„Vom entspannt zurücklegen sind wir weit entfernt“

von am 16.09.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienwirtschaft

„Vom entspannt zurücklegen sind wir weit entfernt“
Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino, Geschäftsführer der Yorck-Kino GmbH in Berlin und der Programmkino Ost GmbH in Dresden

Situation der Kinos ein wenig besser als 2018, Kinoförderung muss dennoch dringend erhöht werden

16.09.2019. Interview mit Dr. Christian Bräuer Vorstandsvorsitzender der AG Kino

In Leipzig beginnt heute die 19. Filmkunstmesse, eine Veranstaltung der AG Kino – Gilde. Die Filmkunstmesse Leipzig ist ein europaweit einzigartiges Forum für den partnerschaftlichen Austausch zwischen Kinobetreibern, Verleihern und Fachleuten aus der Arthouse-Branche. Sie bietet eine Plattform, auf der Fachleute weit vor Bundesstart Filme sichten, über Marketing und Potential der einzelnen Filme diskutieren und gemeinsam in Seminaren, Workshops und Diskussionsrunden Strategien für die Zukunft der Filmkunst entwickeln. Mit 72 Filmen zeigt die Filmkunstmesse wieder einen großartigen Querschnitt durch das deutsche, europäische und unabhängige amerikanische Kino. Zu jedem der Filme findet in Form von moderierten Gesprächen über Marktpositionierung, Zielgruppenorientierung und Marketingstrategien ein ausgiebiger Austausch zwischen allen Beteiligten statt. Zur Eröffnung wird die Komödie von Richard Linklater „Bernadette“ gezeigt. Fragen an Dr. Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender der AG Kino und selbst Kinobetreiber, zur aktuellen Situation der Kinos, zu den Besucherzahlen, dem Zukunftsfonds Kino, dem Filmangebot und dem Marketing für kleinere Kinos. Das Fazit von Dr. Christian Bräuer: „Untergangsszenarien sind daher ebenso unangebracht, wie die strukturellen Marktveränderungen, denen wir Kinos uns stellen müssen, zu ignorieren.“

medienpolitik.net: Herr Bräuer, das 1. Halbjahr ist für die Kinos besser gelaufen als 2018. Da könnten Sie sich doch entspannt zurücklehnen, wenn die Kinos wieder mehr Umsatz machen?
Bräuer: 2019 entwickelt sich auch im Sommer erheblich besser als das Vorjahr. Ein gutes Zeichen nach dem mehr als besorgniserregenden Vorjahr. Gleichwohl wird 2019 im Zehnjahresrückblick zumindest nach Besuchern keine Spitzenposition einnehmen. Untergangsszenarien sind daher ebenso unangebracht, wie die strukturellen Marktveränderungen, denen wir Kinos uns stellen müssen, zu ignorieren. Einerseits beobachten wir bei Streamingplattformen, Studios und Multiplexketten eine Marktkonzentration mit Monopolisierungstendenzen. Mit der Fox verlieren wir gerade einen verlässlichen und starken Partner, während Disney mit einer überschaubaren Anzahl an Filmen ein Drittel des Marktanteils erwirtschaftet und zugleich die Entwicklung von vielen Fox-Projekten stoppte. Und andererseits müssen wir zusehen, wie sich die uns so wichtige europäische Filmproduktion zunehmend im klein-klein verirrt. Ich bin aber weiter optimistisch. Bei den Filmfestivals in Cannes und Venedig habe ich viele beeindruckende Werke gesehen, aber vom entspannt zurücklegen sind wir weit entfernt. Denn der Investitionsstau des mittelständisch fragmentierten Filmkunstkinomarkts ist enorm. Viele Betriebe sind unterkapitalisiert, an eine Rücklagenbildung ist da angesichts der fragilen Erlösstruktur nicht zu denken. Dabei müssten die Kinos gerade jetzt in neue technische Standards, Aufenthaltsqualität und digitale Infrastruktur investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

medienpolitik.net: Der Zukunftsfonds Kino will mit 20 Millionen Euro ab nächstes Jahr helfen, dass das Kino auch funktionell relevant bleibt. Was wissen Sie inzwischen über den Einsatz der Mittel?

