Selbstinszenierungen als Botschaften

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Selbstinszenierungen als Botschaften
Helmut Hartung, Chefredakteur Medienpolitik.net

Soziale Netzwerke werden für die Verbreitung rechtsextremer Ideologien immer relevanter

11.10.2019. Von Helmut Hartung, Chefredakteur medienpolitik.net

Ein Mann in Militärkleidung steigt aus seinem Auto, legt sein Schnellfeuergewehr an und schießt um sich. Zwei Personen werden ermordet, weitere schwer verletzt. Was sich wie die Szene aus einem Videospiel ausnimmt, ist grausame Realität. Der Ort der brutalen Tat ist Halle. Am 9. Oktober unternimmt ein rechtradikaler Terrorist einen Amoklauf gegen eine jüdische Synagoge. Mit einer Kamera am Helm hält er die unwirtlichen Szenen im Bewegtbild fest, streamt sie live auf die Video-Plattform Twitch und kommentiert sie, wie bei einem Computerspiel. Das Video ist eine gute halbe Stunde lang. Laut Video-Plattform Twitch verfolgten fünf Menschen die Tat in Echtzeit – weitere 2.200 Nutzer sahen die Aufzeichnung, bevor sie gesperrt wurde. Nach Informationen der Extremismusforscherin Megan Squire wurde das Video auch auf der verschlüsselten Chat-Plattform Telegram verbreitet und fand dort etwa 15.625 Zuschauer. In verschiedenen Foren kursierte das Video auch noch am Tag nach dem Verbrechen.

Diese Selbstinszenierung rechten Terrors ist nicht ganz neu. Das Vorgehen des Täters von Halle erinnert an die Aktion des Attentäters im neuseeländischen Christchurch, der im März in zwei Moscheen fünfzig Personen ermordete und die Tat ebenfalls per Livestream im Netz übertrug. Für sein Video nutzte er gekonnt Schwachstellen der sozialen Netzwerke und verhinderte – auch mit Unterstützung von Helfern – dass die Social-Media-Firmen es mit einem Fingerabdruck („Hash“) versehen und automatisch löschen konnten. In rechtsextremen Kreisen zirkulieren inzwischen Videospiele, in denen man in die Rolle des Christchurch-Rechtsextremisten schlüpfen kann.

Twitch, ist ein weltweit verbreitetes Live-Streaming-Portal, das Amazon gehört und das vorrangig zur Übertragung von Videospielen genutzt wird. Jeder Nutzer mit einem Benutzerkonto kann einen eigenen Kanal erstellen und auf diesem seine Videos übertragen. Besonderes Augenmerk legt Twitch auf die Interaktion der Nutzer mit dem Livestreamer, so kann man die Streams kommentieren oder auch den Akteuren unterschiedlichste Herausforderungen stellen. Twitch ist eben nicht nur ein „Abspielkanal“, sondern ein soziales Netzwerk.

Der Sozialwissenschaftler Daniel Köhler bezeichnet in der ARD-Reportage „Rechter Terror“ Attentäter wie die von Christchurch oder Halle als einen „neuen Tätertypen“. Es handele sich dabei um junge Erwachsene, die mit den sozialen Medien, dem Internet aufgewachsen seien. Es ginge ihnen darum, etwas Besonderes zu teilen. Sie suchten das Licht der Kamera und wollten sich präsentieren wie Popstars oder Influencer für die rechte Szene weltweit.

„Influencer aller Art sind strukturell wie punktuell zu relevanten Akteuren geworden“

Zahlreiche Akteure nutzen die neuen kommunikativen Möglichkeiten, die soziale Netzwerke bieten, immer stärker strategisch, um politische oder ökonomische Erfolge zu erzielen, um Macht auszuüben: Influencer aller Art sind strukturell wie punktuell zu relevanten Akteuren geworden. Die kommunikative Selektions- wie Deutungsmacht liegt nicht mehr allein bei den traditionellen Medien.

Zudem prallen bei der Diskussion über die Regulierung von Intermediären demokratische Grundprinzipien aufeinander: Die Freedom of Speech-Norm aus der US-amerikanischen Tradition, die den Social Media zugrunde liege, decke sich nicht mit den europäischen Regeln bezüglich der Grenzen dessen, was öffentlich gesagt werden darf, stellt der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Otfried Jarren fest. „Dass nun europäische Staaten erwarten, dass ihre Normen und Regeln – dies- wie jenseits des Strafrechts wie der Persönlichkeitsrechte – bezüglich der Individualkommunikation auf Plattformen einzuhalten sind, das ist richtig. Denn es geht um das europäische Verständnis von Gesellschaft wie Demokratie. Aber dieser Anspruch muss auf Basis gesetzlicher Regeln und mit Hilfe juristischer Instanzen durchgesetzt werden. Über die Leitbilder, die Normen wie den Zweck von Regeln aber muss – immer wieder – diskutiert werden“, erläutert der Wissenschaftler der Universität Zürich. Die sozialen Netzwerke würden eine breite Diskussion über Kommunikationsnormen erfordern. Denn viele kommunikative Möglichkeiten sind neu. Politisch-rechtliche Eingriffe wie Anforderungen bedürften, je mehr sie mit den individuellen Ansprüchen der sich plural verstehenden Gesellschaft kollidierten, einer allgemeinen Debatte und sodann der gesellschaftlichen Zustimmung.

Neben der Debatte ist auch die Bestimmung der Rahmenbedingungen für soziale Netzwerke notwendig, wie die Länder es mit dem neuen Medienstaatsvertrag versuchen. Doch außer den Plattformen tragen auch die Provider eine große Verantwortung dafür, dass Hassbotschaften und Live-Bilder, die Verbrechen verherrlichen, nicht ins Netz gelangen oder umgehend gelöscht werden.

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