„Disruptive Geschäftsmodelle nicht mit Avantgarde verwechseln“

von am 07.10.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Medienförderung, Medienwirtschaft

„Disruptive Geschäftsmodelle nicht mit Avantgarde verwechseln“
Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und Erwin M. Schmidt, Geschäftsführer, Produzentenverband e.V.

Branche erwartet weitere Konsolidierung der Filmwirtschaft

07.10.2019. Fragen an Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und Erwin M. Schmidt, Geschäftsführer, Produzentenverband e.V.

Unter dem Motto „2024 – Produzieren für Kino, Streaming und TV“ trafen sich Ende September Produzenten, Kreative und filmpolitische Akteure zur ersten „Explorer Konferenz“ in der Hamburger Kunsthalle. Der Kongress beleuchtete neue Trends und analysierte die Herausforderungen und Chancen des aktuellen Umbruchs in der Filmbranche. Die Explorer Konferenz war eingebettet in das FILMFEST HAMBURG, das vom 26. September bis 5. Oktober 2019 in der Stadt lief. Nach Auffassung von Helge Albers, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, wird sich die Frage nach den Geschäftsmodellen im Bereich der Independents „noch mehr als bisher in den Vordergrund schieben und da kann es für verschiedene Produzenten durchaus unterschiedliche Ansätze geben. Die Konzentrationstendenzen, die wir schon seit einer Zeit sehen, werden sich fortsetzen.“ Erwin M. Schmidt, Produzentenverband, geht davon aus, dass die Technologie eine immer größere Rolle spielen werde. Mit ihrer Hilfe werden sich Zielgruppen leichter ansprechen und bedienen lassen, sie müssen im Umkehrschluss aber auch entsprechend bedient werden, weil sie sich sonst abwenden.“ Vor allem Produzenten seien gefordert, viel stärker an Zielgruppen zu denken und zielorientiert für sie zu produzieren.

medienpolitik.net: Wie sieht die Filmbranche in fünf Jahren aus?

Albers: Hoffentlich vielfältig und bunt. Hoffentlich innovativ und unterwegs mit Filmen, die das Publikum begeistern und neue Akzente setzen. Hoffentlich mit Kreativen, die sich zwischen Plattformen und Leinwand bewegen und konsequent für das jeweilige Medium erzählen. Und hoffentlich in einem Rahmen, der für einen fairen Ausgleich der einzelnen Teilnehmer sorgt.

Schmidt: Fortschritt bedeutet Veränderung, für alle Beteiligten. Wir erleben seit einigen Jahren eine tektonische Verschiebung der Verhältnisse im Markt. Neue Player tauchen auf, andere verschwinden oder verlieren an Bedeutung. Mitten in dieser Umwälzung befinden sich die unabhängigen Produzenten, die sich ebenfalls neu aufstellen werden, z.B. durch neue Formen der vernetzten internationalen Kooperation, jenseits der Koproduktion. In fünf Jahren wird der Markt erstmal konsolidiert und die Neuordnung abgeschlossen sein, zumindest für eine Weile.

medienpolitik.net: Wie haben sich die Bedingungen in den vergangenen Jahren verändert?

Albers: Die herausstechende Veränderung im Kinomarkt ist sicher die Aufteilung in markengetriebene Produktionen mit hohem kommerziellen Potenzial und andererseits das „Austrocknen“ gewohnter Finanzierungszuflüsse in die Produktionsbudgets von Arthouse Filmen. Minimumgarantien sind deutlich zurückgegangen, TV-Koproduktionsanteile sind ebenfalls rückläufig, Vertriebserlöse schwächeln. Das heißt, dass im Arthouse-Segment der Markt immer weniger funktioniert und im Umkehrschluss die Förderintensität steigt. Durch das Auftauchen der Plattformen steigt dieser Druck und zeitgleich ist viel Bewegung in die Branche gekommen – mit spannenden neuen Möglichkeiten des Filmemachens.

Schmidt: Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Zuschauer hat massiv zugenommen, mehr audiovisuelle Angebote denn je stehen in Konkurrenz zueinander, aber auch zu allen anderen Formen der Freizeitgestaltung. Mehr Filme denn je kämpfen im Kino um eine im besten Fall gleichbleibende Menge an Zuschauern. Dabei bleiben viele Filme unter ihrem Potential oder gehen völlig unter. Außerdem erfasst der digitale Wandel unsere Branche etwas verspätet, aber dafür nicht weniger umfassend und tiefgreifend.

„Wir erleben seit einigen Jahren eine tektonische Verschiebung der Verhältnisse im Markt.“ (Erwin M.Schmidt)

medienpolitik.net: Welche Anforderungen stellen die weiteren Veränderungen an die Förderung?

Albers: Dazu zählt natürlich die steigende Bedeutung von Fördermitteln im Arthouse-Bereich. Und wir müssen, wie alle anderen Marktteilnehmer, stets in Bewegung bleiben. Wenn sich die Film-Landschaft verändert, können wir als Förderung nicht statisch verharren. Wir brauchen neue Rahmenbedingungen und eine bessere finanzielle Ausstattung. Erst dann können wir flexibel agieren und auf die Entwicklungen reagieren. Und wir müssen in der Lage sein, uns selbst zu hinterfragen und lernfähig zu bleiben.

Schmidt: Die Filmförderung hat gerade eine historische Chance, die neuen Rahmenbedingungen proaktiv mitzugestalten – nicht nur auf der Ebene der Inhalte, sondern viel struktureller. Bisher hat keine Förderung Innovation in Großbuchstaben auf ihre Fahnen geschrieben. Dabei ist Technologie gerade der Motor, der alle Bereiche unseres Lebens umkrempelt, ob uns das nun passt oder nicht. Dem kann sich die Filmbranche nicht entziehen. Die Förderungen kann hierbei Impulse geben, Anreize schaffen, Forschung und Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen fördern – und sollte dabei natürlich ihr eigenes Model hinterfragen und anpassen.

medienpolitik.net: Welche Anforderungen stellen die weiteren Veränderungen an die Produzenten?

