Wir wollen auch in Zukunft in den Wohnzimmern präsent sein

von am 01.10.2019 in Aktuelle Top Themen, Allgemein, Archiv, Digitale Medien, Internet, Journalismus, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Plattformen und Aggregatoren, Rundfunk, Social Media

Wir wollen auch in Zukunft in den Wohnzimmern präsent sein
Patricia Schlesinger, rbb-Intendantin © rbb/Oliver Ziebe

Big Data, Big Screen, Big Thinking – die ARD 2020

01.10.2019. Von Patricia Schlesinger, rbb-Intendantin

Auf der IFA Anfang September konnte das Publikum fünf Minuten „Tagesschau“ im Jahr 2025 sehen. Nicht auf dem Big Screen an der Wand, sondern mit dem iPad vor dem Gesicht – und einer Linda Zervakis in 3-D direkt vor den Augen. Für diese Anwendung hat das Tagesschau-Team, unterstützt vom rbb, sie für einen ganzen Tag lang in einem „volumetrischen Studio“ gefilmt, in einem Fernsehstudio mit Rundum-Kamerapaaren – also wie Sie das von den Meldungen der „Tagesschau“ ja auch gewohnt sind: von allen Seiten gut beleuchtet.  So ist Linda Zervakis in 360-Grad-Optik entstanden, als Moderations-Avatar für die „Tagesschau“ in „Augmented Reality“ (in „ergänzter Realität“). Die echte Umgebung bleibt dabei erhalten. Also Ihr Couchtisch mit Feierabendbier oder einem guten Glas Wein und der Schatz in Jogginghosen – alles wie gehabt, und direkt vor dem Sofa Linda Zervakis mit den Nachrichten des Tages. Die Macher empfinden das als Vorteil: Auch im Jahr 2025 kann man die „Tagesschau“ gemeinsam sehen – mit den Moderatoren im Raum.

Denn bei aller Fiktion – „Science Fiction“ will ich es gar nicht mehr nennen: Wir wollen auch in Zukunft im Wohnzimmer der Menschen sein. Mit dem Ersten. Mit Hochglanzproduktionen wie „Charité“, „Babylon Berlin“, den Tatorten und Polizeirufen, ebenso wie mit Comedy, Talksendungen und Kultur, mit unseren Dokumentationen, politischen Magazinen und selbstverständlich den Nachrichten, mit Sportsendungen, die das ganze Land schaut: Fußball, Biathlon – und, wie es Anfang August gelungen ist, mit den „Finals“ – übrigens eine Erfindung von ARD und ZDF. Zehn Deutsche Meisterschaften an einem Wochenende – intern haben wir sie die nationalen Olympischen Spiele genannt. Wir sendeten live 20 Stunden Sport mit großem Erfolg: Im Schnitt sahen 1,4 Millionen Menschen die Übertragung in der ARD (Marktanteil: rund 13 Prozent) – in der Spitze, bei der Leichtathletik, waren sogar 2,2 Millionen Zuschauer dabei (über 15 Prozent). Mit den Finals wollten wir weniger prominenten Sportarten wie Triathlon oder Bahnrad eine Plattform geben und ein breites Publikum erreichen. Das ist uns gelungen.  

Moderner Fünfkampf an einem Samstag in Berlin bedeutete vor den Finals kaum noch Schießen, Fechten, Schwimmen, Reiten, Laufen. Für jüngere Berliner ist das doch: Texten, Tanken (nicht das Auto), Tanzen, Taxi und dann Tiefschlaf bis die erste WhatsApp sie wieder ins Leben zurückholt – das ist ihr Moderner Fünfkampf. Diese Generation können Sie mit Fernseh-Verbot nicht bestrafen. Aber ein neues WLAN-Passwort tut richtig weh.

„Der Qualitätsjournalismus, der saubere öffentlich-rechtliche Nachrichten-Journalismus ist heute wichtiger denn je – als Gegengewicht zu den verfälschten Informationen in den sozialen Netzwerken, als Vertrauensmedium.“

