Eine Hauptrolle für das Kino

von am 18.10.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Filmwirtschaft, Kreativwirtschaft, Kulturpolitik, Medienförderung, Medienwirtschaft

Eine Hauptrolle für das Kino
Monika Grütters (CDU), Staatsministerin für Kultur und Medien I © Christof Rieken

Im 1. Quartal 2020 soll das Zukunftsprogramm Kino starten

18.10.2019. Von Prof. Monika Grütters, CDU, Staatsministerin für Kultur und Medien

Nach den ein wenig unbefriedigenden Umsatz- und Besucherzahlen des Kinojahres 2018 und der – sagen wir es mal vorsichtig – nicht immer optimistisch stimmenden Berichterstattung dazu in den Feuilletons freuen wir, die wir mit Filmpolitik und Filmförderung zu tun haben, uns doch nach diesen goldenen Oktobertagen ausnahmsweise mal über einen herbstlichen Wetterbericht. Ausgedehnte Tiefdruckgebiete mit nasskaltem Schauerwetter verheißen in der Regel ja gut gefüllte Kinosäle. Und wenn das Kinoprogramm dann auch noch mit fesselnden Geschichten und außergewöhnlichen Leinwanderlebnissen aufwartet, wenn über Filme kontrovers diskutiert wird, dann dürfte das Gemeinschaftserlebnis Kino deutlich verlockender sein als der einsame Serienkonsum auf der heimischen Couch. Genau das jedenfalls muss unser Ziel sein, eine Hauptrolle für das Kino, wenn es um Filmgenuss geht!

Rückläufige Besucherzahlen, wie die FFA sie im Frühjahr für das vergangene Kinojahr vermeldet hat, dürfen und werden wir nicht einfach als unvermeidliche Begleiterscheinung des digitalen Wandels hinnehmen. Deshalb habe ich im Sommer Vertreterinnen und Vertreter der gesamten Branche – von der Produzentin bis zur Verleiherin, vom Kinobetreiber bis zum Filmförderer – zu drei filmpolitischen Gesprächsrunden ins Kanzleramt eingeladen, um aus unterschiedlichen Blickwinkeln ein Gesamtbild von der Lage des deutschen Films zu gewinnen. Die Diskussion, ob die Art, wie Filme hierzulande üblicherweise entwickelt, finanziert und vermarktet werden, die Kreativität und künstlerische Freiheit der Filmschaffenden eher befördert oder behindert, ist nicht neu. Relativ neu ist aber, dass lokale Geschäftsmodelle wie das Kino sich heute angesichts veränderter Unterhaltungsangebote und Sehgewohnheiten durch das Internet im globalen Wettbewerb behaupten müssen. Wie stellen wir unter diesen Bedingungen die Attraktivität der Kinos und die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Films wie auch des Filmstandorts Deutschland sicher? Diese Frage haben wir in den Gesprächsrunden aus drei Perspektiven beleuchtet: Mit Blick erstens auf Kino und Verleih, zweitens auf Stoffentwicklung und Produktion und drittens auf das Fördersystem. Mir war wichtig, dass es dabei vor allem um inhaltliche und prozedurale Themen geht, und nicht in erster Linie um finanzielle Aspekte. Denn für die Stärkung sowohl der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit wie auch der künstlerischen Freiheit des deutschen Films habe ich seit Beginn meiner Amtszeit schon eine Menge Geld in die Hand genommen: Die Fördertöpfe sind heute so gut gefüllt wie nie zuvor, und ich will, dass das so bleibt. Schließlich habe ich dafür seit Beginn meiner ersten Amtszeit unermüdlich geworben und so manchen harten politischen Kampf geführt. Diese filmpolitischen Erfolge werde ich verteidigen; darauf haben Sie mein Wort. Aber über die Verteilung der vorhandenen Mittel müssen wir reden: Welche Strukturen und Verfahren gehören auf den Prüfstand? Wie reagieren wir angemessen auf Veränderungen am Markt, ohne Bewährtes zu schwächen? 

Trotz diverser Meinungsverschiedenheiten waren sich alle einig, dass die Filmförderung weiterhin zum einen auf den Erfolg an der Kinokasse und zum anderen auf den kulturell anspruchsvollen Film abzielen sollte: auf den Arthousefilm, der auf Festivals reüssiert, der innovativ, radikal und kritisch sein kann und sein darf. Die Diskussionen haben darüber hinaus deutlich gemacht, dass es kein Patentrezept für Filmerfolge gibt – aber sehr wohl Faktoren, die allen erfolgreichen Filmen gemeinsam sind. Das sind die Professionalität ihrer Machart, kreative Talente, interessante Stoffe, zu Ende gedachte Geschichten und eine individuell angepasste, gute Vermarktung. So konnten wir uns darauf verständigen, dass wir eine stärkere Förderung der Drehbuch- und Stoffentwicklung einerseits und der Vermarktung andererseits prüfen sollten. Dazu brauchen wir zukunftsfähige Erlösstrukturen, die dem Produzenten eine angemessene Entlohnung garantieren und den Verleiher in die Lage versetzen, Filme durch zielgruppenspezifische Werbung sichtbar zu machen. Auch bestand Einigkeit, dass Deutschland als Produktionsstandort für ausländische Produzenten attraktiv bleiben muss und dass wir eine möglichst breite Harmonisierung von Bundes- und Länderfilmförderung anstreben sollten.

