„Digitale Angebote sind für jüngere Nutzer unverzichtbar“

von am 18.09.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Dualer Rundfunk, Medienordnung, Medienpolitik, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk

„Digitale Angebote sind für jüngere Nutzer unverzichtbar“
Frank Schildt, Vorsitzender des Deutschlandradio-Hörfunkrates

Deutschlandradio will die digitalen Angebote ausbauen, ohne die linearen Kanäle zu vernachlässigen

18.09.2019. Interview mit Frank Schildt, Vorsitzender des Deutschlandradio-Hörfunkrates

Der Deutschlandradio-Hörfunkrat hat sich mit den neu entwickelten „Strategischen Zielen“ von Deutschlandradio mit seinen drei Hörfunkprogrammen befasst. Im Mittelpunkt steht neben der Gleichwertigkeit analoger und digitaler Angebote die Stärkung der fachlichen Expertise in den Redaktionen. Diese soll zukünftig programmübergreifend und auf allen Verbreitungswegen zum Tragen kommen. Darüber hinaus soll die digitale Kompetenz in den Funkhäusern gestärkt werden, Ziel ist eine Verjüngung und mehr Vielfalt in der Belegschaft. Mit mehr technischer und redaktioneller Flexibilität soll den Herausforderungen eines sich stark verändernden Medienmarktes begegnet werden, ein Schwerpunkt liegt auf der Stärkung digitaler Angebote. So wird bereits heute die Dlf Audiothek als App für iOS- und Androidgeräte stark nachgefragt, die Abrufzahlen für Audios liegen teilweise über denen der Programmwebseiten. Die Zahlen für die Social-Media-Kanäle wiesen zuletzt stark nach oben. Das größte Wachstum verzeichneten im letzten Jahr die Instagram-Kanäle. Für Frank Schildt, den Vorsitzenden des Deutschlandradio-Hörfunkrates bedeutet das, dass „Deutschlandradio nicht nur mehr Ressourcen für die Entwicklung und Erstellung seiner digitalen Produkte braucht, sondern auch mehr analytische Kompetenz.“

medienpolitik.net: Herr Schildt, der Deutschlandradio-Hörfunkrat hat sich jüngst mit den neu entwickelten „Strategischen Zielen“ von Deutschlandradio befasst. Warum? Ist die Festlegung der Strategie nicht Sache des Intendanten?

Schildt: Natürlich ist es die Aufgabe des Intendanten, die Strategischen Ziele zu formulieren und in deren Ausgestaltung mischt sich der Hörfunkrat auch nicht ein. Aber unsere Aufgabe ist ja nicht nur, die Einhaltung der Richtlinien und im Staatsvertrag formulierten Grundsätze zu überwachen. Wir sollen, das steht auch im Deutschlandradio-Staatsvertrag, den Intendanten in Fragen zur Gestaltung der Angebote beraten. Um das angemessen zu können, müssen und wollen wir natürlich auch verstehen, was die Strategischen Ziele in der Praxis bedeuten – zum Beispiel mit Blick auf die digitalen Angebote von Deutschlandradio, deren Bedeutung und Reichweite immer mehr zunimmt. Insofern war die Befassung des Hörfunkrates mit den Strategischen Zielen bei unserer jüngsten Sitzung nichts Ungewöhnliches. Ähnliche strategische Überlegungen wurden auch in der Vergangenheit schon mit dem Gremium geteilt. Auch bei geplanten Programmveränderungen wird das Gremium rechtzeitig eingebunden und gehört. 

medienpolitik.net: Warum sind „neue“ strategische Ziele für das Deuschlandradio erforderlich?

Schildt: Es ist nicht etwa so, dass Deutschlandradio sich plötzlich von alten Zielen abwendet, weil diese falsch waren, und sich jetzt neuen Zielen zuwendet. Die Strategischen Ziele sind jetzt lediglich zum ersten Mal in schriftlicher Form in einem einzigen Dokument festgehalten worden. Strategische Ziele sind wichtig, damit die drei Programme von Deutschlandradio – Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova – auch in Zukunft Leitmedien für Information und Kultur bleiben. Und zwar im linearen Programm genauso wie in der digitalen Welt. Es geht darum, die Kräfte zu bündeln und Prioritäten zu setzen. Die Strategischen Ziele bilden dabei den Rahmen für die praktische Umsetzung. Dass Deutschlandradio auch zukünftig seine Stärken ausspielen kann und zum Beispiel seine fachliche Expertise in den Redaktionen stärkt, das kann uns als Gremium nur Recht sein.

medienpolitik.net: Wie bewerten Sie die neue Strategie?

