„Am Ende ist auch der Erfolg ausschlaggebend“

von am 08.10.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Hörfunk, Internet, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Am Ende ist auch der Erfolg ausschlaggebend“
Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission und Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks

Die ARD Audiothek ist die fünfte Hauptsäule des digitalen ARD-Angebotes

08.10.2019. Interview mit Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission und BR-Hörfunkdirektor

Vor fast zwei Jahren, Anfang November 2017, hat die ARD eine technische und auch medienpolitische Innovation gestartet. Auf einer Plattform, der ARD Audiothek, können Audioangebote von allen neun ARD-Rundfunkanstalten und dem Deutschlandradio abgerufen werden. Täglich stehen rund 80.000 Audios zur Verfügung. Absolute Topseller sind der „ARD Radio Tatort“, der Podcast von „SWR2 Wissen“ oder die NDR-Radiocomedy „Wir sind die Freeses“. Die ARD Audiothek bietet auch exklusive Beiträge, die nicht in den linearen Radioprogrammen verbreitet werden. Nach Auffassung von Martin Wagner, Vorsitzender der ARD-Hörfunkkommission und BR-Hörfunkdirektor, hat sich die Audiothek zu „einer der fünf Hauptsäulen des digitalen Gesamtangebots der ARD“ entwickelt. Das wurde erreicht, so Weber, weil alle Ressourcen bei ARD.de für digitale Audioprodukte auf die ARD Audiothek konzentriert worden seien. Am Ende, so Wagner, sei neben der Qualität der Erfolg der Beiträge für die Präsenz in der Audiothek ausschlaggebend. „Wenn eine Reihe über einen längeren Zeitraum klar definierte Bewertungskriterien nicht erfüllt, wird sie aus der ARD Audiothek entfernt.“

medienpolitik.net: Herr Wagner, die ARD Audiothek ist vor fast genau zwei Jahren gestartet. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Hat sicher der finanzielle und personelle Aufwand gelohnt?

Wagner: Wir haben eine überaus erfreuliche Bilanz vorzuweisen. Die App wurde inzwischen über 900.000 Mal auf Smartphones installiert. Seit dem Start der ARD Audiothek am 8. November 2017 wurden inzwischen über 41 Millionen Audios abgerufen. Tendenz kontinuierlich steigend. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis Ende des Jahres die Millionenmarke bei den Apps erreichen. Die ARD Audiothek ist eine Erfolgsgeschichte – auch deshalb ist sie eine der fünf Hauptsäulen des digitalen Gesamtangebots der ARD. Das zuständige Gremium, die ARD-Hörfunkkommission hat frühzeitig darauf gesetzt, die ARD Audiothek sukzessive zu optimieren und den Nutzerbedürfnissen anzupassen und damit auch alle Ressourcen bei ARD.de für digitale Audioprodukte auf die ARD Audiothek zu konzentrieren.

medienpolitik.net: Inwieweit erreichen Sie auch jüngere Nutzer mit der Audiothek?

Wagner: Die ARD Audiothek ist besonders bei der mittleren Generation beliebt. Wir erreichen knapp 40 Prozent der 30 bis 49-Jährigen.*) Die Nutzerinnen und Nutzer der ARD Audiothek sind im Schnitt 7 Jahre jünger als die Hörerinnen und Hörer der linearen ARD-Kultur- und Informationsprogramme. Bei den 14 – 29-Jährigen fällt die Nutzung der ARD Audiothek geringer aus. Allerdings ist das auch nicht die Kernzielgruppe. Trotzdem möchten wir unserem Anspruch gerecht werden, möglichst alle Gesellschaftsschichten zu erreichen und neue Publika zu erschließen. Wir haben z.B. festgestellt, dass die ARD Audiothek stärker von Männern als von Frauen genutzt wird. Mit unserer Sommerkampagne haben wir darauf reagiert und bewusst auf Frauen zugeschnittene „Programmschwerpunkte“ in den Vordergrund gestellt. So ist es uns aktuell gelungen, deutlich mehr Nutzerinnen zu gewinnen.  (Quelle: Feedback ARD Audiothek, Ergebnisse der quantitativen und qualitiativen Untersuchungen 2018/2019, SWR Medienforschung, ARD.de)

„Wir müssen daran interessiert sein, unser digitales Portfolio mitzudenken.“

medienpolitik.net: Nach welchen Kriterien wird über die Aufnahme in die Audiothek entschieden?