„Die Filmförderung soll weiterhin zum einen auf den Erfolg an der Kinokasse und zum anderen auf den kulturell anspruchsvollen Film abzielen“

Die Bereitschaft zum konstruktiven Austausch und die Offenheit für notwendige Veränderungen bei den Gesprächsrunden stimmen mich zuversichtlich, dass wir – Filmpolitik und Filmbranche – gemeinsam den Weg ebnen werden für künftige deutsche Film- und Serienerfolge und für gut gefüllte Kinosäle. In diesem Geiste werden wir hoffentlich die bevorstehenden filmpolitischen Diskussionen führen, beispielsweise um die Novellierung des Filmförderungsgesetzes. Auf der Grundlage erster Gespräche und schriftlicher Stellungnahmen aus der Branche bereitet mein Haus gerade einen Diskussionsentwurf vor, der Anfang 2020 vorliegen soll. Dann besteht noch einmal Gelegenheit zur schriftlichen Stellungnahme – bevor der „Runde Tisch“ zum FFG stattfindet, diesmal erst im Anschluss an die schriftliche Anhörung, um effektiver diskutieren zu können. Mein Haus wird rechtzeitig über den Termin informieren.

Weil großes Kino die große Kinoleinwand braucht, weil Filme, die berühren und bewegen, die fesseln und faszinieren, sich oft nur auf der großen Kinoleinwand voll entfalten, habe ich mit engagierter Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen Abgeordneten im Deutschen Bundestag Maßnahmen auf den Weg gebracht, die dazu beitragen sollen, das Kino als Kulturort zu erhalten. Kulturstätten sind ja gerade in sehr kleinen Städten und ländlichen Regionen dünn gesät; vielfach ist das Kino der einzige Ort, der Menschen aus ihren digitalen Echokammern und Filterblasen holt. Filmtheater, die Kino als Gemeinschaftserlebnis, als sinnliches Angebot zum einsamen Serienkonsum attraktiv machen und der vielfältigen Filmkunst landauf landab ein Publikum verschaffen, stärken die Fähigkeit einer Gesellschaft zur Reflexion und Verständigung – und damit auch die gesellschaftliche Immunabwehr gegen Demokratieverächter, was angesichts der jüngsten Wahlerfolge der Rechtspopulisten bitter notwendig ist. Anfang Juli 2019 haben wir deshalb ein kurzfristig wirksames und bis zum Jahresende befristetes Soforthilfeprogramm in Höhe von fünf Millionen Euro für Kinos in Gemeinden mit bis zu 25.000 Einwohnern auf den Weg gebracht, das es Kinobetreibern ermöglicht, bis zu 25.000 Euro für Modernisierungen und programmbegleitende Maßnahmen zu beantragen. Das Programm wurde erfreulich stark nachgefragt – für mich ein Anlass, weitere 500.000 Euro zur Verfügung zu stellen, um möglichst alle Kinos, die die Fördervoraussetzungen erfüllen, an diesem Programm teilhaben zu lassen.

„Ich hoffe, dass auch die Länder Verantwortung übernehmen und sich ab 2020 an der geplanten Initiative in Höhe der Bundesmittel beteiligen.“

Neben der Abwicklung des Soforthilfeprogramm arbeitet mein Haus an der Gestaltung des längerfristigen Zukunftsprogramms Kino, das im 1. Quartal 2020 mit der Förderung starten soll – beispielsweise für Gebäudeerhalt und Modernisierung, Ausstattung und Technik, Digitalinfrastruktur sowie für ökologische Modernisierung und Barrierefreiheit. Für das Jahr 2020 planen wir mit insgesamt 17 Millionen Euro. Das ermöglicht es, neben Kinos in ländlichen Räumen unter bestimmten Voraussetzungen auch Kinos in städtischen Gebieten einzubeziehen. Ich hoffe, dass auch die Länder Verantwortung übernehmen und sich ab 2020 an der geplanten Initiative in Höhe der Bundesmittel beteiligen. Auch von der Branche erwarte ich weiterhin Unterstützung, dazu Eigeninitiative und Offenheit für neue Ideen. Die braucht es in solchen Zeiten des Umbruchs – für zukunftsfähige Kinos, für eine prosperierende Filmwirtschaft und für kulturelle Vielfalt im Programm. [D]as Schöne am Kino ist, dass es uns immer noch erlaubt, uns zu streiten. Und zwar grundsätzlich“, hat einer der großen Altmeister der Filmkunst, Jean-Luc Godard, einmal in einem Interview gesagt. Allein dafür lohnt es sich schon, gemeinsam zu kämpfen, meine Damen und Herren – gerade in einer Zeit, in der die diffamierende Abwertung anderer Sicht- und Lebensweisen und die Verrohung des öffentlichen Diskurses die Fähigkeit des konstruktiven Streitens und damit zunehmend den Kern unserer Demokratie bedrohen. Sorgen wir dafür, dass es weiterhin Orte gibt, die Verstehen, Verständnis, Verständigung über die Grenzen zwischen unterschiedlichen Lebenswelten hinweg kultivieren! Sorgen wir dafür, dass das Kino eine Zukunft hat!

Aus der Rede von Kulturstaatsministerin Monika Grütters beim kinopolitischen Abend des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF Kino) und der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO)  am 15. Oktober 2019 in Berlin

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