„Die Kinos müssen den Zeitgeist besser erfassen“

von am 23.09.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienordnung, Medienwirtschaft

„Die Kinos müssen den Zeitgeist besser erfassen“
Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino

Neue HDF-Kino-Chefin fordert mehr Förderung und Sicherung der Exklusivität der Kinos

23.09.2019. Interview mit Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des HDF Kino

Seit August ist Christine Berg neue Vorstandsvorsitzende des HDF Kino, des größten Interessenverbandes der Kinobetreiber. Christine Berg, die zuletzt seit 2012 als stellvertretender Vorstand der FFA für den gesamten Förderbereich verantwortlich zeichnete war davor unter anderem Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Förderung audiovisueller Werke in Schleswig-Holstein (MSH) und Intendantin der Nordischen Filmtage Lübeck. In einem ausführlichen Gespräch mit medienpolitik.net beschreibt sie die aktuelle Situation der Kinos und erläutert die dringendsten Aufgaben, vor denen der Verband steht. Im Zusammenhang mit der Novellierung des FFG formuliert sie drei wichtige Ziele: „Erstens muss der Fokus des FFG ganz klar weiterhin auf dem Kinofilm liegen. Zweitens muss die Exklusivität der Kinos gewährleistet bleiben, damit alle nachfolgenden Auswertungsstufen davon profitieren können. Das Kino veredelt den Film. Das wissen auch Streamingdienste wie Netflix. Warum hätten sie auf einmal so ein Interesse ihre Filme – zumindest kurzfristig – in den Kinos zu zeigen? Wir sehen das natürlich auch als eine Anerkennung für die Arbeit der Kinobetreiber*innen. Drittens muss die Kinoförderung reformiert werden und dafür muss das FFG die Rahmenbedingungen schaffen.“

medienpolitik.net: Frau Berg, nachdem bekannt wurde, dass Sie neue Vorstandsvorsitzende des HDF KINO sind, hat sich mancher gewundert, dass die Nachfolgerin von Dr. Thomas Negele nicht aus der Kino-Branche stammt und ein Kino besitzt. Wie kann man einen Kinoverband auch ohne eigenes Kino leiten?

Berg: Meine Aufgabe liegt in erster Linie darin, die Interessen des deutschen Kinos gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit erfolgreich zu vertreten. Dafür muss man selbst keine Geschäftsführerin oder Besitzerin eines Kinos sein, aber natürlich die Bedürfnisse der Kinobetreiber*innen, ihre Leistungen und ihren Wert für unsere Gesellschaft kennen und diese wirksam kommunizieren. Dass der Verband mich für diese Aufgabe gewählt hat, zeigt, dass er bei dieser Interessenvertretung neue Wege beschreiten will, dass er sich bewusst für jemanden entschieden hat, der über eine unvoreingenommene Neugier verfügt, der gut vernetzt und zudem eine Frau ist.

medienpolitik.net: Muss man, um die Interessen einer Branche zu verstehen, nicht auch mit ihr „leiden“ können, z.B. indem man selbst monatlich die Besucherzahlen registriert?

Berg: Ich bin ja nicht branchenfremd. Ich habe 30 Jahre im Produktions-, Verleih- und Förderbereich gearbeitet und sehe viele Parallelen zu den Herausforderungen des Kinos.  Natürlich spielt die Vernetzung bei meiner Tätigkeit eine zentrale Rolle: Ich muss mit den Kinobetreiber*innen sehr gut vernetzt sein, muss mich vor Ort über ihre Themen verständigen und gemeinsam nach Antworten suchen. Ich kann gut einschätzen, über welches Know-how ich verfüge, ich weiß aber auch, dass ich keinen „Stallgeruch“ habe. Deshalb bin ich noch vor meinem Amtsantritt quer durch Deutschland gefahren, um fast 20 Kinostandorte kennenzulernen. Ich habe mir dort Filme angesehen, mit den Kinobetreiber*innen gesprochen und viel über deren Überlegungen und Existenzbedingungen erfahren.  Vor allen Dingen habe ich die Leidenschaft der Betreiber miterleben dürfen. Es ist unglaublich was alles getan wird, um die Besucher für das Kino zu begeistern und sie als Gast zu begrüßen. Solche „Kinotouren“ möchte ich regelmäßig wiederholen.

medienpolitik.net: Sie kennen die Filmförderung aus dem ff. Wie hilft Ihnen diese Kompetenz in Ihrem neuen Job?

