„Es gilt das Prinzip der unerschrockenen und aufmerksamen Nachfrage“

von am 09.09.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Journalismus, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Es gilt das Prinzip der unerschrockenen und aufmerksamen Nachfrage“
Rainald Becker, ARD-Chefredakteur

ARD-Chefredakteur verteidigt grundsätzlich Berichterstattung über AfD 

09.09.2019. Interview mit Raimund Becker, ARD-Chefredakteur

Die Berichterstattung der ARD über die Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen ist von mehreren Zeitungen unangemessen scharf kritisiert worden. So schrieb die „Zeit“: „Das öffentlich-rechtliche Fernsehen scheitert dabei, journalistisch angemessen über die AfD zu berichten.“ Und die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb, dass sich nach einem für die AfD sehr gemütlichen Wahlabend in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung die Frage stelle, ob die Behauptung der AfD über eine angeblichen Lügen- und Systempresse Journalisten die nötige Distanz koste, oder sie schlicht besser gerüstet sein müssten. Dazu sagte der ARD-Chefredakteur Rainald Becker in einem medienpolitik.net: „Die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei, über die wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ebenso berichten, wie über alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien. Die Berichterstattung über die AfD ist allerdings eine besondere Herausforderung, da die Parteimitglieder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei vielen Gelegenheiten unterstellen, sogenannte ‚Fake News‘ zu verbreiten.“ Der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe die Aufgabe wie den Auftrag, das ganze politische Spektrum unseres Landes im Programm abzubilden.  

medienpolitik.net: Herr Becker, ist für Sie, in Bezug auf die Berichterstattung in der ARD, die AfD eine Partei wie jede andere der im deutschen Bundestag vertretenen Parteien?
Becker: Die AfD ist eine demokratisch legitimierte Partei, über die wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk ebenso berichten, wie über alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien. Die Berichterstattung über die AfD ist allerdings eine besondere Herausforderung, da die Parteimitglieder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei vielen Gelegenheiten unterstellen, sogenannte „fake news“ zu verbreiten.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für die publizistische Berichterstattung?
Becker: Wir begleiten die Arbeit aller politischen Parteien durch kritische Berichterstattung. Es gilt das Prinzip der unerschrockenen und aufmerksamen Nachfrage, der persönlichen wie journalistischen Distanz, damit keine unbelegten Behauptungen oder Unwahrheiten im Raum stehenbleiben. Unsere Zuschauer sollen sich durch unsere aktuellen Nachrichtensendungen wie durch unsere Hintergrund-Reportagen und Dokumentationen das „ganze Bild“ machen können.

medienpolitik.net: Existiert in der ARD für Journalisten Regeln für den Umgang mit der AfD?
Becker: Es gibt keine festgeschriebenen Regeln für die Berichterstattung über die AfD oder ihre Mitglieder. Das Beherrschen des journalistischen Handwerks ist für ARD-Journalisten im Umgang mit den Vertretern aller politischen Parteien und deren Programmen selbstverständlich.

medienpolitik.net: Zeitungen haben nach dem jüngsten Wahlabend Journalisten der ARD für ihren Umgang mit der AfD kritisiert und geschlussfolgert: sie müssten „schlicht besser gerüstet sein“. Inwieweit ist der journalistische Umgang mit der AfD in den Redaktionen – nicht nur im Osten – ein wichtiges Thema? Becker: Das ist ein wichtiges Thema und es gelten die Prinzipien, die unter den beiden vorigen Fragen ausgeführt wurden. Und wenn in der Hektik eines Wahlabends Fehler passieren, stehen wir zu ihnen und lernen daraus.

„Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Aufgabe wie den Auftrag, das ganze politische Spektrum unseres Landes im Programm abzubilden.“

medienpolitik.net: Die AfD oder ihre Themen sind häufig in den Talk-Sendungen präsent, bietet man der Partei damit nicht eine zu große Plattform für ihre populistischen Thesen? Becker: Die Vertreter der AfD kommen in unseren Gesprächssendungen ebenso vor, wie die Mitglieder anderer, im Bundestag vertretenen Parteien. Die Gästeauswahl erfolgt jeweils in eigener Hoheit der Redaktionen und orientiert sich immer am Thema der Sendung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat die Aufgabe wie den Auftrag, das ganze politische Spektrum unseres Landes im Programm abzubilden.

medienpolitik.net: Nach meinem Eindruck sendete die ARD in den vergangenen Wochen mehr Berichte und Reportagen aus den neuen Bundesländern. Hängt die Zunahme der Berichterstattung aus dem Osten mit dem Erstarken der AfD zusammen?
Becker: Nein. Wir berichten regelmäßig aus allen Bundesländern. Anlässlich der drei Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen gab und gibt es natürlich einen besonderen Fokus auf diese drei Länder.

medienpolitik.net: Den Medien wird oft vorgeworfen zu wenig und nicht objektiv aus den neuen Ländern zu berichten und damit an der schlechten Stimmung im Osten mit Schuld zu sein. Müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr dazu beitragen, das zu ändern?
Becker: Diese Frage steht im Widerspruch zur Ihrer letzten Frage. Grundsätzlich gilt es, unseren öffentlich-rechtlichen Informations- und Bildungsauftrag zu erfüllen. Dazu gehören regelmäßige wie objektive Berichte aus allen Bundesländern. Die ARD hat den unschätzbaren Vorteil, in allen Regionen Deutschlands mit Landesstudios und Journalisten vertreten und entsprechend vernetzt zu sein. Wir müssen nicht lange anreisen, wir sind vor Ort.

Print article