Bräuer: Gerade ist das Soforthilfeprogramm gestartet. Wir gehen davon aus, dass nun zügig auch über die Bedingungen des Zukunftsprogramms gesprochen wird. Ihre Vorschläge und Erfahrungen haben die Kinoverbände dargelegt und begründet. Im Kontrast zum Soforthilfeprogramm wird sich das Zukunftsprogramm bundesweit auf Kinos beziehen. Aus unserer Sicht spricht auch vor dem Hintergrund der Formulierung des Koalitionsvertrags alles dafür, den Schwerpunkt bei Kinos im ländlichen Raum sowie Filmkunsttheatern als Garanten für den kulturell anspruchsvollen Kinofilm zu setzen. Wichtig erscheint uns aber, die traditionellen Theater in ihrer gesamten Breite zu erfassen. Um den Kinos Planungssicherheit zu geben, wäre es aber zu wünschen, nun bald über Details und vor allem auch das Budget zu sprechen.

„Untergangsszenarien sind ebenso unangebracht, wie die strukturellen Marktveränderungen, denen wir Kinos uns stellen müssen, zu ignorieren.“

medienpolitik.net: Die Summe ist deutlich geringer als von Ihnen aufgrund des Investitionsbedarfs in den Kinos gefordert. Wie soll und kann dieses Delta zwischen Bedarf und realer Fördersumme ausgeglichen werden?

Bräuer: Die zu einem ähnlichen Ergebnis kommenden Schätzungen von HDF und AG Kino halte ich weiter für valide. Wie Bühnen sind auch Kinos in Bau und Erhalt teure, technisch getriebene Betriebe. Jeder der sich mit Kulturdenkmälern befasst, weiß, dass sich leicht ein Gutteil des geplanten Bundesetats in nur ein Filmtheater investieren ließe. Von daher halten wir es für wichtig, das in den kommenden Beratungen auch der Investitionsbedarf der Kinos noch einmal diskutiert wird und wir hoffen, dass dann in der Bereinigungssitzung noch einmal von Seiten des Parlaments nachjustiert wird. Wichtig ist, dass ein gutes, verlässliches und flexibles Programm entsteht, dass den unterschiedlichen Förderbedürfnissen der Kinos gerecht wird. Zudem brauchen wir auch eine Lösung für Denkmäler und Großprojekte. Ich bin sicher, dass sich diese Investitionen sowohl für die lokale kulturelle Vielfalt als auch für die Filmwirtschaft insgesamt auszahlt.

medienpolitik.net: Es gab im vergangenen Jahr wieder einen Zuwachs an Kinoleinwänden. Ist es aufgrund der wirtschaftlichen Situation vieler Kinos eine kulturpolitische Illusion, dass nahezu alle Kinostandorte auch künftig erhalten werden sollen?

Bräuer: Absolut nicht. Wenn wir es richtig anstellen, hat Kino in Deutschland durchaus Potenzial. Natürlich können wir Binnenmigrationstendenzen nicht allein entgegenwirken, Kinos tragen aber in ihrem Umfeld ganz gewiss zur Lebensqualität bei. Von daher sind Kinos als niedrigschwelliger Kulturraum sowohl im ländlichen Raum als auch in wachsenden Städten eine Säule für eine lebendige Nachbarschaft. In Zeiten der Vereinzelung, in der man zunehmend sein ganzes Leben von zu Hause aus organisieren kann, werden Kinos als eine der wenigen verbliebenen kollektiven Kulturräume immer wichtiger. Eine gute Geschichte in der Gruppe zu hören und zu sehen, hat Menschen schon immer fasziniert. Und kein Medium kann das so gut wie der Film. Zugleich trägt diese gemeinsame Erfahrung und der Austausch über das Gesehene selbst zur Bildung und Übermittlung von Wissen, Kultur und Tradition bei. Im weitesten Sinne geht es auch um die Vision, die wir von der Zukunft unserer Gesellschaft haben.

medienpolitik.net: Das Zukunftsprogramm Kino sollte von Bund und Ländern gemeinsam finanziert werden. Die Länder halten sich aber zurück, obwohl sie laut Verfassung die zuständige Kompetenz für Kultur haben. Wollen Sie sie aus der Verantwortung entlassen? 

Bräuer: Natürlich nicht. Wir sind mit den Filmreferenten der Länder seit Längerem dazu in Gespräch. Wie schon bei der Digitalisierungsförderung wird es nicht in allen Ländern einfach sein, dass rasch die benötigten Mittel bereitstehen. Doch unsere Argumente sind überzeugend, zudem flössen auf diese Weise Bundesmittel ins Land. Wie ihr Vorgänger wird sich sicherlich auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei ihren Länderkolleginnen und -kollegen für die Kofinanzierung der Länder einsetzen.