Berg: Ich denke, es ist von großem Vorteil, dass ich auf diesem Feld eine Expertin bin, denn die Kinos sind immer mehr auf Förderungen angewiesen. Hier kann ich helfen, die richtigen Fördertöpfe ausfindig zu machen bzw. neue Förderinstrumente zu implementieren. Es bestehen ja über die FFA und BKM hinaus weitere Fördermöglichkeiten für die vielfältigen Aufgaben und Bedürfnisse der Kinos.

medienpolitik.net: Es gibt im Kinobereich mehrere Baustellen: Modernisierung der Kinos, besseres Marketing, bessere Kenntnis der Besucherinteressen, Reaktion auf ein verändertes Nutzerverhalten. Welches dieser Themen ist für Sie das Wichtigste?

Berg: Sie haben das Thema Neubauten vergessen. Es gibt in Deutschland zahlreiche weiße Flecken, wo keine Filmtheater – oder nicht mehr – existieren. Deshalb dürfen wir diesen Aspekt nicht aus dem Auge verlieren.  Aber natürlich muss man Prioritäten setzen und kann sich nicht allen Themen mit der gleichen Intensität widmen. Der Abbau des Investitionsstaus bei der Modernisierung der Kinos gehört sicherlich zu den dringendsten Aufgaben, wobei hier schon einiges erreicht wurde. Dank des Deutschen Bundestages und der BKM läuft seit Juli ein Soforthilfeprogramm für Landkinos und im nächstens Jahr kommt das Zukunftsprogramm Kino. Für ein modernes Kinoerlebnis muss allerdings auch ein weiteres Themenfeld angegangen werden, nämlich eine bessere Kenntnis der Besucherinteressen und die Reaktion auf ein verändertes Nutzerverhalten. Hier ist wichtig, auf die spezifischen Bedingungen und Anforderungen der einzelnen Kinos einzugehen. In kleinen Orten, wo das Kino der einzige kulturelle Begegnungsort ist, benötigt man vielleicht keine digitale Kundenbindung, weil Kinobetreiber*innen ihre Gäste gut kennen und jeden mit Handschlag begrüßen. Das ist mehr wert als jede App oder jeder Newsletter. Anders sieht es in größeren Städten aus: In Münster leben z.B. über 50.000 Studierende, die potenziell ein großes Kinointeresse haben. Hier muss das Kino den Studierenden – natürlich digital – ein möglichst maßgeschneidertes Angebot machen.

„Wir müssen auf allen Ebenen darüber reden, wie es uns gelingt, wieder mehr Publikum zu erreichen.“

medienpolitik.net: Sie sagten eben, man dürfe den Neubau von Kinos nicht aus dem Auge verlieren. Andererseits existiert in den vorhandenen Kinos ein großer Investitionsstau. Wie passt das zusammen?

Berg: Die Modernisierung der Kinos hat aufgrund dringend notweniger Maßnahmen einen solch hohen Stellenwert erhalten, dass das Beseitigen der weißen Flecken in den Hintergrund getreten ist. Wir wissen aber, dass es eine Reihe von Regionen ohne Kinos gibt und sich Bürger*innen und Bürgermeister*innen dort auch ein Kino wünschen. Deshalb wird der Neubau mit Sicherheit wieder auf die Tagesordnung kommen. Gerade in Gebieten wo es keine Kulturstätten mehr gibt, ist es wichtig den Aufbau wieder voranzutreiben, da Kino in welcher Form auch immer ein Treffpunkt für Kultur ist.

medienpolitik.net: Sie haben bei Ihrem „Amtsantritt“ im August drei der nächsten Aufgaben in den Fokus genommen, dazu sollen attraktive Auftritte in der Öffentlichkeit wie das Kinofest gehören. Was soll das „Kinofest“ sein? Gibt es nicht schon ausreichend Branchenevents?

Berg: Branchenevents gibt es sicherlich ausreichend. Was wir brauchen sind jedoch mehr attraktive Publikumsveranstaltungen. Wir wollen deshalb in jedem Kino in Deutschland gemeinsam ein Fest organisieren, bei dem Besucher*innen zu einem reduzierten Eintrittspreis an drei Tagen – vom 2. bis 4. August 2020 – ins Kino kommen. Die Branche lädt also seine Kunden ein. Zugleich sollen in den Kinos Aktionen wie Gespräche mit Regisseur*innen und Schauspieler*innen oder Autogrammstunden stattfinden. Ziel der Aktion ist es, das Kino wieder attraktiver machen, ähnlich der französischen „Fête du Cinéma“, die seit Jahren sehr erfolgreich ist.

