„Das Fernsehen ist keineswegs tot“

von am 14.11.2019 in Aktuelle Top Themen, Archiv, Digitale Medien, Dualer Rundfunk, Internet, Livestream, Netzpolitik, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Rundfunk

„Das Fernsehen ist keineswegs tot“
Thomas Prantner, stellvertretenden Direktor für Technik, Online und neue Medien des ORF

Zehn Jahre ORF-TVthek – das lineare ORF-TV nicht verdrängt, sondern ideal ergänzt

15.11.2019. Interview mit Thomas Prantner, stellvertretenden Direktor für Technik, Online und neue Medien des ORF

Am 16. November 2009 startete die ORF-TVthek ihren Online-Betrieb und mit dem Launch begann eine außergewöhnliche Erfolgsstory. Seit nunmehr zehn Jahren stellt die Videoplattform des ORF modernes und innovatives Public Service bereit und zeigt, dass hochqualitativer, öffentlich-rechtlicher, österreichischer Content trotz der immer größer werdenden Konkurrenz durch Mediatheken und internationale Streaming-Plattformen höchst erfolgreich beim Publikum reüssieren kann. Dies zeigen knapp 1,7 Mio. Userinnen und User pro Monat, im Monatsdurchschnitt 8,3 Mio. Visits (interne Statistik), sowie 6,6 Millionen Nettoviews, 31,6 Millionen Bruttoviews und 137 Millionen Nutzungsminuten pro Monat. Damit ist die ORF-TVthek nicht nur längst zu einer starken ORF-Marke und einem wesentlichen Bestandteil der ORF-Multimedia-Strategie geworden, sondern wird mit ihrem Streaming-Angebot auch eine wichtige Säule des zukünftigen ORF-Players sein. Nachdem im Frühjahr 2019 mit dem großen Relaunch Design, Navigation und Technik auf den neuestens Stand gebracht wurden, wird die ORF-TVthek ein zentrales, aber gleichzeitig eigenständiges Modul des neuen ORF-Players werden, der im Mittelpunkt der Digitalisierungsoffensive des ORF steht.

medienpolitik.net: Herr Prantner, zehn Jahre ORF TVthek – wie hat sich die Fernsehnutzung in dieser Zeit in Österreich verändert?

Prantner: Streaming von TV-Content ist im vergangenen Jahrzehnt zu etwas ganz Selbstverständlichem geworden, nicht nur für die junge Zielgruppe. Die Rekordwerte für die ORF-TVthek, sie hat inzwischen eine Monatsreichweite von mehr als 25 Prozent aller österreichischen Internetuser, belegen dies ganz klar. Fernsehen ist keineswegs tot, im Gegenteil. Allen Unkenrufen und Prophezeiungen zum Trotz ist die klassische TV-Nutzungszeit nicht nur nicht gesunken, sondern sogar gestiegen. 2018 betrug sie in Österreich insgesamt durchschnittlich 192 Minuten pro Tag und das ist ein neuer Höchstwert.

medienpolitik.net: Wie wichtig ist die TVthek für die Akzeptanz des ORF?

Prantner: Vor zehn Jahren war eine Mediathek vielleicht noch ein „nice to have“, heute ist eine moderne, umfangreiche Streamingplattform für einen öffentlich-rechtlichen Sender längst eine zentrale, notwendige Serviceleistung für das Publikum. Mit der ORF-TVthek haben wir hier offenbar die Erwartungen des Publikums sehr gut umsetzen können. Sie ist heute die größte österreichische Videoplattform und ein unverzichtbares digitales Informationsmedium für die ÖsterreicherInnen geworden. Die Zahlen – 1,7 Mio. Nutzer pro Monat – sprechen hier eine eindeutige Sprache. Ich freue mich sehr über diesen Erfolg, der auf fünf Faktoren zurückzuführen ist: attraktiver Live- und VOD-Content aus den ORF-Programmen, eine moderne, übersichtliche und userfreundliche Usability, die technische Performance, Präsenz auf allen wichtigen Plattformen bzw. Devices und permanente Markenpflege. Die ORF-TVthek leistet einen wichtigen Beitrag zur Digitalisierungsoffensive und zur Positionierung des ORF als modernes Multimedia-Unternehmen. Wir wollen diese Erfolgstory fortsetzen. Heuer im Frühjahr gab es einen großen Relaunch, der zahlreiche Verbesserungen in punkto Design, Usability, Features und Technik gebracht hat. Auch erste Schritte in Richtung Personalisierung des Angebots haben wir umgesetzt.