„Es stimmt etwas nicht, wenn zwei Drittel der geförderten Filme unsichtbar bleiben. Das hat dann auch nichts mehr mit kultureller Vielfalt zu tun.“

medienpolitik.net: Auf dem politischen Panel soll darüber diskutiert werden, wie Kino, Verleih, Festivals, Promotion und Förderung zusammengreifen müssen. Was muss sich an der aktuellen Situation ändern?

Bräuer: Dem italienischen Filmmarkt testierte Venedig-Chef Alberto Barbera gerade, dass die Qualität abnimmt, während Investitionen konstant bleiben und sich die Anzahl der Filme verdoppelt. Ein Klagelied, das hierzulande die Kulturstaatsministerin schon zur Berlinale angestimmt hat. Es stimmt etwas nicht, wenn zwei Drittel der geförderten Filme unsichtbar bleiben. Das hat dann auch nichts mehr mit kultureller Vielfalt zu tun. Natürlich bleiben die mittelständische Struktur und Sprachenvielfalt Fluch und Segen der europäischen Filmwirtschaft. Doch ist es an der Zeit, einen irrsinnige Standortwettbewerb und die Sinnhaftigkeit von Standorteffekten als dominantem Erfolgskriterium der staatlichen Förderung zu hinterfragen. Wichtig ist, dass mit der Novellierung des Filmförderungsgesetzes ambitionierte Ziele verfolgt werden. Denn Filmförderung ist kein Selbstzweck. Im Fokus aller Überlegungen muss stehen, wie wir die Qualität des deutschen Films steigern und den Kulturort Kino stärken. Wie schaffen wir es, regelmäßig in den Wettbewerben der großen A-Festivals vertreten zu sein und Sichtbarkeit und Erfolg des deutschen Films auch international zu steigern? Wie bringen wir wieder mehr Besucher in die Kinos. Im Zusammenspiel wird beides künstlerisch wie wirtschaftlich die deutsche Filmwirtschaft voranbringen. Dazu ist es erforderlich, die Novellierung des FFG in der Gesamtschau der nationalen Filmförderung zu sehen. Hier erscheint uns eine Gewichtsverlagerung zu Gunsten Vertrieb und Kino schon lange überfällig. Es ist wichtig, dass die Herausbringung und Vermittlung der geförderten Werke stärker im Zentrum steht. Ein wichtiger Baustein hierfür wäre eine Stärkung der Referenzkinoförderung. Zudem brauchen wir gerade für Autoren- und Dokumentarfilme eine holistische Arthouse-Strategie, die von der Ideenentwicklung bis zum Publikum die Zahnräder der einzelnen Gewerke klug miteinander verbindet. Wir brauchen wieder mehr kreative Originalität, Wagemut und Ambition.

medienpolitik.net: Müssen die Kinos für das Marketing eine größere Verantwortung übernehmen, da sie ihr Publikum und ihre Region am besten kennen?

Bräuer: Absolut. Und dies gilt insbesondere für die Arthousefilme, die strukturell über geringere Marketingbudgets verfügen. Gerade für „kleine“ Filme ist die lokale Programm- und Marketingarbeit, oftmals der Event um den Film von herausragender Bedeutung. Viele Filmemacherinnen und Verleiher wissen dies und touren mit ihren Werken durch Deutschland. Doch dies ist für alle Beteiligten aufwendig. Zeit und Budget sind knapp. Auch digitale Kundenkommunikation, die gerade auch im Arthousemarkt von immer größerer Bedeutung ist, ist in Infrastruktur und Nutzung sehr teuer. Zugleich liegt hier sehr großes Potenzial für Sichtbarkeit und Relevanz kultureller Vielfalt.

medienpolitik.net: Welche Voraussetzungen erfordert das?

Bräuer: Um diese Potenziale zu heben, bräuchten wir korrespondierend zum Zukunftsprogramm eine Programmförderung wie sie beispielsweise in Frankreich existiert. Durch die Incentivierung von Filmvermittlung und Programmvielfalt würden Kinos verlässlicher in die Lage versetzt, ihre Programm- und Marketingarbeit auszubauen. Professionalisierung und Netzwerkbildung sind zudem weitere elementare Elemente für einen nachhaltigen Erfolg. Und genau dafür steht die Filmkunstmesse seit ihrer Gründung: die Stärkung unserer Branche durch Austausch und Zusammenarbeit. Auch in der digitalen Gesellschaft ist das in der Nachbarschaft verwurzelte und mit Kompetenz und Leidenschaft betriebene Kino zeitlos modern. Oder wie es Russ Collins, Gründer und Direktor der us-amerikanischen Arthouse-Convergence letztes Jahr in Leipzig ausdrückte: „Goliath Netflix is too big to ignore. But David – the Arthouse – is unstoppable.“

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