„Es gibt überall in Deutschland Kinos, die dringend modernisiert und in denen die Voraussetzungen für eine digitale Kundenbindung geschaffen werden müssen.“

medienpolitik.net: Zum Zukunftsprogramm Kino: Wie stellen Sie sich die Ausgestaltung vor?

Berg: Dieses Zukunftsprogramm ist für uns sehr wichtig. Dafür hat mein Vorgänger Dr. Thomas Negele eine jahrelange Aufklärungsarbeit unter Politikern im Bund und den Ländern betrieben. Wichtig ist, dass anders als beim Soforthilfeprogramm nicht nur Kinos in Städten unter 25.000 Einwohnern bedacht werden, sondern auch die in großen Orten. Es gibt überall in Deutschland Kinos, die dringend modernisiert und in denen die Voraussetzungen für eine digitale Kundenbindung geschaffen werden müssen. Wir müssen hier den Zeitgeist erfassen.

medienpolitik.net: Zum Zeitgeist gehört auch Nachhaltigkeit…

Berg: Natürlich ist auch das ein Thema bei den Kinobetreiber*innen und es gibt auch schon einiges was umgesetzt wurde. Aber auch dafür müssen durch zielgerichtete Investitionen Voraussetzungen geschaffen werden. Die FFA hat ein „grünes“ Kinohandbuch herausgegeben, in dem Ideen und Projekte für Kinos beschrieben sind, um umweltverträglicher zu agieren. Das fängt bei den Plastikhalmen an und hört bei der Solaranlage auf. Das sehen wir als einen wichtigen Teil des „Zukunfts“-Programms an.

medienpolitik.net: Es besteht ein Delta zwischen den zugesagten Fördermitteln und den von Ihnen ermittelten Bedarf von 30 Millionen Euro jährlich über fünf Jahre. Wie kann diese Lücke geschlossen werden?

Berg: Wir kämpfen gegenwärtig darum, die fehlenden 13 Millionen für das nächste Jahr doch noch zu erhalten. Dazu sprechen wir vom Verband, aber auch viele Kinobetreiber*innen selbst, mit zahlreichen Abgeordneten und sind in den Staatskanzleien der Bundesländer aktiv. Wir wollen die Politiker*innen davon überzeugen, dass bei der Diskussion über den Haushalt 2020 der Zukunftsfonds Kino auf 30 Millionen Euro aufgestockt werden muss, denn nur so ist es möglich, die Kinos für die Zukunft zu rüsten. Im Vergleich zu anderen Förderungen des Bundes ist das auch keine „riesige“ Summe. Aber auch die Länder spielen bei der Zukunftssicherung der Kinos eine wichtige Rolle. Im Koalitionsvertrag steht ausdrücklich, dass eine Unterstützung durch Bund und Länder erfolgen soll. Einige Länder wie Bayern und Hessen haben schon signalisiert, dass sie sich beteiligen wollen, weil sie wissen, welche Bedeutung die Kinos für die kulturelle Präsenz vor allem im ländlichen Raum haben.

medienpolitik.net: Wie wollen Sie die anderen 14 Länder motivieren?

Berg: Durch das praktische Beispiel:Bayern und NRW leisten sehr viel für die Kinos und geben auch finanzielle Unterstützung. In beiden Bundesländern sind die Kinos nahezu flächendeckend sehr gut aufgestellt und zu einem großen Teil auch auf einem modernen Stand. Alle Bundesländer fördern die Produktion von Kinofilmen und müssten doch ein Interesse haben, dass diese Filme auch in ihren Regionen gezeigt werden können.

Medienpolitik.net: Das 1. Halbjahr ist für die Kinos besser gelaufen als das vergangene Jahr. Ist damit die Diskussion vom Tisch, welche Filme das Kino braucht?

Berg: Nein, überhaupt nicht. Aus den positiven Zahlen lässt sich nicht ableiten, dass sich die Situation grundlegend verbessert hat. Wir müssen deshalb auf allen Ebenen darüber reden, wie es uns gelingt, wieder mehr Publikum zu erreichen. Das eine sind die richtigen Filme und das andere sind die Attraktionen, das Erlebnis des Ortes Kino. Das ist vor allem eine Frage des Marketings.

medienpolitik.net: Sie haben jahrelang dazu beigetragen gute Kinofilme zu fördern. Warum ist es anscheinend schwieriger geworden, Kinofilme zu produzieren, die ein Millionenpublikum erreichen?