„Streaming von TV-Content ist im vergangenen Jahrzehnt zu etwas ganz Selbstverständlichem geworden, nicht nur für die junge Zielgruppe.“

medienpolitik.net: Welchen Anteil an ORF-Nutzern hat heute die TVthek?

Prantner: Die Tagesreichweite der ORF-TVthek (Web+App) entspricht inzwischen rund 5 Prozent der Tagesreichweite des ORF-Fernsehens, in der Zielgruppe 14-29 Jahre liegt dieses Verhältnis sogar bei 13 Prozent. Die Bewegtbildangebote des ORF insgesamt – also ORF-TVthek und Videos anderer ORF-Sites – generierten im September 6,1 Mio. Nettoviews (zusammenhängende Nutzungsvorgänge), 34 Mio. Bruttoviews (Videostarts) und eine Nutzungszeit von 150 Mio. Minuten. Das zeigt, wie wertvoll und notwendig unsere Videoangebote als Teil des gesamten medialen Angebots des ORF in Fernsehen, Radio und Online sind.

medienpolitilk.net: Wie stark geht die TVthek-Nutzung zulasten des linearen ORF-Angebotes?

Prantner: Die ORF-TVthek bietet dem Publikum in einer immer mobiler werdenden Welt die wichtige Möglichkeit, TV-Inhalte zeit- und ortsunabhängig zu nutzen. Damit ist sie ein starkes Zusatz-Asset für den ORF und für sein Publikum. Die schon erwähnten Zahlen zeigen dies eindeutig, sie belegen aber auch, dass die ORF-TVthek das lineare ORF-TV keineswegs verdrängt, sondern vielmehr ideal ergänzt.

medienpolitik.net: Welche Rolle spielt inzwischen die VoD Konkurrenz wie Netflix?

Prantner: Die großen, international agierenden Streamingdienste gewinnen zunehmend an Bedeutung – vor allem bei den Jungen – und bedrohen allein schon mit ihren gigantischen finanziellen Möglichkeiten und der massiven Abschöpfung von Werbeumsätzen unsere nationalen Medienlandschaften. Dennoch zeigt etwa eine aktuelle österreichische Studie, dass der Konsum von klassischem TV insgesamt (also linear, zeitversetzt, on demand oder als Livestream) mit einem Marktanteil von 85  Prozent nach wie vor ganz klar und unangefochten an der Spitze liegt.

„Wer zur ORF-TVthek geht, der sucht und findet etwas völlig Anderes als bei Netflix und Co.; nämlich hochwertigen heimischen fiktionalen und non-fiktionalen Content.“

medienpolitik.net: Sind Mediatheken wie die ORF TVthek nicht auch ein Türöffner für VoD-Plattformen wie Netflix?

Prantner: Die Basis – also die Technologie – ist zwar die selbe, ebenso bedienen beide das steigende Bedürfnis der Menschen, selbst darüber entscheiden zu können, wann und wo sie TV-Content und Bewegtbild konsumieren. Das sind die beiden wichtigsten Türöffner für Streaming-Angebote – und zwar sowohl für Sender-Mediatheken, als auch für internationale VOD-Plattformen. Ein öffentlich-rechtliches Medienunternehmen hat jedoch eine völlig andere Zugangsweise, Aufgabe, Strategie, Zielsetzung als weltweit agierende, auf Profit ausgerichtete Plattformbetreiber. Ganz wesentlich: Wer zur ORF-TVthek geht, der sucht und findet etwas völlig Anderes als bei Netflix und Co.; nämlich hochwertigen heimischen fiktionalen und non-fiktionalen Content, das Erlebnis, auch von unterwegs aus live bei allen wichtigen Events von Politik über Sport bis Kultur mit dabei zu sein, und laufend aktuellste News und Infos aus Österreich für Österreich.

medienpolitik.net: Wie hat sich die TVthek- im vergangenen Jahrzehnt technisch verändert?