Schildt: Ich halte sie für richtungsweisend. Vor allem das erklärte Ziel, lineare und nicht-lineare Angebote auf Augenhöhe zu bringen, finde ich sehr richtig und wichtig. Dabei geht es nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen. Die Situation ist – etwas vereinfacht dargestellt – doch folgende: auf der einen Seite erreichen die Deutschlandradio-Programme bei der Media-Analyse immer neue Rekordwerte – und das bei leicht sinkender Radionutzung allgemein! Gleichzeitig wissen wir, dass jüngere Menschen immer seltener bis gar kein klassisches Radio mehr hören und die Non-lineare Mediennutzung zunimmt. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Format „Eine Stunde History“ von Deutschlandfunk Nova, dessen Podcast-Hörerschaft deutlich jünger ist als die Durchschnittshörerschaft der Deutschlandradio-Programme. Das heißt: Es gibt bis auf weiteres zwei Publika, die Deutschlandradio bedienen will und auch muss. Der Sender hat ja einen Auftrag und zu dem gehört meines Erachtens, dass er sich Gedanken darüber macht, wie er einen Generationenabriss vermeidet. Außerdem: Ich finde es sehr begrüßenswert, wie deutlich sich Deutschlandradio mit seinen strategischen Zielen dazu verpflichtet hat, Frauen stärker zu fördern, jüngere Mitarbeiter in Verantwortung zu bringen und auf Vielfalt in der Belegschaft zu setzen. Letzteres – so sehe ich es – ist für Deutschlandradio mit seinem integrativen Programmauftrag von großer Bedeutung. Die drei Programme sollen schließlich auch künftig die verschiedenen Perspektiven auf die großen Themen der Zeit nachzeichnen, ob in den Bundesländern, in Deutschland, Europa oder auch weltweit. Sie erbringen damit einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für das Gemeinwesen.

medienpolitik.net: Sie betonen, dass ein Schwerpunkt auf der Stärkung digitaler Angebote liegt. Wie soll das konkret erfolgen?

Schildt: Diese Antwort müssen natürlich zuallererst diejenigen geben, die sich mit den programmlichen Inhalten und ihrer Verbreitung beschäftigen. Denn wir stellen fest, dass sich nicht nur die Medienlandschaft, vor allem in ihren digitalen Angeboten schnell verändert, sondern auch das Nutzerverhalten. Beides bedingt einander, und ein relevanter öffentlich-rechtlicher Sender wie Deutschlandradio mit seinem bundesweiten Qualitätsanspruch muss sich so aufstellen, dass er auf diese Veränderungen reagieren kann, dass er sie idealerweise selbst mit prägt. Das heißt, dass Deutschlandradio nicht nur mehr Ressourcen für die Entwicklung und Erstellung seiner digitalen Produkte braucht, sondern auch mehr analytische Kompetenz. Heutzutage kann man in der digitalen Welt ziemlich genau messen, wie beispielsweise ein Podcast beim Publikum ankommt. Diese Kenntnisse müssen schnell in die Entwicklung von neuen Angeboten fließen. Gleichzeitig muss auch ein Sender wie Deutschlandradio Neues ausprobieren – auch um den Preis, dass man manche Wege am Ende vielleicht auch nicht weiter verfolgt. Auch dafür braucht es Expertise. Und das alles muss geschehen, ohne dass Deutschlandradio Abstriche bei der Qualität und bei seinen linearen Programmen macht. Das ist eine echte Herausforderung.  

„Ein Sender wie Deutschlandradio muss Neues ausprobieren – auch um den Preis, dass man manche Wege am Ende vielleicht auch nicht weiter verfolgt.“

medienpolitik.net: Im Zusammenhang mit der Flexibilisierung des Auftrages des öffentlich-rechtlichen Rundfunks planen die Länder, die Verantwortung der Rundfunkräte zu erhöhen, indem sie über einige der konkreten Programme und Verbreitungswege entscheiden sollen. Besitzen diese überwiegend ehrenamtlichen Gremien dafür die Voraussetzungen?