Wagner: Im Sommer haben sich alle zuliefernden Rundfunkanstalten im Zuge der Weiterentwicklung der ARD Audiothek auf ein überarbeitetes Regelwerk verständigt, das ab Ende Oktober greifen wird. Ziel ist es, das Profil der ARD Audiothek weiter zu schärfen. Gerade bei der Vielzahl an Zulieferungen aus neun Landesrundfunkanstalten und dem Deutschlandradio ist eine sinnvolle und verlässliche Kuratierung entscheidend. Es gibt zahlreiche Kriterien, die die Redaktionen beachten und erfüllen müssen. Beispielsweise bei den Metadaten. Hier ist ein hoher Qualitätsstandard für die Aufnahme Voraussetzung. Darüber hinaus ist die ARD Audiothek keine Plattform für Tagesaktualität. Dafür haben wir andere Plattformen in der ARD. Auch regionale Inhalte sollten bundesweit Interesse finden. Am Ende ist auch der Erfolg ausschlaggebend. Wenn eine Reihe über einen längeren Zeitraum klar definierte Bewertungskriterien nicht erfüllt, wird sie aus der ARD Audiothek entfernt.

medienpolitik.net: Wie ist die Akzeptanz von längeren Wortangeboten, wie z.B. längeren Interviews, Reportagen, Talk-Shows?

Wagner: Längere Wortangebote sind außerordentlich beliebt. Die höchsten Abrufe entfallen auf Formatlängen zwischen 20 und 60 Minuten. Die Rubrik mit den zweithöchsten Abrufzahlen ist „Doku&Reportage“.

medienpolitik.net: Und von Hörspielen?

Wagner: Hörspiele erzielen die längsten Hörzeiten und die höchsten Abrufzahlen in der ARD Audiothek. Fast ein Drittel der Gesamtnutzung entfällt auf diese Rubrik. Besonders beliebt ist der ARD Radio Tatort, aber auch andere fiktionale Stoffe. Wir werden aufgrund des großen Zuspruchs und der hohen Nachfrage die Produktion von potentiell reichweitenstarken Hörspielen, die von Anfang an vor dem Hintergrund eines attraktiven OnDemand-Angebots mitgedacht werden, verstärken.

medienpolitik.net: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich für Sie als Hörfunkdirektor für die Gestaltung der Hörfunkprogramme aus der Nutzung der Audiothek?

Wagner: Für uns als Programm-Macher rundet die Audiothek zunächst auf zeitgemäße Art unser Produktportfolio ab. Wir werden weiterhin daran festhalten, unsere erfolgreichen Programme reichweitenstark zu produzieren. Gleichzeitig aber müssen wir daran interessiert sein, unser digitales Portfolio mitzudenken. Insoweit gibt es eine wichtige Wechselwirkung zwischen der linearen und OnDemand-Welt.

„Eines der nächsten technischen Features wird die Einführung einer Algorithmus-gestützten Personalisierungsfunktion sein.“

medienpolitik.net: Mit dem neuen Telemedienauftrag können auch Inhalte unabhängig von der linearen Ausstrahlung ins Netz gestellt werden. Wird es also auch in der Audiothek künftig Beiträge geben, die nicht in den Radioangeboten der ARD und des Deutschlandradios laufen?

Wagner: Solche Angebote gibt es bereits. Die Podcasts des WDR „Autokorrektur“, „Ball you need is love“, „Story Quarks“ „Rheinblick“ aber auch das „Tagesticket“ des BR sind dezidierte Eigenproduktionen für den Podcast-Markt. Auch im BR entstehen tatsächlich immer mehr Podcasts, die digital-only ausgestrahlt werden. Ich bin sicher, dass die ARD Audiothek von dieser spannenden Entwicklung profitieren wird.

medienpolitik.net: Sie sprachen eben die Podcasts an. Welche Rolle spielen diese inzwischen in der Audiothek?

Wagner: Die meisten Inhalte, die wir in der Audiothek bereitstellen, sind Inhalte, die als Podcastfeeds angeboten werden. Wir kommen zurzeit auf 770 Reihen. Die meisten davon haben jedoch einen Rückbezug zur linearen Sendung.

medienpolitik.net: Wie wird sich die Audiothek weiterentwickeln? Ist auch eine Personalisierung geplant?

Wagner: Die ARD Audiothek wird kontinuierlich inhaltlich weiterentwickelt. Das umfasst insbesondere eine optimierte Kuratierung, aber auch die Entwicklung neuer Formate. Das ist Teil unserer Audiostrategie. Hier arbeiten alle Landesrundfunkanstalten, das Deutschlandradio und ARD.de sehr eng zusammen. Gleiches gilt für die technische Weiterentwicklung. Eines der nächsten technischen Features wird die Einführung einer Algorithmus-gestützten Personalisierungsfunktion sein.

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