Prantner: 2009 haben wir mit 70 VOD-Sendungen und 20 Livestreams begonnen. Heute bieten wir mehr als 220 VOD-Sendungen und Livestreams, 33 historische Videoarchiven und Additional Content mit Livestreams von PKs und Veranstaltungen oder Langfassungen von TV-Interviews. Außerdem können zahlreiche Zusatz-Features wie das „Restart“-Service bei schon laufenden Livestreams, Personalisierungsmöglichkeiten, Untertitel, adaptives Streaming etc. genutzt werden. Wir stellen die ORF-TVthek online und via Apps für Smartphones und Tablets, sowie basierend auf HbbTV-Technologie auch für Smart-TVs bereit. Das alles setzt klarerweise umfangreiche technische Weiterentwicklungen voraus, die wir seit dem Launch der Plattform schrittweise umgesetzt haben.    

medienpolitik.net: Finden sich in der TVthek auch exklusive Angebote, die nicht linear verbreitet werden? Oder ist das geplant?

Prantner: „Only online“-Angebote sind uns rechtlich nicht erlaubt. Was wir jedoch dürfen und regelmäßig anbieten, ist der schon erwähnte „Additional Content“, also Ergänzendes und Vertiefendes zur tagesaktuellen TV-Berichterstattung. Für die Zukunft hoffen wir jedoch, dass dem ORF auch „Online only“ und „Online first“ rechtlich erlaubt werden wird.

medienpolitik.net: Wird es auch personalisierte Angebote geben?

Prantner: Die gibt es schon. Wir haben sowohl eine Favoriten-Funktion – seit dem Relaunch im Frühjahr prominent auf der Startseite positioniert – und seitdem besteht auch die neue Möglichkeit, ein persönliches Ranking nach Themen bzw. Genres vorzunehmen.

medienpolitik.net: Sehen Sie eine Chance, oder gibt es sogar Pläne, für eine„Österreich-Plattform unter Einbeziehung von anderen Medienunternehmen Österreichs?

Prantner: Der ORF schlägt seit langem einen Schulterschluss der österreichischen Medienbranche vor, um der Übermacht der Global Player gemeinsam entgegenzuwirken. Einen ersten erfolgreichen Schritt haben wir da auch schon vor zwei Jahren mit dem Launch der Austria- Video-Plattform geschafft.  Der ORF stellt jährlich über die APA mehr als 30.000 Videos von aktuellen bundesweiten und regionalen Informationssendungen – also Premium-Bewegtbild-Content – privaten österreichische Medienhäusern zur Verfügung. Das sind wir europaweite Vorreiter im Sinne der Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen einem öffentlichen-rechtlichen Rundfunkunternehmen und privaten Mitbewerbern. Das ist eine gute und wichtige Maßnahme zur Stärkung des Medienstandorts Österreich.

medienpolitik.net: Welche Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen wünschen Sie sich für die Entwicklung der TVthek?

Prantner: Es geht darum, sicherzustellen, dass wir unseren öffentlich-rechtlichen Programm- und Informationsauftrag in Zukunft auch online optimal im Sinne unseres Publikums erfüllen können. Und das nicht nur auf der ORF-TVthek, sondern im gesamten digitalen bzw. Onlinebereich vom ORF.at-Network bis zum geplanten ORF Player. Dies würde mit einer Erweiterung des gesetzlichen Onlineauftrages gelingen, die aus Sicht des ORF u.a. den Wegfall der Beschränkungen für Smartphone- und Tablet-Angebote, die Erlaubnis zur längerfristigen Bereitstellung von Contents (derzeit 7-Days-Catch-up-Regel) und die Möglichkeit für „Online first“ und „Online only“ umfassen sollte.

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