Schildt: Der Hörfunkrat, der sich Anfang des Jahres neu konstituiert hat, zählt nun 45 Mitglieder. Seine Mitglieder bringen vielfältige Expertise aus ihren jeweiligen Berufen und Tätigkeiten mit. Also da bin ich nicht bange. Wir haben Experten für Rechtsfragen im Gremium, für Digitales und für Medienfragen. Ein breiter Mix aus Sachverstand und Lebenserfahrung. Jemand hat mal so schön gesagt, der Hörfunkrat sei das Parlament von Deutschlandradio. Ich habe das als Kompliment verstanden und glaube, dass dieses Parlament sehr gut besetzt ist, um wichtige Entscheidungen zu begleiten bzw. zu treffen.

medienpolitik.net: Was halten Sie generell von dem Konzept der Indexierung des Beitrages und der Flexibilisierung des Auftrages?

Schildt: Dies wäre ein Systemwechsel und ist deshalb eine Entscheidung, die die Politiker in den Ländern treffen müssen. Jedes Programm der öffentlich-rechtlichen Sender wurde durch die Politik beauftragt. Für mich als Vorsitzenden des Hörfunkrates von Deutschlandradio ist vor allem wichtig, dass es auch nach einem eventuellen Umstieg auf ein anderes Modell weiterhin möglich ist, die hohe inhaltliche Qualität zu liefern, für die der nationale Rundfunk zu Recht geschätzt wird. Deshalb müsste der Absprungpunkt, von dem aus eine indexgebundene Steigerung erfolgt, so angesetzt sein, dass er auskömmlich ist. Man darf nicht mit dem Versprechen, dass es irgendwann ja mehr Geld gibt, am Anfang die Programme kaputtsparen.

medienpolitik.net: Worin sehen Sie heute die wichtigste Aufgabe des Hörfunkrates von Deutschlandradio?

Schildt: Der Hörfunkrat wirkt stellvertretend für die gesamte Hörerschaft, er versteht sich gewissermaßen als ihr Anwalt, der die Bedürfnisse der Menschen, die Deutschlandfunk, Deutschlandfunk Kultur und/oder Deutschlandfunk Nova hören bzw. die digitalen Produkte nutzen, im Blick hat und in die Beratung des Intendanten einfließen lässt. Gleichzeit sehen wir uns aber auch als Vermittler. Beim Tag der offenen Tür im Berliner Funkhaus diesen Mai hatte der Hörfunkrat einen eigenen Stand. Wir waren zu fünft angereist und waren zunächst nicht sicher: Interessiert sich überhaupt jemand für die Arbeit des Gremiums? Wir waren dann bass erstaunt, wie viele Besucher*innen es zu uns gezogen hat, die Fragen gestellt und sich mit uns ausgetauscht haben. Und da ging es keineswegs nur um Lobhudelei. Da ging es um Meinungs- und Informationsaustausch. Um letzteren geht es meines Erachtens zentral auch für den Hörfunkrat – nach intern wie nach extern. Man kann zur Höhe des Rundfunkbeitrages stehen, wie man will. Man sollte allerdings wissen, wie, wo und wofür er ausgegeben wird. Daran krankt die anhaltende Debatte meiner Ansicht nach. Zusammengefasst: Der Hörfunkrat muss ein selbstbewusster, kritischer und hinterfragender Begleiter des Senders, gleichzeitig aber auch ein Gremium sein, dass immer ein offenes Ohr in die Hörerschaft hat. Das hat auch eine Menge mit Transparenz zu tun. Mir als Vorsitzendem war es zum Beispiel wichtig, dass unsere Internetpräsenz auf deutschlandradio.de ausgebaut wird. Seit Juni finden sich dort Selbstauskünfte zu den Hörfunkratsmitgliedern. Unsere Sitzungen sind öffentlich, nach jeder Zusammenkunft können sich Interessierte im ‚Rückblick auf die Sitzung‘ über den Inhalt der Sitzung informieren. Neu in dieser Linie war der eigene Auftritt des Hörfunkrates beim bereits erwähnten Tag der offenen Tür in Berlin und am 22. September in Köln.

„Man darf nicht mit dem Versprechen, dass es irgendwann ja mehr Geld gibt, am Anfang die Programme kaputtsparen.“

medienpolitik.net: Welches Thema wird gegenwärtig von den Mitgliedern des Hörfunkrates von Deutschlandradio besonders intensiv diskutiert?