Der neue Digital News Report bestätigt erneut: Die junge Zielgruppe zieht es in der Nachrichtensuche eher zu Facebook und YouTube als zu den öffentlich-rechtlichen Angeboten. Dabei ist der Qualitätsjournalismus, der saubere öffentlich-rechtliche Nachrichten-Journalismus heute wichtiger denn je – als Gegengewicht zu den verfälschten Informationen in den sozialen Netzwerken, als Vertrauensmedium. Das zeigt für mich sehr drastisch die folgende Auszählung: Über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg hat das News-Portal BuzzFeed Internet-Artikel über Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgewertet. Von den zehn Berichten mit den meisten Interaktionen waren sieben Fake News. So eine Quote schaffen nicht mal die Herrschaften von Breitbart. Die reichweiten-stärkste Fake News auf Facebook habe ich mir vor unserem Abend hier noch einmal durchgelesen. Der Artikel ist noch online. Er ist von der in Russland registrierten Webseite Anonymousnews.ru. Der Artikel generierte insgesamt 148.000 Facebook-Interaktionen. Das war in diesem Fall also mehr FAKE-book als FACE-book. Die Headline: „Staat zahlt Harem 7.500 Euro im Monat: Syrer lebt jetzt mit 2 Ehefrauen und 8 Kindern in Deutschland.“ Ein Fake – und das Netz teilt ihn wie verrückt. Weil solche Artikel mit ihrem Erregungspotenzial mehr Reichweite erzielen, werden sie bekanntermaßen von Algorithmen mit einer höheren Sichtbarkeit in der Timeline oder auf Videoplattformen belohnt. Mehr Personen sehen Unsinn und verbreiten ihn. Unter diesen Bedingungen wird es immer schwerer, sich ohne digitale Beeinflussung zu informieren und das wahre Bild zu sehen, geprüfte Meldungen statt Fake News.

„Ein Fake – und das Netz teilt ihn wie verrückt.“

Und während gerade die erste Welle der Digitalisierung Smartphones, Netflix und soziale Netze in den Medien-Alltag von uns und unseren Kindern gespült hat, rollt bereits die zweite Welle auf uns zu. Sie trägt K-I, Künstliche Intelligenz, in unser Leben. Künstliche Intelligenz lenkt schon heute unsere Aufmerksamkeit im Internet, ist Teil der Kommunikation, sie steuert Passagiermassen am Flughafen, trifft Voraussagen zu Kreditvergabe und Investments, sie diagnostiziert mit großer Genauigkeit Krankheiten und rettet so auch Leben. Zum ersten Mal versteigerte „Christies“ im vergangenen Herbst sogar ein KI-Gemälde für knapp 400.000 Euro. Programmiert hat den Algorithmus übrigens der 19-jährige Amerikaner Robbie Barrat (19 Jahre jung!).  Der Twittername des Computer-Künstlers steht nach diesem Auktionserfolg nun wohl in einer Reihe mit den Genies der Bildenden Kunst: da Vinci, Dürer – „DrBeef“. Wenn so etwas im gefühlsbetonten Reich der Kunst möglich ist, bleibt auch Journalismus keine maschinen-geschützte Domäne, die konkurrenzlos nur dem Menschen vorbehalten ist. Die riesigen Informationsströme des 21. Jahrhunderts sind das perfekte Datenfutter für Algorithmen. Aus ihnen setzt Künstliche Intelligenz in Sekundenschnelle automatisierte Texte und Videos zusammen. Besonders gut funktioniert das, wenn die Daten leicht verfügbar sind – wie etwa bei Wetter-, Verkehrs-, Börsen- oder Sportnachrichten. Das entlastet Redaktionen. Es bleibt mehr Zeit für Recherche, für menschengemachten Journalismus.

„Die Informationsgeschwindigkeit steigt und dieses Rennen gewinnen die ‚Roboterjournalisten‘“

Wie Social Bots und selbstlernende Systeme auf politische Entscheidungsprozesse einwirken, ist im Jahr 2019 gerade erst zu erahnen. Die Informationsgeschwindigkeit steigt und dieses Rennen gewinnen die „Roboterjournalisten“. Es steigt aber auch – davon bin ich fest überzeugt –, die Bedeutung umfassender Berichterstattung, investigativer Recherche und klarer Einordnung. Es sind die Alleinstellungsmerkmale eines kritischen Journalismus, der den Unterschied macht und Orientierung bietet. Wie immer, wenn die technische Evolution eine höhere Stufe erklimmt, löst sie Horrorszenarien aus, sie ist aber auch ein Hoffnungsträger. Ich sehe das hoffnungsvolle Moment in der Künstlichen Intelligenz und ich freue mich auf das, was die Zukunft für die Zuschauer und die ARD bereithält.

Linda Zervakis als Avatar macht auf jeden Fall große Lust auf die „Tagesschau“ unserer – der kommenden – 20er-Jahre. Ein bisschen müssen Sie sich aber noch gedulden. Die fünf Minuten Tagesschau in „Augmented Reality“ wurden vor drei Monaten aufgezeichnet. Anschließend liefen wochenlang die Rechner heiß, damit die Animation lebensecht erscheint und nichts ruckelt. Ich gebe zu: Eilmeldungen bekommen wir auf diese Weise noch nicht so gut unter. Aber in zwei Jahren könnte es schon deutlich schneller klappen. Doch selbst wenn Linda Zervakis dann vor Ihnen als Avatar im Wohnzimmer der Zukunft erscheint – eines kann ich Ihnen versichern: Unsere Nachrichten, die bleiben echt!  Und auch in den 2020ern zeigt das Erste neben verlässlichen Nachrichten ein attraktives Programm für viele, viele Zuschauerinnen und Zuschauer.

Aus der Rede von Patricia Schlesinger bei der ARD-Medienlese am 19.09.19

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