrigen machen wir über das lineare Fernsehen, die 24-Stunden-Kanäle auf Englisch, Spanisch, Arabisch und Deutsch hinaus auch gezielt TV-Produktionen in weiteren Sprachen. Dazu zählen Adaptionen des Kulturmagazins Euromaxx, des Magazins Fokus Europa oder auch unseres Wissenschaftsmagazins. Diese Formate entstehen in der Regel in Zusammenarbeit mit Partnern in unseren Zielregionen, die die Formate auch über ihre Plattformen verbreiten.

medienpolitik.net: 50 Prozent der Weltbevölkerung besitzt inzwischen Internet. Welche Perspektive hat da das TV-Angebot der DW, zumal Bewegtbild auch Online eine hohe Akzeptanz aufweist?

Limbourg: Wir haben stets sowohl die technische Entwicklung als auch den Wandel im Nutzerverhalten im Blick. Für die nähere Zukunft wird der lineare TV-Empfang seine Relevanz behalten. Auch hier verzeichnen wir ja weiterhin einen Zuschauerzuwachs. Asien, Afrika und Lateinamerika sind nach wie vor starke TV-Märkte, in denen wir mit guten Formaten viele Menschen erreichen. In der Tat werden wir vor allem die digitalen Bewegtbild-Angebote weiter ausbauen. Durch unsere Erfahrung im linearen Fernsehen haben wir in diesem Bereich solide Kompetenzen und können uns im Wettbewerb gut positionieren. An der Online-Performance sehen wir, dass sich diese Bemühungen auszahlen. Was sich ebenso nachhaltig auszahlt, sind Schalten mit Expertinnen und Experten aus unseren Sprachredaktionen in Nachrichtensendungen großer nationaler Sender. Reichweitenstarke Partner wie Canal Once in Mexiko, Joy News in Ghana oder BTV in Bulgarien sind ein zentrales Element in unserer Vertriebsstrategie.  

medienpolitik.net: 37 Millionen hören die Deutsche Welle noch über Radio, vor allem in Afrika. Wie wichtig ist Ihnen die Präsenz in dieser Region?

Limbourg: Sehr wichtig. Wir haben unsere Präsenz in Subsahara-Afrika ausgebaut mit Korrespondentenbüros in Lagos, Nigeria, und in Kapstadt, Südafrika. Auf dem afrikanischen Kontinent erreichen wir mit Radio nach wie vor sehr viele Menschen. Zweiter Punkt: Die Zielgruppen empfangen unsere Angebote inzwischen vor allem mobil. Drittes Element: Die Bevölkerung Afrikas ist jung, drei Viertel sind jünger als 35. Deshalb sind Angebote für diese Zielgruppe ein Schwerpunkt. The 77 Percent ist ein solches Projekt, angelegt als Radioformat, TV-Magazin und Online-Präsenz – unterstützt durch Diskussionsveranstaltungen vor Ort, wo wir den unmittelbaren Dialog mit dem Publikum führen. Wir hatten solche Townhall-Debatten mit großem Zulauf unter anderem in Kampala, Uganda, und Mamou, Guinea. In Accra, Ghana, war ich im vergangenen November persönlich dabei und konnte mich davon überzeugen, welchen Stellenwert dieser Austausch hat, wenn es etwa um die Perspektiven der jungen Menschen in Afrika und die Option, sein Glück in Europa zu suchen, geht. Übrigens – weil die Fußball-Bundesliga wieder läuft, sei auch das große Interesse unserer afrikanischen Hörer an den Live-Reportagen auf Haussa und Kisuaheli, neuerdings auch auf Englisch, erwähnt.

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