Schildt: Die Themenbreite ist groß. Das liegt auch an den beiden ständigen Fachausschüssen, dem Programmausschuss und dem Wirtschafts- & Finanzausschuss. Und nun haben wir ja auch noch einen nichtständigen Ausschuss für den anstehenden Dreistufen-Test. Grundsätzlich befassen wir uns recht intensiv mit der medienpolitischen Entwicklung und der möglichen Ausgestaltung des Rundfunkbeitrages. Als Vorsitzender eines Gremiums, das sich auch mit den Finanzen von Deutschlandradio befasst, weiß ich, dass im Hause verantwortungsbewusst mit dem Geld der Beitragszahler umgegangen wird. Da geht es schlicht um Fragen wie: Wie können wir bei nahezu gleichbleibendem Etat die Qualität halten? Wie können wir gleichzeitig in der linearen und in der nicht-linearen Welt präsent sein? Schlicht: Wie erfüllen wir auch morgen noch unseren Auftrag? Und, ich glaube, kaum jemand käme auf die Idee, einem der drei Programme von Deutschlandradio vorzuwerfen, es sei seine 50 Cent vom Rundfunkbeitrag nicht wert.     

medienpolitik.net: Sie haben sich auch mit aktuellen Telemedienangeboten befasst. Welche Rolle spielen diese Angebote inzwischen für die Akzeptanz und Nutzung von Deutschlandradio?

Schildt: Ich antworte als Hörfunkratsvorsitzender, der selbst in den sozialen Medien unterwegs ist und die App- und Podcast-Angebote von Deutschlandradio fleißig nutzt. Ich kenne sie also ziemlich gut, sei es die Dlf Audiothek, das Nachrichtenangebot des Deutschlandfunks, den Politik-Podcast aus dem Hauptstadtstudio, DER TAG des Deutschlandfunks, Lakonisch Elegant von Deutschlandfunk Kultur oder das bereits erwähnte Angebot von Deutschlandfunk Nova „Eine Stunde History“. Hinzu kommen Informationen, die wir im Hörfunkrat regelmäßig von der Medienforschung erhalten. Beides festigt meinen Eindruck, dass hier ein zielführender und gleichzeitig besonnener Weg eingeschlagen wurde. Wer die große Zahl der linearen Stammhörer nicht verprellen will, die es ja nach wie vor gibt, muss die Qualität im „klassischen“ Angebot beibehalten und weiterführen; daneben sind digitale Angebote für jüngere Nutzer aber unverzichtbar.

medienpolitik.net: Deutschlandradio hat für 2018 einem Überschuss in der Finanzrechnung in Höhe von 3,47 Mio. Euro erreicht. Wie war das möglich?

Schildt: Deutschlandradio legt großen Wert darauf, dass es mit dem Geld der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler verantwortungsvoll umgeht. In den strategischen Zielen, die der Intendant mit uns besprochen hat, liest sich das so: „Deutschlandradio erfüllt seine Aufgaben wirtschaftlich und nachhaltig.“  Dass 2018 die Einnahmen höher waren als die Ausgaben, liegt zum einen daran, dass Deutschlandradio das Geld, das für Investitionen eingeplant wurde, nur zu einem Teil einsetzen konnte. Auch in die Altersrückstellung ist weniger Geld geflossen als veranschlagt. Aufgrund der restriktiven Vorgaben in der Mittelverwendung durch die KEF, stehen diese Überschüsse jedoch nicht für die Finanzierung beispielsweise von Programmvorhaben zur Verfügung. Technisch gesprochen: Es gibt hier keine Deckungsfähigkeit. Sie können also einen Überschuss ausweisen und gleichzeitig beim Programm- oder Personaletat mit einem angespannten Haushalt kämpfen.

medienpolitik.net: Mit welchen finanziellen Erwartungen blicken Sie auf 2019 und 2020?

Schildt: Für das laufende Jahr 2019 geht Deutschlandradio davon aus, dass es seine im Wirtschaftsplan verabschiedeten Ziele erreicht. Das Jahr 2020 ist das letzte Jahr der laufenden Beitragsperiode, die 2017 begonnen hat. Deutschlandradio wirtschaftet über diese vier Jahre so, dass es mit dem Geld, das ihm die KEF zur Verfügung stellt, auskommt – und im Übrigen auch auskommen muss. Die Deutschlandradio-Programme sind werbefrei und ohne Sponsoring. Es gibt hier also keine weiteren Einnahmequellen.

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