Albers: Die Frage nach den Geschäftsmodellen wird sich im Bereich der Independents noch mehr als bisher in den Vordergrund schieben und da kann es für verschiedene Produzenten durchaus unterschiedliche Ansätze geben. Die Konzentrationstendenzen, die wir schon seit einer Zeit sehen, werden sich fortsetzen. Gerade für kleinere Unternehmen steht die Frage im Raum, wie viele Einzelkämpfer bzw. wie viel Selbstausbeutung der Markt tragen kann. Gleichzeitig glaube ich daran, dass kreative Produzenten auch einfallsreich dabei sind, neue und ungewöhnliche Modelle zu denken, die ihr Risiko reduzieren und gegebenenfalls auch neue Geschäftsfelder erschließen.

Schmidt: Meiner Meinung nach wird Technologie eine immer größere Rolle spielen. Mit ihrer Hilfe werden sich Zielgruppen leichter ansprechen und bedienen lassen, sie müssen im Umkehrschluss aber auch entsprechend bedient werden, weil sie sich sonst abwenden. Nicht nur Produzenten, aber vor allem sie, werden gefordert sein, viel stärker an Zielgruppen zu denken und sehr zielorientiert für sie zu produzieren.

medienpolitik.net: Sind die Produzenten ausreichend darauf vorbereitet?

Albers: Es geht so. Da ist sicher noch Luft nach oben. Aber es ist auch alles andere als leicht, aus dem laufenden Geschäftsbetrieb heraus und mit dünner Eigenkapitaldecke weitreichende strategische Entscheidungen zu fällen und umzusetzen.

Schmidt: In keiner Branche sind die Akteure ausreichend auf diese Form der Umwälzung vorbereitet. In manchen gelingt es jedoch besser und schneller sich auf die Zukunft vorzubereiten. Von denen können und müssen wir lernen. Aus diesem Grund ist es für Creative Europe MEDIA ein großes Anliegen, die cross-sektoriale Vernetzung und Zusammenarbeit zu fördern.

medienpolitik.net: Ist die Förderung darauf schon ausreichend eingestellt?

Albers: Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein ist mit Herz und Seele Kinoförderung. Wir merken aber, dass wir in unseren Strukturen flexibler werden müssen. Unsere Kinoproduzenten drängen in den Markt der High-End-Serien. Wir wollen mehr Geld in die Entwicklung der Stoffe geben, innovative Formate im Norden verankern und junge Talente stärker unterstützen. An diesen Umbrüchen arbeiten wir gerade. Allerdings schaffen wir dies nicht ohne eine deutliche Budget-Aufstockung. Auch hier arbeiten wir daran, die Filmherzen der Politiker zu knacken.

Schmidt: Auch die die Landschaft der Förderungen ist sehr heterogen und insgesamt noch zu wenig mit der gebotenen Neuordnung befasst. Aber einzelne Förderungen gehen mutige Schritte voran, denen werden die anderen hoffentlich folgen.

„Gerade für kleinere Unternehmen steht die Frage im Raum, wie viele Einzelkämpfer bzw. wie viel Selbstausbeutung der Markt tragen kann.“ (Helge Albers)

medienpolitik.net: Sind Streamingdienste und Pay-TV die neue Avantgarde des Filmemachens?

Albers: Wir sollten disruptive Geschäftsmodelle nicht mit Avantgarde verwechseln. Netflix, Amazon oder Sky erfordern eine andere Form des Erzählens als der klassische Kinofilm. Ein gutes Beispiel ist der Regisseur Christian Schwochow: Seine preisgekrönte Serie „Bad Banks“ gehört auf die Streaming-Plattformen. Sein neuer bildgewaltiger Kinofilm „Deutschstunde“ braucht die große Leinwand. Die Spielwiese für die Filmschaffenden hat sich einfach vergrößert.

Schmidt: Streamingdienste und Pay-TV sind zurzeit unbestritten der globale Taktgeber für TV-Trends und extrem gut darin, Geschichten über Randgruppen zu erzählen und mit gängigen Serienklischees zu brechen. Mut und Experimentierfreude zahlen sich für sie aus, dieser Markt wäre andernfalls nicht so attraktiv auch für die neuen Player, deren Eintritt in diesen Reigen bevorsteht oder vorbereitet wird.

medienpolitik.net: Unter welchen Bedingungen hat das Kino die Chance, bei diesen Veränderungen seinen ersten Platz in der Verwertungskette zu behaupten?

Albers: Das Kino muss sich seines USP bewusst sein. Mit „das Kino“ meine ich in diesem Fall alle, die an der Herstellung und Auswertung eines Kinofilmes beteiligt sind. Je klarer Filme es vermögen, den Raum Kino in all seinen technischen und kreativen Möglichkeiten zu bespielen, desto einfacher ist es, dem Publikum zu vermitteln, dass ein Kinoerlebnis so eben nur im Kino zu bekommen ist.

Schmidt: Die personalisierte, digitale Ansprache von Zuschauern ist ein absolutes Muss, ebenso wie die Ausweitung des Erlebnisses Kino jenseits des eigentlichen Films. Wie für alle anderen Akteure der Wertschöpfungskette gilt auch für das Kino, dass es keine Rezepte gibt die man schlicht befolgen kann, außer vielleicht dem einen: Experimentieren, Ausprobieren und zur Not Scheitern. Nur so kann es meiner Meinung nach relevant bleiben.

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