Berg: Viele Parameter entscheiden darüber, ob ein Film erfolgreich ist oder nicht. Und es ist schwieriger geworden, diese Parameter genau zu bestimmen. Es sind viel mehr verschiedene Bewegtbildformate auf dem Markt als noch vor zehn Jahren. Serielle Erzählformate haben z.B. entscheidend dazu beigetragen, die traditionellen Sehgewohnheiten zu verändern. Der Kinofilm ist dennoch noch immer die Königsdisziplin und um diesen Anspruch zu entsprechen, muss er etwas Besonderes aufweisen, damit ein potenzieller Besucher im Durchschnitt acht Euro pro Film ausgibt und dafür auch noch aus dem Haus geht. Die Branche ist sich dieses Problems durchaus bewusst und geht neue Wege.

„Es geht um Vielfalt in hoher Qualität und nicht um eine beliebige Vielzahl.“

medienpolitik.net: Sie sprachen die „neuen Wege“ an. Ist es dann sinnvoll, weniger Filme zu fördern, diese aber mit mehr Mittel auszustatten? Denn das könnte weniger Vielfalt bedeuten.

Berg: Weniger Filme bedeutet nicht weniger Vielfalt. Das ist ein Trugschluss. Es ist meiner Meinung nach, der richtige Weg, weniger Filme zu fördern – jährlich kommen an die 200 deutsche Filme ins Kino. Es geht um Vielfalt in hoher Qualität und nicht um eine beliebige Vielzahl. Wir benötigen weiterhin eine große Vielfalt, denn auch die Gesellschaft wird in ihren Interessen vielschichtiger und das muss sich auch im Filmangebot wiederspiegeln. Es besteht ein Bedarf an allen Genres und Erzählweisen und den müssen wir bedienen. Außerdem müssen wir weiterhin Nachwuchsfilme fördern, denn wer heute einen experimentellen Film produziert, könnte morgen schon ein Blockbuster abliefern. Wenn mehr Mittel auf weniger Filme konzentriert werden, können sowohl die soziale Gerechtigkeit bei der Filmproduktion als auch die Chancen für den deutschen Film im internationalen Wettbewerb verbessert werden.

medienpolitik.net: Es sollen Drehbuch- und Marketingförderung ausgebaut werden, aber die Produktionsförderung nicht reduziert werden. Wie soll das funktionieren?

Berg: Die Mittel sind zwar begrenzt, aber es standen in unserem Land noch nie so viele Fördermittel zur Verfügung wie gegenwärtig. Im Förderbereich hat sich die Welt verändert. Allein über die BKM stehen über 150 Millionen Euro auf Abruf für die kulturelle Förderung, inklusive der Drehbücher bereit. Die Länder fördern nicht nur die Produktion, sondern verstärkt auch Marketing und die Stoffentwicklung. Deshalb ist es wichtig, noch genauer zu justieren, welche Maßnahmen durch die drei Förderinstitutionen – FFA, Bund, Länder – am besten unterstützt werden können.

medienpolitik.net: Wie könnte man hier die Abstimmung verbessern?

Berg: Die Aufgabe und zugleich Herausforderung für die Förderung heißt Harmonisierung. Zum einen bei den Förderarten: Wer fördert was? Hier laufen dazu gegenwärtig Gespräche mit Staatsministerin Monika Grütters, aber auch zwischen den Länderförderern, um bis 2021 mit dem neuen FFG eine bessere Harmonisierung zu erreichen. Zum anderen sollte es weiterhin das Ziel sein, dass ein Antrag in eine Datenbank gestellt wird und jeder Förderer darauf zugreifen kann. Das hätte auch Vorteile für eine einheitliche Abrechnung und Kontrolle der Fördermittel.

medienpolitik.net: Die Debatte über die Novellierung hat begonnen. Was muss aus der Sicht des HDF KINO unbedingt im nächsten FFG Gesetz stehen?

Berg: Ich sehe drei wichtige Punkte: Erstens muss der Fokus des FFG ganz klar weiterhin auf dem Kinofilm liegen. Zweitens muss die Exklusivität der Kinos gewährleistet bleiben, damit alle nachfolgenden Auswertungsstufen davon profitieren können. Das Kino veredelt den Film. Das wissen auch Streamingdienste wie Netflix. Warum hätten sie auf einmal so ein Interesse ihre Filme – zumindest kurzfristig – in den Kinos zu zeigen? Wir sehen das natürlich auch als eine Anerkennung für die Arbeit der Kinobetreiber*innen. Drittens muss die Kinoförderung reformiert werden und dafür muss das FFG die Rahmenbedingungen schaffen.

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