„Unsere Fiction-Highlights werden weiterhin linear und non-linear angeboten“

von am 15.10.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Filmwirtschaft, Medienordnung, Medienpolitik, Medienregulierung, Medienwirtschaft, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Unsere Fiction-Highlights werden weiterhin linear und non-linear angeboten“
Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

ZDF: Längere Verweildauer in der Mediathek bereits ab nächstem Jahr

15.10.2019. Interview mit Dr. Thomas Bellut, Intendant des ZDF

Das ZDF will mehr Inhalte ausschließlich im Internet zeigen und seine Sendungen außerdem länger im Netz zur Verfügung stellen. Das ermöglicht das im Mai in Kraft getretene Telemediengesetz. Für die Änderungen des Telemedienkonzepts des ZDF muss ein Drei-Stufen-Test durchgeführt werden. Das ZDF will in der Mediathek künftig auch Videos anbieten, die keinen Bezug zu linear ausgestrahlten Sendungen aufweisen. So könnten beispielsweise in den Bereichen Kultur und Wissenschaft mit Online-Only-Inhalten eigenständige Rubriken geschaffen werden, oder aktuelle Nachrichteninhalte im Internet zur Verfügung gestellt werden. Auch bei der Sportberichterstattung und dem Kinderprogramm möchte das ZDF seine Aktivitäten im Netz ausbauen. Die Sieben-Tage-Frist, die für die meisten Mediathek-Inhalte gilt, soll abgeschafft werden. So sollen fiktionale Inhalte ein Jahr abrufbar sein. Allerdings, so ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut, werde die lineare Verbreitung noch lange Zeit die wichtigste Säule des ZDF bleiben. „Veränderungen bei der Mediennutzung sehen wir vor allem bei den jüngeren Menschen.“

medienpolitik.net: Herr Bellut, Sie haben dem Fernsehrat ein verändertes Telemedienkonzept vorgelegt. Der Fernsehrat hat über ein Gutachten und einen Drei-Stufen-Test entschieden. Mit welcher Zeitspanne rechnen, bis Ihr Konzept – wenn es bestätigt wird – umgesetzt werden kann?

Bellut: Der Fernsehrat geht davon aus, dass der Drei-Stufen-Test bis zum Frühjahr 2020 abgeschlossen ist. Das Konzept selbst ist nicht gänzlich neu, sondern beschreibt Ergänzungen zum bestehenden Telemedienkonzept. Weite Teile sind auch bereits durch den Rundfunkstaatsvertrag zugelassen. Sie können daher davon ausgehen, dass vieles bereits im nächsten Jahr realisiert werden kann. Das gilt insbesondere für die Anpassung der Verweildauern unterschiedlicher Formate.

medienpolitik.net: Das Konzept deutet darauf hin, dass sich das ZDF von einem Sender zu einer Streaming-Plattform entwickelt. Bedeutet das für das ZDF, in den nächsten Jahren, schrittweise die lineare Verbreitung, z.B. bei ZDFneo, oder ZDFinfo einzustellen?

Bellut: Das wäre ein Missverständnis. Tatsächlich wird die lineare Verbreitung noch lange Zeit die wichtigste Säule des ZDF bleiben wird. Veränderungen bei der Mediennutzung sehen wir vor allem bei den jüngeren Menschen. Darauf stellen wir uns mit veränderten non-linearen Angeboten ein.

„Tatsächlich wird die lineare Verbreitung noch lange Zeit die wichtigste Säule des ZDF bleiben wird.“

medienpolitik.net: Die längere Verweildauer von einem Jahr bei fiktionalen Produktionen ist sicher auch mit höheren Vergütungen für die Rechteinhaber verbunden. Inwieweit ist das bei Ihrer Bedarfsanmeldung für den Rundfunkbeitrag ab 2021 bereits berücksichtigt?

Bellut: Grundsätzlich geht es um Höchstverweildauern. Das heißt, in Einzelfällen kann und wird es, etwa aus urheber- oder vertragsrechtlichen Gründen, kürzere Verweildauern geben. Bei der Bedarfsanmeldung spielte das Thema keine Rolle.

medienpolitik.net: Alle wichtigen fiktionalen Produktionen wurden im ZDF bisher sowohl im linearen Programm gezeigt, als auch in die Mediathek gestellt. Warum geben Sie Ihre Doppelstrategie auf?

Bellut: Unsere Fiction-Highlights werden weiterhin linear und non-linear angeboten. Daran wird sich auf lange Sicht nichts ändern. Unterschiede gibt es allerdings bei der Frage der Erstausstrahlung. Schon jetzt bieten wir einige Produktionen vorab im Netz an. Klar – Streaming ist für viele ein bevorzugter Weg, Serien zu sehen. Tatsache ist aber auch, dass nach wie vor die großen Reichweiten ganz klassisch mit dem linearen TV erreicht werden.

medienpolitik.net: Wird dabei auch die Arbeitsteilung mit ARTE, wie jüngste bei der Serie „Die neue Zeit“, ausgebaut?

Bellut: Solche Koproduktionen mit arte gibt es seit langer Zeit. Gemeinsam produzieren wir viele erfolgreiche und hochwertige Inhalte und werden das auch weiterhin tun.

medienpolitik.net: Die „klassische Ausstrahlung“ erreichte bisher mehr Zuschauer als über die Mediathek. Müssen Sie nicht befürchten, bei einer reinen Online-Verwertung Zuschauer einzubüßen?

Bellut: Reine online-only Angebote wird es nur bei bestimmten Angebotsformen geben. Das können etwa Erklärfilme im Bereich der Wissenschaften sein oder Hintergrundbeiträge im Rahmen der Online-Nachrichtenangebote. Bei allem, was wir anbieten, achten wir darauf, wie wir die Zuschauer am besten erreichen. Es ist auch nicht mehr zeitgemäß, Reichweiten, die im Netz erzielt werden, gegen Quoten im linearen Programm aufzurechnen. Es geht vielmehr darum zu schauen, wie viele Menschen ein Programm insgesamt erreicht, unabhängig von den Verbreitungswegen. Wir machen die Erfahrung, dass die non-lineare Nutzung die Reichweite zum Teil deutlich vergrößert und der linearen Verbreitung nicht schadet.

„Wir können das Nachrichtenangebot dadurch flexibler, schneller und auch attraktiver machen.“

medienpolitik.net: Eine Studie des Reuters-Institut hat festgestellt, dass es dem öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa schwer fällt, junge Menschen mit Nachrichtenangeboten im Netz zu erreichen. Zielt Ihre Absicht, Nachrichten auch ohne „Programmbegleitung“ schneller ins Netz zu stellen, darauf ab, dieses Defizit abzubauen?

Bellut: Ja. Wir können das Nachrichtenangebot dadurch flexibler, schneller und auch attraktiver machen. Es ist ja nicht so, dass junge Menschen kein Interesse an Information und Nachrichten haben. Sie sind nur, wie Sie zu Recht sagen, schwerer zu erreichen. Immerhin, die öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen im TV erreichen jede Woche noch rund 50 Prozent der 18- 24Jährigen. Bei unseren entsprechenden Onlineangeboten sind es nach der Reuters Studie rund 20 Prozent. Da können und müssen wir in der Tat zulegen.

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